JV 31 Donnerstag, bat 7. Februar. 1889
fiilburr M Jeitnnz.
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& Die Krankheit des Kronprinzen Rudolph.*)
„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht." Er rächt sich jetzt bitter, daß in der ersten Bestürzung die .Wiener Zeitung' in amtlicher Form den Versuch gemacht hat, den Selbstmord durch das Märchen vom „Schlaganfall" zu vertuschen. Nachdem man nun den Selbstmord eingestanden hat, bleiben die Mißtrauischen bei der Ansicht, e« müsse doch etwas Anderes dahinterstecken. In der Gesellschaft sowohl wie in der TageSpreffe findet man zu Haufen die Leute, welche den höchsten Genuß darin finden, als „Wisiende" zu erscheinen, welche der neugierigen Menge das Allerneueste und das Allergeheimste erzählen können. Ob es wahr ist, da» ist Nebensache; aber recht packend und aufregend muß es fein.
Für ruhig und scharf urtheilende Personen mußte das von drei tadellosen Fachmännern unterzeichnete Gutachten über den Sektionsbefund genügend sein, um den Selbstmord als zweifellos erwiesen zu erachten. Aber das Aktenstück hat der großen Menge noch nicht genügt. Die Legendenbildung ging trotzdem weiter. Unverkennbar steckt bei manchen Hetzblättern berechnete Bosheit hinter der Auftischung der sensationellen Nachrichten? Das Meiste aber fällt auf die Neigung unserer Zeit, im Entsetzlichen und Gruseligen fich die Nerven aufzuregen. Ein Selbstmord ist doch wahrlich schon schrecklich genug, besonders der Selbstmord eines Thronerben. Aber das Sensations- bedürfniß ist auch damit noch nicht befriedigt. Zwei entehrte Aristokratinnen, ein amerikanische» Duell, ein Schuß durch da» Fenster, eine verführte Schwester und eine verführte Braut, ein Mordanfall im Walde oder in einem Bauernhause, der Selbstmord eines Försters und eines Kammerdieners — alle diese Bilder und noch andere, mehr als hinreichend für ein Dutzend Schauerromane, tauchen auf und finden ein gläubig staunende« Publikum. Selbst die ernsthaftesten Zeitungen, welche von der Hinneigung zu nervenreizendem Stoff wett entfernt find, können fich nicht dem Zwange entziehen, von den fchauerlich-romantifchen Gerüchten Notiz zu nehmen; die Leser wollen auch in „ihrer Zeitung" finden, wovon alle Welt spricht.
*) Nachdruck nicht gestattet.
Stint» Stammt tm.
Rovellette von Jos. Gr.
(Fortsetzung.)
In der schönen deutschen Kunststadt München fitzt in seinem Atelier Ptloty, der berühmte Direktor der Malerakademie und arbeitet eifrig an einem riesengroßen historischen Gemälde. Da kommen zwei Besucher herein und unterbrechen ihn. Der eine ist ihm bekannt; das ist ein Bildhauer von Innsbruck; aber was hat er für einen seltsamen Begleiter? Mit künstlerischem Wohlgefallen haften Pilotys Blicke auf dem bildhübschen, kräftigen Burschen in grauer Lodenjoppe und ledernen Kniehosen, der unbeholfen eintritt und die Augen mit naivem Erstaunen in dem weiten, schönheitgesät- tigten Raume umherschweifen läßt.
Der Jnsbrucker Profesior begrüßt den hochberühmten Maler ehrerbietig nnd erklärt den Zweck seines Erscheinens, indem er von dem außergewöhnlichen Talente seines Begleiters erzählt und um Aufnahme desselben in die Malerakademie bittet. „Ich habe ihn selbst kurze Zeit in der Schule gehabt", sagt erwärm, „aber ich habe erkannt, daß die Plastik nicht sein Gebiet ist. Die eigenthümliche Gestaltungskraft und der feine Far-
Hoffentlich wird nun endlich der Glaube an einen Selbstmord allgemein durchdringen, nachdem einer von den Briefen bekannt geworden, in welchem Kronprinz Rudolph von der Welt Abschied genommen. Es ist das Schreiben an den Sektionschef Szögyenyi; der Kronprinz schickt ihm ein Codicill zu seinem Testament und den Schlüssel zu seinem Schreibtisch mit dem Auftrag, über seinen literarischen Nachlaß zu verfügen, und fügt dann die inhaltsschweren Worte hinzu: „Ich muß aus dem Leben scheiden."
