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1889

Montag, den 28. Januar.

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Deutsches Weich.

Berlin, 26. Januar.

* Die Herren Erzbiscköse Dr. Krementz und Dr. Din der haben nach mehrtägigem Aufenthalte sich von hier nach Köln, bezw. Posen zurückoegeben. Die .Schlesische Zeitung' erklärt die Hierherkunft der beiden hochwürdigsten Herren wie folgt: „Nach dem Regierungsantritt des jetzigen Kaisers be­schränkten sich die preußischen Bischöfe zunächst auf ein gemeinsames Huldigungsschreiben, welches sie aus Fulda erließen, und behielten sich vor, später zu gelegener Zeit persönlich ihre Aufwart­ung am Hofe zu machen. In Folge der längeren Reisen des Kaisers an die ausländischen Höfe unterblieb dieselbe im Laufe der Herbstes; aber der Winter dürfte nicht vorübergehen, ohne daß der längst gefaßte Vorsatz aurgkführt würde. Dle Audienzen beim Kaiser dauerten beide Male nur wenige Minuten, und die Unterhaltung drehte sich dabei nicht um besondere-kirchliche Fragen; solche wurden dagegen gelegentlich der Besuche berührt, welche die beiden Erzbischöfe im Kultusministerium abstalteten."

* Dem Reichstage ist ein neues Weißbuch über Ostafrika zugegangen. Die Vorgänge, über welche dass lbe berichtet, find bereits bekannt.

* Der Reichstag berieth heute die ostafrika- Nische Vorlage. Graf Bismarck legte dar, daß sich die Vorlage die Resolution Windthorst zur Richtschnur genommen hätte. Hauptmann Wiß- mann, der neue Reichskommissar für Ostafrika, begründete seinen OperationSplan und schilderte nach seinen während eines achtjährigen Aufenthalt» dortselbst gemachten Beobachtungen, die Fruchtbar­keit und Ergiebigkeit de« Lande« sowie dar Ver- hältniß der Araber zu den Negern. Die Gesund- heitSverhältniffe seien minder ungünstig als sie dargcstellt worden. Man müsse aber rasch handeln.

Zvei Kinder.

Erzählung von H. Ni ess en.

(Nachdruck verboten.) I.

Es war an einem schönen Morgen im Monat April de« Jahres 1763 al» zwei Kinder — ein Mädchen im Alter von etwa acht Jahren und ein Knabe, der zwei Jahre weniger zählen mochte — den reich mit bereits grünenden Reben bepflanzten Hügel herniederschritten. An Stelle der sorglosen Fröhlichkeit, die sonst diesem Alter eigen ist, zu Hüpfen und zu sprir gen, wandelten die beiden Kleinen, den Ernst de« Alter«, mit der schönen Jugend paarend, Hand in Hand, mit niederge­schlagenen Augen, nebeneinander her. Ihre Klei­dung zeugte von Dürftigkeit; de« Kleidchen« Farbe, welche« da» Mädchen trug, war von der Sonne gebleicht, und die Kleider de« Knaben zeigten an Ellenbogen und Knieen Flickstücke; doch die Sauber­keit der abgetragenen Kleider, da« sorgfältig ge­kämmte Haar, die frischen lieblichen Gesichtchen und die reinen, zarten Hände verriethen die treue Sorge und Pflege einer liebenden Mutter. Beide hielten ein Siück trockenen Brode« in der Hand,

