28 Montag, den 4. Februar. 1889
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Der Selbstmord des Kronprinzen Rudolph von Oesterreich.
• Als der elektrische Draht am Mittwoch Nachmittag die Unglücksbotschaft brachte, Kronprinz Rudolph von Oesterreich sei am Morgen tobt in seinem Bette gefunden worden, da war überall der erste Gedanke an einen Selbstmord. In Wien wurde diese Ansicht bereit» Vormittag» eifrig kol- portirt und al» zweiter Erklärung»grund ein Jagd- Unglück oder ein Sturz vom Pferde gngegeben. Man konnte sich nicht gut denken, daß ein junger Mann in diesen Jahren so rasch und ohne vorherige Krankheit einem Herzschlage erlegen sein solle, wie die amtliche Angabe lautete. Zwei Tage hindurch ve.suchte man diese amtliche Unwahrheit zu halten, bis man endlich gestern früh die Wahr» heit verkündigte. Der Kronprinz der Habsburgischen Monarchie hat sich erschoss en.
Ist es ein gewöhnlicher frivoler Selbstmord, wie deren heutzutage so viele begangen werden, daß ein blasirter Mensch oder ein Mensch, der irgend einen Schmerz empfindet, stch eine Kugel vor den Kopf schießt, erfüllt von der modernen Lebena- philosophie, daß der sinnliche Genuß alle»sei, daß nach dem Tod da» Nirwana, das Nicht» beginne, daß man nicht nach der „veralteten" Lehre des Christenthum« Pflichten habe, arbeiten, sich nützlich machen und nach Christi Beispiel auch Schmerzen ertragen, überhaupt sich im Leben für eine höhere überirdische Bestimmung vorbereiten müsie? Over ist dieser Selbstmord im Irrsinn begangen worden? Das Urtheil darüber ist schwer, ja es ist ohne ganz genauen Einblick in die Seele de» Unglückliche« — denn unglücklich ist ein solcher Mensch immer — unmöglich. Ein solcher Einblick, der zum Urtheil berechtigte, ist aber in der R-gel dem Menschen nicht gegeben, Gott dagegen wird richten über Hohe und Niedrige, über Bettler und Fürsten.
Einige Betrachtungen dürften doch am Platze sein. In der Familie Habsburg schlich stch bald nach ihrem Emporkommen der Irrsinn ein. Johanna die Wahnsinnige, die Erbtochter de» kastilischen König«, war die Mutter Kaiser Karl» V. Dessen Sohn Philipp II. von Spanien war bereit» geistig nicht ganz normal und unter seinen Nachfolgern ging der spanische Zweig der Habsburger in Irrsinn und Idiotismus unter. Der österreichische Zweig schüttelte diese» unheimliche Gespenst, da» die Völker noch mehr straft, wie die Herrscherfamilien, ab und die Geschichte weiß von irrsinnigen Habsburgern seit dieser Zeit nicht» mehr zu berichten. Doch blieb der Dynastie ein hoher geistiger Aufschwung versagt, wobei man freilich zugeben wird, daß die geistreichen Regenten nicht immer die besten find. Ein Talent, ziemlich über Mttelmäßigkeit, viel Eifer, Fleiß und Pflichtgefühl, Gewissenhaftigkeit und politischer Blick, besonders aber Scharfsinn in der richtigen Wahl der Mitarbeiter — da» macht den tüchtigen Regenten mthr als hoher Geisterflug, der nur zu leicht zur Excentricität neigt. Auch als der Habsburger Stamm ausstarb und sich in der lothringer Dynastie verjüngte, schwang sich da« Geschlecht geistig nicht auf, und schlechte Haushalter waren viele unter ihnen — ein Nebel, da» jetzt noch der. österreichischen Monarchie anklebt, wenn die Kaiserfamilie inzwischen auch reich geworden ist. Häufig suchten die Habsburger Prinzen ihre Frauen in der eigenen Familie, wa« be> kannttich für die körperliche und geistige Gesundheit der Nachkommenschaft nicht gut ist. Oder sie verschwägerten sich mit den Bourbon», die, durch Lasterhaftigkett mitunter herabgekommen, auch nicht immer das beste Blut dem alten Stamme
zuführten. Wir geben zu, daß die Lage dieser hohen katholischen Familien nach der Reformation in Bezug auf die Wcchl der Frauen und Stammmütter etwa» peinlich geworden war, aber man war doch zu voreingenommen für die hohe und allerhöchste Geburt und da» rächt sich leicht an den nachkommenden Generationen. Die Mär von dem besonderen Blute de» Adel» ist eben doch nur eine Mär und verkehrt sich bei solchen Verheira- thungSgrundsätzen leicht in ihr Gegenthell. Da ist der englische »del politisch und sozial weniger ausschließlich und erhaben, aber er ist praktischer und klüger. Er ist nun ganz wohl möglich, daß der unglückliche Kronprinz in der That von theilweisem Irrsinn befallen war und in diesem Zustand Hand an sich legte.
