1889
Samstag, dm 16. Februar
Minz
Man
Erstes Blatt.
Aphorismen
zu Janssens Geschichtswerk.*)
H München, 14. Februar.
Von dem großen Janssen'schen Geschichtswerk: I Geschichte be« deutschen Volke« seit dem Ausgange des Mittelalter» ist vor Kurzem der 6. Band erschienen. Es find gewissermaßen Aktenbände eines großen Revisions-Prozesses, welchen der erste katholische Historiker unserer Zeit gegen die herkömmliche Auffassung des Rfformations-Zeitatters angestrengt hat. Janffcns Werk ist geradezu eine Macht, man muß in der Geschichte der Literatur weitzurückgehen, um etwa» Aehnliche» zu finden. Da» I Erscheinen eine» neuen Bande» von Janffen» Geschichte gilt nach dem Bekenntniffe eine» protestantischen Blattes als ein großes Ereigniß nicht nur auf katholischer, sondern auch auf protestantischer Seite. Die bi» jetzt erschienenen 6 Bände haben alle bereits ihre 12—14 Auflage. Eine solche Verbreitung eine» ernstwiffenschastlichen Werke» war bisher in Deutschland äußerst selten zu ver- zeichnen. Janffens Werk brach und bricht fich Bahn in Kreise, die bisher allen und auch den bedeutendsten Eczeugniffen katholischer Literatur vollständig verschloffen waren. Janffens Geschichte des deutschen Volkes bildet die glänzendste historische Verthridigung de« Katholizismus. Was Janffen auszeichnet, das ist seine lichtvolle Darstellung, der -:0 einfacheSril, die Sicherheit der Zeichnung, die ruhige Objektivität und der den Meister kennzeichnende Ton. Getreu seiner Methode, vorweg die Quellen selbst reden zu laffen, zieht Janffen selten Schlüffe allgemeiner Natur. Seine persönliche Auffaffung tritt ungleich deutlicher als im Hauptwerke in seinen beiden meisterhaften Abwehrschriften: „An meine Kritiker" hervor. Jetzt erst an der Schwelle der entsetzlichen Katastrophe, welche für Deutschland den Abschluß de» Reformations-Zeitalter» bildet, beim Ausbruch des 30 jährigen Krieges, der Deutschland in seiner kulturellen Entwicklung für Jahrhunderte zurückwarf, zieht Janffen das Facit, schildert er die trauerigen Folgen der Reformation für das geistige Leben der deutschen Nation. Jetzt, wo das epochemachende Werk von Janffen bi« zu [ diesem wichtigen Abschnitte gediehen ist, dürste es zugleich anzsigt sein, Rück- und Umschau zu halten darüber, welchen Umschwung da« Werk in der herkömmlichen Auffassung de« ReformationS-Zett- alters herbeigeführt hat und zugleich in kurzen Zügen eine Darstellung der Entstehung dieses Werkes zu geben, welches für die Gefchichtsforschung und Geschichtsdarstellung eine vollständig neue Epoche eingeleitet hat.
Der Geist der R-formatton, aus den furchtbaren Kämpfen des 30 jährigen Krieges fiegreich hervor» gegangen, hatte in seiner Ausbreitung über Deutsch» land allen Kulturgebieten sein Gepräge aufgedrückt, der Philosophie, der Jurisprudenz, der Staats- Wissenschaft und Pädagogik, vor Allem aber der Darstellung der Geschichte vor der Reformattons» zeit. Je näher die Geschichte unsere» deutschen Volke« dem Ausgange de« Mittelalter« kommt, in desto tieferes Dunkel hatte die protestantische Ge- schichtsdarstellung da» kulturelle Leben unseres Volkes gehüllt. Vor der Reformation war nach dieser Darstellung nur Rohett und Barbarei. Das katholische Mittelalter galt für eine rohe, barbarische und finstere Zeit. Und trotzdem die unverfälschten Bilder ihrer Zett, die objektivsten ,,Geschichtequellen," nämlich die mittelalterlichen Dome und Kathedralen, unsere alten Rath- und
*) Nachdruck nicht gestattet.
