JN1 45
Samstag, den 23. Februar.
1889
fnliwr W leiimiji.
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Z w eites Blatt.
Zeitgemäße Plauderei.*)
77 Berlin, 21. Februar.
Zur Abwechselung schneit es wieder mal, während soeben noch die Sonne recht frühlingsmäßig vom Himmel blinzelte. In einem tüchtigen Massen- Schneefall steckt doch wenigstens noch Porste; aber diese kleinen, ruckweise erfolgenden Entleerungen aus den Federbetten der Frau Holte sind zu weiter nicht« gut, al« zur Straßendeschmutzung. Und wa« für einen abscheulichen seifig-klebrigen Schmutz- Überzug gibt so eine halbe Benäffung de« Pflaster«! In dieser Hinsicht möchte ich den Leuten auf dem Lande, welche die Städter um ihre gepflasterten Wege beneiden, ein beruhigendes Wörtlän sagen. Dazu bin ich besonder« berechtigt al« Amphibium, denn meine Stiefel treten tagtäglich sowohl den Asphalt und das Steinpflaster verschiedener Güte in Berlin, al» auch die von der Kultur noch kaum beleckten Landwege im Vororte. Nun muß ich gestehen, daß der ehrliche, derbe Schmutz eines Landwege» mir noch nicht so widerlich ist, wie der heimtückische Matsch, der nach einem kleinen Schneefall oder Regenguß auf den städtischen Straßen von den Füßen der Paffanten immer auf'» Neue geknetet wird. Da» ist so glatt und gleißnerisch, da» klebt wie Pech an den Stiefeln und den Hosenstößen und da» ist wirklicher Schmutz im unreinlichsten Sinne de» Worte«, nicht etwa bloß eine Mischung von Waffer und unverdorbener Erde, wie auf den Landwegen, fonbent eine Kraftbrühe au« den Abfällen de« menschlichen und thiertschen Dasein«, welche in trockenem Zustande den abscheulichen Straßenstaub bilden.
Aber e« gibt doch eine Straßenreinigung in der Haupt- und Residenzstadt? Freilich, sogar eine sehr kostspielige. Aber erstens treibt dieselbe ihre Arbeit im Großen nur de« Nacht«; wenn also am Morgen sich der seifige Schmutzüberzug bildet, so müffm die Leute den ganzen Tag darin spazieren gehen. Die Meinen Tagesleistungen der Straßenreinigung, gelten nur dem Fahrdamme der Asphaltstraßen und beschränken sich auch dort auf eine oberflächliche Abschiebung de» Schmutze». Nacht» werden auch die sogen. Bürgersteige mitgefegt; aber der klebrige Matsch geht nicht so leicht von dannen. B.sen und Kehrmaschinen streichen ihn schön glatt, aber nicht vollständig fort. Zur wirklichen, gründlichen Reinigung ist ein tüchtiger lösender und fortschwemmender Wafferguß noth- wendig und die Stadträthe wollen noch nicht an da» Abwaschen der Straßen heran, obschon sie doch in jedem Haushalt sehen können, daß der Fußboden ohne Waffer nicht wirklich rein zu kriegen ist. Man hat Straßenwaschmaschinen (bei Frost mit Salzwaffer arbeitend) versucht und wieder versucht, ohne zu einem Entschluß zu kommen. Rach meiner Ansicht gibt man für die nothwendigste Reinlichkeit noch zu wenig und für den Luxus der brillanten Beleuchtung verhältnißmäßig zu viel au». Man hat nur den Vorthetl, daß man in der Stadt genau sehen kann, wie schmutzig man wird.
Meine Hoffnung stützt sich nicht auf Stadtväter oder neue Erfindungen, sondern auf da« ehrsame Schusterhandwerk. Wenn man ein Paar tüchtige Stiefel an hat, so kann man getrost durch Dick und Dünn marfchiren. „Hahnemann, geh' Du voran, Du hast die großen Stiefel an." Der Ver« ist komisch, aber nicht unsinnig. Die großen Stiefel sind allerdings wohl geeignet, die Thatkraft zu erhöhen. Raffe Füße legen den Muth und die Unternehmungslust lahm, ebenso wie ein leerer Magen. Schon die Furcht, naffe Füße zu bekommen, wirkt wie eine Bremse. Auch jede andere Unbkquemlichkeit oder Krankheit an den Füßen wirkt niederziehend. Darum soll der vernünftige
*) Nachdruck nicht gestattet.