Auf der anderen Seite ist die Frage, ob nicht doch hier ein frivoler Selbstmord vorliege, nicht ganz ausgeschlossen, ja durch die ganze Bildung«- und Lebensweise bi» österreichischen Kronprinzen gerade nahe gerückt. Der Selbstmord ist sowohl eine physische al» eine sittliche Krankheit und die Statistik zeigt, daß seine Häufigkeit genau in dem umgekehrten Verhältnisse steht zur Geltung de» lebendigen Christenthum» in der Gesellschaft. Die höhere Gesellschaft de» Hetdenthum», in Unglauben und einer innig damit zusammenhängenden grauenhaften Unsittlichkeit verkommen, ging an Selbstmord und Entvölkerung zu Grunde. Und auch in der Gegenwart beobachten wir, wie derselbe Vorgang sich langsam wieder vorbereitet. Je mehr in einem Lande und einem Stande das moderne Heidenthum Boden faßt, desto häufiger wird der Selbstmord, zumal in den höheren Ständen. Auch der Irrsinn, dem viele Selbstmorde erbringen, nimmt an Häufigkeit zu in Folge unserer vielfach überreizten und unnatürlichen Lebensweise, neben ihm wächst aber und noch mehr die Zahl der frivolen Selbstmorde. Der Rou« und gelangweilte Lebemann, der alle erlaubten und nicht erlaubten Genüsse der Sinne, die sein Geld ihm verschaffen konnte, durchgekostet hat, tödtet sich aus Blafirthett; der unreife Junge, weil er in der Schule oder zu Hause Strafe bekommen, der Ehemann, weil ihm die Frau nicht gefällt, der Spieler, weil er sein Sei mögen verloren — Allen gemeinsam aber ist der Mangel an Gewissen, an Pflichtgefühl, an Sorge für ihre Hinterbliebenen, an dem Bewußtsein, daß die Christenpflicht ihnen geboten hätte, zu leben und sich zu bessern. Der verstorbene Kronprinz war, durch die Verblendung seiner Eltern, großentheil» auf dem Boden de» modernen Unglaubens erzogen worden und auf diesem Boden wächst bekanntlich sehr leicht auch der finnliche Genuß-Exceß in« Unze- heuerliche. Denn gerade in dieser Beziehung wurden dem Verstorbenen sehr schlimme Dinge nachgesagt, Dinge, die allerdings gar vielen Hochgestellten nachgeredet werden und die man von ferne unmöglich lontroliren kann. Es scheint aber durch- aus nicht unmöglich, daß ber Unglückliche in ber Blafirthett de» Lebemannes, von leichten körper- lichen Beschwerden heimgesucht, (denn schwer war sein Leiden sicher nicht) sich den Tod gab. Wäre da» der Fall, so wäre Kronprinz Rudolf ein Opfer der durchaus verdorbenen hohen und niederen Wiener Gesellschaft, einer litt» lichen Fäulniß, welcher ein großer Theil der österreichischen Aristokratie ebenso unterliegt, al» der wohlhabende Bürgerstand in der Donaustadt, diesem „Capua der Geister". Ein endgiltige» Urtheil zu fällen ist unsere Aufgabe nicht, da» steht in höherer Hand und entzieht sich dem Auge de« Menschen. Aber den schrecklichen Fall zu beleuchten, erachten wir für unsere Pflicht und können nur wünschen, daß man besonder« in
Oesterreich die Lehre darau« ziehen möge. Dem Unglücklichen aber möge ber Allwiffenbe unb All- barmherzige ein gnäbiger Richter sein.
