1889
Samstag, den 9. Februar.
fnliitr
Erstes Blatt.
Zkiim Stammt trau
Rovellette von Jos. Gr.
(Schluß.)
„Geh' mir weg mit Deinen Aerztert, die alleweil probiren", eifert der 3Ute. „Dem Sepp darfst trauen, der hat schon manch' Stück Vieh und manchen Menschen kurirt, denn weißt, da» ist halt eine Gab', die mir unser Herrgott gegeben hat, wie Dir da» Malen. Wenn Du da» nit hätt'st in die Wieg'» mitgebracht, so könnt'st'» halt auch nit, so aber hast'» schon al» kleine» Bübel nit lassen können; - denkst '«»och, Franzl, wie Du zu mir oben auf die Wlldalm kommen bist und Mannerl »'macht hast?"
„Freilich denk' ich noch d'ran, Sepp, und wie ich Dir die scheckige Kuh auf die Bretterwand der Sennhütte gezeichnet hab', — da» waren ja meine schönsten Stunden bei Dir auf der Wlldalm oben. LH, ich werd' wohl nimmer dort hinaufkommen I"
„Muth und Gottvertrauen mußt' haben, Franzl," grollt der Sepp, dem e» in die Seele schneidet al» er eine Thräne über da» schöne Männerantlitz langsam rollen steht. „Muth und Gottverttaueu, da» ist da« best' im Leben. Wirst wieder auf die Wlldalm kommen und wirst auch wieder
’S Rückblicke auf die Katastrophe von Meyerling.*)ZL
„Wahrscheinlich Schlaganfall" hieß e» in der ersten Depesche, welche den plötzlichen Tod de» Kronprinzen Rudolf meldete. Al» wir unter dem frischen Eindruck dieser Nachricht vorige Woche einige Gedanken über da» jähe Sterben nieder- schrieben, haben wir auch einen Absatz über Selbstmord ein fließen lasten. Die eigenthümliche Fassung de» Telegramme» legte den Verdacht nahe, daß es sich vielleicht um eine außerordentliche Todesursache handle, welche man nicht angeben wolle. Und wer den Lebensgang des österreichischen Thronerben etwa» genauer verfolgt hatte, der konnte stch der Befürchtung nicht entschlagen, daß finstere Mächte ihn zum Selbstmord getrieben haben könn- ten. Die traurige Vermuthung, welche alsbald den Gegenstand der Gespräche bildete, durfte man natürlich in der OcffMlichkeit nicht aussprechen, ehe eine bestimmte Nachricht vorlag. Unsere Bemerkungen über den Selbstmord im Allgemeinen waren also von jeder Bezugnahme auf diesen Todesfall freigehalten. Aber sehr schnell brachte der Telegraph das amtliche Eingeständniß des Selbstmordes hinterher. Hoffentlich haben die Leser fich bei dieser neuen, die Schrecken der ersten Nachricht überbietenden Kunde an den Spruch erinnert : „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet."
Der Pharisäer sagt: „Gott, ich danke Dir, daß ich nicht bin, wie diese Leute 1" Sollte dir derselbe Gedanke gekommen sein, lieber Leser, so beuge schleunigst dein Haupt und fahre fort: Schütze mich in Deiner Gnade vor einem solchen Ver- hängniß I
Du lebst in einfachen, ruhigen Verhältnissen gehst deiner bescheidenen Berufsarbeit nach, schlägst dich recht und schlecht mit den Deinigen durch, genießest in deinen Mußestunden das Bischen Ver« gnügen, was sich dir bietet, kurz: Dein Lebenswagen läuft in einem ausgefahrenen G. leise langsam und friedlich dahin. Ehe du es merkst, bist bu alt geworden und nachdem Du nach einer Anzahl Jahre ohne besondere Gemüthsoewegung deinen Freunden erzählt hast, daß es nun doch merklich
*) Nachdruck nicht gestattet.
