Freitag, den 1. Februar.
1889
Erstes Blatt
8»entscheS Reich. t
____M:»« -BerlinWI.^Januar.M -*-SbeTKaiser ist durch die Kunde von dem plötzlichen Ableben de« Kronprinzen Rudolph von Oesterreich tief erschüttert. Gleich nach dem Bekanntwerden der Todesnachricht ließ der Kaiser eine innige Beileidsdepesche an den Kaiser Franz Joseph abgehen und begab fich dann zum österreichischen Botschafter Grafen Szechanyi, der noch unbenachrichttgt war. Die Depesche des deutschen Kaiser« war die erste, welche der österreichische Kaiser erhielt, die zweite war vom König Humbert und die dritte vom Prinzregenten Luitpold von Bayern. Da» belgische Königrpaar wird stch zu den Trauerfeierlichkeiten nach Wien begeben.
* Der Kaiser hat bestimmt, daß die Offiziere des Kaiser Franz Garde-Grenadier - Regiment- Nr. 2 und des zweiten Brandenburgischen Ulanen- Regiment» Nr. 11 acht Tage Trauer anlegen. Zur Theilnahme an den Beisetzungsfeierlichkeiten in Wien find Deputationen der beiden genannten Regimenter bestimmt worden.
• Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht an der Spitze seine» amtlichen Theile» folgende Mittheilung:
Durch das gestern Morgen erfolgte unerwartete Hinscheiden ©r. Kaiser!. Hoheit des Kronprinzen Rudolph von Oesterreich sind Se. Majestät der Kaiser und König, Aller- höchstwelche in dem hohen Entschlafenen einen innig geliebten Freund verloren haben, auf das Schmerzlichste bewegt worden. Mit Sr. Majestät und dem Kaiser!. König!. Hause trauert das gesammte deutsche Volk an der Bahre des hoffnungsvollen jungen Fürsten, deffen klarer, weitschauender Blich reiche Gaben des Geistes und rd.e Eigenschaften des Herzens ihn bestimmt erscheinen ließen, fernen Völkern einst ein großer gerechter und milder Herrscher zu sein, dem befreundeten deutschen Reiche ein treuer Verbündeter zu bleiben.
* Der .Staatsanzeiger' veröffentlicht die Ernennung des Staatssekretär» Dr. v. Schelling zum preußischen Justizminister.
* Die Gesandtschaft, welche im Auftrage des Sultans von Marokko dem Kaiser die Glückwünsche zur Thronbesteigung überbringt, ist gestern in Berlin eingetroff n und im Kaiserhof abgesttegen.
• Em Weißbuch über die Samoa-Angelegenheit wird angekündigt.
• Gegen den „König" Mataha auf Samoa ist einer Depesche de» Reuter'schen Bureau's zufolge deutscherseits der Krieg erklärt worden.
* JmReichstag gedachte Präsident v. Levetzow in einer warm empfundenen Ansprache, während welcher sich die Mitglieder von ihren Plätzen er- hoben, des plötzlichen Hinscheidens de» Kronprinzen Rudolph von Oesterreich. Gleichzeitig theilte er mit, daß er dem österreichischen Botschafter die Theilnahme de» deutschen Reichstag» an diesem Trauersall ausgesprochen habe. Alsdann begründete der Abg. Dr. Lieber (Centr.) den von ihm eingebrachten Antrag betreffend Beseitigung der Sonatagsarbeit. Bundeskommiffar Geh. Rath Lohmann führte aus, daß die Frage durch die in den Einz lstaaten bestehenden Gesetz- ausreichend geregelt sei und demnach kein Anlaß oorliege, in eine Neuregelung einzutreten. Nachdem sich Redner aller Parteien sü- den Antrag ausgesprochen, wurde die erste Lesung desselben geschloffen. Von einer Kommtssioniberathung wurde abgesehen; der Antrag kommt demnächst zur zweiten Berathung an das Plenum. Dann wurde über den Antrag der Sozialdemokraten auf Aufhebung der Kornzölle verhandelt. Bebel begründete denselben. Kardorff sprach gegen denselben, worauf die Verhandlung abgebrochen neurde. Morgen: Kleine Vorlagen, Etat.
