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JM 22.

Samstag, den 26. Januar.

1889

fulbiitr W 3tilng.

Die ,Fulda« Zeitung erlchkint täglich, Comu und Feiertag» ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Stern» und Blumen' in Fulda 1 Mark 50 Pfennig, auswärts 1 Mark 55 Pfennig.

Inserat«: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Erstes Blatt.

£ Wieder ein Man» über Bord!

Die Tobten reiten schnell! Die Kette der Kartell- verlufle seit den Angstwahlen von 1887 ist wie­der um ein neues Glied verlängert worden. Den 6 Kartellntederlagen in Merseburg-Querfurt, Sagan- Sprottau, Kammtn-Greiffenberg, Altena-Iserlohn, Ansbach-Schwabach und Melle-Diepholz ist jetzt die siebente gefolgt. Bei der Stichwahl im siebenten badischen Wahlkreise Offenburg hat die Cen- trumSpartei mit genau 600 Stimmen Mehr­heit über den Kandidaten der vereinigten Kartell- p arteten gesiegt. Das ist eine Siegesbotschaft von nicht zu unterschätzender Tragweite. Für Baden speziell erblicken wir die Wichtigkeit dieses Erfolges weniger noch in dem Gewinn eines Mandates, als vielmehr in den Schlußfolgerungen, welche sich daraus für die frisch aufstrebende katholische Parteibewegung in Baden überhaupt ergeben. Nach der ersten Wahl haben sich nationalliberale Blätter bereits beeilt, an dem Wahlergebniß den angeb­lichen Miß rfolg der Agitation und Organisation der Centrumr Partei zu demonstriren. Wie würde erst ein Sieg des Nationalliberalismus in Offenburg ausgebeutet worden sein! Diese ge­fährliche Waffe ist den Nationalliberalen aus der Hand gewunden, und wenn auch das Centrum das gewonnene Mandat der Unterstützung der demokratischen Partei mitzuverdanken hat, fo haben wir doch allen Grund, uns diese» Ersatzes auf­richtig zu freuen.

Der Centrumr kandidat Kaufm. Max Reichert, langjähriges Mitglied der II. badischen Kammer hat bet der Stichwahl am 22. Januar 9836 Stimmen erzielt» während der nationalliberale Major a. D. von Bodmann es nur auf 9235 Stimmen brachte. L-tzterer vermochte gegenüber der Hauptwahl nur 956 Stimmen mehr auszu­treiben, während Reichert ein Mehr von 2114 Stimmen aufweist. Der nationalliberale Kandidat ist sogar trotz allen bureaukratischen Hochdruckes noch um 994 Stimmen hinter den Scptennats- wählen zurückgeblieben. Die liberale Prcffe hat nach der ersten Wahl am 11. Jan. den „leidigen" Rückgang ihrer Parteistimmen um 1952 mit allen möglichen Ausflüchten zu vertuschen gesucht und für die Stichwahl das Aufgebot dc» ganzen Heer-

iiet Km-ln-SriMkimg.

Bon Marie Romany.

(Schluß.)

Voll Erstaunen hatte die Menge, mit wohlge­fälliger Verwunderung die vornehmere Gesellschaft dem Gebähten des jungen Mannes zugesehen. Bravos und scherzhafter Applaus folgten ihm, während er die Allee hinabeilt. Das Volk lachte. Rur die junge Dame, anscheinend düpirt, blieb auf dem Fleck, den der junge Künstler verlaffen hatte, unverwandt stehen. Ihr Auge heftete sich bald auf die gesammelten Schätze, bald auf bett Geigenkasten, der, vom Eigenthümer vergeffen, vor ihr am Boden stand.

Jetzt hatte ihr Blick die Chiffern, die in da» Holz eingravirt waren, zusammengefaßt.

»Thoma» Rimily", sprach sie vor sich. Und ohne die sie umgebende Menge zu beachten, bog Re da« Knie, öffnete den Kasten, schob den Hut hinein, schloß den Kasten wieder, nahm ihn in die Rechte und eilte mit dem erbeuteten Schatz ihrem Wagen zu.