abwärts gehe, worauf sie deine Rüsttgkell gepriesen haben, legst Du Dich eines Tages hin, ordnest Deine religiösen und irdischen Angelegenheiten und versammelst Dich in Frieden zu Deinen Vätern. Ein simpler Lebenslauf der weder die Weltgeschichte noch die Romanliteratur füllen HUst; aber gerade das ist der leichteste, angenehmste, ungefährlichste Lebenslauf. Es ist ja recht nett von Dir, daß Du einen gefetzten, ordentlichen Wandel führst; aber bilde Dir doch ja nicht viel darauf ein, als ob das ein Heldenstück der Tugendhaftigkeit wäre! Was für große Versuchungen hast du denn eigentlich zu bestehen? Wer drunten im Thals in einem soliden Häuschen sitzt, der wird vom Wind nicht umgeweht. Aber wer droben auf der Spitze des Berges im Sturmgebraus auf glatten Pfaden einhergeht, der hat ganz andere Mühe und Noth, sich auf den Beinen zu erhalten. Und wenn er schwankt, gleitet und zerschellt im Abgrund liegt, willst Du dann aus Deinem behaglichen Winkel heraustreten, um ihn zu verurtheilen?
Danke Gott, daß Du kein Prinz und Fürst geworden. Es ist schwer, sehr schwer, auf den Höhen der Menschheit zu wandeln. Um so schwerer, je mehr in dem Fürstensohne von jenem gefähr- lichen Geschenk steckt, welches man gewöhnlich als „Genie" bezeichnet. Ein einfacher hausbackener Verstand und ein ruhiges Temperament sichern am Besten die Erhaltung des Gleichgewichts. Wenn aber die Kräfte der Phantasie, der Empfindung und de« Denkens in außergewöhnlich hoher oder eigenarttger Weife fich entwickeln und fich eine Neigung zu origineller, die hergebrachten Normen überschreitender Thätigkeit zeigt, dann wächst die Gefahr der Verirrung und des Scheiterns mit der Höhe der Stellung.
Friedrich Wilhelm IV. war einer der geist- reichsten und hochstnnigsten Fürsten, und wie traurig war fein Lebensende. Ludwig I. von Bayern war eine herrliche Erscheinung, welche die Liebe und Bewunderung der edelsten Geister seines Lande« fand und verdiente; und gerade er mußte mit dem widerwärtigen Lola-Montez-Skandal sein Andenken beflecken. Ludwig II., sein Enkel, hat durch seine körperlichen Eigenschaften und feine geistige Originalität den Zeitgenossen imponirt, und endete in den Fluthen de« See'« im Kampf mll dem Irrenarzt. ~ ,
Da« Gegenbild bildet die ehrwürdige Gestalt
den Schuhplattler tanzen. Aber wie ist'» denn, Franzl," fährt er munter fort, um die eigene Wehmuth zu verbergen, „Du hast ja früher g'sagt, Du wollt'st einmal für die Dölsacher Kirch n eine Muttergotte« mit dem Jefuskmdl' malen? Der Everfranzl hat doch sonst sein Wort immer noch gehalten I"
„Da ist da« Bild, Sepp."
„Heilige Muttergott-«, wie bildsauber! Und der heilige Joseph, mein Namenspatron, ist auch drauf!"
Der ehrliche Sepp ist kein Kunstmensch, aber er legte die brauen Hände voll Andacht zufammen und blickt wie verzaubert auf da» Gemälde.
„Nun, Sepp, gefällt Dir da«?" fragte endlich der Meister,
Der alte Hirt fährt stch über Augen und Ge- ficht: „Wer da« anfchaut, der meint, er fei schon im Himmel droben und hör' die Engel fingen. O Franzl, Du bist wahrhaftig der Alte geblieben, unb wenn auch die Lern' sagen, Du seist j'tzt ein mächtig großer Herr worden, geh', ich glaub'» halt doch nit, denn Dein brave«, treue« Tirolerherz hast ja noch, — sonst hätt'st da« nimmer fertig bracht."
Kaiser Wilhelm'« I. Ec hatte nicht» von „Ueber fliegerei" oder Genialität an fich, und trotzdem — oder gerade deßhalb — erreichte er ein Alter und einen Ruhm, wie e« wenigen Helden der Weltgeschichte beschieden worden.