Deutsche- Reich.
Berlin, 2. Februar.
* Der königliche Hof legt heute für bett Kronprinzen Rubolph von Oesterreich auf brei Wochen bie Trauer an.
• Dem Abgeorbnetenhause ist ber Gefetzentwurf betr. bie Erhöhung ber Kronbotation zugegan- gen. Derselbe bestimmt im Wesentlichen: An bett Kronfideikommißfonb« wird außer der durch Artikel 3 der Verordnung wegen Behandlung de« Staatsschuldenwesen« vom 17. Januar 1820 auf die Domänen und Forsten angewiesenen Reute von 7,719,296 Mark und außer der nach den Gesetzen vom 30. April 1859 und vom 27. Jan. 1868 zu entrichtenden Rente von im ganzen 4,500,000 Mark vom 1. April 1889 ab eine weitere jährliche Rente von 3,500,000 Mark au« der Staatskasse gezahlt. Das Schloß zu Kiel wird der ausschließlichen Benutzung des Königs und bet Uebernahme der Unterhaltungslast auf ben Kronfideikommißfonds vorbehalten. In ber Begründung wird gesagt: Seit dem Erlaß des Gesetzes vom 27. Januar 1868 hat in Folge des inzwischen eingetretenen wetteren Steigens der Preise eine allmählig gewachsene und unabweislich gewordene Erhöhung de» Bedarfs für die persönlichen und sachlichen Ausgaben sich geltend gemacht, welcher bie königliche Hofoerwaltung auf allen Gebieten hat Rechnung tragen müssen. Zugleich hat burch bie Verbindung ber deutschen Kaiserwürde mit der preußischen Königskrone die Repräsentationspflicht der Krone eine Erweiterung erfahren, durch welche mit der Erfüllung dieser Pflicht das Erforderniß eines erheblichen Mehraufwandes verknüpft ist. D'e dem Kronfideikom- mißfond» zur Last fallenden Ausgaben haben stch daher schon fett längerer Zeit nicht mehr mit der demselben au» Staatsmitteln zufließenden Rente dicken lassen. Bei ber Bemessung bes Betrags ber zu zahlenden wetteren Rente ist der schon sett Jahren thatsächlich hervorgetretene sowie der für die Folgezeit überschläglich geschätzte Bedarf zu Grunde gelegt worden, wobei nicht außer Betracht bleiben konnte, daß infolge wettgehender Einschränkung der Ausgaben für Baulichkeiten, Inventar u. s. m., zu welcher die königliche Hofoerwaltung sich in den letzten Jahren hat veranlaßt finden müssen, künfttg beträchtliche Mehraufwendungen für diese Zwecke unabweislich erscheinen werden.
* Der Reich»tag genehmigte Ausführungs- Bestimmungen zur Einführung der Gewerbeord- nung in bett Reichslanden unb zur Konvention, betreff, bie Unterbrückung de» Branntweinhandels unter den Nordfecfischern. Dann wurde die 2. Berathung de» Etat« fortgesetzt. Kontre-Admiral Häusner erwiderte auf bezügliche Anfragen, daß Nachrichten über die Vorgänge auf Samoa erst Mitte diese« Monat« zu erwarten seien, ferner daß über Veränderungen in ber Marine - Verwaltung Beschlüsse noch aurstehen. Da» Ordinarium de» Marttie-Etat» würbe barauf angenommen. Beim Extra-Ocdinarium erklärte Adg. Dr. Barch, daß die freifinnige Partei vorläufig nur für ein, statt, wie gefordert, für vier Panzerschiffe stimmen werbe. In gleicher Weise sprach stch Frechen v. Gagern Namen» be« Centrum» au», währenb Abgg. Dr. Frege (kons), Graf Behr (Rp.) unb Dr. Ham- machet (nl.) bie volle Bewilligung befürworteten. Kontre-Abmiral Häusner erklärte, e» werde nach wie vor das Prinzip festgehalten, daß wir eine führende Seemacht nicht werden wollen, aber an-