Bürgerhäuser 3 Jahrhunderte hindurch gegen diese I Geschichtsfälschung protestirten, so beredt und gewaltig verkündeten, war für Zeiten, wa» für Menschen damals gewesen, wie der beredteste Mund eS nur jemals vermocht hätte, — trotzdem blieb die groß- Masse de» Volkes unter dem Banne der Phrase. I
Und nicht wieder einseitig war die protestantische Geschichtsschreibung in der Darstellung de» Ursprung» der Reformation, der Gründe ihrer Ausbreitung und ihrer unmittelbaren Wirkungen. I Der zuletzt genannte Punkt namentlich wurde allzeit in das glänzendste Licht gestellt.
Im Besitz aller äußeren Hilfsmittel — von den fast ausschließlich mit Protestanten besetzten Lehrstühlen der Geschichte an den deutschen Universitäten bi» herab zu der großen Masse von populären Werken — ward und wird die protestantische Geschichtsanschauung in den weiten Kreis der Ge» bildeten getragen. Dennoch errang die katholische Geschichtsauffassung der Reformation in den letzten Jahrzehnten einen stetig fortschreitenden Sieg, wenn auch nach schweren Kämpfen. Die nämliche Kritik, welche jetzt an Janssen von Setten seiner Gegner geübt wird, widerfuhr vor beiläufig 50 Jahren dem königlich preußischen Konsistorialrath und Schulrath Carl Ad olph Menzel, als er seine „Neuere Geschichte der Deutschen seit der Refor- mation" herausgegeben hatte. Diesem Manne, der selbst Protestant war, und fich durch frühere Werke bereit» al» tüchtiger Historiker bewährt hatte, konnte unmöglich von protestantischer Seite | Voreingenommenheit gegen die sogen. Reformation, Unfähigkeit, diese „große Bewegung" und insbesondere ihren Urheber Luther zu verstehen, vorgeworfen werden, wie da« jetzt Janffen gegenüber von Seiten seiner Kritikrr geschehen ist. Aber Carl Avals Menzel batte fich bestrebt, wie er in der Vorrede zu der 1854 in Breslau erschienenen zweiten Auflage seines Werke« anführt, (wir i bedienen uns feiner eigenen Worte) „der älteren Kirche Gerechtigkeit widerfahren, beide Parteien zu Worte kommen und Luther nicht immer im Recht, feine Gegner nicht immer im Unrecht erscheinen zu laffen." Das genügte, um dem Autor wie er selbst mittheilt, die Anschuldigung zuzuziehen l „Der Zweck seines Bucher sei, die evangelische Kirche herabzusetzen, e» sei im Dienste katholischer Interessen geschrieben" u. s. w. — eine Insinuation, die, wie Menzel angibt, „einer Anklage gleichkam und seine Stellung gefährden konnte, dem Buche aber auch den Eingang in die» | jenigen Kreise verschloß, auf welche die Stichwörter Jesuit und Finsterling wie elektrische Schläge
I wirken.
Ein weiterer Fortschritt von Objektivität und Unbefangenheit in Beurtheilung katholischer Ver» hältniffe und Persönlichkeiten war zu verzeichnen, al» im Jahre 1834 der protestantische Geschichtsforscher Leopold von Ranke mit seinem Werke: „Deutsche Geschichte im Z-italter der Reformatiou" hervorttat, wenn auch im Weseutlichen da» frühere Urtheil bestehen blieb. Auf diese» Werk, deffen nunmehr verstorbener Autor in seiner langjährigen Stellung al» Professor der Geschichte an der Universität zu Berlin eine große Anzahl Schüler heran- gebildet hat, schwört bi« zum heutigen Tage die Mehrzahl der gebildeteu Protestanten. Die große Masse schöpft ihre Geschichtranschauungen au« populären Werken, die im Verein 'mit den Gefchicht«büchern für die protestantische Jugend die alten Vorur- thelle und Anschauungen wie eine Krankheit fort» schleppen. Vor allem haben unsere Klasstker, namentlich der poetisch« Historiker Schiller, nicht w-niz dazu beigetragen, die falsche Geschichtsauffassung I unter da« Volk zu bringen und zu befestigen.