'» Im Abgeordnetenhaufe gedachte Präsident v. Köller zunächst de» erschütternden Trauer- falle», der da» un» so eng befreundet« Oesterreich durch da» plötzliche Ableben de» Kronprinzen
Wegen des morgige« Feiertages .Mariä Lichtmeß" wird die nächste Nr. erst am Montag de« 4. d. ausgegebe«.
Schreiben der schottischen Bischöse an den Papst.
• Wie vor Kurzem die österreichischen, so haben nun auch die schottischen Bischöfe an den hl. Vater, Leo XIII , einen Brief gerichtet, in welchem sie für die Unabhängigkeit de« hl. Stuhles eintreten. Die schottischen Bischöfe gehen mit besonders großer Energie gegen die gottesräuberische Macht der Piemontesen und gegen die ruchlosen, kirchenpolitischen Gesetze vom vori- gen Jahre vor und hoffen, daß der h. Vater noch die Wiedereinsetzung in seine Rechte erleben werde. Da« betr. Schreiben lautet:
Heiligster Vater! Vor zehn Monaten näherten sich Klerus und Volk Schottland» den Füßen Deiner Heiligkeit, um der freudigen Empfindung Ausdruck zu geben, welche sie bei Deinem Eintritt in das fünfzigste Jahr Deiner Priesterthum» be- feelte. Doch bald folgte dieser unserer Freude ein herber Schmerz; denn seitdem wurde jene am Fuße der Alpen heimische Macht Italien», welche ruchloser Weise vor achtzehn Jahren die Herrschaft des höchsten Oberpriester» in Besitz genommen hatte, täglich rücksichtsloser, sie verschärfte die Knechtschaft noch mehr, in welche sie den Statthalter Christi gezwungen und machte die unbilligsten, sowohl der italienischen Geistlichkeit wie der Freiheit der Kirche feindlichen Ges.tze. Wir Eiz- bischöfe und Bischöfe Schottlands erklären daher offen, daß der höchste Priester, welchem da« oberste Urtheil sowohl über die Könige al« deren Unter- thancn von Christus d-m Herrn übertragen ist, keiner staatlichen Gewalt unterthan sein darf, und daß ihm die weltliche Macht von Gott gerade deshalb verliehen wurde, damit er im Stande sei, dar Amt des höchsten Hirten frei auszuüben. Darum ist es aufs Tiefste zu bedauern, daß e» Menschen c.ibt, welche an das Land, das die röm fchen Oderpriester seit den ältesten Zeiten in ihor Gewalt hatten, ihre gottc«räuberische Hand gelegt haben, und niemals darf man auf diejenigen hören, welche behaupten, eine so gottlose Besitzergreifung könne jemals unbeschadet der Rechte des römischen Stuhles erlaubt sein.
Ueberdie» beschuldigen wir die kürzlich in Italien erlassenen ktrchen-pol tischen Gesetze wieder und wieder der höchsten Gottlosigkeit, da sie ja die Freiheit be« Papste« selbst angreifen, die Rechte de« um Italien so sehr verdienten Klerus antasten und für die staatliche Gewalt dar Recht in Anspruch nehmen, sich in Dinge einzumischen, die gänzlich geistlicher Ordnung unterliegen. Gebe Gott, daß jene höchsi ungerechten Gesetze jetzt nicht der Religion zum schweren Schaden gereichen, noch daß j ne« unermeßliche Uebel fich einniste und zunehme. Uebrigen« hegen wir im Vertrauen auf die göttlichen V:rheißungen die unerschütterliche Zuversicht, daß der römischen Kirch; ihre Rechte zur größten Freude aller Guten werden zurückgegeben werden, und, daß Die« noch unter Deiner glücklichen Regierung geschehen möge, darum flehen wir inbrünstig zu Gott, dem Spender aller Gaben, in bi ff en Hand bie Herzen ber Könige find. Unterdessen erflehen wir zu den Füßen Deiner Heiligkeit für un» selbst, sowie für unfern Kleru« und da» un» anvertraute Volk demüthig bim apostolischen Segen.
[tTbau§t^ärT/TCmarinM^ennifl.^ mi‘ Sfe'S LspÄ^ -n^-chend-r Rabatt.
