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J\5 51 Samstag, den 2. März 1889

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Zweites Blatt.

L Im Ban« der Aeußerlichkette«.*)

Eine« Einblick in die glänzende Armuth eröffnet un« ein OffizierSvater. „Nicht selten", so erzählt er, „darben die Eltern und Geschwister zu Hause, nur um da« Geld zu beschaffen, welche« die Zu­lagen der (al« Offiziere dienenden) Söhne for­dern." Wenn der Vater de« Offizier« ein pen- fiontrter Offizier oder Beamter ohne erheblichen Befitz ist, so werden „alle Ersparnisse de« Vater«, ja vielleicht auch deffen kleine« Vermögen, von den Zulagen konsumirt, und wenn der Vater stirbt, dann müssen die Töchter al« Gesellschafterinnen sich kümmerlich ihr Brod erwerben."

Wohl gemerkt, der Sachverständige redet nicht von außergewöhnlich verschwenderischen Offizieren, die mit Querschreiben den Ruin der Familie und ihre Reise nach Amerika vorbereiten; nein, er meint die regelrecht festgesetzten Zulagen zum Ge­halt, welche dem Offizier von seinen Angehörigen gesichert sein müssen, ehe da« Regiment ihn auf­nimmt. Diese Zulagen find nach den Bedürsniffen zu einem standesgemäßen Leben bemessen, wie e« in der betreffenden Garnsson bezw. dem betreff n- den Truppevtheil al« normal gilt. W.r nicht- weiter, al« diese Zulage hat, kann bei sparsamer Zurückhaltung da« Rothwendtgste bestreiten; und schon zur Deckung dieser Rothdurft müssen die Angehörigen oft darben und die Geschwister ihr Erbtheil opfern.

Herrscht nun bloß in den Kreisen der Offi­ziere und ihrer Angehörigen diese glänzende Armuth und übertünchte Roth? Oder ist fie nicht eine allgemeine Krankheit unsere« modernen Leben«, welche fich in den höheren und mittleren Gesell- schaftsfchichten überall da zeigt, wo man ohne den Rückhalt eine« entsprechenden Vermögen« „mit- machen" will oder muß?

Die Beamtengehälter sind bedeutend erhöht und werden noch weiter erhöht werden. Aber trotzdem ist jeder Beamter, der zu einer gewissen Reprä­sentation genöthigt wiro, ein armer Teufel, fall» er bloß von seinem Gehalt Alle« bestreiten soll. Der Minister bezieht 12000 Thaler jährlich; da» klingt imposant. Aber wenn er ein seiner Hetzen Stellung entsprechende« „Haur" führen will, dann kann er mit dem Sümmchen kaum au«reichen. Wer die Regierungrcarriöre einschlagen will, weiß von vornherein, daß er entweder ein tüch­tige» Vermögen hinter sich haben oder e« erheirathen muß; ander« geht'« nicht. In der gerichtlichen Laufbahn kann man fich allenfalls ohne finanziellen Rückhalt durchschlagen, weil e» da auf die gesell­schaftlichen Beziehungen weniger ankommt. Aber wenn der vermögenslose Landgerichtsrath früh­zeitig eine faltige Stirn und ein melirte« Haar bekommt, so rührt es vielleicht weniger von Amts-, als von häuslichen Sorgen her, weil da« Gehalt nicht au«reichen will, trotz aller Einschränkungen. Bei den Herren im „höheren Lehramt" fieht es nicht besser au». An der Universität fitzen hunger- leidende Privat» und außerordentliche Docenten neben glückspilzigen Kollegen, denen aus Studenten- honorarm oder ärztliche N-benthätigkeit Einkommen üt den Schooß fallen, vor denen dar Minister­gehalt verschwindet. Aber die Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Gymnasiallehrer, welcher au Grund seine« Gehaltes eine unbemittelte „Jugend­liebe" heirathet, muß entweder Schmalhans zum Haus- und Küchenmeister machen, oder fich durch Bücherschreiben, Privatstunden, Aufnahme von Pensionären rc. Nebenverdienst verschaffen. Der

*) Nachdruck nicht gestattet.