Allerdings enthält das Schreiben keine Andeutungen über die Gründe des schrecklichen Ent- schluffes zum Selbstmorde, und auf diese Lücke wird sich wohl auch fernerhin noch die Fabulir- und Verleumdungssucht istürzen. Aber der Brief behält doch insofern eine ausschlaggebende Bedeutung, als die Zweifel an dem amtlichen Sektion»- Protokoll jetzt in dem entscheidenden Punkte, betreff» der Annahme de» Selbstmordes, endgiltig widerlegt worden. Wenn in diesem Punkte das Gutachten der Aerzte als zweifellons sich darstellt, dann wird man auch den Mittheilungen über die krankhaften Zustände im Kopfe des Unglücklichen den Glauben nicht mehr versagen.
Die nüchterne fachmännische Darstellung des Sektionsbefundes ist natürlich für das nicht medizinisch gebildete Publikum nur schwer verständlich. Es ist also dankbar anzuerkennen, daß Hoftath Meynert, der Vorsteher der Klinik für Geisteskrankheiten, im Wiener .Extrablatt' eine Erläuterung des Sektionsbefundes gibt, welche zugleich eine Bestätigung deffelben durch feine anerkannte Autorität darstellt. Versuchen wir an der Hand dieser ärztlichen Auslaffungen einen Ueberblick über die Schicksalstragödie im Hause Habsburg zu gewinnen.
In Nr. 6 des Gutachtens, welches die Aerzte nach der Obduktion abgegeben, waren bekanntlich folgende krankhafte Erscheinungen an dem Schädel und dem Gehirn des unglücklichen Prinzen festgestellt: Vorzeitige Verwachsung der Pfeil- und Kranznaht, auffällige Tiefe der Schädelgrube und der sogen, „fingerförmigen Eindrücke" an der innern Schädelknochenfläche, deutliche Abflachungen der Hirnwindungen und Erweiterung der Hirnkammer."
Herr Meynert folgert au» diesem Befunde, daß der Kronprinz an Gehirnhöhlen-Waffersucht gelitten habe, welche Krankheit nicht selten vorkommt.
benfinn, der ihm eigen, weisen ihn entschieden auf die Malerei.
Piloty hört mit Jntereffe zu, dann richtet er die durchdringenden Blicke wieder nach dem jungen Tyroler, der wie gebannt vor dem großen Silbe steht und, ganz eingetaucht in die form- und farbenreiche Welt, die fich ihm da offenbart, nicht» von dem zu hören scheint, was um ihn vorgeht.
Der Meister tritt zu ihm und legt ihm wuchtig die Hand auf die Schulter: „Sie wollen also Maler werden, mein Freund?"
Da wendet der Bursche sein freies, offenes Gesicht, leuchtend von Begeisterung und Bewunderung, zu dem Meister, der so Herrliches zu schaffen vermag und mit schlichter Ueberzeugung antwortet er: „Ja, ich muß Maler werden, vor dem Bild, Herr, hab' ich'« erst erkannt, und wenn Sie mich in Ihre Schul' nehmen wollen, bei Gott, ich will Ihnen nimmer Unehr' machen."
„Ja", versetzt der Meister zögernd, „wenn Sie nur mehr Vorkenntniffe hätten, mein lieber Freund, dann würde ich Sie gern als meinen Schüler annehmen. Besuchen Sie lieber erst einmal die Kunst, gewerbeschule und üben Sie fich recht fleißig im Zeichnen, dann wollen wir das Weitere sehen."
