j\g 43 Donnerstag, den 21. Februar.
Xnlbitr W 3rihing
1889
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Entweder ein neuer „Kulturkampf" oder
das Centrum wird regierungsfähig!
• Das ist der Schluß eines Artikels, den die ,Kreuzztg.' veröffentlicht. Der Artikel, dessen wir bereite kurz erwähnt haben, ist von Anfang bi» zu Ende ein Loblied auf die Festigkeit und Klugheit der Centrumspartei, auf welche die .Kreuzztg.' mit einem berechtigten Neide blickt. Ihre Schlußfolgerung möchten wir zwar nicht unterschreiben, doch ist der Artikel immerhin so bedeutsam, daß er hier im Wortlaute folgen möge. Er lautet:
Man kann gerade nicht behaupten, daß die Staatsregierung in ihrem Kampfe gegen die Centrumspartei Glück gehabt habe. Eine Rückschau zeigt uns fortgesetzte Versuche der Regierung, das Centrum zu spalten oder Theile von ihm abzusprengen. Die Mittel, welche bei der nationalliberalen, der freisinnigen und auch der konservativen Partei glücklich gewirkt haben, versagten beim Centrum. Was soll man mehr bewundern, die passive Widerstandsfähigkeit der CentrumSpartei, oder die Beharrlichkeit des Arztes, der sich durch kein Mißlingen seiner Praktiken abschrecken ließ? Man wähle.
Wir «ollen von den unzähligen Versuchen, den „festen Thurm" des Centrums in die Luft zu sprengen, bloß einige erwähnen. Die ersten waren die Anstellung eines altkatholischen Bischofs und die Ratiborner („Staatskatholiken"-) Adresse. Die Einsetzung eines katholischen Bischofes, der nicht nur nicht vom Papste bestätigt war, sondern sich direkt vom Papste lossagte, war kein Erfolg versprechendes Unternehmen. Gerade die Anstellung eines antirömischen Bischofs hat die „altkatholische" Bewegung in den Augen der katholischen Bevölkerung mehr kompro- mittirt, als alle ihre Gegner es vermochten. Die Copie fiel zu matt aus gegen die Originale, so daß Döllinger mit seiner Warnung Recht behielt. Allmählig sammelten sich alle nicht positiv, christlich gesinnten Elemente um die Fahnen des „Altkatholizismus", die christusgläubigm Katholiken traten in ihrer weitaus größten Mehrheit wieder zurück.
Anders traten die Staatskatholiken auf. Sie wollten gläubige Katholiken, ja sogar Infallibilisten sein; sie unterwarfen sich in Allem dem Urtheil des Papstes, bloß nicht in seinem Urtheil über die preußischen Maigesetze. Die Berechtigung dieser „Ausnahme" hat z. B. die .Post' vielfach zu begründen versucht. Auffällig konnte es nur erscheinen, daß von derselben Seite später das Urtheil (war bloß ein Rath!) Roms über das Septennat als für die Katholiken verbindlich, das Urtheil über di« Maigesetze als unverbindlich dargestellt wurde. — Weiter brauchen wir uns dabei nicht aufzuhalten, die Welt weiß, daß man auch mit dem Staatskatholizismus keine Geschäfte gemacht hat.
Der Friede mit Rom wurde angebahnt. Jetzt richtete man seine Augen auf die Möglichkeit, den sogenann, ten „konservativen Flügel" der Centrumspartei
geult gört.
Novelle von I. v. Dirking.
(3. Fortsetzung.)
„Denkt Ihr vielleicht in mir ein altes Schwatz, maul vor Euch zu haben?" fchnunt er, mit einem Drohblick ans den stechenden Aeuglein. „Was fcheert mich wlldfremdenMann der Leumund über Nöre, wo — wie geht'« weiter," stottert er in sichtlicher Aufregung; die hagere Rechte fährt in nervöser Bewegung fortwährend durch das gelich- tete Haar und über die feuchte, zurückliegende Stirn.
