Freitag, den 22. Februar.
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5iiid«er
1889
~ * Die Zukunft -es Centrums.
So betitelt sich ein längerer trefflicher Artikel in den neuesten „gelben Heften", deffen Urheberschaft wahrscheinlich einem ausländischen Katholiken und ruhigen Beurtheiler der Lage zugeschrieben werden muß. Der Aufsatz richtet sich ä priori gegen einen Artikel des Herrn Pfarrer« Majunke in Band 102 S. 842 und ff. der .Historisch- politischen Blätter', welcher den Verlust zweier sehr unsicherer Abgeordnetensitze durch das Cen» trum (im Kreise Neuwied) recht irrthümlich mit dem „Zugang zum Kultursrieden" in Verbindung brachte. Der Berfaffer des nachstehenden Artikels fragt: , •
„Sollte nun bei den katholischen Wählern, obwohl der vom Protestantismus beseelte Staat seine Neigung nicht verleugnen kann, günstige Aussichten zu neuen Vorstößen zu benützen, wirklich die Meinung entstehen, daß die parlamentarische Schutzwehr des Centrums weniger nothwsndig geworden sei? Im Auslande würde man das nicht verstehen, nachdem da« Centrum als die festeste aller politischen Parteien sich bewährt, von der ganzm katholischen Welt bewunderte Erfolge er« rungen und Ermuthigungen erfahren hat, wie sie noch nie einer parlamentarischen Partei zu Theil geworden sind."
Dar Centrum feiert der Versaffer al» eine Partei der Abwehr gegen protestantische Ueber- griffe, zugleich aber auch als eine wahre christlich.soziale Partei, welche allein für die wirthfchaftliche Noth des Volkes volles Verständniß besitzt und feit ihrer Begründung für eine wahrhast staatserhaltenve christliche Sozialpolitik einge- treten ist. Der Standpunkt und Dasetnsgrund de« Centrums ist die Aufrechthaltung der christlichen Ordnung im Staate und der Gesellschaft. Diese Aufgabe hatihm kein Geringerer als der hl. Vater selbst zugewiesen. Dann hat das Centrum noch eine weitere Ausgabe: die der Vertheidtgung der Unabhängigkeit und der unveräußerlichen Rechte des heiligen Stuhlesl Auch auf diese Aufgabe des Centrums hat der bekannte Brief des Kardinals Zacobini an den Münchener Nuntius nach den Septennatswahlen ausdrücklich hingewiesen. Doch lassen wir einige Stellen des hochinteressanten Aussatzes für sich selbst reden :
Seilte litt.
Novelle von I. v. Dirking.
(4. Fortsetzung.)
„Ein infames Hundewetter," knurrt er, den Schnee von der Mütze schleudernd. „Ich habe mich unterwegs einer Änderen besonnen. Heute Nachmittag fährt ja die Post hier vorbei, nach Münster. Er ist mein Reiseziel. Thorheit wär'«, bei dem Schneegestöber eine Fußtour zu wagen, obschon ich noch gut auf den FüßrN bin. Wollt Ihr mir einen großen Gefallen thun, Frau, so vergönnt mir einen still .n Winkel und etwas Papier und Tinte, damit ich einen Brief schreiben kann. Mit einem Brocken Mittagessen, wie Jhr's gerade übrig habt, will ich sür einen Zehrpfennig gern zufrieden sein."
„O ja, da« Alle» könnt Ihr haben," versichert die Wtrthin unter allerlei menschenfreundlichen Hintergedanken.