Arzt, welcher mit leerer Tasche fich eine Praxis I man muß sich ja „geniren", wenn man nicht ein

u begründen und zu erhalten suchen muß, erregt Dienstmädchen, dicke Teppiche, hübsche Stores und

>a» stille Bedauern des Apothekers, der mit den anderen Zierrath aufwetsen kann.

väterlichen Banknoten die 99prozentige Anstalt Affenliebe und Eitelkeit stecken dahinter, aber

gekauft hat und schmunzeln jeden Abend die Kasse fie machen es nicht überall. Oft ist es wirklich

eert, für deren Füllung der bescheiden bezahlte eine unabwendbare Roth wendigk eit, mit Halb- Provisor sorgt. Einige ärztliche Berühmtheiten und sattem Magen Luxus zu treiben, weil der Verzicht Spezialisten streichen königliche Honorare ein. Aber auf den äußeren Prunk das Geschäft oder das chaut mal hinter die feinen Gardinen, welche die Ansehen ruiniren würde. Auch die Furcht vor Fenster eines gewöhnlichen praktischen Arzte« in- den hämischen Kritiken ist oft al« mildernder Um­mitten der erdrückenden großstädtischen Konkurrenz stand geltend zu machen. Was würde die Welt verhüllen. Der Doktor fitzt geduldig seine Sprech- sagen, wenn die angesehene Familie sich ohne tunden ab, aber statt der zahlungsfähigen Kunden Dienstmädchen behelfen oder wenn die Frau den ommt seine Frau hinein, um Geld zu fordern vorigjährigen Frühjahrshut nochmals aufsetzen ür die« oder da«, was nothwendig im Interesse wollte? Die Betreffenden wissen ganz genau, mit >er Heranwachsenden Töchter gekauft oder veran- welchen Gloff.n am Kaffee- oder Kneiptisch diese ialtet werden muß. Und dann stellt fich dar Neuigkeit erörtert werden würde; sie können sich iudirende Söhnlein mit finanziellen Anliegen ein schon die verschleiert - spöttischen Blicke vorstellen, — aber keine Patienten. Tritt der vergeblich mit denen man fie nächstens mustern wird. Nein, Wartende an'» Fenster, so kann er sehen, wie der da will man lieber am Munde sparen, ehe man Schwindler drüben, der mit raffinirter Reklame fich solchem Spießruthenlaufen aussetzt.

die Kranken anlockt, alle Hände voll zu thun hat. Der Vater ist ein vernünftiger Mann; er weiß Der Arzt hält seine Kunst und Wissenschaft ganz genau, daß sein Junge mit dem Erfinder feil, der Kaufmann seine Waare. Er muß sein de« Pulvers nicht verwandt ist; er kennt den Geschäft auf der „Höhe der Zeit" halten, wenn Schaden einer Halbbildung, er scheut mit Recht es auch wachen- oder monatelang faul geht. Er die Kosten, welche ein sechsjähriger Schulbesuch und darf fich im gesellschaftlichen Auftreten nicht lumpen der einjährige Dienst und die weiteren Ansprüche lassen, denn sonst ist sein Kredit schnell erschüttert, de« „gebildeten" Jüngling« verursachen. Aber — Er muß immer vergnügt lächeln und heiter plan- sagt er sich oder seine Frau sagt es ihm — wenn dern, wenn ihm auch der morgen fällige Wechsel der Junge drei Jahre lang ein gewöhnlicher Sol- das Gchirn zermartert. Und wenn ihm sein Junge dat sein soll und auf Urlaub zu uns kommt, dann schreibt, daß er e« glücklich zum Reserve-Offizier müssen wir uns ja schämen, mit ihm nur auf die gebracht, so muß das nöthige G.ld hingeschickt Straße zu gehen. Unsere Freunde und Bekannte werden, mag e» Herkommen, woher es will. werden ja zur Seite gucken, wenn sie uns begeg-

Die Fabrikarbeiter sehen vielleicht mit Neid zu nett, und sogar diejenigen Leute, welche ihre eignen den hellerleuchteten Fenstern hinauf, hinter denen Kinder mit Stolz im Soldatenrock ohne Schnüre ihr Brodherr seine Gäste unterhält. „Der hat'» sehen, werden die Nase darüber rümpfen, daß gut!" Aber sie hören nicht die Seufzer, welche eine Familie, die doch was vorstellen will, ihren

der beneidete Unternehmer in seinem Arbeitszimmer Jungen drei Jahre in der Kaserne liegen läßt,

ausstößt, wenn er vergebens die Einnahmen und „Armuth ist keine Schande", sagt das Sprich- Ausgaben in» Gleichgewicht zu bringen sucht und wort, und es wird tagtäglich Lügen gestraft. Ja

