der euch tödten wird, glaubt, ein gottgefälliges Werk zuthun, weil sie weder den Vater noch mich kennen". Zum Schluß erfolgte die Einsegnung. Darauf Mustk und Trauergesang. Sämmtliche Schulen waren geschloffen, ebenso alle Fabriken und Geschäftslokale. Die Theilnahme war eine durchaus allgemeine und innige. In der Kirche und auf dem Gottesacker hätte man vielfach lautes Schluchzen. Zahlreiche Abgeordnete des Landtage» waren anwesend.
Ausland.
* Pari«, 27. Jan. Die Deputirtenwahl verläuft überall in völliger Ruhe. Die Betheiligung war in den Frühstunden schwach, wurde aber gegen Mittag ungeheuer. In manchen Lbtheil- ungen stimmten neun Zehntel der eingeschriebenen Wähler. Für den Abend werden große Ansammlungen vor Restaurationen und vor dem Cafö Durand, wo Boulanger'» Hauptquartier aufgeschlagen ist, vorausgesehen, weshalb e« behördlich untersagt wurde, die Wahlergebniffe durch Transparente anzukündigen. Die Republikaner wollen morgen da» Ministerium interpelliren, weil e« hochverräthensche Umtriebe zugelaffenhabe. (F. Z.)
* Der Priestermord itt Lahr.
Der .Lahrer Anzeiger für Stadt und Land' widmet in einem Extrablatts seinem Gründer, nachdem er da» unfern Lesern bekannte tragische Ende desselben geschildett, folgende Worte:
Doch das Schlimmste ist, daß wir unfern Dekan, daß wir unfern Stadtpfarrer, daß wir einen Förderer verloren haben. 34 Jahre hat er hier ausgeharrt unter den schwierigsten Verhältnissen, hat gekämpft und gelitten für seine Ueberzeugung unerschrocken und mannhaft wie wenig andere, seine ganze Kraft hat er eingesetzt und aufgezehrt. Ihm ist die Stellung zu verdanken, welche jetzt die Katholiken in Lahr einnehmen, er hat sie errungen in mühsamen Kämpfen. Durch seine geistige Bildung, seine Begabung, seine Charakterfestigkeit, seine gewinnende Offen- heit, Ehrlichkeit hat er sich Achtung, Ehrfurcht erworben bei Freund und Feind. Trauernd stehen wir an seinem Sarg, denn wir wissen, was wir verloren. Diese Zeitung hat, wie er sich bescheiden nannte, ihren „Blättle- schreiber" verloren, den, der sie ins Leben gerufen und bisher geleitet hat. Sein Geist hat in dem Blatt gelebt und gewirkt. Er war geboren in Rastatt am 3. März 1828, besuchte mit hervorragendem Erfolg daS Gymnasium, die Universität, wurde am 10. August 1853 zum Priester geweiht, war dann zuerst Vikar in Waibstadt, darauf in Schern und kam dann schon 1855 nach Lahr als Pfarrverweser. Am 15. Juni 1862 wurde er Pfarrer, bald auch Dekan, gründete 1868 den Anzeiger, wurde 1871 Abgeordneter im Landtag und ist es geblieben bis 1887, wo sein fortgesetztes und immer häufiger sich geltend machendes Herzleiden ihn bewog, seine parlamentarische Thätigkeit aufzugiben. Wo immer er sich be- theiligte, verschaffte seine Begabung und seine übrigen trefflichen Eigenschaften ihm eine hervorragende Stellung. Er hat viel gelitten, unter Stürmen und Sorgen und Kämpfen sein Leben hingebracht und nun hat es auch noch diesen unglücklichen Abschluß gefunden. Möge er in der anderen Welt jenen Friede» finden, der ihm hier nicht vergönnt war. Nach dieses Lebens Kämpfen gebe der Herr ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm.
Vorstehendem ist noch laut dem ,Bad. Beob.' hinzu-
Gerade vor ihnen stand am Wege ein alte» verwittertes Kreuz, an dessen Fuß eine Kniebank angebracht war. Wolfgang kniete alsogleich nieder, die kleinen Händchen zum Gebet faltend, den weh- müthigen Blick auf die Gestalt de« an dem Kreuze dargestellten Heilande» gettchttt.
