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1889

Mittwoch, dm 20. Februar.

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Deutsches Reich.

Berlin, 19. Februar.

» Der Schulantrag de» Centrum«, dessen Verhandlung man mit großem Interesse entgegensteht, wird nach einer heute getroffenen Vereinbarung am Mittwoch der nächsten Woche im Abgcordnetenhause zur Berathung kommen.

* Die Verlobung der hessischen Prinzessin Alice mit dem russischen Thronfolger gefällt dem .Reichsboten' und der .Kreuzzeitung' nicht, weil die Prinzessin zur russischen Kirche übertreten muß, wenn sie die Gattin de» künftigen Zaren werden will. So schreibt denn die .Kreuzzeitung':

Sollte, was wir nicht hoffen wollen, die Nachricht sich schließlich doch bewahrheiten, so wäre es -in SM, ge­richtet gegen die deutsche Ehre und die evangelische Kirche. Wir sollten doch meinen, die Zeiten lägen hinter uni, wo der bekannte harte Ausdruck des Frhrn. e. Stein über Rußland und die deutsch-protestantischen Fürstenhäuser seine Berechtigung hatte. Nie hat eine griechische, nie eine katholische Prinzessin um einer Krone willen, den Glauben gewechselt: und unsere arme Kirche muß dies über sich ergehen lassen I Und solch ein Uebertritt sollte geschehen zu einer Zeit, da das offizielle Rußland, unter­stützt von der ganzen Meute panslavistischer Schreier, darangeht, mit Betrug und Gewalt dem Protestantismus im eigenen Lande ein Ende zu bereiten!

Vom prinzipiellen religiösen Standpunkt au» ist es allerdings entschieden zu mißbilligen, daß man einer Krons wegen den Glauben wechselt. Allein das ist ja für Protestanten in Preußen kein Miküm mehr, nachdem die Schwester de» Kaisers Wilhelm I. als Kaiserin von Rußland ebenfalls zur russischen Kirche übergetreten ist. Was damals geschah, ist prinzipiell ebenso aufzu- fassen, als der neue in Aussicht stehende Fall, welcher das großherzoglich hessische Haus betrifft. Was nun aber die deutsche Ehre anbelangt, so wird man es wohl dem Großherzog von Hessen wahrlich überlassen können, wie er die deutsche Ehre zu wahren für gut findet. Und politisch opportun ist diese Heirath jedenfalls. Man hat die Verlobung des Battenbergers mit einer deut­schen Prinzessin Rußlands wegen verhindert, der Großherzog von Hessen geht noch einen Schritt weiter und verlobt feine Tochter mit dem rus­sischen Thronfolger. Nach den Akten de» Kartell» ist da» offenbar ganz richtig.

• Die ,Vvss. Zig.' meldet: In parlamentarischen

lenk gilt.

Novelle von I. v. Dirking.

(2. Fortsetzung.)

Gegen ihre Schulkameraden war Nörken stolz und hochfahrend. Aber merkwürdig genug, Alle waren ihr dennoch untertänig. Da» kam allein von ihrem Singsang, mit dem sie die Leute be­hexte. Sie erdachte sich nämlich die Verse selber und machte Lieder daran», für die sie lustige und schwermüthlge Weisen erfand, je nachdem. Weil sie sich aber auf ihr Singen zu gute that und den Kopf gar hoch trug, wurde sie bald unbeliebt bei Jedermann.

Nur Einer hielt trotz alledem auf sie, da­war dem Revierförster Hubertus sein einziger Sohn Fernand. Er wohnt jetzt noch in Stockum, ein paar Wegstunden von hier entfernt. Wie e» hieß, war Nöre seine versprochene Braut. So lange jedoch Klau« dem alten Müller keine Frau in» Hau» brachte, konnte Nörken in der Wirth- schäft nicht entbehrt werden.

Ein Büchsenschuß weit, jenseits des Dorfe«, tief im Thals, liegt da« Wirthshau», der Krug gmannt, und die einzige Tochter Billa war da» schönste Mädchen weit und breit. Im Kruge

Kreisen wird eine Aeußerung de» Kaiser« kol- portirt, wonach der Kaiser die Stellung eine« Hofprediger» mit der eine« politischen Agitator« unvereinbar halte.

