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36 Mittwoch, den 13. Februar. 1889

fidbner W 3tilini®.

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Deutsches Reich.

Berlin. 12. Februar.

* Unter der Ueberschrist „Merkwürdige Vorgänge" bringt die .Kölnische Volkszeitung' einen Berliner Korrespondenzartikel, wonach hoch­gestellte Kreise sich den Anschein geben, zu glauben, eine Umbildung des Centrum» zu einer gou- vernemental - katholischen Partei, einer vierten Art Kartellpartet, werde sich nunmehr bald voll­ziehen. Ein freikonservativer schlesischer Magnat meine, noch in dieser St ffion werde die Katastrophe innerhalb de» Centrum» eintreten. Die thatsäch- liche Unterlage dieser Voraursage sei gänzlich unbekannt, nicht verborgen bleibe aber, daß Ver­suchungen in der angedeuteten Richtung an einzelne Mitglieder der Centrumsfraklion neuerdings auf­dringlicher herangetreten seien. Falls solche offen hervortreten sollten, würden die mittelparteilichen Anwandlungen sofort nachdrücklichst zurück­gewiesen werden. Das Centrum könne nur eine unabhängige Volkrpartei sein. Be­stimmt verlaute, die entscheidende Stelle der Reichr- regierung stehe bi« jetzt dem Centrumsantrage wegen Ausdehnung der Kongoakte auf die west- afrikanischen Reichsbefitzungen ablehnend gegen­über. Die Stellungnahme der Regierung in dieser Frage sei eine Entscheidung von ernster Bedeutung.

* Von der.Märkischen Volkszeitung', welche vor einigen Tagen in der ,Köln. Ztg.' als Hcffnungrstrahl in der Nacht der CentrumSpuffe begrüßt wurde, liegen jetzt einige Nummern vor. Nach denselben ist e« ein Räthsel, wie die ,Köl. Ztg.' dazu gekommen ist, da» Blatt in einen Gegensatz zur CentrumSpreffe zu stellen. In einem ersten Artikel über „Zweck und Standpunkt" heißt c»: „Wenn e» der unterzeichnete Heraus­geber unternimmt, für Berlin, die Provinz Bran­denburg und darüber hinaus eine katholische Zeitung zu gründen, so geschieht dieses nicht in der Absicht, den hier am Orte schon bestehen­den katholischen Organen, der,Germania', dem .Märkischen Kirchenblatte' oder dem .Schwarzen Blatte' irgend welche Konkurrenz zu machen, son- dein nur um den Katholeken im Delegatur-Bezirke und besonders den weniger Bemittelten für ge­ringes Geld eine Lektüre zu bieten, welche die katholischen Anschauungen über alle Angelegen­heiten und Voikommniffe auf kirchlichem und staatlichem Gebiete zum Ausdruck bringt. Die

Herr« Bakntin Knishnbtt's §rutfahrt.

Von Wilhelm Porte.

In einer menschenfeindlichen Dezembernacht, da ein trostloses Gemisch von Schnee und Regen un­aufhörlich herabrieselte und der flackernde Schein der Gaslaternen die spärlichen Fußgänger neckte und äffte, daß sie, um eine Pfütze zu vermeiden, sicherlich in eine noch schmutzigere patschten, saß der königliche Postosfizial Herr Valentin Kreishuber als letzter Gast in der Restauration, wo er sein Abendbrot, und nach demselben sein gemessenes Quantum Bier einzunehmen pflegte. Es war heute viel später geworden, al» gewöhnlich: da» abscheu­liche Wetter, die vorempfundene Unbehaglichkeit, die zu Hause seiner wartete, hatten ihn so lange in dem warmen, freundlich erleuchteten Raume ftstgehalten. Dabei war er allmählich so tief in allerlei Denken und Sinnen verfallen, daß er ee gar nicht bemerkte, wie e» um ihn her immer leerer ward, und er nun ganz allein dasaß. Viel­leicht hätte er da» auch jetzt noch nicht gewahrt, hätten nicht die Kellner, indem sie a> fingen, die

