JM 24.
Dienstag, den 29. Januar.
1889
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Deutsches Reich.
Berlin, 28. Januar.
* Ein neues Zeichen „reich-feindlicher Gestn- nung" ist das Lesen von Jansen'» berühmter „Geschichte des deutschen Volkes". Jeder „reich«, treue" Mann wird sich bald genöthigt sehen, öffent» lichzu erklären, erhübe diese»Buch nicht gelesen! Sonst gilt e» als ein Zeichen von Bildung, wenn man fich in verschiedenen Zweigen der Wissenschaft umsteht, und ein Mann, der von seiner eigenen Ueberzeugung wirklich überzeugt ist, fürch« tet fich nicht, auch ein Buch zu lesen, besten In. halt ihm vielleicht nicht sympathisch ist. Das gilt aber für gewiste Kreise in Deutschland nicht. Hier wird allem Katholischen gegenüber der sonst al» „ultramontan" verschriene Obskurantismus offen verlangt. „Katholica sunt, non leguntur.6 Die Abweichung von diesem Grundsätze gilt als „reichsfeindlich". kaum hatte ein Dr. L. Kaltfchmidt es öffentlich für eine „Verleumdung" erklärt, daß man ihm „nachsage, Janssen'» deutsche Geschichte gelesen zu haben", so hielt es ein Dr. Lohrer, Geschichtslehrer am Gymnasium zu Mühlheim a. d. Ruhr, sür dringend geboten, eine mit seinem Diensteid bekräftigte öffentliche Erklärung abzu« legen: er habe Janffen's Werk nicht gelesen, sondern kenne dastelbe nur au» Recensionen (vergl. ,Duisb. Valksztg.' vom 6. Dezember 1888). Und in Krähwinkel — wollte sagen in Augsburg, wurde unlängst einem sonst tadellosen katholischen Lehrer die definitive Anstellung verweigert, weil er — welche Unvorsichtigkeit — das Buch von Janssen gelesen hatte, was neben seinem Lob auf Windthorst und Mallinkrodt offenbar auf „undeutsche Gesinnung" Hinweise! Bald wird jeder „wahrhafte Deutsche" einen Polizeischein mit sich Herumtragen mit der amtlichen Bekräftigung, daß er das Buch von Jansten nicht gelesen habe! Dabei nimmt dieses Buch an Auflagen und Lesern immer mehr zu — welches Unheil!
• Zum Prtestermord in Lahr schreibt das .Münch. Fremdenbl.': Der Mordbube ist ein echtes Kind unseres Jahrhunderts, „frei von religiösen Vorurtheilen", satanischem Haß gegen die Diener Gottes in seinem Herzen, dabei voll eitler Selbstvergötterung, Bewunderung des schnöden Ich-, in Eitelkeit und Prahlerei fich des scheußlichen Verbrechens rühmend. Auch ein Hödel hatte solchen blutdürstigen Stolz. Für die Herren Mörder ist jetzt ein goldene» Zeitalter gekommen.
3»ti Kinder.
Erzählung von H. Ri ess en.
(Fortsetzung.)
Ein laute» Lachen unterbrach die Worte de» jugendlichen vom Feuereifer beseelten Pianisten. Wolfgang erschrack heftig zusammen und sah ängstlich fragend auf seine Schwester, um dann den Blick auf den Fremden zu richten der hinter dem Baume verborgen gestanden und da» Gespräch angehört hat. Al» selbiger merkte, daß er entdeckt worden, Kat er an die Kinder heran und sagte: „Fürchtet nicht», der große heilige Nepomuk hat mich gesandt. Euch glücklich zu machen."