• Professor Gesscken hat einem deutschen Er­leget, der ihm eine namhafte Summe für eine Geschichte seine« Prozesse« und de» Tagebuches Kaiser Friedrichs bot, geantwortet, daß er ohne zwingende Umstände nicht beabsichtige, irgendwie persönlich da« Wort in feiner Angelegenheit öffent­lich zu nehmen.

• Der heute in Berlin jufammengetretene 16. deutsche Handelstag wurde Namens der Re­gierung vom Staatsminister v. Bötticher begrüßt.

• Bei Berliner Sozialdemokraten haben in letzter Zeit wieder umfangreiche Haursuchungen stattgefunden, wobei der Behörde viele von außer- halb eingeschmuggelte verbotene Drucksachen in die Hände fielen.

• Die Reichstagskommission für die Alters- und Jnvaliditätsoerstchsrung hat dis Institutionen von Alterssparkafsen in das Gesetz angenommen. Die erste Lesung der Vorlage wird voraussichtlich morgen beendet.

• Das Abgeordnetenhaus führte dieBe­rathung de« Etats des Innern zu Ende. Minister Herrfurth erklärte auf bezügliche Anregungen, eine Aenderung des CivilstandSgesetzeS nicht zu befür- warten. Dr. Windthorst wünscht Uebertragung der Standesamts Geschäfte an die Gerichte. Dr. Arendt beklagt^ den Extrablatt-Unfug in Berlin, da« damit verknüpfte Ausschreien und den Schwin- del, der mit alten Nachrichten getrieben werde. Minister Herrfurth erwiderte, daß ein polizeiliche» Einschreiten nur zur Censur führen würde. Da« Publikum müsse selbst Abhilfe herbeisühren, indem e« keine Extrablätter kaufe. Abgg. Rickert und Dr. Windthorst stimmten dem zu. Abg. v. Lilien- krön befürwortete eine Here Dotirung der Gensdarmerie, um dem beständigen Wechsel de» Grnsdarmerie - Personal» zu begegnen. Minister Herrfurth erwiderte, daß eine solche Aufbesserung 280,000 Mark erfordern würde. Abg. Algen (nl.) wünschte eine Reform der Gesängnißstrafen, Abgg. v. Hergenhahn, Pleß und Goldschmidt be­klagten sich über die Konkurrenz, melde der Pri­vatindustrie durch die Gefängnißarbeit erwachse. Minister Herrfurth konstatirte, daß im Prinzip darauf gehalten werde, daß die Gefangenenarbeit

gingen die Müllersöhne von jeher ein und au«, und bald gab'» ein Gerede: Billa und der Müller- klau« würden ein Paar. Als er nun kurz darauf in die Fremde ging, da sagten die Leute: Ja, der soll sich erst noch ein wenig draußen die Hörner abstoßen, mit der Brautschaft aber wäre e« ganz richtig. Er war noch gar nicht lange fort, da gab'» ein anderes Gerede. Franz, der nach Abgang feine« Bruder« beständig im Kruge lag, hatte sich wirklich im Handumdrehen mit Billa verlobt. Und der alte Müller lachte in fein Fäustchen, daß der lose Vogel, sein Jüngster, sich freiwillig in'» Ehejoch begeben wollte. Er sagte die Heirath würde den unstäten Sinn seine« Franz schon zügeln, wie e« bei ihm selber auch der Fall gewesen wäre.

Da» gab nun eine Hochzeit, wie da« ganze Dorf sie noch nicht gesehen hatte. Alles war geladen. Wer aber nicht kam, da» war der Klan». Aber auch Nörken zeigte zum Erstaunen der Gäste gar kein lustige» Gesicht. Da hieß e» denn, daß es schlecht von Billa wäre, dem Klaus untreu geworden zu fein, Glück und Segen könne auf einer solchen Gemeinschaft nicht ruhen. Ai« aber Klau« wieder kam und keinen Groll merken ließ, hörte da« Gemunkel auf; denn ehe wir uns

der freien Arbeit keine Konkurrenz mache. Nur fei da» nicht immer durchführbar. Morgen: Anträge.

