1889
Dienstag, den 22. Januar.
D,° ,FMd°er Zeitung' täglich, «°nn. und Feiertag. «W—n. ^--S-ld
mit der belletristischen W-ch-nbeilage Vt-rn« und Blumen- n Fulda 1 Mar^t 50' «Z
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum IS Pf., bei Wiederholungen enypreqenoer maoaii^^
* Den 77. Geburtstag ihres Führers Dr. Wiudthorst
stierte, wie bereit» in Kürze mitgetheilt wurde, am 17. d. die Zentrumrfraktion de», Reich«- und Landtages durch ein Feumahl im großen Saale de» Kaiserhofes in Berlin. Die Fraktion war fast vollzählig anwesend. Ihr hatten sich Deputationen der Polen und Elsässer angeschloflen. Den ersten Toast auf das Geburtstagskind brachte der Vorsitzende des Zentrums im Reichstage aus. Frhr. v. Franckenstein hob ten Antheil hervor, den die Gemahlin und Tochter des Gefeierten an dem heutigen Feste nähmen, wi s auf die körperliche und geistige Frische des Greise» hin, wünschte ihm, daß sein Wirken vom reichste,. Erfolge gekrönt sein möge und versprach seitens der Fraktion, dem Führer stets einig zu folgen. In launiger Weise wie» der Vorsitzende der Zentrumsfraktion im Abgeordmtenhause, Frhr. v. Schor- lemer-Alst, darauf hin, daß der heutige Ge- burtStag nicht nur im deutschen Vaterlande, sondern über den Ocean h.nau» gefeiert werde, und zwar mit um so größeren Jubel, al» Minister Dr. Windthorst ihn mit „der Frische de» jungen Hochzeiter»" begehe. A.er selbst der geliebte Führer de» Zentrums führe nicht immer, sondern er werde auch geführt und zwar von der Hand einer treuen Gattin und liebenden Tochter. Diese starke Hand der liebenden Gattin möge Dr. Windthorst noch lange erhalten bleiben. Diesem Wunsche gelte sein Toast. Sodann feierte Baron von KoscielSki als Vertreter der polnischen Fraktion und im Auftrage de» leider verhinderten Fürsten Radziwill Dr. Windthorst als „Anwalt der bedrängten Sache und als Helfer im Unglück." Der Elfäffer Gerber tcastirte auf den Paladin der katholischen Kirche, der Bayer Senestrey auf den muthigen Vertheidiger jede« Rechtes. Darauf erhob sich der Gefeierte selbst zum Danke für die freundliche Feier de» Tages. Dr. Windthorst führte au«: Wenn man in da» 78. Jahr trete, so blicke man unwillkürlich zurück auf den zurückgelegten und vorauf auf den noch zu macheri- den Weg. Nie sei er bei einer Geburtstagsfeier so ernst gestimmt gewesen, wie heute. E» seien ernste Kämpfe, die wir durchkämpft. Sie feien durchkämpft worden in Achtung der Gerechtigkeit
und der Parität für alle. Keine Abweichung von diesen Grundsätzen könne dem Centrum vorge- warfen werden. Doch leichter sei der schwere Kampf, wo der Gegner -Gewalt gebrauche, al» heute, wo er mit süßer Miene austrete, hinter der rer alte Geist stecke. Doch würde e« ein Fehler sein, jetzt den Gegner zu provociren. Man müffe die Miene einstweilen al» ernst hinnehmen. Da» müfle man thun, um vertrauensvolle Freunde zu überzeugen, daß sie sich gründlich irren. Er habe sich gefragt, ob er noch im Stande sei, den Kampf in richtiger Weise zu führen. Doch die heutigen Ermunterungen zwängen ihn zum Au»harren, es wäre undankbar, abzutreten. Daher werde er, so weit seine Kräfte reichten, auch ferner a »«halten, doch müsse man die Schwächen de« Alter» nachsehen, bei offenem Ideenaustausch sei ja stets ein Ausgleich möglich. Er danke Allen. Erst gegen 9 Uhr trennte sich die Festversammlung, in welcher bi« zum Schluß die erhebendste Gemüth- lichkeit herrschte.
Deutsches Reich.
Berlin, 21. Januar.