vorgenannten Organe entsprechen dem in Berlin von Seiten der Katholiken allgemein empfundenen Bedürfniffe nach einer katholischen Zeitung nicht. Unbeirrt durch die Verschiedenartigkeit der poli­tischen Gesinnung unter den hiesigen Katholiken, wird sich unser Blatt auf den Standpunkt de» Centrum» stellen und die Bestrebungen dieser bewährten Volkspartei nach Kräften zu sördern suchen. Den verleumderischen Schmäh- und Hetz­reden einer gegnerischen Presse wollen wir damit begegnen, daß wir in aller Ruhe, ohne jede Er­bitterung da«, was zur Feststellung der Wahrheit dient, hervorheben, im Uebrigen aber alle Hetzereien, welcher Art sie auch sein mögen, unberücksichtigt lassen." Wir wüßten nicht, wa« daran einem kulturkämpfertschen Blatte gefallen könnte. An anderer Stelle lesen wir in einem weiteren Artikel „zur Beleuchtung unseres Standpunkte«":

Was ist nun katholische Presse? Gerade die laue Preffe ist eine der größten Gefahren für den katholischen Geist; findet fie Eingang, so wird unser deutscher Katholizismus trotz den Triumphen, welche er in den letzten Jahren errungen, bald von seiner Höhe herabstnken; dann ist der Boden für einen neuen Kultur­kampf, nach dem jetzt schon zahlreiche Gegner und falsche Freunde sich sehnen, bereitet. Festigkeit und Entschiedenheit fordert unsere Zeit; sie fordert es in jedem Wirkungs­kreise. in jeder Lebensstellung, sie fordrt es in allererster Reihe von denjenigen, welche wahre Katholiken sein und der Fahne des Centrums folgen wolle«. Ein „auch katholisch" oder „nicht katholikenfkindlich" sein wollendes Blatt taugt nicht» und muß aus dem katho­lischen Hause beseitigt werden, wenn es im politischen Theile das Wort „Centrum- scheut und die tief ein­schneidenden Verhältnisse m Kirche und Schule und andere wichtige Begebenheiten im öffentlichen katholischen Leben mit wenigen inhaltlosen Zeilen abzuthun für gut findet, wenn es ferner seine eigene Ueberzeugung nicht auszu­sprechen wagt, wenn es bei bevorstehenden Wahlen nicht unter die Fahne des Centrums sich stellt, nicht den Muth findet, seinen Lesern zu sagen, daß ein katholischer Mann nur im Sinne desCentrums wählen dürfe. Kann ein Blatt diese Probe nicht bestehen, dann ist es eines katholischen Hauses unwürdig, dann hinaus damit."

Daß die .Köln. Ztg.' aus einer solchen Blume Honig saugt, könnte fast zur Vermuthung verleiten, über Entstehung und Hintermänner der ,Märk. Volksztg.' seien ihr Dinge bekannt, welche diese selbst zu verschweigen für gut befindet. Wir neh­men da« einstweilen nicht an.

Stühle auf die Tische zu stellen, ihm in zarter Weise angedeutet, e« sei nun Zeit, stch zu verziehen.

Herr Valentin Kreishuber — man wird es wohl errathen haben — war Junggeselle und stand bereits in den Vierzigern. Seine Bekannten hatten e» bereit« aufgegeben, ihn mit den üblichen Sticheleien zu zwacken und aufzuziehen; und als fie solches noch betrieben, da ahnte Keiner, wes­halb denn eigentlich Valentin den sanften Fesseln Hymens so beharrlich auswich: einer jüngeren Schwester zu Lieb. Diese sührte ihm nach der Mutter Tod den Haushalt, zu seiner vollsten Zu­friedenheit. Einmal, in längst verklungenen Tagen, war ihm der bogenbewehrte Amor bedenklich auf den Leib gerückt. Allein da die Auserwählte fich nur wenig freundlich erwies gegen feine Schwester und die spottende Zunge nirgends zügeln mochte, auch keinen Zweifel ließ, sie werde da« alternde Mädchen, das ganz auf des Bruder« Unterstützung angewiesen war, nicht neben fich im Hause duldn, so war Valentin'» Gesinnung gegen die junge Schöne rasch erkaltet, und er hatte dieser Ange­legenheit ein Ende gemacht. Die« Verfahren zeugte aber um so mehr von liebenswürdiger, ja hoch­herziger Rücksichtnahme auf Zephirine, als diese,

* Professor Geffcken fiedelt nach der Schweiz über. Der Angabe, daß das Entmündigungs­verfahren gegen ihn eingestellt fei, wird wider­sprochen.