• Da« Herrenhaus nahm gestern die Gesetz­entwürfe, betreffend die Hereinziehung der Fabriken zu den Wegebaukosten in Schlesien, und betreffend die Errichtung eines Amtsgerichts in Herne un­verändert an. Die Verwaltungsvorlage für Posen wurde in einer im Sinne de» Antrages de« Für­sten Hatzfeldt veränderten Fassung angenommen. Auch die Polen stimmten nunmehr dafür. Nächste Sitzung: unbestimmt.

* Der Rädelsführer de» samoanischen Auf­standes, der amerikanische Zeitungsreporter Kl ein, welcher den Uebersall gegen die Deutschen leitete, ist von Samoa verduftet. Ec sollte von den Deutschen verhaftet werden, bekam aber Wind und flüchtete sich an Bord des amerikanischen Kanonen­boots „Niphie". Von hier wurde er an Bord eines amerikanischen Dampfers gebracht, mit dem er nunmehr in der kalifornischen Hauptstadt San Francisko eingetrcffen ist.

* Die Verlobung de« Erbprinzen von Anhalt mit der Prinzessin Marie von Bad en hat gestern in dem Münchener Hotel „Zu den vier Jahrer- zeiten" im engsten Familienkreise stattgefunden.

* München, 18. F-br. Die Polizeidirektion hat an die hiesigen Kunsthandlungen das Ersuchen gerichtet, Photographien der Baronesse Vetsera au« den Schaufenstern zu entfernen. — Haupt­mann Widmann war gestern und heute in München. Ec erklärte, voller Zuversicht in seine Sendung, einem Mitarbeiter der Neuesten Nach­richten, er gehe nach Aden. An der gegenüber liegenden Küste der Somalis gedenke er, einen Thei! seiner Truppen anzuwerben, den Rest später bei den Zulu». Nach dem in einigen Wochen zu erwartenden Eintreffen der deutschen Offiziere und Unteroffiziere wolle er unverzüglich „loslegen" und nach Vollendung seiner Expedition nach Arabien zurückkehren. Ueber London wird gemeldet, daß bereit» mehrere Offiziere Wißmann« in San- sibar eingetroffen sind.

• Weimar, 18. Febr. Die bei der heute er­folgten Eröffnung de« Landtage« verlesene Thron­rede betont die trotz Aufhebung der Chaussee­geldereinnahme auf den Staat«- und Gemeinde­straßen eingetretene günstige finanzielle Lage in» Großherzogthum», welche eine ganz erhebliche Er­leichterung der Schullasten möglich machen werde. versahen, hatte er fich verlobt. Und war seine Braut auch nicht so schön wie Billa, so war sie doch schatzreich und einen lustigeren Bräutigam al» Klau» konnte man sich nicht denken.

„So lange der alte Müller lebte, ging Alle« wie am Schnürchen auf der Mühle. Nörken nähte fleißig an ihrer Aussteuer und der Alte hielt kurz nacheinander seine beiden Enkel über die Tause. Er theilte den eigenen Vornamen Johannes Bap­tist zwischen den beiden Kindern, so daß dem Mül­ler sein Söhnchen Johanne» und dem Krugwirth seine« Baptist gerufen wurde.

Dann bekamen wir hier da« Nervenftekec im Dorfe; der alte Müller und seine junge Hausfrau folgten sich in ein paar Tagen nach dem Kirchhof, und der jungen Müllerin war die erotge Ruhe wohl zu gönnen. Denn jetzt erst zeigte sich, welch' eine heimtückische Natur der Klau« eigentlich war, der von Vergeben und Vergassen gegen seinen leiblichen Bruder im Innern nicht» wußte. Gleich nach dem Tode de» Alten ging da» Prozessen los. Wa» so eine Landschänke aufbringt, ist nicht von Belang. Der Krugwirth hatte seinen Wohlstand nur feinen fetten Wiesen und Weiden zu verdan­ken, von denen er ganze, hochausgethürmte Leiter­wagen voll Grummet und Heu nach der Umgegend