Mensch seinen Gehwerkzeugen eine besondere Sorgfalt angedeihen lasten.
Wte^oft kann man im Winter den Klageruf hören: Ich habe naffe Füße bekommen! Wenn das 'ein armer Teufel sagt, der in der Tasche nichts als ein Loch hat, so muß man es zu den übrigen Mißgeschicken legen. Aber wenn Leute, die ihren Lebensbedarf bestreiten können, mit naffen Füßen in der Welt umherlaufen, so ist das eine Dummheit. Leder gibt's genug in der Welt, man braucht e« bloß richtig verarbeiten zu lasten. Du schiebst die Schuld auf den Schuster; aber erst frage Dich mal, ob nicht Deine Eitelkeit daran schuld ist. Der Stiefel soll in erster Linie „elegant" sein; daher eignet er sich mehr für den Tanzboden al» für einen Marsch durch Dick und und Dünn. Ueberlaß dte Eleganz den Gecken und folge dem Zweckmäßigkeits-Gebote.
Den Schustern habe ich früher schon mal die Leviten gelesen und ihnen strammen Befähigungs- Nachweis auf den Hals gewünscht. Am besten wäre es wohl, diese« Examen bei recht schlechtem Winterwetter abzuhalten und dem Kandidaten der Fußbekleidungskunst, mit seinem Meisterstück ange- than, einige Stunden lang in Schnee und Morast spazieren gehen zu lasten.
Im Abgeordnetenhavse haben sie kürzlich darüber debattirt, ob die Kinder schon mit 6 Jahren in die Schule gezwungen werden sollten. Dabei wurde mit Recht darauf hingewiesen, welche weiten Wege die Kinder auf dem Lande in Wind und Wetter vom Hause zur Schule hätten. Ich glaube, der Kern dieser HesundhettSgefahr steckt in der mangelhaften Fußbekleidung. Als ich in die döifliche Klippschule ging, trugen wir alle hochbordige Holzschuhe (bloß Sonntags waren die Füße umledert und froren um so ärger). Wer bloß Straßen Pflaster ober Sanbwege zu pafsiren hatte, kam in seinen Holzschuhen mit trockenen unb warmen Füßen in bie Schule (fall« er nicht unterwegs bie Schuhe als Schiffe ober Wurfgefchoffe verwerthet hatte), auf Sumpswegen erfüllte freilich ber Holzschuh feinen Zweck nicht immer, aber int Allgemeinen war er doch eine kräftige Stütze für bie Gesunbheit be« jungen Nachwuchses. Wenn ich mir aber j tzt die Kinder hier in der Mark ansehe, welche in dünnen Lederschuhen oder ganz unpraktischen niedrigen „Holzpantoffeln" durch Schnee und Sumpf ihre weiten Schulwege abmachen, dann stimme ich in den Wunsch ein, den Beginn der Schulpflicht möglichst weit hinaus zu schieben, damit die Kinder nicht schon im zartesten Alter dieser Strapaze ausgesitzt werden müffen. „Die Kinder müssen abgehärtet werden," hört man oft von Kraftmenschen. Von „Abhärtung" läßt sich allenfalls da reden, wo man bie Kinder im Winter wie im Sommer mit nackten Füßen laufen läßt. Wer e» nicht aushalten kann, geht darauf, unb der R.st ist gegen ben Fußfchnupfcn gesichert. Kommt ein barfüßige« Kind in bie erwärmte Schulstube, so werben bie Füße balb trocken unb warm. Dagegen fängt für ein Kinb mit burchnäßter Fußbekleibung in ber Schule ba« Leiben erst an. Beim Stillfitzen stellt fich bas Kältegefühl ein; all' bas Wasser, welches in Schuhe unb Strümpfe eingebrüngen, verbunstet langsam, unb bie Verdünstung wirkt bekanntlich adkühlend. So ist während ber ganzen Unterrichtszeit der Kopf heiß unb bie Füße kalt, unb bas muß verberblich wirken.
Gemeinde unb Staat glauben dar Ihrige ge- than zu haben, wenn sie ben Ofen in der Schulstube in Gang fetzen. Nein, da» genügt nicht. Man könnte oft an bet Heizung sparen, wenn man statt dessen basür sorgt, daß die über Lanb gekommenen Kinder ihre Füße in trockenen Zustand versetzen könnten. Warum sollte man in einer Landschule nicht einen Haufen Holzschuhe vorräthig haben können, damit bte Kinder im Bedarfsfälle
wechseln können? Ein paar Reservesocken könnten die meisten in der Tasche mitbringen unb für bie Armen könnte bie Mildthätigkeit wohl eine Noth« Umhüllung schaffen.
