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JV 33

1889

Samstag, den 9. Februar.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psennig.

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Zweites Blatt.

* Die künftige Laufbahn des Ein­jährig-Freiwilligen.

Die neue Heeresordnung, welche in der kaiser­lichen Einführung«ordre ausdrücklich als „militä­rische Ergänzung" der Wehrordnung dezeichnet wird, hat bemerkenswerthe Aenderungcn in Bezug auf die Heranbildung derjenigen Einjährig-Frei­willigen gebracht, welche die Befähigung zum Re­serveoffizier bezw. Unteroffizier erwerben wollen. Zukünftig gestaltet sich die militärische Laufbahn des Einjährig-Freiwilligen wie folgt:

Die Einjahrig-Freiwilligen aller Waffen sind, soweit sie sich durch ihre allgemeine Bildung, ihre militärische Veranlagung und ihren Diensteifer hierzu eignen, zu Offizieren der Reserve und Landwehr auszubilden. Sie werden zu diesem Zw-cke — neben ihrer Ausbildung in der Kompagnie, Eskadron oder Batterie — durch hierzu kommandirte, besonders befähigte Offiziere spätestens vom Beginn des vierten Monats ihrer Dienstzeit an praktisch und theoretisch unterwiesen. Im Verlaufe ihres Dienst­jahres sind sie mit den Dienstobliegenheiten eines Unter­offiziers und mit denjenigen eines Frontoffiziers, sowie mit den besonderen Standespflichten des Offiziers vertraut zu machen.

Diejenigen Einjährig-Freiwilligen, welche sich zur Aus­bildung zu Offizieren nicht eignen, jedoch versprechen, brauchbare Unteroffiziere der Reserve und Landwehr zu werden, find hierzu nach den Anordnungen der Trup- pen-Befehlshaber auszubilden. Diejenigen Einjährig-Frei» willigen, welche sich gut geführt und ausreichende Dienst- kenntniffe erworben haben, können nach mindestens sechs­monatlicher Dienstzeit zu überzähligen Gefreiten, und Die­jenigen unter Letzteren, welche sich besonders durch Eifer und Kenntnisse auszeichnen, nach mindestens neunmonat­licher Dienstzeit zu überzähligen Unteroffizieren befördert werden. Einjährig-Freiwillige, die im Laufe des Jahres in ihrem Eifer nachlassen oder den ge­hegten Erwartungen nicht entsprechen, sind durch den Truppen-Befehlshaber bezw. durch den Kompagnie- u. s. w. Chef von der weiteren Ausbildung zu Offizie­ren oder Unteroffizieren auszuschließen.

Kurz rot Beendigung ihrer aktiven Dienstzeit werden diejenigen Einjährig - Freiwilligen, welche sich nach dem auf die Beurtheilung des Kompagnie- u. s. w. Chefs und des mit der Unterweisung beauftragtenOffiziers gestützten Urtheils des Truppen-Befehlshabers zu Reserve-Offizier- Aspiranten eignen, einer praktischen und theore­tischen Prüfung (Osfizieraspiranten-Prüfung) unter­worfen. Grundsätzlich dürfen aber nur solche Einjahrig- Freiwillige zu oieser Prüfung zugelaffen werden, welche die für einen Offizier erforderlichen praktischen Eigen­schaften, namentlich ein sicheres Auftreten als Vorgesetzte, besitzen. Wer die Prüfung besteht, wird bei seiner Ent­lassung zum Reserveoffizier-Aspiranten er­nannt, erhält ein besonderes Befähigungs-Zeugniß und wird, sofern er noch nicht die Charge eines Unteroffiziers bekleidet, überzählig hierzu befördert. Einjährig-Freiwil­lige, welche nicht zu Reserve - Aspiranten ernannt wer­den, sich aber nach dem Urtheil ihrer Vorgesetzten zu Unteroffizieren der Reserve und Landwehr eignen, können — sofern sie nicht bereits zu überzähligen Unteroffizieren ernannt sind — als Unteroffizier-Aspiranten zur Entlassung kommen.

