1889
Samstag, den 23. Februar.
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Erstes Blatt.
Gewaltsame Todesfälle im Haase Habsburg.
* Er ist nicht da« erste Mal, daß Männer und Frauen diese« edlen Hauses eines gewaltsamen Todes verschieden find. Blicken wir zurück in die Geschichte, so tritt uns ein solcher Fall sofort ent« gegen, in dem Augenblicke, da Habsburg von der kleinen Aargauer Grafschaft weg fich zum Kaiserflug anschickte. Den Zug der durch jähen, gewaltsamen Tod dahingcrafften Habsburger eröffnet der Sohn des kaiserlichen Ahnherrn selbst, Hartmann, der Sohn Kaiser Rudolf I. Auch er war ein Kronprinz gewesen, denn zu jenen Tagen pflegte die Krone nicht auf einen einzelnen Erben überzugehen; die Herren dieser Welt vertheilten, ehe sie auszogen au« diesem Erdtheil, ihre Szepter und Kronen an ihre männlichen Erben und so war denn auch nach den Anschauungen jener Zeiten jeder der drei Söhne des Stifter« der habsburgischen Dynastie, sowohl Albrecht al« Rudolf und Hartmann Kronprinzen. Letzterem, seinem Lteblingrkinde, dem Schwiegersöhne König Eduard« von England, wollte der alternde Kaiser noch bei Lebzeiten die Krone de« Königreiche« Arelat, da« au« den Provinzen des Elsaß, Breisgau und anderen Grafschaften gebildet werden sollte, auf da« blonde Haupt setzen. Am Christabend 1289 sollte zu Straßburg die Krönung stattfinden, da ereignete sich drei Tage vorher jene» entsetzliche Unglück, welche« den Neubegründer de« heiligen römischdeutschen Reiche» seiner theuersten Hoffnungen, seine« Lieblingssohnes beraubte. An der Spitze einer stolzen Flotille von Stromschiffen schwamm Hartmann von Habsburg den von Eisschollen bedeckten Rhein hinunter, da angeficht« vom Rheingau im Turgau, unfern der Wiege der Habsburger, barst urplötzlich da« Fahrzeug und der zukünftige König von Arlcat versank mit allen den Mannen, die ihm sein Vater als Kronräthe für seine anzutrctende Regierung beigesellt, in den Wogen de» Rheinstromes. Roch am selben Abende weinte Rudolf von Habsburg über de» Sohnes Leiche, die ein Rheinauer Fischer an einem Erlen- busche hängend, gefunden hatte.
Zwei Dezennien später war abermals die Schweiz, und zwar diesmal die smaragdgrüne Reuß Zeugin de» gewaltsamen Tod:« eine« anderen Sohne» de«
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Novelle von I. v. Dirking.
(5. Fortsetzung.)
Durch den weißgescheuerten Fußboden läuft fortwährend da« gleichmäßige Schüttern, vom Mühlen- gange herrührend, an da» Röre gewohnt ist, wie an den Schlag des eigenen Herzens.
Vom Wchr stürzen noch immer die Waflermaffen mit brausendem Schall herab. Rur spärlich dringt der falbe Tagesschein, von dem matten Weiß der Schneelandschast unterstützt, durch da« einzige mit geblümtem Mull verhangene Fenster, hinter dem der knorrige Nußbaum seine kahlen Neste wie drohende Fäuste in die Luft reckt, riesige Schatten in da« Gemach, zu Nören« Füßen werfend. Schon stundenlang fitzt sie heute auf ihrem LieblingSplatz und schaut träumerischen Blicke« in da« lustige Klockengewimmel, bi« ihr zu Muthe wird, al« könne sie die Natur um da» Sterbekleid beneiden.
Warum lodern denn gerade heute alle bösen Erinnerungen wie mit Flammenschrift vor ihrem Geistesauge auf?!"