• Im Abgeordnetenhause machte Präsi­dent v. Köller Mfttheilung von einem Schreiben de» österreichischen Botschafter«, worin dieser im Auftrage seine« Souverän« dem Hause den Dank für die anläßlich des Ablebens de» Kronprinzen Rudolph ausgedrückte Theilnahme übermittelt. Die Vorlage betreffend die Erhöhung der Krondodation wurde in dritter Lesung definitiv gegen die be­kannte deutschfreistnnige Minderheit angenommen. Dann wurde die zweite Berathung des Staats­haushalt» fortgesetzt. Beim @tat des Handels­ministeriums wurden verschiedene Wünsche in Bezug auf Förderung des gewerblichen Unterrichtswesens der Handwerkerschulen, der Baugewerkschulen, des Haushaltungsunterrichts u. s. w. laut. Beim Justizetat wurde vom RegterungLtische au» mit- getheilt, daß Gesetzentwürfe betr. die Regelung de» Notariat« und die Festsetzung der Kosten der freiwilligen Gericht»barkeit ausgearbeitet seien. Dann brachte Abg. Hermes (freis.) die G> ffcken- Angelegenheit zur Sprache. Au» der Veröffent­lichung der .Köln. Ztg.' über den Inhalt der beschlagnahmten Briefe schloß er auf einen Miß­brauch de» Amtsgeheimnisse«. Justizmintster Dr. v. Schelling meinte, Redner solle fich mit dieser Beschwerde an die zuständige Behörde wenden. Abg. Munckel (freis.) hob hervor, der Bruch der Amtsverschwiegenheit müsse von einem Beamten de» Reichsjustizamt» ausgegangen sein und deshalb hätte der damalige Staatssekretär, jetzige Justiz Minister, einschreiten müssen. Der Gehalt für den Unterstaatssekretär wurde darauf in der bisherigen Höhe 15,000 anstatt der geforderten 20,000 Mark bewilligt. Die geforderte Gehaltserhöhung für 13 Staatsanwälte bei den Oberlandesgerichten wurde abgelehnt, dagegen eine Funktionszulage für dieselben bewilligt. Nächste Sitzung Donnerstag: Wahl des Präfidium, Etat.

* Die Matrikularbetträge für 1887/90 bez ffern sich nach der dritten Lesung de« Etat« 218,748,000M., b. h. auf 627,000M. weni­ger als für das Vorjahr. Davon kommen auf Preußen 128.588,000 M., auf Bayern 28,208,000 Mark, auf Sachfen 14,443 000 M., Württemberg 10.309,000 M., Baden 7,396,000 M., H.ssen 4,344,765 M., Mecklenburg-Schwerin 2,611,000

schon seit ihrem achtzehnten Jahre einem braven, aber mittellosen Manne verlobt, dem Bruder nie­mals verhehlt hatte, sie werde dem Ruse ihres Getreuen folgen, sobald er an fie ergehe, und Valentin allein in der Stadt zurückloffen, an welche tr durch seine Anstellung gebunden war. Und diese« war vor einigen Monaten eingetreten. Valentin hatte hieraus die Sorge für feine Be­quemlichkeit einer Haushälterin anvertraut; die schien aber ihre Aufgabe dahin zu fassen, daß ee gelte, das Haus gegen ihn und ihn au» demselben zu halten. Sie kochte fleißig ihre Lieblingigerichte, kaum aber einmal die seinen. Sie zankre mit ihm, kam er zu spät zum Mittagessen, wa« sich doch bei seinem Dienste gar nicht immer vermeiden ließ. Sie war gekränkt, und zwar laut vernehmlich ge­kränkt, wenn er in'« Theater ging, ohne ihr gleichfall« einen Parketsitz zu verschaffen. Und al» er einmal ein paar Freunde ohne ihr Vorwiffm zu einem Braten und einer Flasche Wein gebeten hatte, da führte fie fich geradezu schrecklich auf; daher er fich denn kurz entschloß und ihr ein vol­le» Halbjahr vorausvezahlte, nur damit fie unver- säumt da» Feld räume. Durch diese eine Erfah­rung gew tztgt und entmuthtgt, that er fich al»