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1889

Montag, den 11. Februar.'

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Z An der Pforte der Kapuziner­gruft zu Wie«.*) g .... <-

Die Katastrophe der 30. Januar» ist ein ge­waltige» Mene tekel upharsin für die heutige Welt. Sie bebt und zittert wie die Höflinge zu Babylon, al» diese Worte in Flammenschrist an bett Wänden de» Königspalastes erschienen und mit fahlen Lippen die Bedeutung der Worte zu enträthseln suchten.

Die eiserne Pforte der Gruft der Kapuziner zu Wien hat fich wieder zugeschlossen, aber die Welt hält noch immer ihre Blicke daran geheftet. Bis jetzt horchte fie neugierig auf die Erzählung der seltsamen Dinge, die stch ereigneten, ste wurde nur theilweise befriedigt. Nun frägt fie, wie das kam und was da kommen wird.

Wir haben in den letzten Jahren in erschüttern­der Weise bewahrheitet gefunven, daß da» Unglück »or den Thronen nicht zurückschrecke. In Bayern vollzog fich ein Drama, unsäglich traurig, der be- jammernswerthe Untergang Königs Ludwig II. In einem einzigen Jahre nahm der Tod zwei Kaisern dc» Deutschen Reiche», Königen von Preußen, die strahlende Krone ab. Den Einen löste er milde von der Bürde de» Alter», während er Friedrich III. alle Qualen und Foltern ans« erlegte, dort der sanfte Freund, hier der grause Würger. Wir glaubten, keinem Reiche könne Prüf­ung von größerer Bitterniß auferlegt werden. Aber Gotte» Fügung hatte ander» bestimmt. Al» die Sonne de» neunundzwanzigsten Januar» von der Erde schied, da ahnte Niemand, welchen Jammer fie am nächsten Tage bescheinen werde. Keine Seele der Welt war auf eine Ueberrasch- ung gefaßt; ruhig, still glitt die Politik dahin. Man hatte zwar einige Tage zuvor den Sieg Boulanger'« in Pari» gesehen ; aber die Capriolen unserer leicht beweglichen franzöfischen Nachbarn pflegt die Welt nicht ernst zu nehmen, am aller­wenigsten empfindet fie dabet Besorgniß oder Angst. Da mitten in der Stille der Schuß von Meyerling!

Ein kleines winzige« Geschoß nur und dennoch dröhnt es wie Donnerschall durch die ganze Welt und noch immer zittert das Echo nach.

Oesterreich-Ungarns Kronprinz, der Erbs von Habsburgs Namen, Habsburgs Äronen, lag er­schossen auf seinem Lager. So hat stch denn wie-

*) Nachdruck nicht gestattet.

Mcmeire« tittts HMaispielers.

Bon A. Junkermann.

Der so beliebte Reuter-Interpret hat unter obigem Titel im Verlage des .Süddeutschen Ver­lags-Instituts^ (vormals Emil Hänselmann) in Stuttgart mit köstlichem Humor gewürzte Erinner­ungen au» seinem Leben erscheinen lassen. Junker­mann wollte zuerst Artillerie-Offizier werden, kam aber dann auf der Gilegenheitrbühne seiner Bat­terie zur Erkenntniß seine« schauspielerischen Be­rus». Er quittirte den Dienst und mußte nach einem verunglückten Debüt in Trier einige Zeit mit dem bittersten Schauspieler-Elende ringen, di» seine Leistungen endlich durchschlugen und seinen Ruf begründeten. Al» Probe Junkermann'schen Humor» theilen wir nachfolgende köstliche „Zwi­schenfälle" au» seiner Zeit al» Kölner und später Weseler Bombardier mtt:

„In solchem Aerger stand ich einmal auf einer Kölner Bastion in kalter Wiuternacht auf Posten. Da» Faschinenmeffer hatte ich gezogen, Fausthand­schuhe und Ohrenklappen zierten meine Extremi­täten, ich ging, „starrend vor Frost", auf und ab, der Schnee quietschte unter meinen eifigen

der um eine Ziffer die Reihe jener vielen Fürsten gemehrt, welchen ihre Höhe den Tod durch Mör­derhand brachte? Nein, nein! So war e» ein Ver- hängniß, ein fürchterlicher Ungefähr, welche« fern Leben zerstörte? Wieder nein, nein! Die eigene Hand war e», welche sein Dasein zernichtete. Noch niemals hat es die Geschichte gehört, nun ist es Ereigniß geworden.

