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* Hofprediger Stöcker
ist bekanntlich seit einiger Zeit das Ziel konzentrischer Angriffe. Die ,Norrd. Allg. Ztg.' und ihr bekannter Oberredakteur gaben den Ton an und ihr folgten alle, denen der streitbare Hof- predigcr, sei es wegen seiner kirchlichen Richtung, sei cs wegen stiner Agitation gegen die Juden, unbequem und verhaßt ist. Alle diese erhoben fich grgen ihn — nurnicht die Katholiken, obwohl auch diese sich über ihn beklagen könnten. Herr Stöcker theilt nämlich den großen Jrrthum fast oller Antisemiten, zugleich „Kulturkampf" und Judenhetze treiben zu können. Die Folge ist, daß er aus keinem Gebiete etwa» erreichen kann. Das .Berliner Taget latt' ist über Stöcker besonder« ergrimmt und sagt: Von der Berufung Harnack's datire der innere Bruch des Fürsten Bismarck „mit der Theologie der Hofprediger". Herr Stöcker habe sich durch die „Opposition gegen Größen", welche fein Organ betriebe«, an dem Kanzler vergriff.n, und das werde ihm theuer zu stehen kommen. Das.Berliner Tageblatt' erörterte auch die Mittel und Wege, wie seinem Widerpart „beizukommen" sei: „ganz einfach durch da» Hof- marfchall-Amt". „Diese Behörde gibt den Wunsch zu erkennen, der und der Hofprediger habe sich fortan jeder geistlichen Funktion zu enthalten, und damit ist dann thatsächlich der Betreffende von Stunde an Hofprediger außer Dienst. Die geistliche Befähigung bleibt ihm; denn diese kann ihm nur der Oberkirchenrath absprechen; aber seine Thätigkeit al» Hofgeistlicher ruht. Und da« ist, wie e« den Anschein gewinnt, da« Mindeste, wa« in Bezug auf Hrn. Stöcker sein mächtiger Gegner plant". Stöcker habe schon zu Lebzeiten de« Kaiser« Wilhelm I. dadurch Anstoß erregt, daß er
lauft Mn.
Novelle von I. v. Turkin!.
(8. Fortsetzung.)
Lange saß sie so. erst al« die furchtbare Er- regung einer kühleren Stimmung wich, kehrte ihr die Uederlegung zurück, kam chr die Eikenntniß von etwa« Furchtbarem, da» ihr den Herzschlag momentan stocken machte. Ihr Bruder Franz war ein elender, gemeiner Verbrecher! Sie konnte e« nicht ausdenken, diese» Unglück für sie und für «lau» und für ihn selber — in seiner ents tzliche« Tragweite. Wie Natternbiß siel jetzt die Reue sie an, daß sie diesem Bruder von jeher die Hand über dem Kopf gehalten, daß sie beständig seine Partei gegenüber dem rechtschaffenen Klau» ge- nommen halte. Wir eine Mitschuldige an dem Leichtsinn de« Jüngsten erschien sie sich, und alle Thcilnahme für ibn wandelte sich in Hoß und sich selber haßte sie ebenfalls. Ein Ehao» peinlicher Empfindungen wogte in ihr auf und nieder. Und dann trat da« Bild de« unschuldigen Baptist vor ihre Seele, um alsbald von dem Gedanken, wie schwer sein Vater an ihrem ehrlichen Familien- namen gefrevelt, in den Hintergrund gedrängt zu werden. Ihr Großvater hatte sich vom Taglöhner
