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j\g 49 Donnerstag, den 28. Februar. 1889

hliifr W Zeitung.

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Z Die Herrath des Battenberger. *)

Alexander von Battenberg, der ehemalige Fürst von Bulgarien hat die Welt schon mehrmal« in Ueberraschung versetzt: durch den „Staatsstreich", durch die Anmxion von Ostrumelten, durch den Sieg von Slivnitza, durch da« sonderbare Tele­gramm an bin Zaren und die Abdankung nach einem großartigen Triuwphzuge. Da« gewaltige Aufsehen, welche« im vorigen Jahr seine angeb­liche Bewerbung um eine preußische Prinzessin er- regte, ist zwar nur zu einem Theile auf die Rech- nung Alexander'« zu sitzen; der andere Theil ist den Bärenschlägcrn zuzuschreiben, welche au« dieser Heirathsfrage eine ungeheuere „Krifi«" machten, mittelst welcher ein Exempel statuirt werden sollte.

Von dieser tragisch angehauchten Ueberraschung de« Vorjahre» hebt sich nun ganz seltsam die lust­spielartige Ueberraschung von 1889 ab. Der ge­feierte Alexander hat sich mit einem „Mädchen au« dem Volke" verheirathet, deren Familienpapiere keine Adelsbriese oder sonstige noble Diplome, sondern hinfällig gewordene Theater-Kontrakte ent­halten. Der Sieger von Slivnitza ist ein Privat­mann mit dem Namen Graf Hartenau geworden, der an der Seite einer ehemaligen Sängerin sein Glück an einem unpolitischen Famlienheerde sucht.

Hoffentlich findet er ee auch. Die Damen vorn Theater stehen nicht bei allen Frauen in Gunst, aber m läßt sich nicht leugnen, daß auch schon preiswürdige Hausfrauen und Mutter aus dem Reich der Kouliffen hervorgegangen oder vielmehr durch dasselbe ohne Schaden hindurchgegangen find. Jeder schmiedet sich sein Glück auf seine Art; wenn Alexander von Battenberg ber Stimme seine» Herzen» al» be« Schicksal» Stimme folgt, so ist da« sein gute« Recht, worüber die „öffent­liche Meinung" weiter kein Gericht zu halten hat. Andere große Herren behandeln da» Theater viel­fach al» den Temp.l der illegitimen Lebenrver- hältnisse; daß die auf den Darmstädter weltbe- deutenden Brettern entsprossene Neigung zu einem regelrechten Ehebunde geführt hat, ist ein gün- stige» Zeichen für beide Theile.

Alexander, der sich nicht unter die Knute beu­gen wollte, ist jetzt unter einen hoffentlich gnädigen Pantoffel gerathen. An seine Flucht au» der

•) Nachdruck nicht gestattet.

ieek litt.

Novelle von I. v. Dirkink.

(9. Fortsetzung.)

Nöre, geh' mit au» dem Weg!" herrschte er funkelnden Auges; und da sie sich nicht rührt, fährt plötzlich ein wuchtiger Stoß gegen ihre Brust, daß sie rücklings in'» Zimmer gegen die Kante des Eechentrsche» taumelt.

Sie sieht e» nicht, daß er mit einem kühnen Satz durch'« Fenster springt, denn fie liegt bewußt- lo» da und kommt erst nach eieet Weile, auf einen donnerartigen Knall und ein schreckliche» Getöse, daß der Hofhund mit mörderlichem Geheul begleitet, zur Besinnung. Sie fühlt sich von einem warmen Strom über fluchet und glaubt nicht ander», al» e» sei ihr Etwa» im Kops gesprungen. Oder ist e« der Schweiß, der von chrer Stirne rinnt? — Ah, e» ist eine Blutlache — neben ihr kniet Klau», verstört mit fliegenden Gliedern. Er taucht ein Lernentuch in ein Gefäß mit Wasser und schlingt e» behutsam um ihren Kopf. „Gott Lob und Dank, Nörken, Du lebst!" flüstert er, mit einem sorgenvollen Blick in ihr Gesicht. Viel­leicht hat die Wunde am Kopfe Dich gerettet. E» war ein natürlicher Aderlaß auf den Schlag, der Dich zu Boden geworfen hat."