Wenn ich Arzt wäre, würbe ich mich vor Allem mit ber Frage beschäftigen wie ber Kinb erst erblich k eit abzuhelfen sei. Da» erste Kapitel biefcr Frage beschäftigt fich mtt betn hohen Prozentsatz bet Wickelkinber, welche ben Gang in bie Ewigkeit schon toieber antreten, ehe sie stehen unb gehen können. Aber zweiten» müßte nachgeforscht werben, ob nicht von ben zahlreichen bret» bi» zwölfjährigen Tobten manche zu retten gewesen wären, wenn bie Eltern unb bie Schule ben kirchlichen Körper mit etwa» mehr Verstanb unb Sorgfalt behandelten.
Wenn bie atmen Kindern zu Weihnachten ober sonstwie Kleibungsstücke geschenkt werben, so benft man in ber Regel eher an alle anbeten Körperteile, al» an bie Füße. Das hat zu einem guten Theile wohl seinen Gmub in ber Bequemlichkeit ber Geber. Will man Fußbekleidungen schenken, bie ihren Zweck erfüllen, so müffm Re sorgsam nach Maß gearbeitet worben, unb ba» ist zeitraubenb unb umstäublich, gefährdet auch den vielfach gewünschten theatralischen Eindruck der Uebetraschung. So kommt dann mancher arme Junge zu einer dicken Mütze, die er gar nicht nöthig hat und die manchmal sogar schädlich wirkt, während seine Füße während be» ganzen Winter» bloß Nacht« trocken unb warm werben können.
Ein „bischen Erkältung" wirb gern al» ungefährlich für die Kinder betrachtet. Die Erkältung ist aber sehr oft die Eingangsthür für sehr ernste, lebensgefährliche Krankheiten ober anbauetn« bes Siechthnm. Die Krankheitskeime, welche unaufhörlich auf ben Körpers einbringen, ftnben in ben Schleimhäuten, bie durch Erkä tung entzündet sind, den schönsten Nährboden. Wenn z. B. die unheimlichen Bakterien der Dipheritis in einem Hause sich herurntreiben und durch bie Luft ober durch Speisen ober Getränke in den Munb bes Kleinen gelangen, so geht bas Kind mit gefunben Schleimhäuten unversehrt au» bem Angriff hervor, währenb ba« erkältete Kinb bie Keime beherbergen unb ein Opfer ber schrecklichen Krankheit werden muß. Woher kommen bie Unmassen Schwindsüchtigen, deren Eltern kerngesund waren? Sie haben ben Tuberkel - Bacillu« eingeathmet, al» e« ihnen gerftbe in ber Kehle etwas rauh war. Aus biefem kleinen Katarrh haben sie fich natürlich nicht« gemacht; er ist auch anscheinend vorübergegangen, aber da« dicke Ende kommt hintenach unb man hat ben Anfang gar nicht gemerkt.
Bei Schnupfen, Heiserkeit unb Husten kann man man meisten» bie Bemerkung hören: Ich weiß nicht, wo ich mir ba» geholt habe? Schade, daß man diese Nachforschung nach der Ursache so nach- läffig betreibt! Da« Thörichte ist bie Abschiebung bet Schulb auf ba« „abscheuliche Wetter." Der gesunde Mensch kann in unserem Klima jebe Witterung ohne Schaden überstehen, wenn er fich nur vernünftig dabei aufführt. Aber feht einmal zu, wenn sich Jemand vorbereitet zum Kampfe mit einer rauhen Witterung. Brust und Kopf nimmt er zuerst und ganz befonder« in Obhut, ber Unterleib, ben er schon nothwendiget hat, wirb mit weniger Sorgfalt behanbelt, unb bie Füße, bie e» am allernothwmdigsten haben, kriegen nur bie stiefmütterlichste Pflege.
Unb zum Schluffe muß e« gesagt werben, daß die holde Weiblichkeit in dieser Hinsicht den Reigen der Unvernunft anführt. Um ben Obettheil ihrer Schönheit wickeln ste gern allethanb warme Sachen, benn das macht sich hübsch. Da» Mitteltheil wird knapp gehalten, denn man darf bie Taille nicht oetberben. Unb unten ? Mag ber Fuß frieren, wenn er nur niedlich ist! Ja, bie weibliche Natur ist groß im Dulden — namentlich zu Ehren ber Schönheit ur.b Mobe.