sich herausnahm, in Volksversammlungen von seiner „lieben Freundin" zu sprechen, womit er die jetzt regierende Kaiserin meinte. Nachoem nun auch die .Post' gemeldet, es werde erzählt, der Kaiser habe „die Stellung eine« Hofprediger« mit der eine« politischen Agitator« nicht vereinbar und eine Wahl zwischen beiden Berufenen al« noth- wendig"' bezeichnet, sah da« ,Berl. Tageblatt' „die Hosprediger-Tage de« Hrn. Stöcker gezählt". Da- oegen erschienen der .Kreuzzeitung' diese Ausstreuungen nur al« „immer dieselbe gemeine jüdische Mache, die leider auf recht weite, angeblich christ- lrche Kreise schon ansteckend gewirkt hat." Die erste Anregung zu dieser „Hetze" habe sogar die .Nordd. Allgem. Ztg.' gegeben. Der .Reichst ote' sprach gleichfalls von einer „Slöckerhtze", bezeichnete einen gegen Stöcker gerichteten Ausfall der Wiener .Neuen Freien Prcste' al» „rasenden jüdischen Fanatismur" und sagte schließlich drohend: „Man kann sich denken, welchen Triumph die Juden prcste feiern würde, wenn Stöcker veranlaßt würde, al» Hofprediger seine Entlastung zu neh- men — abge sitzt kann er ja nicht werden. E» liegt keine Veranlastung vor, da» zu befürchten; aber selbst wenn e» geschähe, so würde die jüdische Prefle erfahren, daß sie eine große Dummheit begangen hätte, und sie möchte dann wohl wünschen, daß der von ihr gefürchtete Mann doch noch Hof- prediger und also mit den Schranken seine» Amte» für seine politische Thätigkeit umgeben wäre."
Sollte thatsächlich Hofprediger Stöcker in nächster Zett al» solcher außer Dienst gestellt werden, io geht c»ihm wie Freiherrn v. Hammerstetn. Weniger die vom Letztern und Stöcker vertretenen kirchlichen Anschauungen erregen Anstoß, al» die energische und, wenn man will, agitatorische Art ihrer Vertretung, weil daraus Schwierigkeiten auf protestantisch-kirchlichem und indirekt auf politischem Gebiete erwachsen, welche die „ Staatrraison" fern zu halten gebietet. Diese „S-aatsraison" hat in Preußen immer entscheidend auf die innerkirchlichen Angelegenheiten eingewirkt; sie war sogar maßgebend ftit die Zuwendung der Landesherren vom lutherischen zum „duldsawern" refor« mieten Bekenntnisse, wie in Lehmam: „Preußen und die katholische Kirche" nützlich nachzulesen ist. Dieselbe Staatsraison hat s. Z. die Union zu Stande gebracht, hat die Lutheraner mit Gewalt der Bajonette und einer anderen Art von Drago-
zum Hausbesitzer emporgcarbeitet. Sein ehrliche«, wackere« Streben begleitete die Mißgunst, und auch dem Vater war sein Ansehen und sein Wohlstand nicht gegönnt. O, wie sie Alle Hohnlachen würden bei der Offenbarung dieser Schande. — — „Nein, nein, nie und nimmer darf e« bekannt werden, nie und nimmer!" preßt Nöre blitzenden Auge« hervor. Ihr Entschluß ist gefaßt, dem Klau« muß e« verborgen bleiben, wa« geschehen. --Ihr Schatz Fernand ist gewiß bereit, ihr mit Rath und That zur Seite zu stehen. Da« ist der Entschluß de« Augenblick». Aber je länger sie die Sache überdenkt und Überlegt, je mehr sieht sie ein, daß die Verhehlung nicht allein unerlaubt, sondern auch unausführbar ist. Urb was wird au» ihr, wenn sie sich zu dem Geldopfer für den Jüngsten entschließt. Auch daran denkt sie, denn eine mittellose Braut durfte Fernand den Seinen unter keinen Umständen zusühren. Nur der materielle Besitz gibt Nöre in den Augen der praktischen Försterin da» nöthiqe Gewicht; der befleckte Name, die geschmälerte Mitgift waren schwerwiegende Umstände, ihr Lebensglück und den Frieden ihre» Verlobten in Frage zu stellen.