* Der Kaiser empfing heute Nachmittag den Erzbischof von Posen Dinder und später die Präsidien beider Häuser de« Landtag«. — Wie die ,Krztg.' vernimmt, werden die deutschen Fürsten am 27. d. Mt«. dem Kaiser zu seinem Geburtstage ihre Glückwünsche persönlich darbringen.
• Unter den al« Nachfolger de« Justizministeriums Dr. v. Friedberg genannten Namen bt findet sich auch der des Unterstaatssekrelärs im Justizministerium Dr. Hebe-Pflugstädt.
* Gegen den Verkauf von Spirituosen in deutschen Kolonien hat der Abg. Hofprediger Stöcker, unterstützt von zahlreichen Mitgliedern der deutsch-konservativen Fraktion, einen Antrag im Reichstag eingebracht.
* Die Vorbereitnngen de» Hauptmanns W i ß- mann find im Wesentlichen abgeschlosien. Derselbe wird mit 7 Offizieren und 24 Unteroffizieren nach der ersten zustimmenden Beschlußfaflung de« Reichstage» sofort nach Ostafrika aufbrechen.
* Der kommandirende Admiral Graf Mont» ist am Sonnabend Abend seinen schweren Leiden
- r- Norwegen, Land und Leute.
Vortrag des hochw. Herrn Dr. Falltze, apostol. Präfekt von Norwegen, gehalten im Kath. Kaufm. Herein „Harmonie" im Kath. Bürgerverein ,u Trier.
(Fortsetzung.)
Die Hauptprodukte diese» schönen Lande» habe ich schon im Vorübergehen genannt. Eine» aber verdient, daß wir noch einen Augenblick weiter dabei verweilen. Er find seine Fische. Fjorde, Seen und Flüfle wimmeln von den köstlichsten Fischen, namentlich aber von Lach», und bi» hinauf zu den höchsten Breitegraden bezahlen die reichen Engländer fabelhafte Summen, um sich in einer kurzen Flußstcecke die Fischerei zu ihrem Privatvergnügen zu sichern. Vom Flschrrichthume de« Meere«, besonder« de» Eismeere«, an der norwegischen Küste, können Sie sich gar keinen Begriff machen. Ut6er 100 000 Norweger leben vom Fischfang. Ueber 35 Millionen Dorsche werden alljährlich aus den reichen Bänken de« Weflfjord an den Loffoten bi« hinauf gen Hammerfest gefangen und wandeln al« Stockfisch, Klippfisch und Laberdan in die Welt hinaus. In der Laichzeit de« Dorsches, im Sommer und besonder« in der langen Winternacht, kreuzen an 6000 Boote mit ungefähr 25000 Fischern um die Loffoten. Dort wohnen die armen Leute zur Zeit
des Winters in elenden Bretterhütten, fern von Frau und Kind. Kommt der Fesch nicht, dann leidet der Mann unbeschreibliche Roth, kommt er aber, dann schwebt der Mann in seinem schwachen Boot in tausend Gefahren, besonders wenn plötzlich der Sturm hereinbricht und er in Nacht und Nebel die Küste nicht rechtzettig mehr erreicht. Nicht feiten finden Hunderte von ihnen in einem einzigen Sturme den Tod in den kalten Wellen, und kein Land der Welt zählt fo viele Wittwen und Waifeu al« die nordländische Küste.
Weniger gefährlich ist der Hä ring« sang, der läng« der ganzen Küste betrieben wird. Zu bestimmten Zeiten wimmeln dar Meer und die Fjorde von Häringen derart, daß die Boote in'« Schwanken gerathen. Eine Art kleiner Walfifche, die ungeheuere Mengen von Häringen verzehren, geben dabet die Jagdhunde ab. Vor ihnen fliehen die Häringe in die Buchten, wo dann die Ftscher sie mit großen N.tzen einfpeirett und sie mit kleinen, an Stangen befestigten N tzen nur so in ihre Boote hereinschöpfen. Sofort wird dann der Fesch in Tonnen eingefallen und von den Großhändlern verschifft. Auch die Queite, die Seezunge, der Hummer, die Auster und unzählige andere Äethiere werden reichlich gefangen. Von der Leber de« Dorsche« gewinnt man al« kostbare»
erlegen. Die Trauerfeierlichkeit für den Ver- blichenen findet auf Befehl de« Kaisers morgen Mittag 1 Uhr im Gebäude der Admiraltiät am Leipziger Platz sta't. Der Beisetzungsfeier wird ein Kommando von 20 Unteroffizieren und Mannschaften der Matrosendiviston, 15 desgleichen der Werftdivifion und 6 Unteroffiziere de« Seebataillon« von Kiel au« hier beiwohnen.
