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1889

Mittwoch, den 23. Januar.

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Deutsches Reich.

Berlin, 22. Januar.

• lieber Geffcken'» Briefwechsel schreibt die .Köln. Ztg.': Der gegenwärtig dem Bundes - rath vorliegense Briefwechsel zwischen Professor Geffcken und dem Freiherrn von Roggenbach erstreckt sich über Jahre hinaus und trägt den Charakter der vertraulichsten Gedankenaustausches zwischen Gefinnungsgenoflen, welche in politischen und sonstigen Anschauungen übereinsttmmen. Der Haß gegen den Reichskanzler, die Hoffnung auf die durch den Kronprinzen verkörperte Zukunfts- regiernng, die Unzufriedenheit mit der gegenwär. tigen Politik auf dem Innern und äußern Gebiet und die grenzenlose Ueberschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit, das find die roih-n Fäden, welche fich durch die Briefe ziehen, die bis zum Tode Kaiser Wilhelms I. aurgetauscht wurden. Durch die Briefe aus der neuesten Zeit weht der leiden- fchaftliche Ausdruck der Hoffnung, daß es gelin­gen möge, Wilhelm II. die Anschauungen der vereinigten Freunde mundgerecht zu machen. Mit den Beweisen politischen StreberthumS Hand in Hand gehen die Beweise, daß die Briefschreiber die außergewöhnliche Gunst, welche ihnen von höchstgestellten Persönlichkeiten bewiesen wurde, durch ihre Gesinnung nicht verdienten. Ja vielen Briefen Geffcken» finden sich unehrerbietige Be­merkungen über den Kronprinzen, der al» pessimi­stisch und verbittert hingestellt und von dem be­klagt wird, daß er nicht ordentlich arbeite; in einigen liest man deutlich zwischen den Zeilen, wie lebhaft sich der Schreiber ärgert, daß der Kron­prinz mit dem Reichskanzler, .dessen Treiben der Kronprinz nach der Ansicht Geffcken» nicht zu durchschauen vermochte, in ganz freundlichem Ver­hältnisse stand. Einen empörenden Eindruck macht es, daß an einzelnen Stellen der Kronprinz zwi­schen den Zeilen geradezu so dargestellt wird, al» ob er nicht von pietätvoller Gesinnung gegen den greifen Vater beseelt sei. An Indiskretionen ist in den Geffcken'scheu Briefen niemals Mangel; einmal erzählt er dem Freunde Roggenbach, daß ihm der Kronprinz die Denkschrift zum Lesen ge­geben habe, die der Reichskanzler für den Thron­erben über die damalige Phase de» Kulturkämpfe»

Norwegen, Land und Leute.

Vortrag des hochw. Herrn Dr. Falltze, apostol. Präfekt von Norwegen, gehaüen im Kath. Kaufm. Verein „Harmonie" im Kath. Bürgerverein ju Trier.

(Schluß.)

Auf dem Gebiete der Künste und Wissen­schaften leisten die Norweger, seit der lähmende dänische Bann gefallen, ganz Unglaubliche», und ich muß leider hinzufügen, fie leisten de» Guten gar zu viel. Die Pädagogen behaupten, im Volk«, unterrichte nehme Norwegen die erste Stelle in Europa ein; und thatsächlich findet man kaum je einen Norweger, auch kaum im Lappenlande, der nicht schreiben und lesen könnte. Auch ist Norwegen in Folge dieser allgemeinen Volksbildung da» ge­lobte Land bet Zeitungsschreiber, indem es in Norwegm kein Städtchen von 2000 Einwohnern ohne eine oder mehrere Zeitungen, kaum ein Arbeiterstübchen, ein Bauernhäuschen, eine Lappen­hütte ohne eine Zeitung gibt. Es herrscht da eine wahre Ueberschwemmung von Druckerschwärze. Gottlob, daß unsere Msston nunmehr auch eine eigene Druckerei und ein eigene« Blatt haben wird — in Folge der mitten Gaben, welche der Trierer Paulinus, mein Studiengenosse, bei seinen Lesern etnsammelt; unser Blatt wird nun bald seine katholische Stimme in diese» Concert mischen und dasselbe, sowie die katholischen Bücher, die au»

