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1889

Donnerstag, den 24. Januar.

Zeitung

Fnlimr

Sine Mstler-SriMM».

Von Marie Romany.

(Rachdruck verboten.)

Welche» Wort unter allen Sprachen findet sich wohl mit so vielen Wenn und Aber oetlnflpft, von so vielt n geheimnißvollen Möglichkeiten um- flössen, an welche Laute hängen fick wohl so viele Erwartungen, so viel spannende Neugier, wie e» bei dem einfachen Wörtchen „Künstler - Karriöre" seit undenklichen Zeiten der Fall gewesen ist. — Wähnte sich jemals ein Gottbegnadeter zu dem erhabenen Dienste der Musen geboren und folgte er dem Impulse, der ihn zur Verehrung der schönen Künste trieb, so fanden sich im Fluge tausend Zungen, um das Bestehen seiner Fähigkeiten zu bekriteln, um sich in allen nur erdenklichen Mög­lichkeiten seines suoeös zu ergehen; tausend Augen solgten seinen Schritten. hingen mit erwartungS- voller Spannung an seinem Erfolge; allseitig drängte und beschäftigte man sich, zu erfahren, wie er das Wagniß, die Ruhmcsleiter zu erklim- men, beginne und ob e» ihm gelinge, den Lor- beerkranz des Siege» auf seiner Stirne zu sehen.

E» wird viel und Manche« über die Schwierig­keiten, mit denen ein Musensohn im Beginn und

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Januar.

* Zu den „Reichsfeinden" deren im Dunkeln schleichende Maulwmfsarbeit aufgedeckt wurde, ist nun, wie mehrfach erwähnt, auch der badische Staatsmann Freiherr o. Roggenbach gewor- fen worden — Roggenbach, einst zu Anfang der 60er Jahre du Held des Liberalismus und der kleindeutschen Idee! Auch er wird von der Rep- tilienprefse in den Schmntz gezogen und als Reichsfeind" erklärt» denn er hat es gewagt, mit Geffcken zu korrespondiren und nicht alles am Reichskanzler ichön zu finden. Diese« nervöse Spüren nach Reichrfeindenwird allmählig komisch und ist eine sehr kleinliche Seite an dem Charakter de« Fürsten Bismarck. Es war häufig den mäch­tigen Staatsmännern eigen, daß ste Jeden, der nicht in allem mit ihnen übereinstimmt, al« einen „Feind des Staates" jede Handlung, die ihnen nicht angenehm war, als einen „Akt de« Hoch- verrathes" hinstcllten und verfolgten. Ein Bis­marck früherer Jahrhunderte hätte Geffcken viel­leicht behandelt wie Karl XII. von Schweden es mit Pascal machte, den er rädern ließ. Wir haben aber Gottlob keine Kabinetrjustiz mehr und so konnte man an Geffcken keine Schuld, ja nicht einmal die Möglichkeit einer Anklage finden. Der ständige Refrain von den Reichrfeinden, der jede innerpolitische Thätigkeit des Kanzlers begleitet, sowie die „Komplote" von denen die Rep­tilien zu erzählen wissen, dürfte einen sehr dankbaren Stoff für die Satyre geben. Die Atkonservativen sind entrüstet darüber, daß die Anklageschrift die Zugehörigkeit Grffcken's zur deutsch-konservativen Partei und seine streng-kirch» liche Richtnng gewissermaßen al« Verdachtsgrund

* Die Kommissionen de« Abgeordneten­hauses haben sich folgendermaßen konstituirt: Geschäftsordnung«kommisfion: Vorsitzender Abg. Kletschke (nl.), Stellvertreter v. Neumann (kons.). Petition«kommisfion: Vorsitzender v. Gliszczynski (Centr.), Stellvertreter Jakobs (konf.); Kommission für die Agrarverhältnisse: Vorsitzender Frhr. v. Huene (Centr.), Stellver­treter Knebel (nl.); Kommisfion für das Justiz­wesen: Vorsitzender Simon v. Zastrow (kons.), Stellvertreter Biesenbach (Centr.); Kommission für da» Gemeindewesen: Vorsitzender Bath (frkons) Stellvertreter Lehmann (Centr.); Kom- Mission für da« Unterricht»wesen: Vorsitzen­der Graf Clairon d'Hauffonville (kons.), Stelloer- tretec Wessel (frkons.); Budgetkommisfion: Vor­sitzender v, Benda (nl.), Stellvertreter Stengel; Rechnung» kommisfion: Vorsitzender Dr. Virchow (freis.), Stellvertreter Dr. Sattler.