Mit glühender Seele verläßt der Franzl den
Sammelt fich im Gehirn übermäßig viel Waffer an, so übt daffelbe einen Druck auf die Gehirn- mafle und die Schädelwandung aus. Dieser Druck prägt Hirnwindungen in sogen, fingerförmigen Eindrücken tiefer in die Schädelwandung, und dabei leiden zugleich die Knorpel, welche tm Jugendalter die verschiedenen Stücke der Hirnschale in den Schädelnähten verbinden. Auch die größere Weite der Hirnkammern, welche das Gutachten feststellt, ist auf einen irgendwann abgelaufenen Prozeß von Gehirnhöhlen-Waffersucht zurückzu- sühren. Aus der größeren Spannung und dem höheren Druck im Gehirn entsteht ein Reiz, der die Ablagerung von Knochensubstanz in den Nähten veranlaßt und also zur vorzeitigen Verwachsung von Schädelnähten führt.
Welche Wirkung übt nun dieser Zustand auf das Seelenleben aus? Darüber sagt Hoftath Meynert Folgendes: Der außerordentliche Druck im Gehirn kann so stark werden, daß der Kranke fortdauernd in einen Reizungszustand und zeitweilig in eine Störung des Bewußtseins verfällt. In dem unwiderstehlichen Antriebe von Angstgefühl kann sogar eine vollständige Trübung des Bewußtseins eintreten.
Der Sachverständige legt also der Erscheinung gesteigerter Reizbarkeit Bedeutung bei. In der That ist ja von den verschiedensten Seiten berichtet worden, daß der Kronprinz sich in einem solchen Zustande befunden habe. I" dieser Hinsicht ist auch die Mittheilung einer protestanttschen Predigers von Jnteieffe, der bei einer Gelegenheit zugegen war, als der Kronprinz aus Anlaß einer plötzlich aufspringenden Thür allen Ernstes seinen Glauben an Burggeister bekannte und erklärte, daß man den Besuch de» Burggeistes in seinem Arbeitszimmer schon gewohnt sei. Diese Anwandlung von Gespensterfurcht muß um so mehr al« krankhaft erscheinen, je weniger die sonstige Denkweise und der Umgang de« Kronprinzen die Neigung zu übersinnlichen Voraussetzungen begünstigten. Vor sieben Jahren noch trat gerade Kronprinz Rudolph im Verein mit dem Erzherzog Johann dem in Wien sich auffpielendeu Spiritismus energisch entgegen, nicht bloß durch Aufdeckung der Schwindeleien de» Mediums Bastian, sondern auch durch eine Broschüre gegen die spiritistischen Schriften de» Baron Hellenbach, in welcher er den angeblichen Geisterunfug als im Wider
über alles bewunderten Meister, obgleich niedergeschlagen, daß ihn derselbe nicht in seine Schule ausgenommen hat. Aber er befolgt den Rath nnd tritt in die Kunstgewerbeschule ein. Und wenn et fich hier auch wenig befriedigt findet, so behält er doch immer fest sein Ziel im Auge und arbeitet mit größtem Eifer.
Da räth ihm eines Tages ein Freund, in Pari» fich wetter auszubilden. Franzi befinnt fich nicht lange; indeffen, wie er in die französtsche Hauptstadt kommt, o weh I — da ist dem Ausländer die Schule, welche er besuchen will verschloffen I Und nun befindet fich der weltunerfahrene Sohn der Berge in einem Lande, deffen Sprache er nicht einmal versteht, und seine klaren offenen Augen blicken in ein Treiben, vor dem seine bis in» Mark gesunde und keusche Natur fich herb und schroff verschließt. Und dennoch läßt chn da» alle» nicht irre daran werden, daß er hier doch viel studiren, viel lernen kann. Er arbeitet still aber mit rastloser Kraft, belebt von der Hoffnung, nun bald für Piloty» Schule reif zu sein.
Nachdem ein Jahr de» eiftigsten Studium» vergangen, eilt er nach München zurück, aber wie er nach dem Meister fragt, heißt e», dieser habe eine längere Reise angetreten.