angefertigt hatte und bespricht den Inhalt dersel­ben. Ein andermal theilte er dem Gesinnungs­genossen Roggenbach brühwarm mit, was ihm der Großherzog von Baden im vertraulichen Privat­gespräch über elsaß-lothringische Dinge gesagt hatte. Von dem jetzigen Kaiser wird durchweg in unpas­sendem, der Ehrerbietung gänzlich ermangelndem Tone gesprochen. Au» den Briefen geht ferner hervor, daß der ehemalige Staatsminister Admi­ralitätschef v. Stosch mit den beiden Freunden in regem Gestnnungsaustausch stand. An zwei Stellen sind ferner Namen von noch aktiven Gene­rälen genannt. Auch Morier ist häufig erwähnt, aber dieser stand Geffcken und Roggenbach offen­bar nicht so nahe wie Herr v. Stosch. An einer Stelle heißt e» sogar ausdrücklich, es dürfe ihm nicht mitgetheilt werden, daß Geffcken den vom Kaiser Friedrich III. bei seiner Thronbesteigung veröffentlichten Erlaß und Aufruf verfaßt hatte. Große Sorge legte Geffcken auch dafür an den Tag, daß Bismarck hiervon nicht» erfahre. (Bei der prononcirten Stellung der .Köln. Zig.' stnd dis obigen Angaben mit Vorficht aufzunehmen. Selbst unter den Mitgliedern dc» Bundesrathe» soll der ,Freis. Ztg.' zufolge Befremden herrschen über vorstehenden Ärttfel betreffend die Roggen- bach-Geffcken'sche Privatkorrespondenz. Für einen großen Theil der Anspielungen auf den In­halt dieser Korrespondenz findet fich in den zwölf Briefen, welche den Mitgliedern de» Bundes- rath» al» Anlagen der Anklageschrift mitgetheilt worden find, kein Anhalt. Der Urheber des Artikel» muß also Gelegenheit zu seinen Betrach­tungen gefunden haben durch die Seetüre be- schlagnahmter Briefe, welche zu der Gerichts­verhandlung selbst nicht einmal in unmittelbarer Beziehung stehen.)

• Unter der Unterschrift: „Das Verbrechen der Opposition gegen Bismarck" führt in der Nation der Abg. Barth aus, daß nach der Beweisführung der Anklageschrift gegen Geffcken, e» niemals lautern Motiven entspringen könne, wenn Jemand den Bismarck'schen Plänen Opposttion mache. „Es ist nach dieser Anschauung nicht bloß höchst unwahrscheinlich, daß Fürst Bismarck jemals Unrecht hat, es ist sogar bis zum Beweise des Gegeniheüs anzunehmen, daß

unserer neuen St. Olafs-Druckerei hervorgehen werden, werden mehr leisten, als 10 Miffionäre vermöchten. Gebe Gott, daß die materiellen Mittel dazu uns nicht ausgehen werden.

Um die Volksschule zu heben, hat man in Norwegen den Schulzwang eingeführt; damit aber dadurch den Gewissen keine Gewalt angethan und die Eltern nicht gezwungen werden, ihre Kinder in Schulen zu schicken, die ihrer religiösen Ueberzeugung nicht entsprechen, fordern Staat und Gemeinde nicht, daß die Kinder ihre, von staats- wegen lutherische Schule besuchen, sondern find alle christlichen Bekenntnisse, und somit auch wir Katholiken frei, eigene Schulen zu gründen und in denselben nach ihren eigenen religiösen Prin­zipien zu unterrichten und unterrichten zu lassen, und schützt der Staat diese unsere freien Schulen in derselben Weise, wie die feinigen, nur daß er da» Lehrpersonal nicht bezahlt. So wirken an fast allen unseren katholischen Stationen unsere Schul- schwestern und Haden ste fich nur an die Vor­schriften ihrer geistlichen Oberen zu halten, ohne je behelligt zu werden. Und die Schule trägt da­bei ganz glänzende Früchte.