„Schwesterlieb," sagte er dann, wie von einer höheren Eingebung erfaßt, plötzlich, „sollen wir uns nicht besonder« an den hell. Nepomuk, den Patron und Schirmer Böhmen», wenden? Mir ist, al» würde er un» helfen."
„Ja wohl," sagte Marianne, „da« wird gut sein."
Und nun begannen sie alsdann ein Gebet, einfach und kindlich fromm, wie e» nur au« reinem, unschuldigen Kinderherzen kommet kann. In dem Gebete waren Beide so vertieft, daß sie den Herrn, der jetzt wenige Schtttte abseits hinter einen Baum trat und sie mit Wohlgefallen beob- achttte, nicht bemerkten.
„Unser Gebet ist zu Ende," sagte endlich da« Mädchen.
»Und erhött!" rief Wolfgang laut und freudig, von der Bank, worauf er gekniet, sich erhebend.
„Meinst Du jetzt schon?" ftug die Schwester, -dann muß ja der hl. Nepomuk e« Dir in'« Ohr geflüstett haben."
„Ich weiß nicht, ob'« der hell. Nepomuk war oder nicht, aber höre: ich weiß, daß ich gut Klavier spiele, und wenn die Mutter um nicht so oft
zufügen, daß Herr Dekan Förderer auch Mitbegründer der Aktiengesellschaft „Badenia", in deren Verlag der ,Bad. Beobachter', der,Kath. Volksbote' und das ,Unter» Haltungsblatt ,Sterne und Blumen erscheint, gewesen ist, und lange Jahre dem Auffichtsrathe derselben angehört hat. Die Verdienste, welche er sich um das Emporblühen der .Badenia' erworben hat, werden ihm unvergeßlich sein.
Ein Freund des Herrn Dekan, der ihn unmittelbar vor dem Attentat besucht hat, theilt dem ,Bad. Beob.' mit, daß er denselben in feinem Lehnstuhle sitzend gefunden und daß er ihm geklagt habe, er habe am Morgen einen Anfall von Herzkrampf gehabt. Im Uebrigen sei Dekan Förderer helleren und wohlgemuthen Sinnes gewesen, und habe ihn eingeladen, wenn sein Geschäft zu Ende bis zum Abgang des Zuges bei ihm zu verweilen und eine Tasse Kaffee mit ihm zu trinken. Das Geschäft habe de« Freund kaum eine halbe Stunde in Anspruch genommen, und als er nach dem Pfarrhause zurückkehrte, sei die That bereits geschehen, und das Pfarrhaus von VolkShaufen umgeben gewesen. In dem Studirzimmer habe er den Dekan auf der Erde hingestreckt mit dem Kopfe unter dem Schreibtische liegend gesehen. Der Anblick sei enffetzlich gewesen.
Neber den Mörder berichtet der Wahrer Anzeiger' folgendes Nähere: Derselbe heißt Richard Ada, lediger Buchbinder, geboren 3. Juli 1863 zu Aach, Amt Engen. Am 23. d. M., Vormittags 10 Uhr, wurde der Mörder, welcher eine Haftstrafe wegen Bettelns und Landstreicherei verbüßt hatte, aus dtm hiesigen Gefängniß entlassen. Er besuchte einige Wirthschaften, zuletzt die zum „Geist", wo er von August 1885 bis Januar 1886, als er im Schauen- burg'schen Geschäfte als Buchbinder arbeitete, logitte. Hier bekam er Speise und Trank, darauf fragte er bei einigen Buchbindern um Arbeit. Um 3 Uhr Nachmittags kam er wieder in den „Geist" und erkundigte sich bei der Wirthin nach den Wohnungsverhältniffen des Herm Dekan, auch soll der Mörder dabei den mit Bleistift geschriebenen Zettel in der Hand gehabt haben, den er dem Herrn Dekan übergab. Um 4 Uhr bat er um Einlaß im Pfarrhause, und wurde auch in die im zweiten Stock befindliche S:u- dirstube gewiesen. Nach eigener Angabe des Mörders habe er den Zettel dem Herrn Dekan übergeben und ihm, während er lesen wollte, die tödtlichen Stiche beigebracht. Es entstand ein Ringen, bei welchem aber leider