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Mittwoch, den 6. Februar.

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1889

Die,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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* Ueber den Tod des Kronprinzen Rudolph von Oesterreich

werden in Wien allerlei Gerüchte kolportirt. Man spricht von einem Liebes verhältniß des Kron« Prinzen, welches inssen tragischen Tod von dritter Hand im Gefolge gehabt habe. Der Kronprinz soll ermordet aufgesunden und von seinen Freun- den in das Jagdschloß gebracht sein; man habe versucht, den gewaltsamen Tod al« Selbstmord erscheinen zu lasten.

Der Humorist de» Wiener Männergesangverein», Udel, für den der Kronprinz eine außerordentliche Zuneigung hatte, erzählte einem Korrespondenten de» ,F. g.' folgendes:

Vor mehreren Monaten war er allein mit dem Kron­prinzen in deffen Arbeitszimmer, als plötzlich die Portiere rauschte, wie von einem Windstoß bewegt. Udel schaute auf und der Kronprinz bemerkte: Erschrecken Sie nicht, .es schleicht unsichtbar der Burggeist herein, er kommt öfters; ^anfangs genirte mich dies, jetzt bemerke ich ihn kaum. Udel sah den Kronprinzen betroffen an, doch letzterer be­merkte; Erstaunen Sie nicht, es ist so, wie ich sagte. Dabei flog ein Schatten über sein Gesicht und gleichsam um in eine bessere Stimmung zu kommen, ersuchte der Kronprinz Udel, ihm ein lustiges Lied vorzusingen. Udel, der anfangs alles für einen Scherz hielt, vermochte sich diese räthselhafte Anwandlung damals nicht zu erklären, heute ist ihm darüber traurige Klarheit geworden. Der Kronprinz führte den Selbstmord genau wie der Magnat Kegel aus, der sich im vorigen Jahre erschoß und dessen Ausführungsakt der Kronprinz sich damals ausführlich erklären ließ.

Das .Wiener Tageblatt' theilt mit: Bor dem Bette des Kronprinzen stand ein Spiegel, der ihm sonst beim Ankleiden diente. Der Spiegel wär eigenS an diese Stelle gezogen. Man glaubt, daß der Kronpinz sich int Bette aufsetzte und vor dem Spiegel abschoß.

Dem ,M. N. 91/ wird gemeldet:

Man weiß, daß der Kronprinz in seiner Ehe mancher­lei Differenzen hatte, die durchweg auf das heiße Blut des Fürsten zurückgeführt wurden; man kennt die Ver­schiedenartigkeit zwischen der herrschenden und der politischen Anschauung des Kronprinzen. Das Alles mag dazu bei­getragen haben, jene verhängnißvolle Sinnesstörung her­beizuführen. Aber man spricht auch noch von einem anderen Anlaß. Ueberraschend kommt heute die Nachricht, daß eine Dame aus der hohen Wiener Aristo­kratie, eine Freiin Vetsera, ein junges und schönes Mädchen, ihrem Leben ein plötzliches Ende gemacht hat, und zwar an der Stelle wo auch das Leben des Kron­prinzen verglimmte. Am meisten Glauben findet hier folgender Roman: Der Kronprinz hat ein Verhältniß mit einer aristokrattschen Dame angeknüpft — man nennt ihren Namen ungescheut — er hatte vorige Woche einen heftigen Auftritt mit dem Kaiser, der ihm gleichzeittg seine

Kkiit« Stamm treu.

Novellette von Jos. Gr.

(Fortsetzung.)

Ja, jetzt wird dem Franzl fleißigen aufgepaßt, daß er nicht mehr um die Schule herumgeht. Er muß nun still und geduldig auf der Bank aushalten, wenn auch seine Blicks gar sehnsüchtig zum Fenster hinaus flüchten und seine Hände Bücher und Hefte mit allen möglichen Zeichnungen zieren — denn das kann auch der Schullehrer nicht hindern.

Der Drang zum Bilden ist dem Knaben nun einmal angebsren, und selbst, al» er der Schule bereit» entwachsen und im Feld genug zu schaffen findet, läßt er ihn nicht lo«, sondern zwingt ihm immer wieder den Zeichenstift oder da» Schnitzmeffer in die Hand. Es ist eine unabweisbare Gewalt, die fein garzes Wesen erfaßt hat, obgleich er sonst in feinem schlichten, naturwüchsigen Thun sich nicht von den fröhlichen jungen Burschen seiner Heimath unterscheidet.

Er fitzt mit ihnen in der Schenke zusammen, wo in ehrbarer Lustigkeit schneidige Schnaderhüpfln erklingen und die Zither prächtig dazu geschlagen wird.