Post und Telegraph stets neue Hiobrposten vom die Armen selbst handeln nicht diesem Spruche

Weltmarkt bringen. Er weiß, daß er auf einem gemäß. Sie verlangen von den Beamten,

Vulkan steht, aber er muß tanzen vor den scharfen dem Arzt, und sonstigen Autorität»- oder Ver-

Augen der Welt. tauenspersonen eine angemessene Wohlhabenheit;

Eine Hauptursache des „glänzenden Elends" ist wenn nicht wenigstens der Schein einer solchen die Aufwendung für die Erziehung und Versor- vorhanden ist, so sinken Respekt und Zu- gung der Kinder. Der kleine Adel, namentlich trauen ganz bedenklich. Sie schimpfen gern in dem östlichen Preußen, opfert fich thatsächltch über den Luxus und die Hochnäsigkeit der höheren auf dem Altäre der alten Sitte, die männlichen Stände, aber wenn fie die Dürftigkeit der höheren Sprößltnge in den Offiziersrock zu bringen. Die Stände sehen, so haben fie kein Mitgefühl, sondern Beamtenwelt und das „bessere" Bürgerthum brin- sind schnell zur Verachtung bereit. Wir sitzen gen dem einjährigen Dienst und den Reserve-Epau- gern zu Gericht über Amerika, wo der Dollar letten auch große Opfer, jcdoch nicht in dem die Herrschaft führt; aber stecken wir nicht selbst großen Umfange. Hier spielt da» „Studiren" der unter der Herrschaft de» Geldes von Oben bis Söhne und die „feine" Verheirathung der Töchter Unten? Der Millionär findet Zutritt in die die entscheidende Rolle. Der Junge soll durchaus höchsten Kreise, wenn er auch im Charakter und in einen „höheren Beruf", ob er Talent und Nei- Bildung auf einer tiefen Stufe steht, und ebenso gung hat, ist Nebensache; die soziale Stellung de« findet der Begüterte oder wenigstens begütert Ec- Vater» erfordert e». Wie könnte eine „feine" scheinende Respckt in den unteren Schichten, wenn Familie ihre Sprößlinge zu „gewöhnlichen" Hand- er auch sonst keine Vorzüge oder Fähigkeiten auf- werkern werden lassen? In Sachen der Töchter zuweisen hat.

ist e» ja schon soweit gekommen, daß Bauern ihren Den Luxus der Armuth darf sich vor allen weiblichen Sprößlingen eine Pensionats-Erziehung anderen Ständen der geistliche Stand noch am mit allen Chikanen zu Theil werden lassen. Da» ersten erlauben. Aber auch nicht immer und Fräulein lernt Klavierktimpern und Französisch überall. Zunächst verlangt das Volk Mildthätig- sprechen, aber von Melken und Buttern versteht keit von seinen Geistlichen; haben fie nichts so sie soviel, wie die Kuh vom Haspeln. Wa» der müssen sie für die Armen betteln gehen, so stoßen studtrende Jüngling noch auf dem Grunde der wir auf da« Bedürfniß eines „ansehnlichen" Pfarr­väterlichen Kasse zurückgelaffen hat, wird zusam- Herrn. Die Hilfsgeistlichen läßt man sich in ärm- mengekratzt und im Nothfalle durch Pump ver- sicher Erscheinung gern gefallen; aber von den mehrt, damit da« Töchterchen mit Anstand an Pfarrern erwartet man eine würdevolle Repräsenta- einen „feinen Mann" gebracht werden kann. Die tion der kirchlichen Gem.tnde; zeigt er in seiner Lebensstellung des gebildeten Sohnes und die häuslichen Einrichtung oder in seiner äußern Er- „feine" Verschwägerung wirken nun wieder auf scheinung auffalende Mängel, so sind die Leute die Lebensführung im elterlichen Hause zurück; • nicht vollzufrieden. Man kann sogar Leute finden,