Ein aufmerksamer Beobachter wird gefunden haben, daß Fürst Bismarck seit dem Regierungsantritt des Kaisers Wilhelm II. ununterbrochen bemüht ist, denselben von der Waldersee-Richtung, die den jungen Kaiser bereits für den Ihrigen zu halten schien, abzuziehen und ihn für die Kar« teil-Politik zu engagiren. Der Kampf gegen Waldersee wird einstweilen nur von den „freien Kosaken" geführt, die Offiziösen sind noch nicht offen vorgerückt. Wenn man sich aber erinnert, in welcher Weise auf die Entschließungen dcs Kaisers Friedrich einzuwirken gesucht wurde, so ist ein offener Feldzug gegen Graf Waldersee auf Kosten des Reptilienfonds nicht ausgeschlossen.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Februar.
* lieber den „Schulantrag im Abgeordnetenhause" schreibt eine vielverbreitete Berliner Centrumrkorrespondenz u. A. Folgendes: Wenn die zahlreichen Tribünenbesucher eine sehr erregte Debatte erwarteten, so werden sie sich getäuscht gefunden haben. Im Allgemeinen verlief die Erörterung ruhig und sachlich. Im Lager der Mehr- heittparteien war man sichtlich bemüht, alle Schärfe möglichst fern zu halten. Selbst so ausfallende Naturen wie Herr Stöcker und Herr v. Rar» dorff befleißigten sich einer wohlüberlegten Zurückhaltung, wenn sie auch zu dem Anträge feldst sich durchaus ablehnend verhielten. Der Kultusminister v. Goßler, welcher erst ganz am Schluffe in die Verhandlung eingriff, zog gleichfalls die mildesten Saiten auf. Der rothe Faden, welcher durch die Darlegungen der letztgenannten drei Redner ging, war das Bemühen, die thatfächlichen Schulverhältnisse als möglichst zufriedenstellende erscheinen zu laffen, so daß zu einer gesetzlichen Regelung im Sinne de« Windihorst'schen Antrages eigentlich gar keine Veranlaffung vorliege. In Wirklichkeit haben die Evangelischen zur Zeit wenig Anlaß zur Beschwerde; sie werden nach Lage der Verhältniffe in Preußen nie so viel Anlaß zur Beschwerde^ haben, wie die Kaiholiken; aber wer steht Herrn Stöcker dafür, daß nicht bald eine Zeit kommt, wo ihm unser Schulwesen bedeutend schlechter gefällt als gegenwärtig? Heute trat Herr Stöcker freilich so auf, als werde seine
kund und ein leicht hingeworfenes Wort aus feinem Munde sollte wie ein Samenkorn in Nören's Brust fallen und hier tiefe Wurzeln schlagen.
„Der Baptist hat ein so finniges Wesen; er ist gar so fromm", hatte der getnliche Herr einst gesagt, „wenn Baptist doch Priester werden wollte." Baptist war glühend roth geworden bei dieser Aeußerung und Nöre, die es verstohlen gewahrt hatte, vermeinte noch in seinem Auge einen Freudenstrahl aufdl tzm zu sehen. Von nun an ging sie in fieberhafter Aufregung umher. Ein ganz neuer Gedankengang war in ihr aufgeregt. Erschien e» nicht wie ein Wink von Oben, daß der Sohn eines unwürdigen Manne» das schmachvolle Leben seine« Vater« durch einen gottgeweihten Berns sühnen konnte?
Wie gern hätte Nöre jetzt in dem Herzen de» Jüngling« gelesen, wie e« mit seiner Neigung für den Priesterstand bestellt fei. Aber seine Lippen blieben bei jeder Anspielung wie versiegelt.
Da« wurmte Nöre. Sie grollte dem Schicksal, denn trugen nicht die leidigen häuslichen Verhältniffe Schuld daran, dah es ihr nicht gelang, das Vertrauen ihrer Angehörigen zu erwerben. Die ganze Wucht ihres Geschicke« lastete in solchen Momenten auf ihren Schultern und das stolze Haupt sank unter der Last schwerer Gedanken
so Freitag, den 1. März.
Mm M Zeitung.
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Nationalliberale Angst nm den künftigen Reichskanzler.