Bezüglich der Unmasse von gelehrten Schulen und gelehrten Leuten in Norwegen will ich nur sagen, daß da» Land in größten Gefahr ist, die Beute eine» gebildeten Proletariates zu werden.

jeder im bösen Glauben handelt, der ihm irgendwo und irgendwie entgegen tritt. Die freifinnige Presse, die feinen Plänen ihre selbstständigen Ueberzeugungen entgegen stellt, ist reichsfeindlich; der konservative Professor ff den, der das Tage­buch eines deutschen Kaisers herausgibt, kann nur „in verbohrtem Bismarck Haß" gehandelt haben. Wie unzähliche Male hat der Reichskanzler im Reichstage versucht, die Haltung der Opposttion, einerlei aus welcher Partei dieselbe hervorging, als gegen feine Person gerichtet darzustellen. Dieser angebliche Haß gegen seine Person gestaltet sich dann im weitern Verlauf der Erörterung fast regelmäßig zu einem mehr ober weniger quält« fizirten LandeSverrath, wie da« noch jüngst in der Debatte um die Zuverlässigkeit des Häuptlings Kamaherero dem Abgeordneten Bamberger gegen­über so drastisch hervortrat. Die Stimme de« Kanzler» au» dem Parlamente findet dann ge­wohnheitsgemäß in der geistig ober materiell von der Regierung abhängigen Presse ein tausend­fältiges Echo, und so sind wir denn im Deutschen Reich allmälig dahin gekommen, daß alle politische Sündhaftigkeit sich in dem einen Begriff „Oppo­sition gegen Bismarck" zusammenfassen läßt." Einen solchen Zustand, bei welchem alles politische Selen auf eine einzige Formel zurückgeführt wird, zu beseitigen, sollte da» vornehmste Interesse aller Politiker sein, „die ihren Blick über da« Leben eine» einzelnen Menschen hinaus zu erheben ver­mögen. In diesem geistigen Banne verkümmern in Deutschland heute unzählige Charaktere und Ideen."

* Al» Nachfolger der Justizministers Dr. von Friedberg wird neuerdings auch der UMerstaats- fekretär im Ministerium für Elfaß-Lothringen von Puttkamer genannt. Derselbe war vor 10 Jahren Reichstagsabgc ordnet er und gehörte damals zur nationalliberalen Partei.

* Der Bunderrath hat heute die ostafti- kanische Vorlage angenommen.

* Während auf der einen Seite verlautet, Dr. Karl Peter» werde in der nächsten Zeit die Leitung der deutschen Emin-Pascha-Expedition über­nehmen, wird andererseits berichtet, Dr. Peter« werde demnächst aus der Direktion der deutsch­ostafrikanischen Gesellschaft ausscheiben. Allerding» E» ist, prosaisch auSgedrückt, eine ungeheuere Überproduktion von Gelehrten.

Ueberhaupt ist der Fortschritt in Norwegen ein gar zu reißender. Man will alle Länder über­flügeln, auch sogar im Luxus und wenn Sie sähen, wie nicht nur in der Hauptstadt Christiania, sondern selbst in den Städtchen des höchsten Nor­den» und auf dem Lande die herrlichen alten Nationaltrachten fast gänzlich durch die tollsten Pariser Moden verdrängt werden, wie unsere Mägde mit Sonnenschirmen und Fächern und Schleiern einherstolziren, wie unsere Bürgerfrauen und Bäuerinnen einer deutschen Gräfin in der Kleiderpracht den Rang ablaufen, wie der Klein­krämer seinen in ein Möbelmagazin umgewandelten Salon hat, wie der kleine Schneider und sein Ge­selle sich in Cylinder, mit Spazierstock und Glace- Handschuhen präsentiren, um Ihnen da» Maß zu einer Weste zu nehmen, wie die Tische seufzen unter wahrhaft lucullrschen Mahlzeiten, dann kämm Sie vor schmerzlichem Erstaunm gar nicht mehr zu fich. Selber hat dieser mit der rasstnirtesten Genußsucht gepaarte Svxu» die schlimmsten Folgen nach fich gezogen. Die Frau will nicht mehr arbeiten und die häusliche deutsche Hausmutter ist in Norwegen nicht mehr bekannt. Der Suxus und Müßiggang aber kosten Geld, und um Geld zu bekommen, führt man den Schwindel in Hande