Abg. Dr. Windt hör st beantragte Kommissions- berathung. Wenn es sich darum handelte, die Kolonialpolittk einzuleiten würde er Nein sagen; nachdem aber einmal vorgegangen worden, könne man nicht mehr zurück ohne das Prestige Deutsch­lands in Ostafrika aufzugeben. Die Bekämpfung der Sklaverei sei sein Haupiziel und nur insofern die Vorlage diese« Hauptziel fördere, könne sie begrüßt werden. Er seinerseits werde für die Vorlage stimmen in der fisten Erwartung, daß der Hauptzweck die Bekämpfung der Sklaverei nicht aus den Augen gelassen werde, und tn der Voraussetzung, daß der Reichskanzler und die Bundesregierung allein und ganz die Verantwor­tung übernähmen, da der Kanzler allein die Aus­führung überwachen könne. Abg. Bamberger (frf.) sprach prinzipiell gegen die Kolonialpolitik und speziell gegen die ostafrikanische Gesellschaft, deren Vorgehen er einer scharfen Kritik unterzog. Fürst Bismarck erklärte sich gegen Kommisfionsverweisung, da in der Kommission Neues doch nicht mitgethsilt werden könne. Streitfragen mit England in Ost- afrika und Samoa seien immer leicht beigelegt worden. Meine der Reichstag, die Vertretung der Nation, daß wir zu schwach, zu furchtsam, zu arm für solche Unternehmungen seien, so müßten sie eben unterbleiben und er müsse sich fügen. Nach­dem der ostafrikanischen Gesellschaft der Schutz des Reiche» einmal gewährt worden, dürfe man ihr denselben auch nicht versagen, zumal ihr Unter­nehmen ganz Deutschland zu Gute komme. Haupt­mann Wißmann konstatirte, daß gerade der deutsche Küstenthetl Ostafrika» zum Sklavenhandel benutzt werde. Abg. v. Bennigsen (nl.) platdirte eingehend für die Vorlage, betonte die Wichtigkeit de» ost­afrikanischen Gebiet»« und erklärte cs für eine Ehrensache D-utschlands, dasselbe festzuhalten. Abg. Bebel (Soz.) begründete den ablehnenden Stand­punkt seiner Freunde. Kolonialpolstik sei Aus­beutungspolitik. Nachdem noch die Abgg. v. Kar- dorff (Rp.) und v. Helldorf (kons.) für die Vorlage gesprochen, wurde dieselbe an eine Kommission von 21 Mitglieder verwiesen. Montag: Etat.

* Hamburg, 26. Jan. Da» Schwurgericht verurtheilte den Raubmörder Damh zum Tode. Dauth legte ein ausführliche« Geständniß ab und verzog bei der Verkündigung de« Todesurtheils keine Miene. Seine Vernehmung währte fast drei Stunden lang. Es wurden 40 Zeugen und Sach­verständige vernommen. (Fr. Ztg.)

auf welcher sie von Z-it zü Zeit einen trüben Blick warfen, ohne jedoch davon zu essen. Am Fuße des Hügel« angelangt, betraten sie den sich vor ihnen ausdehnenden Wald, wo in den Zweigen der knospenden Bäume berests der kleinen, gefiederten Sänger Stimmen munter erschallten. Plötzlich brach der Knabe da» bi« jetzt beobachtete, fast ge» heimnißvolle Schweigen.

„Schwesterliev, hast Du auch bemerkt," sagte er, „wie die Mutter, al« sie uns das Brod gab, schmerzlich senfzte, nachdem ich gefragt; „Nichts denn Brod?"

„Ja, und sie weinte," antwortete da« Mädchen; „ich la« in ihrem liebenden Blicke, der gleichsam sagen wollte: Leider habe ich nicht« Andere« al« trockene« Brod, Ihr müßt Euch damst zufrieden geben; daß ich Euch nicht« Andere« und Besseres geben kann, schmerzt mich tief und verwundet meine Mutterliebe. Aber Wolfgang, weßhalb weinest Du?" fuhr Marianne nach einer kurzen Pause fort, während ihr selbst Thräaen in die Hellen blauen Augen traten.

„Ich weine, wett, ja wett — — wett ich trockene« Brod essen muß."