Uebrigens setzt die neue Heer-Ordnung, trotzdem ein großer Werth auf die militärische Ausbildung der Einjäh­rig-Freiwilligen gelegt wird, ausdrücklich fest, daß den Letzteren, soweit es mit dem dienstlichen Interesse verein­bar, Gelegenheit gegeben werden darf, sich in ihrem eigentlichen Lebensberufe weiter auszubil­den. Namentlich dürfen bei der Heranziehung zum Gar­nisondienst Erleichterungen eintreten.

Was nun die Offiziers-Aspiranten des Beur­laubtenstandes betrifft," fo ist hinsichtlich deren Uebungen, um ihre dienstliche, sowie außerdienstliche Be­fähigung zur Beförderung zum Offizier darzuthun, festge­setzt, daß sie nach ihrer Entlassung aus dem aktiven Dienste zwei achtwöchige Uebungen ableisten müssen. Diese Uebun­gen finden in der Regel während der beiden auf die Ent­lassung aus dem aktiven Dienste folgenden Jahre statt. Die erste Uebung soll grundsätzlich in dem Standort des Stabes des betreffenden Truppentheiles stattfinden. Am Schluß der Uebung findet für diejenigen Offizier-Aspiran­ten, welche in ihrer dienstlichen wie außerdienstlichen Hal­tung befriedigt haben, eine praktische und theoretische Prü­fung — letztere sowohl schriftlich als mündlich — statt. Dese Prüfung wird Reserveoffizier-Prüfung genannt. Besteht der Offizieraspirant diese theoretische und praktische

Prüfung mit Erfolg, so erfolgt gleichzeitig die Beförde­rung zum Vizefeldwebel durch den Truppenkommandeur.

Während der zweiten Uebung thun die zu Vize­feldwebeln resp. Vizewachtmeistern beförderten Offizier­aspiranten Offizierdienst. Der Hauptwerth ist hierbei auf ihre praktische Ausbildung bei der Truppe zu legen. Am Schluß der Uebung hat der betreffende Kommandeur sich damit einverstanden zu erklären, daß der Offizieraspirant zum Reserveoffizier des Truppentheils bezw. zum Land­wehroffizier in Vorschlag gebracht werde. Dieses Einver- ständniß soll neben der Beurtheilung der außerdienstlichen Haltung des Ofsizieraspiranten von dem Ausfall einer be­sonderen praktischen Prüfung abhängig sein. Diejenigen Reserveoffizier-Aspiranten, welche den Bedingungen für den Vorschlag zum Offizier nicht entsprechen, können je­doch geeigneten Falles als Offizier-Stellvertreter im Kriegs­fälle Verwendung finden. Gewählt dürfen nur diejenigen Offizieraspiranten werden, welche bei ehrenhafter Gesin­nung eine dem Ansehen des Offizierstandes entsprechende Lebensstellung einnehmen.

Vermischtes.

* Der neuerdings herausgegebene Etat (Vor­anschlag) füc Rechnung der preußischen staatlich verwaltete» Eisenbahnen hat wieder eine Reihe unnöthiger Fremdwörter aurgemerzt. So wurden aus den Fahrdillets Fahrkarten, aus den Retourbtllets Rückfahrtskarten, au« den Abonne- mentsbillets Zeitkarten, au« den Requifitattons- scheinen Militärfahrscheine, au« den Regie-Extra« zügen Verwaltungs-Sonderzüge, au« dem Differenz- belrag ein Unterschiedsbetrag. Die ökonomische Verwaltung hat einer wirthschastlichen, da« Dienst­lokal einem Dienstraum und da« Abrechnungbureau einer Abrechnungsstelle Platz gemacht. Au« den Coups» wurden Wagenabthellungen, au« den Annoncen Anzeigen, aus den Prozeß- Gerichts­kosten. Die Parallelwege im Bahnniveau wurden durch Seitenwege in Schienenhöhe, die Barriören durch Schranken, die Kandelaber durch Laternen­ständer ersetzt. Au» den Materialiendepot« find Materialien-Rtederlage« für Ausrüstungsgegen­stände, au» den Refervetheilen Erfatztheile, au» den Kursuhren Zeituhren, au» den Centralapparaten für Stellung von Weichen und Signalen Weichen- und Signalstellwerke (!) geworden. Es wird für die Folge nicht mehr a conto eines Fonds, son­dern für Rechnung einer Verwaltung gebucht und dar rc. macht dem u. s. w. Platz.