Bevor die Post erschien, war der alte Schmidt gewiß zehnmal hier gewesen, um diesen schreibseligen alten Kunden wenigstens in Augenschein zu nehmen. Denn so ganz gruudsauber war's sicher nicht um ihn bestellt. Die verdächtigen ob- stinatm Manieren vorhin und seine jetzige Schreibe»
„Wie sollte es da dem Centrum an Aufgaben, am Daseinsrecht gebrechen? Es ist eine sehr namhafte Krait inmitten der sich kreuzenden Strebun- gen der Zeit, die einzige wirklich katholisch-politische Macht — soweit da» Wort auf einen Bruchtheil der deutschen Volksvertretung angewandt werden darf — welche e» jetzt gibt. Darüber sollte kein Zweifel sein. Dre Lage des hl. Vaters ist schon schlimm genug; aber wenn da» Centrum verschwände, würde sie fast unhaltbar werden, der Papst würde zuletzt Rom verlaffen müffen. Und da sollte bs« katholische Volk Deutschland« lässig und kurzsichtig g nag fein, um da« Centrum im Stiche zu lassen und vertrauensselig die Hände in den Schooß zu legen! Hat es nicht, wie der ungezogene Artikel trefflich darstellt, Erfahrungen genug gemacht, um zu wiflen, daß e» Noth thut, ununterbrochen Wache zu stehen und zum Kämpfen bereit zu fein?
Auch an näher liegenden Aufgaben, welche Jedem sofort in die Augen fallen, fehlt es nicht, um da» Volk wach zu halten. Mehrere Kulturkampfgesetze (Brodkorb-, Altkatholiken-, Pciester- au»Weisung»-, Jesuiten-Gesetz) bestehen fort und sind roch nicht einmal alle förmlich außer Kraft gesetzt. Die Hartnäckigkeit, mit welcher dieselben beibehalten werden, trotzdem Reichstag und Landtag deren Aufhebung beschlossen, sagt genug. Ebenso schlimm steht e« auf dem Gebiete des Unterrichts. In allen Bundesstaaten herrscht die Staat«- allmacht über Schule und Erziehung. In Deutsch- land ist da« Wort „Schulhoheit de« Staates" er- sunden worden und diese „Hoheit" wird in weit- greifendster Weise gehandhabt. Wie sehr dadurch das kirchliche Leben, die Ausbildung de» Priesterstandes beengt und geschädigt werden, ist oft genug nachgewiesen worden. Daß diese Schulallmacht des Staates zur Verflachung und schließlich Aushöhlung des Christenthums führt, dafür liegt der Beweis schon in dem ungeheuerlichen Anwachsen der Sozialdemokratie handgreiflich vor Augen. In keinem Lande der Welt gibt es eine fo mächtige, geistig geschulte Sozialdemokratie, wie im neuen Reich. Sie ist die Frucht der staatlichen Schul- allmacht, welche in den protestantischen Schulen zur vollen Wirkung kommen konnte. In den katholischen Schulen Preußens hatte dieselbe in dem kirchlichen Lehramt und der priesterlichen Gewalt doch noch einige Schranken; deßhalb ist die katho- wuth, es traf merkwürdig zusammen, ihn einer polizeilichen Spürnase höchst interessant zu machen. So ungesähr flog er der Wirthin durch den Kops, die ihn vorsichtshalber in ein vogelbauerartiger Verließ neben dem Kartoffelkeller spinnt, wo ein Brett, an die Wand genagelt, sich herunterklappen läßt, und ihm zum Schreibpult dienen kann. Hier fitzt er nun auf einem in allen Gelenken krachenden hölzernen Stuhl und laut eine Weile an seinem Gänsekiel, bevor er ihn wie der Blitz Über das grobe Papier gleiten läßt.
Er schreibt und schreibt, nimmt sich kaum Zeit zum Mittag-brod und schreibt wieder. Erst als im Dämmern die alte wackelige Postkutsche unter einer ohrenzerreißenden Fanfare, die der Postillon aus der verunglückten Melodie: „Ich halt' einen Kameraden" herausgefischt, über die Straße rumpelt, schließt er sein Schreiben und schiebt er geschloffen und mit einer Adresse versehen in seine S-itentasche. Da« mißtönige Posthornfignal bringt ihn im Ru auf die Füße; die Wirthin aber bleibt mit ihrer heißen Sehnsucht nach dem alten Schmidt in schnöder Enttäuschung fitzen. Schon hat fich die klappernde Wagenthür hinter dem einzigen Fahrgast geschlossen, der in diesem dunkeln Küfiz roie In einer ©ruft umhertastet, als der altePoli-
lische Bevölkerung Preußen« bis jetzt der Soizal- demokratie wenig zugänglich geblieben. Im übrigen Deutschland hat dieselbe vorzugsweise in solchen katholischen Gegenden Eingang gefunden, in deren Schulen der Staat und der Liberalismus am un- eingeschränktesten herrschen.