Die große Menge, befremdet durch ein solche» Verfahren, starrte ihr mit weit aufgeriffenen Augen iu. Die Vornehmeren, obwohl die meisten im

(Zentrum

1871 6438

1874 7650

1877 7912

1878 6537

1880 7740

1881 (Hauptwahl) 5815

1881 (Stichwahl) 7874

1884 (Hauptwahl) 7164

1884 (Stichwahl) 9356

1887 7772

1889 (Hauptwahl) 7687

1889 (Stichwahl) 9835

Nat.-Lib.

8945

8835

8882 (Fortschr. 447)

7265 (Dem. 435, Kons. 255)

3907 (Dem. 2818)

5517 (Dem. 1862)

8435

6486 (Dem. 1092)

8461

10229 (Soz. 770)

8279 (So,. 1218)

9235

Das C-Ntrum erhält den Wahlkreis jetzt zum dritten Male (1880, 1884, 1889), während der Nalionalliberalismus ihn sechsmal (1871, 1874, 1877, 1878, 1881 und 1887) besessen hat.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Januar.

* Der künftige preußische Justizminister Ludwig Hermann v. Schelling ist am 19. April 1824 geboren, steht somit im 65. Lebensjahre. Er ist ein Sohn des Philosophen v. Schelling. L. H. v. Schel­ling, trat 1844 in den preußischen Justizdienst und wurde am 1. September 1846 zum Referendarin» und am 2. Juni 1849 zum Aff ffor ernannt. Seine erste definitive Anstellung erfolgte im Jahre 1854 als Staatsanwalt in Hechingen, nachdem er die Funktionen dieser Stelle eine ganze Reihe von Jahren hindurch interimistisch wahrgenommen hatte. Im Jahre 1857 wurde er in gleicher Eigenschaft an das Karnmergericht versetzt .und vertauschte diese Stellung im Jahre 1861 mit der de« Staats­anwalts beim damaligen hiestgen Stadtgericht. Schelling wurde 1866 zum Geheimen Ober-Justiz- rath befördert und zum Mitglied der Justiz-Prü­fung« - Kommission ernannt. Als Mitglied der Prüfungs-Kommission für das große juristische Examen war er von den ^Prüflingen wegen feiner Strenge nicht wenig gefürchtet. Schelling über­nahm 1874 das Präsidium des Appellations-Ge­richtes in Halberstadt, 1875 das Vicepräsidimn des Obertribunals. Am 14. Dezember 1876 trat Schelling als Unterstaatsfekretär in das preußische Justizministerium ein, seit 1879 ist er Staatssekre­tär des Reichs-Justizamtes. Herr. v. Schelling gilt als ein ungemein kenntnißreicher, als ein scharfsinniger Jurist; er zählt zu den strengkirch­lichen Protestanten und politisch zu den Deutsch­

bannes in Aussicht gestellt. Der Mißerfolg dieser Großsprechereien ist für die Partei beschämend. Der Skptennatsschwindel ist wieder einmal gründ­lich entlarvt. Auch in Offenburg-Oberkirch-Vest hat das Volk über die Kartellmehrheit den Stab gebrochen.

In der Preffe der unterlegenen Partei wird jetzt natürlich das alte Lied von der Immoralität der Stichwahlen wieder angestimmt werden; man wird versuchen, den Sieg der Centrumspartei der Unterstützung der Sozialdemokraten zuzuschreiben. Diese Unterstellung wird indessen durch die genaue Statistik der Einzelresultate wie auch durch die offizielle Wahlparole der Partei Geck Lügen ge­straft. Der sozialistische Kandidat Geck selbst hat sich mit großer Leidenschaftlichkeit für die absolute Stimmenthaltung ereifert, und wenn man die ein­zelnen Orte mit stärkeren sozialdemokratischen Wählerziffern (hauptsächlich die Stadt Offenburg selbst) durchgeht, so findet man die in den Wahl­ergebnissen zweifellose Thatsache ausgeprägt, daß die Sozialisten am 22. Januar daheim geblieben sind. Soweit allerdings die bürgerliche Demo­kratie am 11. Januar für Geck gestimmt hat, mag ein Bruchtheil der Geck'fchen Stimmen jetzt dem Kandidaten Reichert zugefallen fein.