* Wenn man j.tzt eine Reihe nationalliberaler Zeitungen liest, so sollte man fast glauben, Fürst Bismarck liege bereits im Sterben und es handle sich darum, dem Kaiser Vorschriften zu machen, wen er zum Nachfolger de« Reichskanzler« wählen müffe. Eine wahre Angst herrscht in jener Pceffe, der Kaiser könne dem Fürsten Bismarck vielleicht noch zu deffen Lebzeiten statt de« Herrn Bennigsen, den man am liebsten sähe, den Grafen Waldersee zum Nachfolger geben. Der Graf ist bekanntlich Chef de« Generalstabes und gilt in der äußeren Politik al» „Draufgänger". Ec soll einst den Vorschlag gemacht haben, sogleich Krieg mit Frankreich und Rußland zu beginnen und diesen beiden Staaten nicht die Wahl einer für sie gelegenen Angriffezeit zu überlassen. Der Vorschlag war abenteuerlich und wir glauben daher nicht, daß er im Ernste gemacht wurde, wenn auch Graf Waldersee eine gewisse Abneigung gegen die sorgsam abwägende und fast ängstlich Den Frieden hütende äußere Politk des Fürsten Bismarck haben mag. Graf Waldersee ist aber zugleich ein Mann der Kreuzzeitung und Gefinn- ungsgencffe Stöcker»! Daher die Furcht der nationalliberalen Preffe vor einem fachen Reichskanzler. Diese Furcht macht sich bei einer gern ff en Richtung im Liberalismus bereits in einer Sprache Lust, welche von derselben Richtung, wenn sie auf anderer Seite geübt würde, sofort nach oben al» Mangel an Loyalität denunzirt würde. So betonten die Münchener ,N. N.', daß Politik und Heer zwei „schroff getrennteGebiete" seien. Ferner sagen sie:
Insbesondere hat sich die streng reservirte Haltung des greisen Schlachtenlenkers Moltke tief in die Anschauungen deS Volkes eingeprägt. Anderseits wird man selbst in verhältnißmäßig konservativen Kreisen Süddeutschlands nicht begreifen, wie eine Abschwenkung von den Bahnen der durch den großen Kaiser und seinen Kanzler inau- gurirten inneren Politik ohne empfindliche Schädigung des Reichsgedankens (!!) ertragen werden sollte. So gut dem Soldaten eine feste Frömmigkeit anstehen mag — eine Frömmigkeit, die man ihm auch ohne den besonderen und auffallenden Zusatz zur Eidesformel bei seinem Eintritt ins Herrenhaus geglaubt haben würde, — so undenkbar erscheint es uns, daß der berufene Wächter über die Kriegsbereitschaft Deutschlands seinen Jdeen- kreis von anderen als streng militärischen Wünschen beherrschen laffen und auch nur um eines Haares Breite
Sante Köre.
Novelle von I. v. Dirkink.
(10. Fortsetzung.)
Der Müller wurde je älter, um so düsterer und verschlossener. lieber den Vorfall in jener Nacht kam nie ein Wort über seine Lippen. Und Nöre, die ahnte, daß er damals ihr Gespräch mit Franz belauscht hatte und von deffen Fälschung unterrichtet gewesen war, verzehrte fich vor Witz- beglerbe, etwas Näheres über die Vereinbarung der Brüder zu erfahren.
Schien e» nicht, als ob Franz von der Erde verschlungen sei? Bemerkte denn auch Klaus ihre geheime, sieberhafte Unruhe nicht, die sie oft als Nachtwandlerin umhertrieb? Auch die Ohrenbläser blieben nicht müßig, Nöre mit dem Gerücht, das den Müller zum Brudermörder stempelte, bekannt zu machen. In solchen Momenten wurde sie von unheimlicher Angst g<foltert. Dit hing ihr tränenschwerer Blick forschend an den Zügen bei Bruders, der sichtlich verfiel. Aber gleich darauf schämte sie sich ihre« Argwohnes und suchte durch Zuvorkommenheit und Demuth die Schatten von feiner tlefgefurchten Stirne zu verscheuchen. Von Pflicht- gesühl und von der Erinnerung an die eigene Schwäche gegen den Verschollenen gestachelt, rafft;
von dem rein soldatischen Pflichtbewußtsein abweichen könne.