• War die Berliner Polizei kostet: Rach dem letzten amtlichen Bericht (des Ministers de« Innern an den Landtag) beträgt die Zahl der Berliner Schutzleute 4181, von denen 205 Polizei- Offiziere find. Da man die Bevölkerung auf 1,450,000 Einwohner berechnen kann, so kommt auf 350 Köpfe ein Schutzmann. Diese Beamten beziehen zusammen ein Gehalt von 5,653,800 M., und wenn man dazu die Wittwen- und Waisen­geldbeiträge, Penfionen, Wohnung«geldzu,chüffe rechnet, so beläuft fich die Summe aller Ausgab:n nach Abzug der geringen Einnahmen auf 7,975.000 Mark. Zu erwähnen ist noch, daß Berlin außer­dem noä für die Feuerwehr 1.085,000 Mark, für das Nachtwachwesen 408,000 M. zu zahlen hat.

§ Ein Waarenverzeichniß, wie der erschienene uns vor­liegende Generalkatalog*) von F. C. Heinemann, Hoflieferant, Samen-und Pflanzenhandlung in Erfurt, dürfte, was Reichhaltigkeit, Umfang und Pracht der Ausstattung betrifft, kaum seinesgleichen finden. Das Buch, größten Oktavformats, ist mehr als ein bloßer Katalog: es ist ein Nachschlagewerk für den Kenner und jeden Laien, der sich für die Garten- und Pflanzenkultur interessirt, und fast jede Seite enthält zahlreiche naturge­treue Abbildungen in meist natürlicher Größe und sauberster Ausführung. Außerdem wird in dem „Gemüsebaukalender" und dem „Blumengartenkalender" eine Anleitung zu prakttscher und wirksamer Zeiteintheilung während der einzelnen Monate des Jahres gegeben

*) Ueber alle feineren Bindearbeiten in lebenden und getrockneten Blumen ist ein S p e z i a l k a t a l o g erschienen; derselbe enthält ferner: Cotillon-Touren in größter Aus­wahl, Facon, Palmenständer, Schmucktische, mit und ohne

Springbrunnen, Consols für Blumen, Topfträger, Gold­fischgläser, Rohr-Jardinieren, Vasen rc.

jDer längste Bart der Welt.) Im »Journal des Debats' lesen wir: Der Besitzer des längsten Barte» der Welt ist der dreiundsechzigjährige Bildhauer Loui» Coulon in Montlucon. Sein Bart mißt 2 Meter 32 Zenti­meter ; obgleich derselbe bereits ergraut ist, wächst er noch. Coulon trägt seinen Bart, dessen Länge vom Bürgermeister in einem Z ugniffe bestätigt ist, entweder gleich einem Plaid um den Arm geschlagen oder er wickelt die beiden Enden wie eine moderne „Frauen-Boa" um den Hals, oder aber er steckt den Bart an der Taille fest. Coulon hat schon von so manchem Impresario die lockendsten An­träge erhalten, sich, das heißt seinen Bart, ausstellen zu lassen, dieselben aber zurückgewiesen.

(Ein Studenten-Ulk nach alten Mustern.) Ueber den Marktplatz eines kleinen Ortes in der Nähe der flotten Musenstadt G. zieht langsam eine Schaar „flotter Burschen" mit riesigen, mehrere Meter langen Knüt­teln über der Schulter. Natürlich erregt dies Schauspiel großes Aufsehen, und ein Schwarm johlender Kinder folgt den Studenten in angemessener Entfernung. Vom Fenster seines Amtsstube erblickt auch der Herr Bürgermeister den „Ulk." Aergerlich — denn nicht eben selten ereignet sich dergleichen hier — ruft er den Wachtmeister, ein den Studenten wohlbekanntes Original, und schickt ihn hinaus, „dem Unfug zu steuern." In wenig Minuten ist derselbe zurück. „Na, Diedrich, was sagten sie denn; haben sie die Latten weggeworfen ?" — „Im Jejentheil, Herr Bürre- meister; sie meinten, des könne sie selbst der Kaiser nich verwehr'»; sie machten ja hier man bloß eine Str» jnüjungsreise mit Stangen/'

Literarisches.