„Je nun," versichert die Wirthin, „die Leute munkelten von einem richtigen Mord an dem ver- kommenen Bruder. Kurios war's, daß der Mül- lerklaus lange Zeit hindurch feinen Arm in der Binde trug, obfchon kein Arzt gerufen wurde und kein Mensch wußte, wo und wie er eigentlich zu Schaden gekommen war. Und noch Ein» war auf« fallend, mit Rören's Brautschaft war e« au» und vorbei. Da» war schier v.rdächtig, da die Brautleute doch von Rinbe»beinen zu einander gestanden hatten. Hebet ein Menschenalter hinan« waren sie sich treu geblieben, obgleich sie sich alle Jubel- .ahre einmal zu Gesicht bekamen. Und diese treue Siebe hatte nun so ganz fein Ende. Nöre aber,
abzusprengen, während alle offiziösen Batterien auf den„Welfen Windthorst" ein mächtiges Feuer gaben. Ein ähnliches Experiment war ja gerade vorher bei den Nationalliberalen glänzend durchgeführt, die ihr mißliebig gewordenes geistiges Haupt — Herrn Lasker — auf höheren Wunsch fallen ließen und Bennigsen zum Häuptling ausriefen. Nun sollte es Windthorst ergehen wie früher Lasker, während Herr v. Schorlemer-Alst berufen zu sein schien, in Bennigsen's Fußtapfen zu treten. Wieder ergab der Versuch ein Fiasko. Der westfälische Edelmann geizte nicht nach der angebotenen Ehre und Windt- horst's Position erwies sich als unerschütterlich.
Da wurde der letzte Sturm beschlossen. Das Centrum hatte den Fehler (?) gemacht, trotz des päpstlichen Wunsches das Septennat abzulehnen. Alle „nattonalgesinn- ten" Herzen waren enttüstet, der Papst beleidigt, die Umstände waren günstig wie nie zuvor. Kein Bischof wagte es, sich durch Wahl-Hirtenbriefe oder dergl. offiziell auf die Seite des Centrums zu stellen. Dazu stand eine gründliche Revision der Kirchengesetze in Aussicht, so daß in kirchlichen und konservativen katholischen Kreisen der Wunsch rege wurde, es nicht mit der Regierung zu verderben.
Hier zeigte sichWindthorsts Taktik in ihrer ganzen Geschicklichkeit. Nachdem er einmal einen Fehler gemacht, war er auf das eifrigste bemüht, ihn wieder auszubeffern. Er eilte gen Köln auf den Gürzenich und verstand es mit einem unglaublichen Aufwand von Dialektik, unter stürmischen Lobeserhebungen auf den Papst die Versammelten zu einem Schrttt gegen den päpstlichen Wunsch zu bewegen. Es kam zum Wahlkampfe und während von der großen freisinnigen Pattei das Wort gelten konnte: „Bismarckius afflavit et disaipati sunt“, wehte am Morgen nach der Wahlschlacht von dem unbeschädigten „festen Thurm" des Centrums wieder stolz das Banner des Sieges herunter. Und dabei hatte di« Regierung im Centrumslager noch angesehene Miirte gefunden, denn 37 rheinische Edelleute waren in einer öffentlichen Erklärung wider die Centrumspartei aufgttreten. Die ,Köln. Ztg.' erblickte in ihnen schon den Kern einer großen katholisch-konservativen Partei. Aber leider war am Wahltage kein Häuflein von Wählern zu ihnen gestoßen; was die Regierung gewonnen hatte mit Löffeln, verlor sie wieder in Scheffeln.
Der „Kulturkampf" wurde darauf durch eine neue kirchenpolitische Novelle im Wesentlichen abgeschloffen. Der Reichskanzler hatte früher öffentlich erklärt, der Papst sei ein besserer Freund Deutschlands, als die derzeitige Reichstagsmehrheit. Nun kann aber der Papst als Italiener kaum ein deusscher Patriot fein, während der Kanzler der Centrumspartei schwerlich jeglichen Patttotismus allgemein absprechen wird. Jedenfalls ist auffällig, daß nach Wiederherstellung der guten Beziehungen zum Papste der Kamps gegen das Centrum fottgesetzt wurde. Man schloß Freundschaft mit dem Herrn und befehdete feine Diener.
Hat das nun Nutzen gehabt? Wir können es nicht recht begreifen. Indem man das Centrum in die Reichsacht erklärte, suchte man die regierungsfreundlichen Katholiken vom Anschlüsse an diese Partei abzuhalten. Bei den katholischen Landräthen, Bürgermeistern und Steuerempfängern isi das nun ja äußerlich geglückt, — ob
die bisher kein bischen Anhänglichkeit an Klau» bewiesen hatte, hing nun an ihm, wie ein geprügelter Jagdhund an seinem Henn. Da« ist just so eine Freundschaft, sagte unser Küster damals, wie zwischen SchinderhanneS und feinen Spießgesellen. Ja, ja es gab viel zu denken. Aber von Untersuchung war lier keine Rede nicht. Das ist einmal so in der Welt, wer Geld im Sack hat — aber Gottes Mühlen mahlen langsam —"
„Lari fari!' fällt der Spielmann unwirsch ein, „bleibt beim Thema, wie gtng'S dem Baptist, des Krugwirth's Söhnlein?"