Ein Ger Such weckt sie au« ihrem Brüten; mit trägem Flügelschlag erheben fich die nebeneinander
Stifter» Rudolf von Habsburg. Am 1. Mai 1308 fiel dort nächst Königsfeldern Kaiser Albrecht I. unter den Mordstreichen seine» Neff.n Johann von Schwaben, dem die Weltgeschichte für alle Zeiten den Beinamen „Parricida" (Vatermörder) gegeben. Dieser irregeleitete Prinz, deffen L:benSertte bi» heute noch in mysteriöses Dunkel gehüllt, vollführte nicht allein die blutige, so blutig gerächte That. Han» Balm, Walter von Eschenbach und Rudolf von Wart waren seine Mordgenoffen, welche den Träger der karolingischen Krone angeficht« seine«, am jenseitigen Reußnfer entsetzt blickenden Gefolge« tödteten. Im Schoße einer alten Bettlerin verschied Kaiser Albrecht von Habsburg, seine Leiche kam nach Speyer.
Auch.der dritte Habsburger, der vom gewaltsamen Tode dahingerafft wird, stirbt in der Schweiz, der Wiege seine« Geschlecht». E» ist de» gemordeten Kaiser Albrecht» Enkel, Herzog Leopold III. von Oesterreich, der „Biderbe" zubenannt. Auf den Berghaldm von Sempach stirbt er, die mit feinem Blute gefärbte österreichische Fahne noch im Tode umkrampfend. Er starb wie er gelebt, ein echter und rechter Bannerherr, denn, obzwar er noch hätte Rettung finden können aus dem furchtbaren Gemetzel, rief er, da» ihm zugeführte Pferd zurückweisend: „Wo so viele edle Herren und Grafen für mich ihr Leben gelaffen haben, will auch ich nicht länger mein Leben." Fast hart neben der Leiche Arnold Struthahn und Winkelried'«, dec die Sperre ber Oesterreicher umfassend,* den Schweizern eine Gaffe bahnte, ward Leopold erschlagen. Die „Blume der Ritterschaft" nennt seit jenem Tage die Geschichte den heldenhaften Habsburger. Achtzehn Jahre später stirbt am 14. September 1804 sein Sohn Herzog Abrecht II. an den Folgen de« Gifte«, womit ihm sein ver- rätherischer Truchseß vor den Mauern de« belagerten Znaim die Speisen gewürzt. Der Chronist Thomas Ebenhofer sah al« Bauernknade den jungen 27jährigen Herzog zu Haselbach an sich vorübertragen, da dieser gegen Wien zog, um in seiner Hofburg zu sterben. Und abermal« — zwei Jahre find seither verfloßen — betteten ste einen Habs- burger Fürsten zur ewigen Ruhe, der gewaltsam dahingerofft ist. Diesmal ist Wien dir Unglücksstätte. Es ist Herzog Wilhelm von Oesterreich, ein wackerer Kriegsheld deffen Brautfghrt einen höfischen Sänger zu einem tausendverfigen Epos begeistert hatte. Wilhelm von Oefierreich,
auf verschneitem Geäste hockenden Tauben, ihren unheimlichen Sitz mit dem traulichen Schlag an der Dachluke zu vertauschen.
Erschauemd wendet Nöre ihren Blick dem Ofen zu. Da» knastemde funkensprühende Feuer zaubert andere fteundliche Bilder vor ihre Seele. Ihr umflorter Blick belebt fich bereit», indem e» dem zitternden rosenrothen Feuerschein folgt, der die sandbestreuten Dielm wie mit Goldperlen übersäet erscheinen läßt. Da schlägt der Hofhund an, und gespannt lauschmd roenbet Nöre ihr Gesicht dem Fenster wieder zu. Turko'« Geheul wandelt fich in freudige» Winseln, und Nöre fühlte einen Schauer, halb Wonne, halb Furcht durch ihre Seele ziehen. Und jetzt schlägt eine Stimme an ihr Ohr, deren Ton fie in 15 langen Jahren nicht mehr vernommen: — „Kusch Dich, alter Freund, hahaha, Du kmnst mich noch, guter, treuer Junge, Du!" —
Nöre versteht jede« Wort genau. Sie schließt die Zügen; da« Herz klopft ihr zum Zerspringm; allein fie rührt kein Glied und lehnt da wie festgebannt an ihrem Platz. Fußirttte erschallen; fie nähern fich dem Hause. Die Thüre öffnet fich; Männerschrftte, Aufstampfm — Stimmengewirr,
der Gatte der schönen, legendenumwobenen Johanna von Neapel, stirbt sozusagen angeficht« der Burg seiner Väter. Ein andalufischer Rappe, den er trotz der Warnung seine« Hofastrologen bestiegen, schleuderte ihn in der Nähe de« Hofmarkte» au» dem Sattel, schleift dm Gefallenen in den Bügeln und fich überschlagend, begräbt ihn da« rasende Thier unter seiner Last. Am selben Tage — man schrieb bett 15. Juli 1406 — brachten fie die fürstliche Leiche in die Hofburg. Da« Lieblingsthier bi» Tobten, ein junger Löwe, ber seinen Herrn stets gleich einem Schoßhündchen begleitete, war von Wilhelm« Bahre nicht zu entfernen.
