JM 21.
Frettag, den 25. Januar.
1889
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8 Wohin soll das führen?
Die jüngsten Vorgänge im Geffcken-Prozeß, da» sensationelle Nachspiel dieses Prozesse» und Alles, was damit im inneren Zusammenhang steht, hat in den leidenschaftslosen und verständigen Kreisen aller Parteien ein Gefühl seltsamer Beklemmung und Beunruhigw g hervorgerufen. Namentlich die letzte Maßregel der amtlichen Verwerthung eines privaten Briefwechsels, der den Akten eines eingestellten Prozeßverfahren« entnommen ist, noch weit mehr aber die Veröffentlichung von willkürlich herausgegriffenen Stellen dieser Privatbriefe in den Spalten der .Kölnischen Zeitung' hat bis tief in die nationalliberalen und konservativen Reihen hinein peinlich berührt. Abgesehen davon, daß schon die Berechtigung zu den betreffenden Mittheilungen an den Bundesrath mehr als frag« lich erscheinen muß, ist die Nichtberechtiqung zu einem derartigen Mißbrauch in der offiziösen .Köln. Zeitung' schon keine Frage mehr. Wer diese Indiskretionen begangen hat, scheint uns wenigstens auf den ersten Blick klar zu fein; wir haben keine Veranlassung, uns durch offene Aussprache unseres sehr begründeten Verdachtes in die Gefahr einer Kollision mit gewissen senfiblen Paragraphen zu bringen. Da» aber können wir mit gutem Gewissen versichern, daß der Fürst Reichskanzler selbst seine Hände in Unschuld waschen darf; von ihm hat die.Köln. Ztg.' ihre „Staatr- zeheimniffe" ganz gewiß nicht erfahren. *—
Es hat im großen Publikum ein gewisses Aufsehen erregt, daß trotz des gleichzeitigen Tagens zweier Parlamente in der Reichshauptstadt die mehr als ungewölichen Vorgänge bisher noch von keiner Seite zu einer Anfrage an die Regierung benutzt worden find. Man will darin ein allgemeines Sinken des parlamentarischen Rechtsbewußt- seins, eine bedenkliche Schwäche gegenüber der Regierung und dem Fürsten Bismarck erblickten. Aber glauben: mit Unrecht! wenigstens soweit unsere Partei, die Centrumspartei in Betracht kommt. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen sein wird, werden ohne Zweifel Alle, welche es überhaupt noch mit den Rechten des Volkes und des Einzelnen ernst nehmen, zur Stelle fein, um für ihre Gefinnung einzustehen. Es kann ja kaum fehlen, daß Fürst Bismarck bei nächster Gelegenheit auf alle diese Dinge zurückkommt und
Sme KSnstlkk-Srinicrmg.
Von Marie Romany.
(Fortsetzung.)
Welch' entsetzlicher Gedanke lag für den jungen Mann in diesem Bilde! Wie schwarz, wie unheilvoll stellte sich ihm die Zukunft vor! Die kleine Baarschaft verzehrt, fremd in ftemdem Lande, kxistenzlo», ohne Hoffnung, der Zuversicht auf die Möglichkeit de» Erfolges beraubt — konnte man ihn tadeln, daß sein Herz sich mit Erbitterung gegen da» Schicksal erfüllte, daß es sich zur An- klage gegen die ewige Gerechtigkeit erhob?
Rathlos, bebend zwischen Hohn und Verzweiflung, schritt er in seinem Stübchen hin und her. War noch konnte er beginnen? — gab e» einen Ausweg? — o, welcher unselige Gedanke war es gewesen, der ihn nach diesem Lande Amerika gejagt! Ein allmächtiges Weltmeer lag jetzt zwischen seinem tobten Muthe und dem Heimathland Europa; so mußte er denn wirklich unbemerkt hier zu Grunde gehen.
Wie nach Rettung suchend schweiften seine Blicke im Gemache umher, da fiel sein Auge aus da» einzige, was ihm noch geblieben war. seine Geige.