der Mörder die Oberhand behielt. Mit einem Buchbindermeffer stach et nun in blinder Wuth ans den hilflosen Mann ein und ließ das Messer in dessen Brust stecken. Nach vollbrachter Thal ging der Mörder wieder in die Wrthschaft zum „Geist", wo er die schauerliche That erzählte. Die Wirthin machte sofort Anzeige, worauf er alsbald durch einen Schutzmann verhaftet wurde. Bor der Wirthschaft schrie der Mörder: „Ja, ja, ich bin es, ich habe ihn erstochen, ich habe dem Schurken sein schwarzes Herz durchbohrt!" Der Mörder wurde nun gefesselt zum Amtsgericht geführt; auf dem Wege dahin schrie er wieder: „Nieder mit der Tyrannei, ich fürchte mich nicht, ich würde auch den Papst und die Bischöfe niedermachen." Im Gefängniß wurde ihm die Zwangsjacke angelegt und er durch die Polizei und Gendarmerie überwacht. Der Mörder nahm Nahrung und schlief auch während der Nacht. Geistesstörung ist nicht anzunehmen. Ada handelte mitUeberlegung und kaltem Blute. Einem solchen Menschen mußte unser guter, hochverehrter Dekan in die Hände fallen. In der Stube, wo Tausende Ral h und Hilfe bei dem treuen Seelsorger suchten und auch fanden, überfiel ihn dieser Mensch, einem wilden Thiere ähnlich. Es ist entsetzlich! Politischer Haß — ein anderesMotiv ist nicht denkbar — gab dem Mörder dasMesser in die Hand. Neben der Leiche lag ein Geldstück, das der Ge- mordete dem Mörder jedenfalls schenken wollte. Die Auf- regung in hiesiger Stadt ist unbeschreiblich, daS Herzeleid Aller, die dem theuern Dahingeschiedenen näher standen, unsagbar, — TagS nach dem Morde, Vormittags zwischen 10 und 11 Uhr, wurde der Mörder zur Leiche geführt. Sein Benehmen hier war unglaublich »md erschreckend roh. Bei diesem Verhör gab er an, daß er
ermahnte, nicht eitel zu werden, würde ich auch sagen, daß ich nicht schlecht komp»nire, und Du, Marianne, obschon Du nicht so viel davon verstehst wie ich, spielst auch nicht schlecht für Dein Aller."
„Aber, Wolgang, Du scheinst mir an großer Einbildung zu leiden," sagte die Schwester lachend.
„Fall mir nicht in die Rede, sonst werde ich noch vergessen, woran ich dachte. Höre, wa« mir beim Schluffe de« Gebete« eingeflößt wurde: W-r sollen an einem schönen Morgen in'« Land hinetn- gehen, so weit al« wir nur können. Wenn wir dann an ein Schloß kommen, mußt Du fingen; dann wird Jemand an» Thor kommen und die Bewohner de« Schlöffe« werden sagen: O welch arme Kinder find diese! Und ste werden un« ein- laden, in« Schloß zu treten und etwa» au«zuruhen. Ich gehe dann an« Klavier ....
„Wird denn ein Klavier in dem Schloss« sein?"
„Al« ob in unserer Zeit nicht Überall «laviere wären. Du ärgerst mich mit Deinen Fragen! ich werde mich also an« Klavier setzen und spielen und Alle werden von meinem Spiele entzückt sein. Man wird mir alle Ehre ermessen und Kuchen und Spielzeug schenken und Dir goldene Armbänder und Halsketten überreichen. Wir werden aber von alledem nicht» annehmen und ich sage: Befahlt un» lieber, dann können wir da« Geld unfern lieben nothleidenden Eltern bringen."
allein diesen Entschluß im Gefängniß vorgestern Nacht gefaßt habe, er wollte sich als geringer Mann rächen für die gonge Station, denn die Schwarzen wollten die ganze Nation zu Grunde richten, sie seien die Höllengeister. Entsetzen ergriff die dabei Stehenden ob dieser Sprache eines Mörders.