Wieder ein halbe« Jahrhundert später, und zwar am 23. Novbr. 1457 ist in der Familienchronik ein jäher unnatürlicher Todesfall zu vermelden, der nicht nur Wim und Oesterreich, sondern ganz Mittel-Europa in Angst und Bestürzung versetzte. Durch Gift ist ein jugendliche», zu den herrlichsten Hoffnungen berechtigende« Fürstenleben zerstört, König Ladi«lau« Posthumu», der nachgeborne Sohn Kaiser Albrecht» II., welchem im Hradschiner KönigSschloffe ein eigenartige» Liebesmahl bereitet war. Die Welt beschuldigte den böhmischen Reichsverweser Georg v. Podiebrad, dm späteren Böhmenkönig, sowie deffen Gemahlin Hanna von Raczima al» die Mörder, und in Wien sang man in allm Straßen ein Volkslied von dem „jungen König, den die Hnffen verderbten."
Den gleichen Tod erlitt nur sechs Jahre später, und zwar am 13. Dezember 1463, ein anderer habsburgischer Prinz, Herzog Albrecht VI. von Oesterreich. Ec starb in der Wiener Hofburg al« Opfer persönlicher Rache. Acht Monate vorher hatte jener Fürst den Wiener Bürgermeister Wolfgang Holzer am „Hohen Markte" hinrichten (affen und ein Anhänger Holzer« reichte ihm den Giftbecher.
An der Schwelle de« sechszehnten Jahrhundert« betrauerte man den Sohn be« ritterlichen Kai fers Moxmilian, Erzherzog Philipp, welcher al« Gemahl der wahnsinnigen Johanna mit ber Krone von Kastilien geschmückt worden war. Auch darüber, daß Erzherzog Philipp dm Gist-Tod starb, herrschten keine Zweifel, nur bestehen über seinen frühzeitigen Hintritt zwei Angabm, deren eine dahin lautet, daß ihm der Giftbecher von seinem böswilligen Schwiegervater, König Ferdinand von Arragonim, credenzi worden sei, während ber anderen zufolge Johanna die Wahnfinnige in ihrer Eifersucht selbst
e» hallt wie ein ferne» Brausen zu ihr herüber — — und i tzt öffnet fich die Thüre ihre« Zimmer». Antrin'« Fistelstimme tönt wie Trom- pettngeschmetter, al« sie hineinruft: „Jungfer Nöre, Tante Nöre, e« ist Besuch da! — So treten'« herein, Herr Förster, nur immer herein, Tante Nöre ist drin." Mit Antrin dringt ein greller Lichtschein zu Nöre herein; die Küchenlampe in der hochgehobenen Rechten, so stürmt die Magd näher, hinter ihr füllt eine reckenhafte Männer- gestalt den Rahmen der Thüröffnung au».
„Wartet, Hur Förster I" ruft da» Mädchen über die Schulter, „ich roiö zuerst die Hängelampe anzünden. So, jetzt kann man sehen, was man sagt." Met diesen Wortm entfernt fie sich schnell.
Nöre hat fich langsam erhoben, in ihrer Seele begann ein heftiger Sturm. Tausend Gedanken schoff-n ihr durch dm Kopf, während ihr der Äthern vor Aufregung stockte. Allein ihr Aeußere» verrieth nicht» von dem inneren Ausruhr. Die Macht be« Selbstzwange» bewährte fich auch in dieser vrrhängnißoollm Stunde; ber.n wer dürfte fich rühmen, die Nöre Förster jemals ihrer Würde baar gesehen, ste gar um ihren Gleichmuth gebracht zu haben?! Aber auch der Eintretende be-