Da zieht einer einen Fünfzigguldenschein aus

„ungarischen Freunderln" — die Karolyr's — vorwarf, die jetzt dem Wehrgesetz so heftig Opposition machen. Der eigentliche Auftritt drehte sich aber um die vom Kronprinzen geforderte Scheidung von der Kronprinzessin. Ganz bös fuhr der Kronprinz nach Meyerling schmollen. Dienstag Nachmittag kam eine Dame in Trauer, mit der er geheim verhandelte und die dann sehr aufgerecht fortging, auch den Kronprinzen in großer Gemüthsbe- we gung zurücklassend. Am Morgen fand man ihn todt!

Nach einer Wiener (bis jetzt nicht bestätigten) Meldung der .Berliner Börsenzeitung' erschoß sich am Donnerstag der Kammerdiener des Kronprinzen, Loscheck. Aus Hof­kreisen verlautet, daß der Entschluß des Kronprinzen, Hand an sich zu legen, am Dienstag schon festgestanden haben muß. Es unterliegt auch nach anderen Mittheilun­gen, deren Authenticität sich allerdings nicht prüfen läßt, keinem Zweifel, daß Kronprinz Rudolph den Selbst­mord feit längerer Zeit geplant hat. Es wird ferner die Thatsache bekannt, daß Kronprinz Rudolph, der in den letzten Jahren unter seinem Nervenleiden stark litt, zur Linderung seiner Schmerzen Morphium nahm, wo­durch sich das Uebel nur verschlimmerte.

Ueber die seelisch« Stimmung des Kronprinzen in letz­ter Zeit werden jetzt Einzelhetten bekannt. Daß er nervös war — theils angeboren, theils eine Folg« sehr lockerer Sitten — war bekannt. Die Scene mit dem Feldzeug­meister Kuhn im Herbste vorigen Jahres ist noch in Aller Gedächtniß. Wiederholt machte er zu seiner Begleitung die Bemerkung, er werde den Antritt der Herrschaft nicht erleben. Zu einem Schriftsteller, mit welchem er sich über die peinliche Lage des Königs Milan von Serbien unter­hielt, sagte er: Er begreife, daß Milan müde sei. Der­selbe hätte auch längst auf seinen Thron verzichtet, wenn ihm nicht Kaiser Franz Joseph in's Gewissen geredet hätte, daß jeder Fürst die Pflicht habe, auf dem Platze auszu­harren, auf den ihn die Vorsehung gestellt, auch er fei- dieser Meinung, der einzige Fall ausgenommen, daß ein Fürst sich nicht mehr kräftig genug fühle, den Pflichten seiner Stellung zu entsprechen, dann bleibe ihm nicht» übrig, als abzudanken, oder sich eine Kugel in den Kopf zu schießen, denn lieber gar kein Fürst als ein schlechter Fürst. Alle, die mit dem Kronprinzen verkehr­ten, behaupten, seit Wochen an ihm eine unerklärlich e nervöse Aufregung bemerkt zu haben, auch seine ausgebreitete Korrespondenz zeigt in den letzten Wochen überallSpuren einer hypochondrischen, auffälligenGereiztheit.

Gräf Hoyos brachte zuerst dem General-Adjutanten Paar die Nachricht. Paar ging zur Kaiserin, welche auf die Meldung hin zuerst durch den Schmerz niederge­schmettert zusammenbrach, sofott aber ihre Haltung und Ruhe wiederfand. Sie begab sich zum Kaiser und trat mit den Worten ein: „Ich habe mit Dir zu sprechen," blieb dann eine halbe Stunde zeugenlos Bei ihm, worauf der Kaiser in das Adjutantenzimmer stürzte, 2 Säle durch­schritt, auf den Flügeladjutanten eilend mit erlöschender Stimme rief: „Wahr, also wahr l" Er weinte furchtbar und sank auf einen der Stühle, die für die Wartenden im Audienzzimmer bereit stehen. Dm anwesenden Garden winkte der Adjutant hinauszugehen. Eine Stunde später war Ministerrath, worauf das Kaiserpaar sich gemeinsam

der Tasche und dreht ihn ein bi-chen prahlerisch zwischen den Fingern herum.

„Was ist'« mit so ei'm Schnitz'l Papier, dar könnt' ich gleich nachmachen, wenn ich wollt'," meint der Franzl gleichmüthig.

„Was, Geld willst machen können? Geh', geh', da« glauben wir nimmer," lachen die andern.

Aber der Franzl sagt nie ein unwahre» Wort; schweigend ergreift er ein Blättchen Papier und den Bleistift, und unter seiner Hand entsteht zu aller Verwunderung die täuschend nachgemachte Banknote.

„Sakra, der Ederfranzl kann Geld machen," geht es von Mund zu Mund, und alle staunen ob der beneidenswerchen Kunst.

Aber der harmlose Spaß hätte bald verhängniß- voll geendet: eines Tages muß der Ederbauer und sein Sohn vor Gericht erscheinen, der Franzl ist angeklagt wegen — Falschmünzereil

Herrgott, ist da» ein Schrecken auf dem Ederhof!