Ein Lächeln bitteren Hohnes überflog sein Ge-
die „reichsfeindliche" Presse wieder einmal abkanzelt. Dann wird die Gelegenheit gegeben sein, je nach den Umständen auch den Standpunkt der Volksvertretung klarzustellen. Ueberdics darf man nicht vergessen, daß die Rächstiutereffirten bet der Geffcken - Roggenbach - Stofch- Affaire nicht etwa die Oppositionsparteien, sondern die Kartellbrüder find.
Darin liegt ja gerade der Kernpunkt dieser interessanten Kampagne, welche mit dem Jmme- diatbericht und entschiedenen offiziösen Ausfällen gegen die Partei Richter und Kons, begann und mit der Entpuppung der drei „Reichsfeinde" aus dem Kartell-Kleeblatte endete: Der stockkonservative Geffcken, der freikonservative von Stosch, der nationalliberale von Roggenbach, da» find die drei Männer, von deren „Verschwörung" und „Konspiration" gegen Bismark man bisher in allen offiziösen Waschzetteln geheimniß- voll munkelte, und die nun schließlich durch die Veröffentlichung ihrer Korrespondenz zu Händen des Bundesrathes vollends „entlarvt" worden find.
Der Parteiangehörigkeit dieser drei Verbündeten ist es auch zuzuschreiben, daß außer der ,Köln. Ztg.' kaum ein einzige» ernsthafte» kartellparteiliches Blatt dem Nachspiel de» Geffcken-Prozeffes mit Genugthuung gegenübergetreten ist. .Natio- nal-Zeitung' und .Kreuzzeitung' haben im Gegen- theil einen entschiedenen Tadel anrgesprochen, und wenn nachträglich die iMfemtioe Parteileitung die Verantwortung für den sehr offenen Kreuz- zeitungs-Artikel» ablehnt, so ist un» da» nur ein Beweis dafür, wie groß die Verlegenheit über die jüngsten Ereignisse bi» tief in die Reihen des preußischen Hochtory's hinein geworden ist. Eine spätere Zukunft wird uns darüber noch einmal interessante Aufschlüsse bringen, sei es mit oder ohne „Tagebuch."
Das Betrübendste an der ganzen Sachlage ist die Wahrnehmung, daß Fürst Bismarck „Reichsfeinde" nun bereits offiziell in allen Parteien ohne Ausnahme vermuthet, mit dem Unterschied allerdings, daß unter den Kartellbrüdern nur vereinzelte vorkommen sollten, während die „Opposition" von „Reichsfeinden" wimmelt. Was würde erst geschehen, wenn Bismarck mit einem Male genau erführe, wie konservative und nationalliberale Parteikoryphäen hin und wieder in Privatbriefen ficht. Zu was — unter solchem Verhältniß — war ihm die Geige wohl nütze? War es Spott, daß sie ihm so verlockend entgegensah?
Hastig griff er nach ihr und untersuchte prüfend jede Saite, jeden Ton.
„Ihre 400 Dollar» ist sie unter Brüdern werth," murmelte er vor fich. „Was, wenn ich sie verkaufte und kehrte mit dem Gelbe in die Heimath zurück?"
Der Gedanke schien ihm schrecklich. Ein Seufzer entquoll seiner Brust, indeß sein Auge mit Zärtlichkeit auf dem Instrumente hasten blieb.
Welche Harmonie ist e« doch, die zwei Wesen, ob tobt oder lebendig, mit einander verkettet? Welches unsichtbare Band verknüpft so innig Seele und Leben, hält auf so geheimnißvolle Weise die leblose Masse und überirdische Begeisterung mit einander vereint!
In de« jungen Manne» Auge glänzte eine Thräne und rollte dann langsam über die Wange herab, seine Lippen zuckten, die Blässe der Wangen verkündete den in ihm tobenden Kampf.
„Sei'» drum," sprach er plötzlich mit einem raschen Entschluß, ,,e» ist und bleibt ja doch der einzige Weg, der mir offen steht."