Der Spruch von bet „empfindlichen Schädigung de» Reichsgedanken»" heißt in beffere» Deutsch übersetzt: „Wenn da» Deutsche Reich eine andere Politik al» die de» Kartell« (zu dem bekanntlich auch btr stille „Kulturkampf" gehört) führen sollte, so lünblgen wir betn Reiche bie Freunbschaft." E» ist derselbeGeist, herunter bem alten Reich; Fürsten unb Parteien zum Verrats, be« Reiche« trieb. Eine solche Gefahr ist nun freilich glücklicher Weise ausgeschloffen, aber man kennt diese Richtung oben recht wohl unb weiß, daß ihre Treue nur so weit geht wie ihr Interesse. In der Rücksichtslosigkeit, womit diese Richtung da» geltend macht und bei der geringsten Gefahr betont, liegt ein Hauptgrund, warum man sich mit ihr in den höchsten regierenden Stellen zu halten sucht. Der Ausfall auf den Grafen Waldersee ist ein charakteristische» Zeichen für die Echtheit der Loyalität, welchen unsere privilegirten „Reichrfreunde" mit Ostentativ» zur Schau tragen, jener Loyalität, deren ganzer Inhalt und Gehalt vom Dichter mit den Worten erschöpft ist:
„Unb der König absolut,
Wenn er unfein Willen thut."
Bestimmte Thatsachen, bei denen politische Bestrebungen be« Grafen Waldersee zu Tage träten, sind bi« jetzt nicht bekannt geworden. Es handelt sich bis jetzt dem Anscheine nach nur darum, daß die intimen Beziehungen des General« zum Kaiser in der Umgebung de» Reichskanzlers die Befürchtung nahe legen, daß er der einzige Mann fein würde, an den sich der Kaiser einmal wenden könnte, wenn Meinungsvrrschiebenheiten zwischen ihm und bem lettenben Staatsmanne sich einstellen sollten. Außer bem Grafen Waldersee gibt e» in der ganzen Umgebung des Kaiser» und auch sonst unter den Politikern und Parlamentariern wohl kaum eine Persönlichkeit, die e» bei Lebzeiten be« Fürsten Bismarck unternehmen würde, eine selbstständige politische Rolle zu spielen. Au« bie» fern Grunbe erklärt fich ba« in der Umgebung be« Reichskanzler« bestehende unb in Zeitungs- Artikeln zu Tage tretende Unbehagen, was vielleicht dadurch noch verstärkt wird, baß der Verkehr des Kaisers mit dem Grafen Waldersee reger wird, al« allgemein bekannt.
sie sich zur unerbittlichen Strenge gegen die Knaben auf, bie nach Rinberart allerlei lose Streiche ersannen, fich an ben strengen,häuslichen Zuchtmeisterin zu rächen. Wie strahlten bie jungen rosigen Gesichter ber muthwiüigen Rnaben, sobald sie bi; Tante nur im Rücken hatten. An Nören's Herzen aber fraß Neid und Eifersucht, so oft sie da» Vertrauen ber Rlnber bemerkte, bar sie bem Müller entgegentrugen. Nur zur nachtschlafenden Zeit, wenn ber Schlummer ihr Lager floh, rang sie bie Hänbe unb haderte mit bem Himmel, ber so grausam mit ihr verfuhr.
Warum war sie zum Opferlamm ber Familie erfoien? Hatte sie wirklich kein fühlend Herz? Selbst die Ihrigen, für di- sie sich mühte, sorgte unb härmte, verstanden sie es nicht, daß ihre Seele nach Liebe und Anerkennung dürstete? Wie ein Feuer, da» unter ber Asche ersticken muß, so erlosch au» Mangel an Nahrung die Lieber flamme in ihrer Brust. Unb währenb sich ihr Herz nach mmn verblutete, zog sie ben Panzer eisiger Abwehr enger um sich, so zu bem Ruf einer verbitterten, herzlosen Kreatur gelangenb, bie mit fich selbst unb aller Welt im ewigen Zwiespalt lebe.
Der Müller starb. Nöre würbe bie Seele de» Ganzen. Die Jungen wetteiferten im Lernen. Selbst ber Pfarrer gab seine Freude an ihnen
1889