Kronprinz Rudolph halte bekanntlich Fähigkeiten und Neigungen, die über da« MUtelmaß und die goldene Mittelstraße hinausgingen. Seine wissenschaftliche und schriftstellerische Thätigkeit, fein Ver- kehr mit Gelehrten und Journalisten verriethen frühzeitig eigenartige Kräfte und Triebe. Seine Jugend war eine richtige Sturm- und Drangperiode. Aus den Kämpfen und Krisen auf dem religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Gebiete, welche er durchzumachen, wäre er vielleicht geläutert und gefestigt als ganzer Mann hervorgegangen, wenn Gehirn und Nerven die harte Probe der Anstrengungen und Genüsse nur so lange ausgehalten hätten. Aber der Stamm war zu schwach, um die vom Wind der gährenden Leidenschaften gepeitschte Krone des Baumes noch länger zu tragen; er brach durch.
Kronprinz Rudolph war leidenschaftlich in der Arbeit nicht minder wie im Genüsse. Es wäre schwere» Unrecht, wenn matt auf Grund der Gerüchte, die j.tzt so üppig gedeihen, ihn in die Reihe jener Fürsten oder Prinzen verweisen wollte, die ihren Beruf im „Amüsement" fanden. Er hat am Stndir- und Schreibtisch und auf dem Exerzierplatz schärfer arbeiten müssen, wie ein großer Theil der Niedriggeborenen; e» ist sogar wahrscheinlich, daß seine Erzieher oder seine Stellung und sein eigener Trieb ihm größere Anstren- gungen zugsmulhet haben, als für das nicht krankhaft beanlagte Gehirn- und Nervensystem gut war. Daß er Erholung und Zerstreuung in dem Waidwerk suchte, war gewiß nicht zu tadeln; aber auch hier zeigte fich die Neigung zum Uebermaß, die Leidenschaftlichkeit in der Erstrebung des Jagdzieles ohne Sorge für die Gesundhett.
Der heikle Punkt de» sechsten Gebote» kann nicht übergangen werden, um so weniger, als gerade jetzt fich das Gerücht immer mehr in den Vordergrund drängt, daß in dem Selbstmord- Drama eine junge' Dame eine entscheidende Rolle spiele. Es ist ja nur zu bekannt, daß Kronprinz Rudolph auch in dieser Hinsicht leidenschaftlicher Natur war. Wer darüber zu Gericht fitzen will, darf zwei Punkte nicht übersehen: einerseits die
Wieder leuchten die Matten wie Smaragd, und der Sepp hütet auf der Wlldalm seins Heerde.
Da klimmt einer die Halde herauf, der schwingt schon von Weitem ben Hut und stößt einen über- mfltbiflcn Jodler au». , , ,,
„Holdio, Sepp, da bin ich wieder mll heilen Gliedern, Deine Kur hat geholfen," jubelt er.
„Und nun bleib' ich in meinen lieben Bergen, bis jede Spur der langwierigen Krankheit ge- tH$)e?*©epp ist schier außer fich vor Freuden; wie vor langer Zeit fitzt er l-tzt wieder mit,srinM Besuche vor der Sennhütte und bewirthet ihn mit frischer Mich und Schwarzbrod, nur mit dem Unterschiede, daß der Ederftanzl kein kleiner Bub mehr ist, sondern ein großer, stattlicher Mann. Aber sein kindlich frommes Gernüth hat er doch noch, wie könnte er sonst so sprechen: „Weißt, Sepp, ich war erst drunten in der Kirchen und hab das Altarblld aufgehängt; ich war es ja der Muttergottes schuldig, denn, wenn sie mir ihre Fürbitt' versagt hätt, dann, Sepp, hätt' mir auch Dein Mittel nicht geholfen."
„Ja," nickt der Alte, „Du hast EFranfl.
„Aber Sepp, nun möcht ich auch Dir meinen Dank bezeige»; lass' mich Dir ein kleine» Geschenk
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