Rubolf betroffen. Der Präsident wird bet hiesigen österreichischen Botschaft den Ausdruck der Herz- lichen Theilnahme der Hause« übermitteln. Dann wurde die Etatsberathung fortgesetzt und die Etat» der Gestütsverwaltung und der Bergwerksverwal- tung unverändert angenommen. Bei letzterem entwickelte sich eine mehrstündige Debatte über unsere Zollgesetzgebung, sowie über die Währungsfrage. Abg. v. Eynern (nl.) trat für die Goldwährung ein, während Abg. v. Schalscha (Centr.) den bime- talistischen Standpunkt vertrat. Auf eine Anfrage des Abg. Schmieding stellte Mnister v. Maybach die Einbringung einer Vorlage betr. Aufhebung der Bergwerksabgaben und den baldigen Beginn de» Dortmund • Em» - Kanalbaues in Aussicht. Dienstag: Vereidigung neuer Mitglieder, Etat.
• Die Al ter« Versicherung»-Kommis- fion de» Reichstage» hat die für die Bemessung der Beiträge und der Renten zu bildenden Klassen der Versicherten derart festgesetzt, daß Klaffe I Diejenigen mit einem Jahres arbeit»verdienst di» zu 400 Mark, Klaff; II von mehr als 400, Klaffe HI von mehr al» 550, Klaffe IV von mehr als 700 und Klaffe V von mehr als 850 Mark umfaßt.
* Hebet die Stellung der Kaiser« Wilhelm II. zur F t e r m a u t e t e i h trscht Unklarheit. Konservative Organe hatten die von uns mit Freuden aufgenommene Nachricht gebracht, daß Kaiser Wilhelm stch nie um die Freimaurerei gekümmert habe, und daß er es wahrscheinlich auch ferner so halten werde. Nun wird gemeldet, Kaiser Wilhelm n. habe au« Anlaß der ihm zum Jahr.»- wechsel zugleich mit den Mitgliederverzeichniffen übermittelten Glückwunschabreffe BerlinerGroß- logen ein Dankschreiben zugehen lassen. In biesem Dankschreiben versicherte ber Kaiser die Freimaurerlogen zugleich seine» ferneren Schutze« und seiner Sympathie. Darnach möchte e» fast scheinen, al» ob der Kaiser da» Protektorat, um welche» er von den Logen ersucht worden war, angenommen hätte.
• Karlsruhe, 31. Jan. Heute wurde die Verlobung der Prtnzesstn Marie von Baden mit dem Erbprinzen Friedrich von Anhalt dahier vollzogen.
' Ausland.
• Wien, 31. Jan. Der nach M yerling ge- sandte Berichterstatter be« .Frembenblatte»' meldet; Der Kronprinz Rudolph hatte stch am Montag Mittag in einer Hofequipvze von Wien nach Brei- tenfarth begeben, wo ein Wiener Fiaker denselben erwartete. . Der Kronprinz benutzte jedoch den Wagen nicht, sondern legte die kurze Wegesstrecke nach Miyrrling zu Fuß zurück, sehr vergnügt mit den Jagdgästen plaudernd. Nach der Rückkehr von der Jagd am Dienstag klagte der Kronprinz über Kopfweh; er zog fich in seine Gemächer zurück, ließ seine Theilnahme an dem für den Abend anberaumten Familiendiner absagen. Am Abend desselben Tage« arbeitete bet Kronprinz einige Zeit in seinem Schlafzimmer unb schrieb mehrere Briefe. Am Mittwoch Morgen erwachte ber Kronprinz vor 7 Uhr Ec läutete seinem langjährigen Kammerdiener Lösche! und befahl da« Frühstück. Al« der Leibkammerdiener, diesen Befehl aurführerd, kurz vor halb 8 Uhr in de« Kronprinzen Schlafzimmer trat, fand er denselben tobt im Bette. Prinz Philipp von Koburg unb Graf Hoyos befanden stch im Schloßhofe, al» ber Leibkammerdiener leichenblaß mit bet entsetzlichen Kunde herausstützte. Sofort eilten dieselben in de« Kronprinzen Schlafgemach. Sie sahen, daß menschliche Hilfe vergeben« wat. Prinz Phllipp verblieb am Sterbebette seine« Schwagers, während Hoyos nach Wien fuhr, um