politischen Welt reihen fich zunächst auch Ueber- gangt-Erörterungen politischer Art. Man fragt sich jetzt nochmal», ob denn im vorigen Jahre die Heirathrgefahr wirklich so weit vorgeschritten ge­wesen ist, wie die Kartillhetzer fie damals darge­stellt haben. Andererseit» wird erörtert, war wohl die Bulgaren zu der Heirath sagen, welche noch immer auf die Rückkehr ihres gefeierten Helden gehofft haben. Daß der Gemahl einer ehemaligen Sängerin von „gewöhnlicher" Abkunft nicht wieder regierender Fürst werden könne, nimmt man all­gemein al» unerschütterliche» Naturgesitz an. In Folge dessen stellt man fich den Koburger al» den tertius gaudens bei dieser Heirath vor. Wenn nun aber Bulgarien nochmal» in einen Krieg zur V.tlh idigung seiner Unabhängigkeit verwickelt wird, sollte denn Alexander nicht auch mit dem Mesalliance-Ehering am Fmger den Degen von Slivnitza führen können!

Da die Aurmerzung der Fremdwörter j tzt in Mode ist, so sollte man auch die häßlichen Ausdrücke „Mesalliance" und „morganatisch" über Bord werfen, d. h. nicht durch Ueberfitzuna, son- dein durch Beseitigung de» ganzen Begriff« der „Unebenbürtigkeit" der Ehegattin. Im Grunde genommen haben wir Plebejer in dieser Hinsicht ein Vorrecht vor den Fürsten und Hochadligen. Wir können unsere Ehehälfte au« der ganzen holden Weiblichkeit wählen, nach unserem freien Ermessen und eigenen Geschmack; die hohen Herren aber sind in ihrer Wahlfreiheit beschränkt, sie wer­den bevormundet, al» ob man ihnen die Unter­scheidung zwischen gut und schlecht nicht zutrauen dürfte. Je höher die Rangstufe de» Bräutigam», desto enger sind die Grenzen gezogen, in welchen er die Gefährtin seiner Leben» suchen muß. Ob e» nicht bald an der Zeit ist, die „Wahlfreiheit" den Sprößlingen alter Geschlechter zu geben und den Grundsatz überall zu verwirklichen, daß ein edle» Weib den Adelsbrief int Herzen, da» Wappen auf ihrem holden Antlitz trägt.

Dir meiste n Ausnahmen von der noch geltenden Norm der „Ebenbürtigkeit" kommen Millionärs- töchtern und Theaterdamen zu Gute. Die „Vergoldung" der alten Adelsschilder hat ja ihre vortheilhaften Seiten; aber vom Standpunkt der „Nobleffi." haftet doch jeder GeldHeirath etwa» Unangenehme» an, der Verdacht eilte» finanziellen

Nöre hörte da» Alle» nie im Traume befangen. Wie ein Alpdrücken liegt die Ahnung von einem furchtbaren Ereigniß auf ihr; allein, der Muth zu fragen, gebricht ihr vollend«. Nur in ihren Augen zittert da« unheimliche Bangen. Mit fragen­den, flehenden Blicken hängt fie an dem Bruder.

„Arme» Kind!" stöhnt er, „Gott hat Dich wunderbar beschützt. Ich kam g'rade zur rechten Zeit hier an und trug zum Glück meine doppel- läufige Pistole bei mir, um dem Gaudieb und Räuber, der hier eingebrochen war, eine volle Ladung Schrot in’« Genick zu blasen. Der kehrt nicht wieder. — Welch' ein Glück, daß Niemand vom Gesinde erwacht ist und zugegen war, al» ich Abrechnung mit dem Schurken hielt. Er ist fort auf Nimmerwiederkehr; denn er weiß, daß ihm da» Zuchthau» bevorsteht. Die Nacht soll be­graben, wa» geschehen; beruhige Dich, Nöre, Schwester! beruhige Dich."

In Strömen brechen die Thränen au« Nören'« Augen.

„Verzeih ihm, Klau«, und mir auch", — ringt e« sich unter krampfhaftem Schluchzen von ihren Lippen. „Aber, was ist mit Dir?" unterbricht sie sich mit einem angstvollen Blick in fein schmerz- verzogene« aschfahle« Antltz.