Für die parlamentarische und politische Gesammt- lage ist die neueste Niederlage des Kartells von höchster Bedeutung, um so mehr, als sie sich gerade in den Tagen vollzogen hat, während in der Gtffcken-Affaire mit ihren verschiedenen Nachwehen sich Anzeichen einer politischenReaktton. von Oben her ergeben haben, welche alle Freunde politischer Frei­heit und individuellen Rechtsschutzes mit tiefer Besorgniß erfüllt. In solcher Sage ist es immer­hin ein Trost, zu sehen, daß da« Volk noch Ver- ständniß hat für die Zeichen der Zeit. So lange aber das Volk sich noch seiner Rechte und Inte­ressen annimmt, so lange ist noch nichts verloren. Ein Heller Hoffnungsstrahl leuchtet den zukünftigen Reichstagswahlen entgegen; wenn es in bi.fern Sinne weiter geht, so ist bie Kartellmehrheit heute schon gerichtet. Es scheint, daß bie Verblendung der Gegner sich beeilen will, uns täglich neue Waffin zu liefern in diesem Kampfe gegen Partei- terrorismus und Byzantinismus. —

Zum Schluffs geben wir noch ein übersichtliches Tableau über die bisherigen Wahlergebnisse im Wahlkreise Offenburg-Oberkirch-Kelt.

Augenblick wohl kaum das Motiv ihres Handels erfaßten, klatschten leise ihren Beifall; denn Miß P . . . ., die Allen bekannte und von ganz New-Pork auf den Händen getragene Primadonna der Oper, konnte ja nur einem Einfall ihrer so heiteren Laune folgen, da ihr jedes unlautere Handeln fern war. Wohl verfolgte noch ein Theil der Equipagen, während sie nun die Allee hinab- rollte, ihren Wagen, doch bald verloren sich auch diese und Charlotte P .... fuhr mit triumphiren- dem Lächeln ihrer Wohnung zu.

Thoma« Rimily war im vollen Sinne des Worte« kopflos in sein „Hotel für Deutsche" zurückgekehrt. Er hatte nicht einmal bemerkt, daß er den Portier bei Seite stieß, als er eintrat; mit fliegender Brust stürmte er die Treppe hinan, auf sein Zimmer, warf sich auf den Divan und starrte, ohne zu wissen, was er that und was er wollte, die Decke an.

Eine Stunde und noch eine andere gingen so vorüber; endlich schreckte ihn ein sich heftiger wiederholendes Pochen an der Thüre au» seiner Abwesenheit auf; er sprang auf nnd nahm einen Brief in Empfang.

E» lag eine gewisse Apathie in seiner Geberde, während er öffnete; aber wie glühend überflog e» seine Miene, al» er die kurzen Worte la»:

„Mein Herr!

Sie vergaffen in der Eile der Flucht Ihren Hut und Geigenkasten im Park. Ich nahm beide zu mir. Bitte sie persönlich in Empfang zu nehmen bei Charlotte P . . . ."

Der Athem de» jungen Künstlers vibrirte, als er die Worte las; er überflog sie nochmals und wieder; eine Aufregung bemächtigte sich seiner, die er vergeblich niederzukämpfen bemüht war, bi» er endlich — am Abend desselben Tage» — von Miß P . . . . in ihren glänzenden Räumen, deren Schwelle er in bebender Erwartung über­schritt, empfangen ward. Sein Auge strahlte freudiger, al» er nach Verlauf von Stunden wiederum die Schwelle passirte: Fortuna hatte ihm gelächelt, al» er bei seinem Spiel auf offener Straße von Miß P . . . . gehört worden war.

Wie zu erwarten, fing Charlotte, da» gewiegte Kind amerikanischer Sitte, ohne lange zu zögern, ihre Operationen an. Schon zwei Tage später ergingen sich die Journale in den verschiedensten Auseinandersetzungen Über da« Ereigniß; einige