„Ich hab's halt immer gesagt, da» Bildern taugt nichts, und nun bringt es gar noch Schimpf und Schänd' über uns 1" lamentirt der Alte, außer sich vor Entsetzen.

Die Herren am Gericht zeigen anfangs sehr strenge, ernste Mienen beim Verhör, aber als sich der Franzl so treuherzig verantwortet und in

in das zweite Stockwerk des Schweizerhofes zur Kronprin­zessin begab, welche durch diesen außergewöhnlichen Besuch überrascht war. Der Kaiser sagte mit zittemder Stimme: „Wir haben Nachricht von Rudolph, er kann nicht kom­men. er ist sehr krank," worauf die Kronprinzessin ent­gegnete: „ich fahre sofort hin". Der Kaiser sagte, „thue es nicht liebes Kind!" wobei ihm die Stimme erstickte. Die Kronprinzessin gewahrte das thränenüberströmte Ge­sicht, wandte sich nach ihm und schlug in demselben Augenblicke mit dem Antlitz zur Erde, so daß die ©time auf die Füße der Kaiserin zu liegen kam. Die Kaiserin winkte die Hofdamen hinaus und die anderen Vorgänge blieben ohne Zeugen.

Die vorstehend verzeichneten Gerüchte klingen zum Theil nicht ganz wahrscheinlich, und da sie Gläubige genug finden, steht zu erwarten, daß die Regie­rung alles ihr zu Gebote stehende Material veröf­fentlicht, um unnützem Gerede den Boden zu ent­ziehen. Wir kommen in der morgigen Nummer auf diesen Gegenstand ausführlicher zurück.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Februar.

♦ Das angekündigte Requiem für Kronprinz Rudolph fand, wie die .Germania' berichtet, heute Vormittag 11 Uhr in der St. Hedwigkirche statt. Das Gotteshaus war aus diesem Anlaß in ein Haus der Trauer umgewandelt worden. Ein­laß bekam man nur gegen die vom österreichisch- ungarischen Botschafter ausgestellte Einladungs­karte, sodaß die Kirche für das größere Publikum abgeschloffen blieb. Unter den Leidtragenden be­merkte man den Kultusminister von Goßler, den Staatssekretär und Minister Grafen Herbert Bis­marck, den Minister des Innern Herrfurth, den Eisenbahnminister v. Maybach, den Ackerbauminister Frhrn. v. Lucius, den Hausminister v. Wedell- Piesdorf und den Kriegsminister Bronsart von Schellendotff. Hinter den Ministern, die in den Bankreihen tinks de» Hauptgangs Platz genommen hatten, war das Präsidium des Reichstages und de» Herrenhauses, sowie des Abgeordnetenhauses placirt worden, dem sich noch einige Abgeordnete angefchlossen. In den Bankreihen recht» de» Haupt- ganges war da» diplomatische Korps erschienen. Zuvorderst saßen die fremdländischen Botschafter und Gesandten mit ihren Damen; unter ihnen war auch der btt Türkei. Den fremdländischen Gesandten reihten sich diejenigen deutscher Bundes­staaten und der Bundesrath an, darunter Graf

feiner graben, schlichten Weise erzählt, baß er nur eine Banknote angefertigt, und wie sie entstanden, da bleibt ihnen kein Zweifel, baß bas boch ein grundehrlicher Bursch ist, dem wahrlich jede be­trügerische Absicht fern gelegen hat. Sie lachen schließlich und bewundern sein Talent, und als sie ihn dann ohne jegliche Strafe entlassen, da geben sie ihm den guten Rath mit, seine Kunst auch fernerhin fleißig zu üben, aber nur keine Banknote mehr als Vorlage zu nehmen.

D.e Sache war noch gut abgelaufen, aber der Ederbauer hat recht, da» „Bildern" taugt dem Franzl nichts, er verliert darüber alle Lust zur Feldarbeit und läßt fich beim Handel tüchtig übers Ohr hauen, weil er die Gedanken nicht zusammen- nimmt. So lange noch de» Vater« scharfe Augen über allem wachen, geht e» zwar, doch da kommt ein Tag, an dem ein ernster Gast auf dem Eder- Hof einkehrt: der Tod führt den langjährigen Be­sitzer von seinem Anwesen hinweg.

Von allen ©eiten strömen die Nachbarn herbei, um dem geachteten Manne da» letzte Ehrengeleite zu geben. Dem schwarzverhangenen Sarge folgt / der Franzl, auf dem gesenkten Gesichte den Aus­druck einer tiefen Herzenstrauer. i

So geht der feierlich ernste Zug den Kirchsteig hinan zu dem kleinen, sonnigen Friedhof. Em Kreuz