Bei diesen Worten sahen fich die beiden Geschwister verständnißinnig an, dann wieder den Blick voller Neugierde und Erwartung auf den an« geblichen Boten de» h. Nepomuk richtend. Die edle Haltung, da» vornehme Aeußere, sowie die wohl- thuende Stimme und die freundlichen Züge de» Fremden ließ sie etwaige kindliche Befangenheit abstreifen; Wolfgang trat an den Herrn heran und die Hand desselben ergreifend, rief er in kinv- sicher Einfalt:
„Geistesgestört", das ist das Zauberwort, mit welchem die Blutschuld hinweggeleugnet wird. Die Lebensgeschichte de» betreffenden Auswürflings wird bis zum Tage seiner Geburt zurück verfolgt, um die Beweise für „Neigung zu Gehirnaffektionen" zu sammeln. Sein Stammbaum wird geprüft, um der Lehre der vom „Atavismus", vom natürlichen Angeborenfetn, Vererben der Laster und Tugenden zum Thriumpfe zu verhelfen. Gott Seele, Geist, Gemüth, diese Worte kennt die moderne Wissenschaft nicht, Gehirnwindungen, Nervenstränge, Muskelreize, Blutzirkulation, Stoffwechsel, da» sind die Kapitelüberschriften ihre» Katechismus. Die Herren Mörder find gelehrige Schüler und Patienten. Kaum liegt das beweinens- werthe Opfer zerstückt zu Boden, so beginnt es ihnen um den eigenen Hals zu bangen. Sie fühlen das Beil des Henkers im Nacken, da wird der „wilde Mann" wie man es in Norddeutschland zu nennen pflegt, gespielt, Irrsinn, Geistes- störung geheuchelt. Die Justiz vergißt ihres Amte» als Rächerin, der Verbrecher wird zum Patienten, er wird beobachtet, studirt, die „Sachverständigen" werden berufen. Statt des Schaff ots und des Zuchthauses öffnet fich das Irrenhaus und in behaglicher Existenz gegen die Noth des Lebens geschützt, wird der „Pensionär der modernen Wissenschaft" weiter gefüttert. Wenn nur nicht die Stimme des Gewiffen» wäre, wenn nur durch den Spruch der Sachverständigen auch die Gespenster der Ermordeten gebannt wären! Greift der nagende Wurm so tief, daß fich das Gemüth verdüstert, sendet die strafende Hand der Gerechtigkeit Gotte» den Wahnstnn, dann triumphirt die Wissenschaft neuerdings. Ihre Behauptung ist ja bestätigt.
* Ueber Professor Gesscken's Ankunft in der Binswanger'schen Nervenheilanstalt in Kreuzlingen bei Covstanz wird den Münch. N. Nachr.' geschrieben: „Geffcken war bei seiner Ankunft sehr heiter und faßte scherzend: „Ich komme noch ohne Vormund." Aus seinen Aeußerungen ist zu entnehmen, daß eine Entmündigung nicht eintreten wird, und daß er selbst sich dagegen mit aller Kraft wehrt, „das Gehirn", meint er lächelnd, „ist, wenn auch ein wenig matter, aber doch noch gesund, gesünder, als Vielen lieb ist. Ich will mich nur erholen, denn für dis nächste Zeit werde ich meine ganze Kraft gebrauchen." Ueber die Vorfälle der jüngsten Zeit äußert er fich spärlich, Thatsache ist, daß in den
„Sie find ein Bote de» Helligen Nepomuk, desto besser! Können Sie meine Wünsche erfüllen?"
„Nicht alle, mein liebes Kind," antwortete der Fremde.
Darauf ließ fich Letzterer auf eine, in der Nähe sich befindende Moosbank nieder, Wolfgang an fich ziehend, während Marianne, mehr schüchtern, fich etwa» abseits hielt. Zu Wolfgang gewendet, fuhr der Fremde fort:
„Ich will Dir, soviel er in meiner Macht liegt, geben was Du wünschest, unter der Voraussetzung jedoch, daß Du mir aus alle Fragen, die ich an Dich stelle, eine wahre Antwort gibst; ich bemerke Dir im Vorau», daß ich weiß, wenn Du Lügen rcbcfi
„Ich lüge nie Herr und meine Schwester kann bezeugen, daß ich noch nie eine Unwahrheit gesagt habe," antwortete Wolfgang etwa» beleidigt.
„Nun gut, dann beantworte mir meine Frage," erwiderte der Fremde. „Wer ist Dein Vater und wie beißt er?"