„Armer Wolfgang I" war die Antwort seiner

* Lahr, 25. Jan. Seit heute früh halb 7 Uhr ist der Leichnam des unglücklichen Herrn De­kans Förderer in der hiesigen Stadtpfarrkirche aufgebahrt. Als Schreiber dieser Zeilen heute Nachmittag 2 Uhr hier ein traf, konnte er die Be­obachtung machen, wie Menschenschaaren ununter­brochen zur Kirche eilten, um unter lautem Schluch­zen noch einmal in da» im Tode gleich milde und nur durch mehrere Messerstiche an den Schläfen und Wangen verunstaltete Antlitz des hochgeach­teten und geliebten Pfarrherrn zu schauen. Der Leichnam ist in kirchliche Gewänder, Albe, Meß­gewand und Biret gekleidet und ist der Sarkophag mit Pflanzen und einer Menge von zum Theil kostbaren Kränzen geschmückt. Der zum Testa­mentsvollstrecker ernannte Anwalt, Herr Dr. Feh- renbach von Freiburg, weilt seit gestern hier. Die Theilnahme der hiesigen Bevölkerung ist eine all­gemeine. Der Mörder wurde heute Nachmittag halb 1 Uhr in einer Droschke in Begleitung dreier Gendarmen nach Offenburg verbracht.

* Lahr, 26. Jan. Nachdem in den ersten Morgenstunden Tausende von Menschen, theil» irit der Eisenbahn theil« zu Fuß au« dem Thale in da« sonst so ruhige Lahr hineingeströmt, begann um 9 Uhr die Leichenfeier mit einem Todten- osfizium, an dem sich ungefähr 70 Geistliche be- theiligten. Das Todtenamt hielt Herr Dom­kapitular Knecht. Dann setzte sich der ungeheure Leichenzug in Bewegung. Denselben eröffneten unter Vorantragung de« Kreuzes Hunderte von Schulkindern, hprauf folgte ein Musikchor, der Kirchengesangverein, die Stlstungrkommission, eine Deputation mit prachtvollen Kränzen, die Geist­lichkeit im Ornat, Abgesandte de« Erzbischofs, die Domkapitulare Knecht und Rudolf, Kämmerer Hennig. Jetzt erst kam der Leichenwagen, hinter dem die Verwandten, zwei Schwestern und zwei Neffen, schritten und darauf die übrigen Leid­tragenden, auswärtige Abgeordnete, der Gemeinde­rath in corpore, die staatlichen Behörden, Vereine mit verhüllter Fahne, endlich Tausende der Be­wohner Lahrs und der Umgegend. Der ganze Zug verfolgte ordnungsmäßig seinen Weg durch die Straßen Lahrs, welche auf beiden Seiten von dichten Menschenmassen besetzt warm. Die Feuerwehr hielt die Ordnung aufrecht. An der Gruft hielt Herr Geistlicher Rath Lender die tief zu Herzen gehende Leichenrede, mit dem Vor­spruch: kommt die Stunde, wo ein Jeder,

Schwester, indem sie ihm die Thränm von den Wangen küßte.

„Ist da» Dein ganzer Kummer? weßhalb issest Du Dein Brod nicht?"

„Ich fühle leinen Hunger!"

„Da« Mädchen zog den Knabm näher an sich, und ihm über da« weiche Seidenhaar fahrend, sagte es:

„Komm, ich will Dir einen Kuß geben und Dir sagen, woran ich diesen Morgen gedacht; doch ich fürchte, Du bist noch zu klein, über solche Sachm sprechen zu hören."

„Zu klein? Ich bin doch fast so groß wie Du," sagte Wolfgang in gekränktem Tone.

„Aelter aber bin ich; Du bist geboren am 27. Januar 1756, dagegen ich am 30. Januar 1754, bin also volle zwei Jahre älter wie Du; doch laß uu« darüber nicht streiten, wir wollen vielmehr nachdmken, auf welche Art und Weise wir un» nützlich machen und unseren armen Eltem helfen können."

„Wovon sprichst Du?" frug der Knabe; „was können oder wollen wir thun?"

„Wir wollen beten und wird der liebe Gott uns schon gute Gedankeen eingeben."