Dadurch, daß die klassische Literatur der Neuzeit die Poesie in die Geschichtsdarstellung hineinwob, hat ste fast keine einzige Figur, welche historisch richtig gezeichnet ist. Ungefähr gleichzeitig mit Ranke begann auch der katholische Historiker Pw- fessor Döllinger in München genauere Erforschung des Reformationszeitalter» und da» Re» sultat dieser Studien war sein dreibändige« Werk: Die Reformation, ihre innere Entwicklung und ihre Wirkungen im Umfange de» Lutherischen Bekenntnisse«. Regensburg 1846 und 1848. Diese» Werk kann man gewissermassen al» den Vorläufer de» 2. u. 3. Bande» de» Janssen'schen Geschicht«» werke» betrachten. Die Pubklikationen au» Archiven und die D-tailforschungen über die Periode der Reformation sind seitdem zu einer kaum übersehbaren Literatur angewachsen. Manche Punkte waren geklärt, die herrschende Anschauung über die Reformationsperiode war in Fachkreisen durchbrochen; es gatt nun, au» den zahllosen Detail- forschungen, Monographien, publizirten Dokumenten und dem bisher noch unbenutzten handschrrflltchen Material und insbesondere aus den zahlreichen Schriften der Reformationszeit selbst ein Gesammt- bild zu gestalten und somit dem alten Bilde ein neues Bild gegenüber zu stellen.
Diese» große, unsägliche Arbeiten und Mühen bedingende Ziel erreicht zu haben, ist da» eminente Verdienst von Janssen. Auf den reichen Inhalt seines Werkes, welche» für die deutsche Geschichtsschreibung geradezu eine neue Epoche herbeigeführt hat näher einzugeheu, würi e den Zweck und den Raum dieser Arbeit überschreiten, würde auch immerhin nur da« Hinausreißen eines Bausteines aus einem kunstvoll konstruirteu Bau sein. Janffen redet selbst mit eigenen Worten wenig, reflektirt und folgert nur selten; er läßt die historischen Persönlichkeiten oder die unmittelbaren Zeugen der Ereignisse zu un» sprechen, wie sie au« ihren eigenen Worten hervortreteu, seine Geschrchtsdar- stellung ist eine Vereinigung des epischen und dramatischen Geistes. Eine längst verschwundene Zeit scheint zum zweiten Mal vor un» zu leben; die Periode der Reformation zieht mit ihren Personen und Handlungen ,iu so lebendiger Frische vor unseren Augen vorüber, daß man ste nicht mit dem Fernblick de» Historiker», fonbern mit der Schärfe de» Augenzeugen zu überblicken glaubt. Da» der Reformation vorhergehende Jahrhundert zeigt un« nach Janssens Schilderung «ine große I Glaubenstiefe des Volke«, eine Blüthe von Wissenschaft und Kunst, einen Bildungsdrang, den dre Gründung von höheru und niederen Schulen be- kündet. Die neu erfundene Buchdruckerkunst rief eine Blüthe der Literatur hervor, Architektur, Plastik und Malerei, Holzschnitt und Kupferstich, Musik, Poesie und Prosa fanden eine herrliche Entfaltung. Und auf gleicher Stufe derüthe stand die Volkswirthfchast, das landw r hfchaftttche wie gewerbliche Leben. Die wrrthfchaftliche Selbstständigkeit der verschiedenen Gewerbetreibenden oei- sckaffte dem ganzen Handwerkerstände in allen Schichten eine große Wohlhabenheit uni' dadurch Bildung und Macht. Und was die Zünstefür den Handwerkerstand, da» waren die Gilden oder Hansen für den Kaufmannsstand. Dre gemeine deutsche Hansa erreichte als Handelsmacht ihre höchste Blüthe im 15. Jahrhundert; ihr Handels- gebiet erstreckte sich damals beinahe über ganz Europa. Keineswegs war auch die kirchliche Kar- I ruptiott eine so allgemeine und tiefgreifende, daß das Vorgehen Luther« dadurch gerechifertigt er- scheinen konnte. Janssen ist weit davon entfernt, die tiefen Schäden zu verbergen, welche Üppigkeit und Ungebundenheit in dem strichen I Leben be« Volkes wie in dem fast ausfchlußlich
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