* Dem Landtage ist der Entwurf eine» Ge­setzes betreffend die Beseitigung der durch die Hochwasser im Sommer de« Jahres 1888 herbeigeführten Verheerungen zugegangen.

* Der Reichstag, dem die ostafrikanische Vorlage zugegangen ist, berieth heute über alle Anträge, betr. Arbeiterfchutzgesetzgebung. Abg. Dr. Baumbach (frs.) beantragte, die Regierung zu er­suchen, noch im Laufe dieser Session dem Reichs­tage eine Vorlage betr. die weitere Ausbildung der Arbeiterschutzgesetzgebung in Ansehung der Frauen- und Kinderarbeit zu machen. Mit einem Amendement Merbach „statt noch in dieser Ses- sion" zu fetzen „baldmöglichst" erklärte er sich einverstanden. Staatrfekretär Bötticher erklärte, daß der Bundesrath den vom Hause s. Z. be- schlossemn Entwurf eines Arbeiter-Schutzgesetze» ab- gelehnt habe, weil kein dringende» Bedürfniß da- Kr vorhanden, weil da» wohlgemeinte Ziel de» Entwurf» auf dem vorgeschlagenen Wege al» nicht annähernd zu erreichen sei und weil die Regier­ung daran festhalte, daß die Gelegenheit zur Aus­nützung feiner Arbeitskraft dem Arbeiter nicht weiter entzogen werden dürfe, als durch die öffent­liche Wohlfahrt unbedingt geboten fei. Die ver­bündeten Regierungen feien bereit, die Arbeiter gegen jede Ausbeutung zu schützen, nicht aber, Vorschriften zu erlassen, durch welche die Leben»- läge der arbeitet geschädigt werden könne. Abg. Hitze vertheidigte den von ihm und dem Abg. Dr. derlächelnde Göttin Fortuna gewesen, deren zau­berreiche Haüd wie im Fluge alle Schwierigkeiten, welche sich den von ihr Beschützten entgegenstellten, zur Seite stieß.

Auch Thomas Rimily war Künstler, doch zu seinem Leidwesen gehörte er nicht zu den Auser- wählten de» Glückes. Er war als der Sohn recht­schaffener und gebildeter, doch unbemittelter Eltern geboren; sein Vater, ein trockener Geschäftsmann und Feind alle» Illusorischen, hatte von allem Anbeginn seiner Neigung, ein Künstler zu werden, entgegengestrebt; er hielt e» für seine Pflicht, den Sohn an ein praktische» Geschäft,leben zu gewöh- neu; und daß dieser, seinem Willen trotzend, den­noch die Geige in die Hand nahm, mag dn Be­weis sein, wie sehr der Enthusiasmus für die Kunst ihn beseelte, denn der unselige Schritt, wie man sich ausdrückt, kostete ihm die Freundschaft seiner Angehörigen.