So rumort es in ihrem Innern, denn der Widerstreit zwischen Liebe und Haß währt immer
naben gewaltsam in die gleiche Landeskirche zu den Calmnisten gezwungen, hat da« Kartell geschaffen und sucht nun zu Nutz und Frommen dc» Kartell« die Herren Hammerstein, Stöcker und ihre ganze Richtung abzuthun, und zwar noch zu Lek- zeiten dc» Fürsten Bismarck, der offenbar vor seinem Tode darauf aus geht, den Kaiser noch möglichst an die Kartellpolitik zu binden.
Deutsche- Reich.
Berlin, 26. Februar.
♦ Der Windthorst'sche Schulantrag kommt morgen zur Verhandlung im Abgeordnetenhause. Daß der Antrag, so wie er vorliegt, auf Annahme nicht zu rechnen hat, steht allerdings außer Zweifel, kann uns aber in keiner Weise abschrecken. Da« Centrum hat Manche« unter noch weit ungünstigeren Umständen begonnen und ist schließlich doch damit durchgedrungen. Zu Anfang der 70cr Jahre haben die Herren Kulturkämpfer sich auch nicht träumen lasten, daß vor Ablauf dc« nächsten Jahrzehnt« unter Zustimmung der ungeheueren Mehrheit dc« Abgeordnetenhause« und unter Vorantritt dc« Fürsten Bismarck die Maigesetzgebung ein so veränderte« Gesicht bekommen würde. Der Antrag Windthorsi auf Freigebung de« Mestelesen« und der Sakramente - Spendung wurde anfang« auch al« gänzlich unannehmbar bezeichnet; mit Ausnahme der ganz verbohrten „Kulturkämpfer" begreift heute eigentlich Niemand mehr, daß er nicht sofort angenommen worden ist. Und wie lange hat c« gedauert, bi« die sozial-politi- scheu Anschauungen be« Ccntrum« sich Bahn brachen? Für Arbeiterschutz. Gesetze war in früheren Reichstag«-Seffionen kaum Verstäudniß zu finden, gegenwärtig bekennt sich fast der gesammte Reichstag, die einseitigeren Nationalliberalen nicht ausgeschloflen, zu der Nothwendigkeit einer solchen Gesetzgebung. Wir erhoffen nicht die Annahme de» Antrag» Windthorst von heute aus morgen, aber sie wird erfolgen.
* Die Kaiserin Friedrich trifft am Donnerstag inkognito in Hamburg ein.
• Da» Gerücht von der Verlobung de» Prmzen Karl von Schweden mit der Prinzessin Viktoria von Preußen gilt Stockholmer Telegrammen zufolge in schwedischen Hoskreisen al» durchaus unbegründet. ______________
fort; die ruhige Natur de« Mädchen» ist au» Rand und Band. Sie zürnt sich, daß sie Franz durch Nachsicht verwöhnt und nicht ihre Hand von ihm gezogen, al« er durch seine Verlobung mit Billa einen Verrath an dem Bruder begangen hatte. Und dann erwachte die Liebe zu ihm wieder mit Allgewalt in ihr, wenn sie daran dachte, wie herzlos der Aelteste da« Vergehen de« Bruders gc- rächt, besten Natur ander« geartet al« die seiner Geschwister. Konnte er denn dafür, daß da« Blut rascher durch seine Adern pulfirte, während der kalte Sinn be« Aeltesten ihn zum Ehrenmann vor- berbestimmte? Die Stimme bet Liebe unb Nach- sicht für ben Sauber übertönte alle anderen in ihr. — Rathlo« faß sie da; die Nacht brach Her- An, — Alle« war zur Ruhe; die Welt um sie schien versunken. Da erhob sich der Wind und stürmte mit voller Wucht um da« alte Gemäuer, daß die Windfahnen kreischend und ächzend hin- und Hersuhren. Auch der Hofhund regt sich, raffelt mit der K^tte und knurrt. J.tzt stößt er ein kurze« Geheul aus; Nöre horcht; Fußtrstte schallen dumpf herüber, der Hund ist wieder still und kriecht in die Hütte zurück. ,
Nören's Herz wird von unheimlicher Furcht bc- wegt; wenn Klau« da« wäre, wie soll sie ihm