Diese Rechtfertigung de« Mörders ist im höchsten Grade bezeichnend. Als geringer Mann will er fich rächen für die Nation, welche von den Schwarzen, den Höllengeistern zu Grunde gerichtet wird. Da» ist die Sprache, die un» au» j.ber Spalte eine» jeden liberalen Blatte» entgegentönt, das ist die Sprache, welche die gottlose Philosophie von allen Kathedern redet. Sie sprechen allerdings nicht von Mord und Dolch, aber fie sprechen von den „schwarzen Höllengeistern, welche die Nation verderben," und hier sehen wir, wie „der geringe Mann" da» auffaßt. Nicht diesen Ada machen wir verantwortlich für eine That, deren Würdig- ung wahrscheinlich die Höhe seiner geistigen Bildung weit überragt, ihn so wenig, wie da« Buchbindermeffer, welches er in die Brust de« verehtten Dekan« stieß Wer den Samen ausstreut, auf dessen Gewissen lastet die Verantwortung für da«, wa« aus dem Samen emporkeimt. Das war ein jäher Blitz, welcher die namentlich gegen die katholische Geistlichkeit getriebene Hetze, grell erleuchtete. Möchten doch unsere Gegner, die ja heute mit einer Überaus wohlthuenden Einmüthigkett die ehrliche Ueberzeugung und die persönlichen Tugenden de« Gemordeten anerkennen, endlich zu der Ueberzeugung gelangen, daß wir, wenn auch getrennt in den Ansichten über die Wege, doch ehrlich dasselbe Ziel im Auge haben, wie sie, daß wir und namentlich unsere Geistlichen ebenso ehrliche Freunde de« Volkes find, wie irgend eine andere Partei, welche heute das Monopol der Volksfreundschaft in Anspruch nimmt. Streiten wir uns um die Wege, wie dem Volke am besten genützt wird, aber vergiften wir nicht diesen Streit durch die Jnfinua- tionen, daß wir e« nicht ehrlich mit dem Volke meinen. Das ist die warnende Lehre, welche die blutige Leichs Förderer'« den Partrien gibt!
Aus Stadt, Vrovmz und Nachdargebiet«
Fulda, 28. Januar.
—* Der Königliche Schulrath, Herr Dr. Flügel, bei unseren Lesern als früherer Direktor des hiefigen Schullehrerseminars in bestem An- denken stehend, ist von Danzig als Regierung«- schnlrath nach Trier versetzt worden.
* Die Englischen Fräulein Hierselbst haben den an der Petersgaffe gelegenen Dermbach'schen Gatten käuflich erworben, nm daselbst in thun- lichster Bälde einen Neubau aufzuführen.
* Wie man hört, sollen im nächsten Frühjahr sobald die Straßenprojckte definitiv festgestellt find, verschiedene Bauten beim Durchbruch an der
„Du kleiner Phantast, wie ehrsüchtig und doch wie lieb und gut bist Du!" rief Marianne, ihrem Bruder um den Hal« fallend und ihn küssend.
„Die« ist noch nicht Alle»", verfolgte Wolfgang mit glänzenden Augen; „der König soll von un« hören und nach un« fragen. Ich werde dann, wie auch Du, ein prächtiges Kleid anziehen und wir werden mit einander zum Palaste des König» gehen. Dort wird man uns in einen prunkenden Saal bringen, in dem fich schöne Damen und vornehme Herren befinden, die Alle Gold und Eselgestein tragen. Da» Klavier ist au« purem Golde, die Pedale von Silber, die Tasten Elfen- dein und der Schlüssel mit feinen Perlen besetzt und Alle« ist gleich prächtig und glänzt und chimmett von Diamanten. Dann setze ich mich an» Klavier und spiele, und der Hof wird un» umringen und mit Bewunderung den hervorgezauberten Tönen Andacht schenken. Habe ich mein Spiel beendet, wird mich der König fragen, wach am liebsten haben möchte und meine Antwort soll sein: „Wa» Sie für mich gut finden!" Dann wird er mir ein prächtige» Schloß schenken und ich werde Vater und Mutter und Dich allezeit bei mir haben und wir find aller Sorgen entledigt und brauchen kein trockene« Schwarzbrov mehr zu eff-n."
(Fortsetzung folgt.)