„Ach so, ja, der zog auf die Mühle von der Stunde an, als der Krugwirth verschwunden war. Vielleicht gedachte da» Paar an der Waise gut zu machen, wa» sie von wegen dem Vater an Blutschuld auf sich geladen. Doch Nöre wußte nicht» von Zärtlichkeit gegen ihn; und dem Müller wird er auch wohl nur ei« Dorn im Auge gewesen sein, obwohl er vor den Leuten gar achtsam that. Alle» von wegen seinem bösen Gewissen. Ein gute» Gewissen, heißt e», ist ein sanfte» —"
„Dummer Zeug, war scheeren mich Eure Sprichwörter," schnauzt der Fremde, den Boden stampfend, „lebt der Bube, der Baptist, noch?"
„Du liebe Zeit, warum denn nicht?" ruft dir
auch innerlich, ist eine andere Frage. Der thatsächliche Erfolg dieser Maßregel ist, daß man alle oppositionellen Elemente dem Centrum fast gewaltsam zuschiebt. Man sollte die nationalliberale Partei einmal ähnlich in di« Acht thun — glaubt man denn, daß sie nach Ausstoßung der zu ihr gehörenden Oberpräsidenten, Minister a. D. und allen niederen Beamten u. s. w. noch so regierungsfromm wäre wie heute? Man sollte aufhören, den katholischen Beamten zu sagen: „wenn du den Windthorst wählst, so bist du des Kaisers Freund nicht", denn dann würde die Centrumspattei mit solchen Angehörigen zu rechnen haben, und durch sie gewänne sie auch besseren Anschluß an die konservative Partei.
Kurz gefaßt: Die Parole: „Krieg dem Centrum, Friede dem Vatikan", wird sich auf die Dauer als unhaltbar erweisen. Will man den Kulturkampf nicht wieder von neuem beginnen, so fällt für das Centrum die wesentlichste Opposttionsbasis fort. Man wird also entweder von neuem mit dem Papste in Konflikt kommen oder das Centrum wird — „regierungssähig" werden. Ein Drittes ist unmöglich.
So die.Kreuzzeitung'. Wie sich dagegen die Zukunft dc» Centrurn» nach dessen eigener Auffassung gestalten dürfte, darüber Nähere» in einem zweiten Artikel, den wir in der morgigen Nummer d». Bl. folgen lassen.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Februar.
* Professor Geffcken erläßt au» Konstanz folgende Erklärung: „1) Es ist keineswegs meine Absicht, au» Deutschland auszuwandern. 2) Ich habe keine Anklage gegen den Reichsanwalt eingeleitet. 3) Es ist vollständig unwahr, daß mir von französischen oder englischen Verlegern hohe Summen für eine Schrift über meinen Prozeß geboten seien. 4) Er ist ebenso unwahr, daß ich im Begriffe sei, eine Schrift „Bismarck und das Reichsgericht" in Zürich zu veröffentlichen, ich habe imGegentheil weder in deutschen noch in ausländischen Zeitungen oder Zeitschriften eine Zeile über meine Angelegenheit geschrieben, noch inspirirt, und sehe auch dermalen keinen Anlaß, von dieser Haltung abzuweichen."
• Die Ernennung des Präsidenten des Kammergericht» von Oehlschläger zum Staatssekretär im Reichsjustizamt ist, erfolgt und wird heute amtlich publizirt.
* Die Artillerievorlage ist gestern dem Bundesrathe zugegangen.
* Die Reichtagskommission für dar Alters- Wirthin, mit einem scharfen Blick auf ihren wun- derlichen, aufgebrachten Gast, dessen Benehmen ihr jählings zu denken gab.
„Gebrech an Essen und Trinken und sonstiger Nothdmft hat er nie gehabt. Vor den Leuten hielt Nöre sich immer noch stramm und so thut sie es auch heute noch. Tag für Tag gingen die Studenten hier am Hause vorbei zum Pfarrer, der ihnen kxtra Lehrstunden gab. Johannes schlug nun, was die Gelehrsamkeit angeht, ganz nach feinem Vater und war dem Baptist, der für da« Lateinische keinen rechten GcipS hatte, immer um ein paar Pferdelängen in den Büchern voran». Nur was das Singen anbelangt, war Baptist der Meister. In der Kirche hätte man grab' meinen können, die Engel vom Himmel fingen zu hören, so oft Baptist da» Tedeum Laudamus oder da» Magnifiquat anstimmte, dieweil unser Pfarrer mit seiner Singweise immer in die Rüben gerieth. Gerade al« die Jungen« so wett waren, daß der Pfarrer ihnen nicht« mehr lehren konnte, starb plötzlich am Pop-xirschlag der Müller. So nannten die Doktor» da» Ding, weil da« Kind doch seinen Namen haben muß. Unsereins aber weiß es von selbst, daß er nur deßhalb in Ein«, Zwei, Drei weg war, weil chm die Galle ins Blut getreten