Wir haben uns in Deutschland auf allen Gebieten de« staatlichen, gesellschaftlichen und wirth- schastlichen Leben« auf Schritt und Tritt gegen den Protestantismus zu vertheidigen, der von allen Regierungen unterstützt, im Besitz aller Machtstellungen fich befindet. Einen Theil seiner Macht hat er durch die Presse erlangt. Um so dringender und umfassender ist die Aufgabe der katholischen Presse auf diesem Gebiet. ,
Andererseits gilt e« besonders dem Sozialismus entgegenzuarbeiten, der nicht zum wenigsten die unausbleibliche Folge der Lotlösung der Schule von der Familie und der Kirche ist, was man in Deutschland viel zu wenig beachtet. Wenn der Staat fich ausschließlich der Erziehung bemächtigt, ist es auch selbstverständlich, daß die von ihm Er- oder auch Verzogenen fich an ihn als ihren leiblichen Vater wenden, den Staat für ihre wirth- schaftliche Lage verantwortlich machen. Wenn nicht die ganze Gesetzgebung auf christliche Grundlage gestellt ist, wird der Soziali«mu» nicht überwun- den werden. Wenn die Rechte der Kirche und Familie auf die Schule nicht wieder hergestelt werden, wird er auch bald in die katholische Bevölkerung einbringen, besonders da, wo dieselbe, wie in einigen Gegenden Süddeutschlands und tn Oesterreich, schon seit längerer Zeit vom Liberali«- mus angefressen ist. Die Lösung der sozialen Frage ist eine Aufgabe, welche in Deutschland nicht ohne dar Centrum zu erreichen ist, welches auch sehr richtig die Sache an der rechten Stelle, der Schule, angefaßt hat, seitdem im Kultur- kämpfe der „Zugang zum Frieden" gewonnen worden ist. „ , „ „
Kein Zweifel, da» Centrum steht erst am Beginne seiner Thätigkeit, hat erst den Heinern Theil feiner Aufgabe erfüllt. Fortan wird feine Aufgabe schwieriger sein, vielfach de» glänzenden weithin schallenden Waffengeklirr» entbehren, durch welches die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf die tapfern Kämpfen gelenkt wurde, und die Fraktion zu der erprobtesten aller bestehenden parlamentarischen Bildungen geworden ist. Aber es hat auch eine
zeidiener, von einer Landtour zurückkehrend, dem sich in Gang setzenden, inhaltsreichen Postkasten begegnet. Den Schnurrbart zwirbelnd, bleibt er minutenlang in Paradehaltung stehen und schaut blinzelnd zu dem königlichen Fuhrwerk Hinauf, das huldvoll nickend über das zerfahrene ausgespülte Straßenpflaster schwankt und mit dem Glühwürmchen von Oellampe an der Stirn zu ihm herüber» schielt, als hätte es ihm ganz was Besondere« anzuvertrauen. , Ä _ r .
-Mer Schmidt bleibt ahnungslos. Da» rasselnde gelbe Gehäuse setzt knarrend seinen Schneckengang fort und der einzige Reisende drückt unbehelligt sein hageres Gesicht an die Scheibe de« Fenster«, da» Auge mit unheimlich funkelndem Blick in die Dunkelheit bohrend. Da tönt nach einer Weile abermals da» Posthorn und der Passagier fühlt e» jetzt wie einen Ruck im Genick. Er weiß, letzt fahren sie über die Brücke an der Waldmühle; aber er schaut nicht mehr hinaus. Ec hört da» Wasser rauschen; das Räderwerk an der Mühle klappert, es ist die alte, ihm so wohlbekannte Melodie — und plötzlich fühlt er einen stechenden Schmerz um's Herz herum.
Ec hüstelt und schluckt und räuspert sich, al» säße ihm etwa» fest in der Kehle; zugleich aber