„Mein Vater, Leopold Mozart, ist Kapellmeister und spielt Violine und Klavier, doch Violine am besten."
letzten Tagen ihm nahe gelegt wurde, um seine Entlassung al» em. Professor der Straßburger Univerfität nachzusuchen, im anderen Falle ein Dirziplinarv erfahren gegen ihn eingeleitet würde. „Die» erwarte ich", rief Geffcken erregt au», „ich erwarte e» bestimmt, und für diesen Zweck werde ich mich derart vertheidigen, daß mancher Punkt klar gelegt wird." Der Aufenthalt Geffcken'» in der Biniwanger'schen Heilanstalt, in welcher derselbe Übrigen» schon ftüher zwei Mal war, ist für vorläufig zwei Monate bestimmt."
* Die Reichstagskommission für die ostafrikanische Vorlage hat die Vorlage gegen zwei (deutschfreifinnige) Stimmen angenommen. Die Bestimmung, wonach der Reichskommissar gleichzeitig nach der ihm ertheilten besonderen Instruktion die dem Reichskanzler statutenmäßig zustehende Ausficht Über die deutsch-ostafrikanische Gesellfchaft und deren Angestellte in Ostafrika ausübt, wurde im Einverständniß mit der Regierung gestrichen.
• Der Reichstag berieth heute den Etat der Verbrauchssteuern und genehmigte die Positionen Zuckersteuer und Salzsteuer. Auf eine bezügliche Anfrage erklärte Staatssekretär v. Maltzahn, die Regierung wende der Saccharin-Fabrikation volle Aufmerksamkeit zu und würde eine besondere Besteuerung dieses Fabrikats vorschlagen, wenn dasselbe den Zucker verdrängen sollte. Auch über die Zuckerprämien-Konvention gab der Staatssekretär eingehende Auskunft. Morgen zweite Berathung der ostafrikanischen Vorlage.
• Der Kaiser hat anläßlich seines Geburtstage» folgende Orden verliehen: Dem Kultusminister Dr. v. Goßler und dem Finanzminister Dr. v. Scholz das Großkreuz des Rothen Adlerordens mit Nchenlaub, dem Staatssekretär de» Auswärtigen, Grafen v. Bismarck und dem Minister de» Innern, Herrfurth, den Rothen Adlerorden erster Klasse mit Eichenlaub sowie dem Ober-Reichsanwalt Teflendorff das Kreuz der Komthur des kgl. Hausordens von Hohenzollern.
* Korvettenkapitän Prinz Heinrich hat soeben eine weitere milllärische Beförderung erhalten. Er wurde zum Kapitän zur See unter vorläufiger Belassung seiner bisherigen Dienststellung als Ab- theilungs-Kommandeur bei der ersten Matrosen- Division ernannt; außerdem ist der Prinz Oberst L la suite des 1. Garderegiments z. F. und Garde-Füstlier-Landwehrregiments geworden.
* Graf v. Walberfee ist zum Mitglied des Herrenhauses ernannt worden.
„Lebt Deine Mutter noch?"
„Ja."
„Wie viele seid Ihr?"
Da der Knabe still schwieg, antwortete statt
seiner die Schwester.
„Unser waren sieben, jetzt aber nur noch wir Beide."
„Und Dein Vater ist arm, liebes Kind?" frag der Fremde das Mädchen weiter.
„Sehr arm,“ antwortete es und das in der Hand haltende Stück Brod zeigend, sagte es weiter: „Dies ist alles Brod, was heute im Hause war. Vater und Mutter haben für fich Nichts behalten. So oft die Mutter, wenn fie uns Brod gibt, sagt: „Geht unb verzehrt es draußen auf dem Felde, liebe Kinder," geschieht dies einzig und allein darum, auf daß wir nicht merken sollen, daß fie für fich nichts hat." Und Marianne weinte, während fie sprach.
„Arme Kinder," seufzte der Fremde tiefgerührt, „wo wohnen Eure Eltern denn?"
„Dort oben auf dem Hügel, in dem kleinen Hause, dessen Dach Sie hier sehen können," sagte Wolfgang.