Afrika und der Mohammedanismu» von <8. F. A- Münzenberger. Frankfurt a. M., X. Fbffer Nachfolger. 1889. 8«. 70 S. Preis 75 Pfennige.

Diese, einem langjährigen eingehenden Verfolgen der civilisatorischen Bewegung im dunklen Erdtheile entstam­mende Studie muß angesichts der Antisklaverei-Bewegung und mehr noch im Hinblicke auf das gerade in der letzten Zeit so recht wieder stch charakterisirende Auftreten der Mohammedaner in Afrika auf das Wärmste begrüßt wer­den. Die überaus klar geschriebene Broschüre weist über­zeugend nach, daß die europäischen Staaten stch noch in letzter Stunde aufmachen müssen, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln dem weiteren Vordringen des Todfein­de» der abendländischen Kultur in Afrika fich entgegenzu­werfen, wenn nicht Afrika ganz dem Islam verfallen soll. An der Hand des mohamyredanischen Rechte» weist der Verfasser nach, daß ein Zusammengehen von Mohamme- danismus und abendländischer Kultur an stch schon ein Ding der Unmöglichkeit ist; zahlreiche Hinweise auf Vor­gänge der letzten Zeit zeigen aber, wie der Islam in unserer Zett noch ganz von dem orten fanatischen Geist beseelt ist, der einst Europa so oft bedrohte. Die Schuld an den eben jetzt fich in Ostafrika abspielenden traurigen Vorfällen trägt dieser vor Allem. Die Angst der Mohammedaner, daß dem Vordrin­gen des Mohammedanismus, für welche» die Sklaven­jagden und ihre Greuel nur die äußere Erscheinungsform ist, durch da» Auftreten der Deutschen auf dem afrikani­schen Kontinente ein Riegel vorgeschoben würde, wie eS in Bezug auf Sansibar vor 18 Jahren seitens Englands geschehen ist. Wie sehr Deutschland im Interesse seiner Weltstellung an einer thatkräftigen Lösung der Frage be- theiligt ist, geht klar aus den Streiflichtern hervor, welche der Verfasser auf das für ganz Afrika und insbesondere auch für die Zukunft des ostafrikanisch.n Schutzgebiets so wichtige Abeffynien wirft, wo gerade in diesen Tagen Rußland mit seinem freien ßofalen Atschinow unter fran­zösischer Sympathie die ersten Schritte unternimmt, seine Herrschaft auf einen dritten Erdtheil auszudehnen.

Die vorliegende Broschüre erscheint gerade rechtzeitig, um angesichts der so wett auseinandergehenden Meinun­gen in der für Deutschland sehr wichtigen afrikanischen Frage, rasch zu orientiren und ein Urtheil Über dasjenige zu ermöglichen, was vor Allem geschehen muß, wofern nicht Afrika der Barbarei des Islam Überlassen und für Europa und die christliche Kultur verschlossen werden soll.

* Im Verlage von Karl Flemming in Slogan ist soeben die 18. Auflage einer oon F. Handtke bear­beiteten und nach den neuesten Materialien ergänzten Generalkarte von Australien erschienen, welche gerade jetzt, angesichts der Nachrichten aus Samoa, den Zeitungslesern sehr willkommen sein dürfte. Die Karte ist im Maßstabe von 1:20,000,000 verfaßt und kostet 1 M. Dieselbe umfaßt nicht nur Australien, Neuseeland, sondern auch die Jnfeln des Stillen Oceans bis zum 250. Grad östlicher Länge. Eine Anzahl Spezialkartchen, darunter eins die Nordküste von Upolu (Samoa) mit Apia dar­stellend, soll das Berständniß im Einzelnen erleichtern.