„Nicht«, nicht»", wehrt er ab, wahrend seine

Motive», bei dem die Poesie de» Ehebtmde» nicht bestehen kann. Andererseits kann man diese^Bc- vorzugung der Töchter der haute finance auch au« dem Gesichtspunkt de» gesellschaftlichen Ver­kehr« zu erklären suchen. Die Geldaristokratte zeigt Neigung und hat Gelegenheit zum Verkehr mit der Geburtsaristokratie, und da die Ehm zwar im Himmel geschlossen, aber in irdischen Salon« vorbereitet zu werden pflegen, so können diejenigen Kreise, mit welchen die Edelgeborenen nur au«nahm«wetse in Berührung kommen, auch nur ausnahmsweise zu aristokratischen Brautkronen gelangen.

Derselbe Gesichtspunkt erklärt die verhältniß- mäßig häufige Erwählung von Schauspielerinnen, Sängerinnen, Reiterinnen rc. zu Lebensgefährttnnen von Grafen, Fürsten und selbst Prinzen regieren­der Häuser. E« gehört zu den Lebensgewohnheiten der hohen Herren, hinter den Coultffen sich zu bewegen. In dem ungezwungenen Verkehr, der dort herrscht, sehen sie zunächst bloß einen Zeit­vertreib; aber nicht selten wirb au« dem flüchtigen Spiel ein dauernder Ernst.

Der Raum hinter den Coulissm ist freilich kein Ort, welcher zu der Heiligkeit der Ehe besonder« gut paßt; aber die Tanzsäle, welche ausgesprochener Maßen eine Heirathsl örse sind, sehen in der Regel auch einem Helligthum nicht besonder» ähn­lich. Auf Erden drängt unb mengt fich nun ein­mal Unedle» und Edle«, Gemeine« und Erhabene«, Staub und Sonnenstrahlen aneinander unb burch- einander. Wer guten Willen unb die nöthige Kraft hat, kam auch durch Gestrüpp und Schluchten, in denen andere verkommen unb versinken, zur Höhe gelangen. „Sehe gebet, wie ei’« treibe, sehe Jeder, wo er bleibe, unb wer steht, daß er nicht falle.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Februar.

* Die konservative Fraktion hat zum Antrag W i u d t h o r st einstimmtg folgende motivirte Tagesordnung beschlossen: In Erwägung, daß eine spezielle Gesetzgebung, welche die Leitung be« Religionsunterrichte« 'seitens bet Religionsgesell- schäften abgesondert von dem allgemeinen Unter- richtsgesktz zu regeln unternimmt, kein Bedürfniß linke Hand den rechten Ann umspannt. „Ich muß mich gequetscht haben. Das Handgelenk schwillt an. Ader da« ist ja nur eine Kleinigkeit. Ich werde mir selber kalte Umschläge machen. Geh' zur Ruhe, Kind, leg’ Dich schlafen, Nörken! Gute Nacht!"

Am folgenden Morgen trug Klau« den Arm in einer Binde; trotzdem befahl et seinen Em- spännet, da ihn ein dringende« Geschäft nach der Stadt rufe. Gegen Abend kehrte er mit einem Bübchen an der Hand in’» Hau» zurück.

Da» blondlockige, schmächtige Kind wat sauber gekleidet und gar nicht linkisch, wie seine nord- deutschen Altersgenossen vom Dorfe sonst zu sein pfl-gm. Verwundert schaute e« sich m dem be­haglich durchwärmten Raum um, ließ aber die großen, blauen Augen immer wieder mit fragen­dem Blick auf Nöre haften.

Da trat au» dem Nebenzimmer ein fünfjähriger Knabe. „So, Johanne«", rief Nöre, „da hat Papa Dir einen Spielkameraden au» ber Stadt geholt. Wenn Ihr Euch nicht zanken wollt, bleibt er immer hier, sonst —"sie beutete mit ber Hand zum Spiegel hinauf, wo hinter dem braunlackiNen Rahmen eine mächtige Ruthe neben ber Pfauen­feder drohte. . .

Da» Gesicht be« fremden Knaben wurde glühend