Doch gleichviel; Thomas Rimily war ein Genie. Er entwickelte eine glänzende Technik und verstand mit einer Bravour zu spielen, die zu den lebhaf­testen Beifallsbezeugungen hinriß; wiederholt war er in Berlin, in Magdeburg und Bremen vor ein Publikum getreten, welches feinem Vortrage mit Bewunderung lauschte; und dennoch wollte e» ihm

gegen den Beschuldigten anführt; sie sehen darin eine neue Offenbarung jener mittelparteilichen Strömung, welche ihnen so viel Kummer macht. Im Centrum nimmt man solche Dinge kühler. Die künstliche Hereinziehung de» Abg. Windt- horst in die Anklageschrift hat im Centrum nur ein Lächeln erregt. Wie verlautet, hat Geffcken an Windthorst ein Mal einen Brief gerichtet, in welchem er denselben ersuchte, sich für eine kolo­niale Frage zu erwärmen. In einer Nachschrift war etwa gefragt worden: „Was sagen Sie zu der Ernennung des Herrn v. Maltzahn-Gültz?' Nach der Anklageschrift aber sollte man fast meinen, als ob Windthorst mit Geffcken in regel- mäßigem, politischem Austausch gestanden habe. Die schärfste Kritik des neuesten Schachzuges be« Fürsten Bismarck liegt in dem Rücktritt de» preu­ßischen Justizministers Herrn v. Friedberg. Am Tage nach der Veröffentlichung theilte der .Staat»- Anz.' seine Entlassung mit. Herr v. Friedberg war, wie man sagt, mit dem ganzen Geffcken- Prozeß nicht einverstanden; der Reichskanzler soll ihn eingeleitet haben, ohne erst den preußischen Justizminister zu fragen. Auch die unglücklichen Nachdrucks-Prozesse gegen freisinnige »lüt­ter, welche zur Zurücknahme eines kaiserlichen Strafantrages führten, sollen ohne sein Wissen und gegen seine Meinung angestrengt worden sein. Man kann sich leicht erklären, daß und warum Herr v. Friedberg mit der Veröffentlichung der Anklage- schrist nicht einverstanden war. Er hätte vielleicht noch besser daran gethan, wenn er früher ge­gangen wäre. Sein Rücktritt hat um so mehr Bedeutung, al» Friedberg in politischer Hin­sicht durchaus nicht zu den Gegnern de« Reichs- kanzler« hinneigt, sondern zu dem jetzigen Kartell- system ganz gut paßte. Bekanntlich war Fried- berg al« früherer Lehrer in hoher Gunst bei Kaiser Friedrich geblieben und hat in der Regierungszeit desselben mehrfach vermittelnd zwischen Kaiser und Kanzler gewirkt.

* Die Ernennung des Staatssekretärs Dr. v. Schelling zum Justizminister gilt als wahr­scheinlich.

* Zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Nordamerika soll ein definitive« Ein- verständniß bezüglich der Samoainseln erzielt werden. Wenigsten« wird dem,New-York Herald' au» Berlin über ein solche« berichtet.

vielleicht auch in der Folge seiner irdischen Lauf­bahn zu kämpfen hat, erzählt und geschrieben; Künstlet, die e» zu einer gewissen Größe gebracht haben, rühmen sich der Anfechtungen, welche fie um ihrer Götttn willen besiegt; Romanschriftsteller lieben e«, Klippen aufzuthürmen, um alsdann den begeisterten Tempeldiener Polyhymnia's unter tau­fend Beschwerden und Mühen Uber dieselben weg zu endlichem Ruhme zu führen; und doch liegen die meisten all' dieser Erzählungen der Wahrheit so fern.

E» soll hiezmit nicht gesagt werden, daß der Weg zur RnWeSgröße nicht ein dornenvoller sei, daß er nicht unter Mühseligkeiten erkämpft werden müsse;,'aber die gewöhnlichen Annahmen von der Laufbahn dnes Künstler» find irrig, zumal in der neueren Zeit nach den riesenhaften Fortschritten, welche die Kultur im letzten Jahrhundert nach eben dieser Richtung gemacht hat. Wohl find die Pfade, die zur Unsterblichkeit führen, rauh und mit Dornen besetzt; aber e» bedarf nicht immer eine» mühevollen Ringen«, Schweißtropfen und kummervoll durchwachte Nächte find nicht immer am Platze; der Talisman, der die größere Mehr­zahl unserer gefeierten Musensöhne zum Ächte er- hoben hat, ist die lieblich auf die Glücklichen nie-

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