• Vor dem Hamburger Amtsgericht fand am 18. Januar Termin in der Geffcken'fchen Entmündigungssache statt, in welchem Ge-> heimrath Dr. Ge ficken in Gegenwart des als Sachverständigen hierher gelob, nen Professor Dr. Men- del-Berlin eine mehrstündige Vernehmung vor dem Amtsrichter Dr. Lion bestand. Die Verhandlung wurde mit völligem Ausschluß der Oeffenllichkeit geführt; e« verlautet bislang nichts über da« Er- gebniß derselben.
* Der Reichstag berieth heute zunächst da» Extraordinarium de« Etat« de« Innern. Abg. Münch bemängelte, daß die Arbetter am Nord- Ostsee-Kanal gezwungen würden, Wohnung und Verpflegung in den für sie errichteten Baracken zu nehmen, wenn er auch gern anerkenne, daß die Baracken gut und praktisch au«geführt seien. Staats- sekretär v. Bötticher erwiderte, daß ohne einen gewiffen Zwang eine gute ausreichende Verpflegung nicht möglich sei. Klagen darüber seien noch nicht erhoben worden. Der Mindestlohn der Arbeiter betrage täglich 2,50 Mk., die Kosten für Verpflegung und Unterkommen stellten fich auf 1 Mk. Auf Ausführungen des Abg. Lingen« (Gentr.) bett, die Seelsorge der Arbeiter theilte der Staatssekretär' mit, daß sich das Konsistorium zu Kiel bereit erklärt Habs, die erforderlichen Vorkehrungen kostenlos zu treffen, und daß auch mit dem Bischof von Osnabrück darüber unterhandelt werde. Abg. Singer (Soz.) beschwerte sich über den militärischen Zuschnitt aller Vorkehrungen beim Kanalbau. Graf Ballestrem (Centr.) betonte, daß in erster Reihe da« Reich verpflichtet sei, für die religiösen Bedürfnisse der Arbeiter zu sorgen. Die geforderte Baurate (14 Mill. Mk.) wurde genehmigt, ebenso der Rest de« Etat«. Die Vudgetkommiffion empfahl Streichung der zum Neubau einer Kaserne in Darmstadt geforderten Rate (500 000 Mk.), während Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff die Genehmigung befürwortete. Nach längerm
Nebenprodukt den Lederthran, der in eigenen, duftigen Fabriken gekocht wird. Von den übrigen Abfällen der Fische bereitet man endlich eine Art Guano und Mehfutter. Ganz bedeutend ist der Walfischfang in den arktischen Regionen, wo der Tourist allenthalben au» der Fluth den Wasser- strahl auffieigen sieht, den der Wal ausdläßt. Etwa 80 norwegische Dampfer liegen diesem Fange ob, der weit weniger romantisch geworden ist al- früher, weil man den Fisch mit Dynamit-Bomben töbtet, bie man au« kleinen Kanonen auf ihn schießt in betn Augenblick, wo er zum Athmen auftaucht. Eine an bie Bombe befestigte Seine mit Widerhacken ermöglicht es den Schiffern, den getöbteten Fisch nach ber Kocherei zu schleppen, wo au» feinem fußhohen Speck ber Thran gekocht unb au« feinem Fleische Guano fabrijirt werb. Ich schaudere noch, wenn ich an die entsetzlichen Gerüche denke, die mir bei diesen Kochereien auf meinen Nordfahrten geboten werden. Der Norweger aber sagt: „Da« riecht nach Geld , und in der That bringt ein ordentlicher Blauwal dem glücklichen Fänger an 5000 Mark ein.Der ebenfalls sehr lohnende Seehund wird hauptsächlrch an den eisigen Gestaden von Spitzbergen gefangen, wo keine Menschen, wohl aber Tausende von Eisbären wohnen.