Man vermag e» im ersten Augenblick nicht zu glauben und bereites Gehör fanden jene, welche im thörichten Uebereifer einen natürlichen Hingang melden wollen. Die Zweifel find zu verständlich, denn in jede» Menschen Brust liegt das Urtheil bereit: er hatte kein Recht eigenmächtig das ge- heimnißvolle Band zwischen Leden und Tod zu lösen. Ihn forderte fein Reich, seine Völker, ihn forderte der Ruhm und Glanz seines vielhundert- . jährigen Geschlechte«, die Siebe seiner Eltern, die heilige Pflicht gegen seine Familie, seine Gattin und sein herziges Kind. Sie alle, alle befahlen ihm zu leben. Religion und Vernunft fchleudern gleichmäßig ihre Verdammungsurtheile gegen solche That. Nur eines konnte fie daran hindern und es geschah: e» war der Spruch der Aerzte, welche uns verkündeten, daß wir nicht zu richten, sondern zu bemitleiden hätten, daß des Wahnsinns finstere Schatten das Licht der Seele verhüllten, .ihr Dunkel hatte den schrecklichen Sturz verur- sacht. Ihr Ausspruch wurde nicht bezweifelt. Er gibt auch die einzige Erklärung, denn Niemand, der im Besitze seiner geistigen Kräfte war, konnte solch' Ungeheuerlicher verrichten.

Aber die Faffung ihre» Spruche» gibt nur Ver­gebung für die letzten Tage. Mit schmerzlichem Staunen vernimmt man die Bestätigung, daß da» Glück seiner Ehe ein getrübte» war, daß er an Lösung derselben dachte. Wir sehen, wie die Giftkranken der durch die Revolution gezeitigten Ideen mit ihren todtbringenden Zweigen di» zu den Thronen hinaufschleichen. Der Wahlspruch der Revolution ist „Ni Dien, ni maltre* (Weder Gott noch Herr). Mit diesem Wahlspruche ist die Zerstörung unseres gesellschaft­lichen Gebäudes ausgesprochen. Soll dieses stür­zen, so muß an den Grundsteinen gerüttelt wer­den, an der Familie; ist es gelungen, diesen Stein aus dem Gefüge zu bringen, dann wird der ganze Bau nur zu bald in's Wanken gerathrn. Die­der diabolische Zweck, als die Revolution die Ehe ihres sakramentalen Charakter» entkleidete, fie zum

Füßen — als ich plötzlich den Offizier der Ronde in der Person des Herrn Lieutenants Cä>ar her­ankommen sah! Der Lieutenant Cäsar war nicht sehr beliebt bei der Batterie — er drillte seine Untergebenen und war der reine Meldebruder. Melden und anzeigen war fein höchste»! Frost und Unmuth, zweistündige» Nachdenken über meine traurige Lage hatten mich al» zwecklosen Posten auf der Bastion ohnehin in gerade nicht rosige Stimmung versetzt, al» der Offiziere der Ronde in ächtem Lieutenantstone mich anredete: „Kennst du auch deine Instruktionen und weißt du, was du auf diesen Posten hter zu thun hast?" Mich verdroß das „du" noch mehr. Ich schwieg. In Wahrheit wußte ich'« nicht, denn in der Wach- instruktion war nicht« vorgesehen, Niemand wußte e«, und ich glaube, der Lieutenant Cäsar wußte es auch nicht. Es gibt solche Posten, auf denen man die obige Frage nicht zu beantworten ver­mag. Schnarrend wiederholte er auf mein Schwei­gen seine Frage, nur mit einem kleinen Zusatze, indem er sagte: „Esel, warum stehst du hter auf Posten?" Mein Zorn wuchs mit dem Esel. Sagen darf so ein Lieutenant Alle« — der Kanonier darf» blo» denken. Ich dachte mir alfo, wenn