Er schloß die Geige in den Kasten, legte den
und Privatgesprächen über seine innere Politik sich ausgedrückt haben. Wer hat nicht schon einmal Regungen ä la Geffcken, Stosch, Roggenbach gehabt? O Schrecken, wenn die Welt über solche geheime kritische Anwandlungen dieser oder jener Persönlichkeit nächstens in der ,Kölü. Ztg.' au« konfiszirten Briefen Kenntniß erhielte!? Kartellbrüder, nehmt euch in Acht im Schreiben wie im Reden! Wenn selbst Leute wie Roggenbach, der vor einem Jahre noch in nationalliberalen Blättern geradezu verhimmelt wurde, zu den gefallenen Engeln zählen, wie soll es anderen schwächeren Naturen ergehen?_____________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Januar.
* Der Kaiser empfing heute den Erzbischof von Köln. Der Letztere wurde auch mit einer Einladung zur kaiserlichen Tafel beehrt.
• Der Reichskanzler Fürst v. B i s m a r ck erschien heute im Reichstage und hatte eine längere Unterteilung mit dem Führer des Centrums Freiherrn v. Frankenstein, welche der ostafrikanischen Vorlage galt.
• Als Nachfolger des zum Justizminister ernannten bisherigen Staatssekretärs im Reichsjustiz, amt Dr. v. Schelling ist der Unterstaatssekretär im Ministerium für Elsaß-Lothringen Herr von Putt kam er ausersehen.
* Freiherr v. Roggenbach gedenkt einer Nachricht au« der Schweiz zufolge dorthin zu über fiedeln; er hat sich den Münchener ,N. Nachr.' zufolge nach Zürich begeben, wo er eine Besitzung zu bleibendem Aufenthalte angekauft haben soll. Auch Herr Geffcken soll auswandern wollen.
* Herzog Adolf vouNassau trafheute, den 24. d., in Neuwied ein. Die.Köln. Zig.' führt die Zusammenkunft mit dem Fürsten von Wied auf eine Besprechung über die niederländisch-luxemburgische Angelegenheit zurück.
* Dr. Peters, dem die Oberleitung der Emin Pascha-Expedition übertragen ist, hat von der ostafrikanischen Gesellschaft Urlaub erhalten und begibt sich im Laufe de« Februar nach Ost- aftika.
* Der Reichstag beriech den Etat der Zölle und Verbrauchssteuern. Abg. Gehlert (Rp.) wünschte ein minder strenge» Verfahren bei der Verzollung
Ueberrock an, nahm den Hut von der Wand und verließ das Hotel. Bald hatte er einen Mufikshop am Broadway erreicht, mußte aber zu feinem Verdruß erfahren, daß der Chef de« Hanfes erst in einigen Stunden werde anwesend sein. Miß- launig empfahl er sich, nachdem er bestätigt hatte, daß er wiederkommen werde und schlenderte, über die Laune de» Glücke« philosophirend, die Straßen entlang. , _ .
So war er nach Verlauf einer Stunde im Park angelangt.
Eine schwere Bürde schien von chm gefallen, seitdem der Entschluß, Amerika zu verlassen, fest in chm war. Heiter blickte er um fich. Und wenn ab und zu dennoch ein Seufzer die Brust hob, so galt diese» Zeichen von Schwermuth dem unhellvollen Ringen nach dem Kranz de» Ruhmes, den Stunden voll Enttäuschung, die er in der großen Weltstadt erlebt, den trügerischen Hoffnungen, an die er feine Jugendjahre vergeudet, denen feine Schwärmerei und da» Wenige, was er von Hause aus besessen hatte, zum Opfer gefallen war.
Gewiß, ein harter Kampf war es gewesen, da er der Kunst, dem Ideal seine» Leben». Valet gesagt! Nur die schwarze Hoffnungslosigkeit hatte ihn zu diesem Lebewohl von dem Glück fernes