Miethkrontrakte herabwürdigte, Bande trennbar, leicht löslich erklärte, welche die Kirche bi» zum Tode geltenb bestimmt. Der Pesthauch der fitt- licheu Verderbniß de» französischen Hofe« war die Atmosphäre, in welcher die Keime der großen Re- volution sich entwickelten. Diese grauenhafte Lehre der Geschichte, welche gerade jetzt daMentenarium der Revolutton besonders lebhaft in’« Gedächtniß ruft, darf nicht vergessen werden. Da» Volk, wir wiederholen e», will auf den Thronen die Tugen­den verzehnfacht sehen. Die Liberalen Oesterreich» haben den Kronprinzen mit besonderem Stolze den Ihren genannt. Wir aceepttren e», aber es über­bürdet ihnen eine ungeheuere Verantwortung. Er hat zu viel von ihren Ideen in fich ausgenommen. „Wer die Jugend befitzt, hat die Zukunst", so dachte da» seinerseitige liberale Ministerium, al» e« der „Konstitution entsprechend" den Wechsel seiner Erzieher durchzusetzen wußte. Die Schrift­steller, welche ihn umgeben, hüllten ihn in eine Wolke von Weihrauch. Sein kaiserlicher Vater war über die Fehler de» Sohne« keineswegs im Unklaren; ?er hoffte eine günstige Rückwirkung zu üben, indem er feiner Thätigkett ein reiches Feld auf militärischem Geriete eröffnete, aber es war zu spät. Die „liberale", „aufgeklärte" Umgebung des Kronprinzen ist die zuständige Beantworterin der Frage: Wie das kam?

Was da kommen wird? so lautete die zweite. Die Antwott kann nur in Wünschen und in Ver- muthungen bestehen. Oesterreich-Ungarn und die ganze Welt verbündet fich in dem Wunsche, möge es Gott gefallen, den regierenden Kaiser Franz Joseph zum Heile seiner Völker noch viele, viele Jahre Scepter und Krone de« Reiche» zu belaffen. E» ist eine naturgemäße Folge des zwischen dem Kaiser und dem nächsten Agnaten, seinem Bruder dem Erherzoge Karl Ludwig, bestehenden gering­fügigen Altersunterschiede», daß bei der Besprechung der möglichen Thronfolge die Söhne de» Letzteren in'» Auge gefaßt find. Da» Leben de» älteren, de» Erzherzog» Franz Ferdinand, blieb bi» jetzt ziemlich unbekannt, man könnte sagen: er ist für Kombinationen ein unbeschriebene» Buch; sein Bruder, Erzherzog Otto, wird al» begabt geschil­dert, hat aber durch einige unliebsame Lorkomm« niffe Veranlassnng gegeben, daß auf der Tribüne de» Parlamente« zu Wien eine herbe Kritik der­selben geübt wurde. Man schildert ihn al» einen klugen, empfänqlichen Prinzen; er wird gewiß nicht

er mich für einen Esel hält, kannst du ja auch eselhaft antworten, und erwiderte denn so recht dummdreist: „Um den Herren Lieutenant» die Honneur» zu machen!"

„Ochse von einem Bauernlümmel I" brummte er vor fich hin und hob den Schleppsäbel auf, mir ein» damit überzuziehen; aber der Gedanke, daß so'n Bauernlümmel auch dadurch nicht ge- scheidter würde, ließ ihn davon abstehen.

Der Lieutenant Cäsar verschwand, die Ablösung kam und löste mich ab. Auf der Wachtstube, die gewöhnlich zwischen 20—25 Grad Hitze aufzu­weisen hat, um die erstarrten Glieder der abge­lösten Posten zu erwärmen, erkundigte er fich bei dem Bombardier, was der Posten auf der Bastion für einen Zweck, war er zu bewachen, zu beobach­ten habe. Der Bombardier wußte es auch nicht. Ob der Lieutenant Cäsar meine Dummheit höhe­ren Orts gemeldet hat, ich weiß es nicht, aber vielleicht ist die Frage näher erörtert worden, warum der Posten dort steht. Andere haben auch keine Antwott geben können, kurz, der Posten wurde bald darauf eingestellt und unsere Battette hatte einen Nachtdienst weniger zu verttchten.

Bald darauf wurde ich zum Bombardier be«