Erholung nach Ablauf einer gewissen Reihe von Jahren andere Klimata aufzusuche». So lange es nicht möglich ist, mit Kind und Kegel nach der neuen Kolonie auszuwandern und sich dort dauernd niederzulassen, hat das Land für Kolonisation keinen Werth. Das ostafrikanische Gebiet ist auch kein Eldorado, in dem Mich und Honig fließt; sehr weite Strecken sind völlig wüst, andere nur spärlich bewachsen; verhältnißmäßig wenig Terrain ist für Kultur zugänglich. Gleichwohl haben einzelne Plantagenbauern den Beweis geliefert, daß man mit Fleiß, Ausdauer und Geschick auch hier ein leidliches Resultat erziele« kann, während Andere — besonders solche, die es verstanden, sich unter den Eingeborenen möglichst unbeliebt zu machen — ein glänzendes Fiasko erlitten haben. Wegen der wenigen deutschen Handelshäuser, die in Zanzibar residiren, brauchen wir uns auch nicht zu echauffiren; dieselben haben, ehe die deutsche Schutzherrschaft proklamirt wurde, bessere Geschäfte gemacht, als nachher unter der Peters'schen Mißwirthschaft; sie werden sich — wenn heute Deutschland das ostafrikanische Schutzgebiet fahren läßt — unter dem Schutz einer anderen Flagge ebenso wohl fühlen; und wenn nach Jahren der durch die ostafrikanische Gesellschaft zu Grunde gerichtete Handel sich in neuer Blüthe entfalten sollte, so wird sich die jetzt erlittene Einbuße wohl wieder ausgleichen taffen.
Rach dem Gesagten dürste es leicht verständlich sein, daß Deutschland gerade kein besonderes Gelüste zu verspüren brauchte, sich zu Nutzen und Frommen der deutschostafrikanischen Gesellschaft ein deutsches Tonking auf den Hals zu laden. Etwas Anderes ist es, wenn man sich dazu entschließen würde, dem bisherigen Besttzthum — mit oder ohne Erlaubniß Albions — die sämmtlichen vorliegenden Inseln einzuverleiben, die bestimmt den besten Theil Ostafrika's repräsentiren, den Grundstein für eine gesunde und kräftige Kolonialpolitik bilden würden und, unter verständige und gewiffenhaste deutsche Verwaltung gestellt, auch in wenigen Jahren die Mittel bieten würden, die Kolonie aus sich selbst zu erhalten. Dem sogenannten Sultan müßt« eine Staatsvension ausgesetzt werden, die er in Spandau oder Kamerun verzehren könnte, nur nicht hier. Damit wäre seinen und der tonangebenden Araber Jntriguen ein für allemal ein radikales Ende bereitet.
Bei diesem Verfahren würde zugleich auch der Grund zu der nothwendig gewordenen Kolonialtruxpe gelegt; man würde die Soldaten des Sultans in deutsche Dienste übernehmen und damit den schwierigsten Punkt der Bildung einer brauchbaren Kolonial - Truppe überwunden haben....
Die ganze Truppe des Sultans beträgt etwa 12- bis 15,000 Mann, und wenn diese um weitere 500 Mann verstärkt würden, so wären sie vorläufig ausreichend zur Besetzung der Inseln, der Küstenplätze und der großen Karawanenstraße. Es möchte vielleicht rathsam erscheinen, für die Zeit des Uebergangs-Stadiums ein« Kerntruppe, bestehend aus 2—300 Weißen, zu errichten, die auf das weiter landeinwärts gelegene und relativ gesunde Hochplateau — vielleicht in der Nähe des Rgurugebirges — zu entsenden wäre, von wo aus sie im Bedarfsfalls nach jeder Richtung hin operiren könnte. Auf diese Weise ließe sich im Verein mit ein bis zwei Kanonenbooten, di- ja doch für den Dienst in der Kolonie bestimmt bleiben müßten, zur Herstellung einer regelmäßigen Verbindung zwischen den einzelnen Stationen, ein Korps von etwa 100 Heitern zwei Jahren die im Bau begriffene Lulea-Offoten- Bahn, die den bothnischen Meerbusen mit dem Eismeer verbindet, die unerschöpflichen Eisenlager der Polarregionen wird zugänglich gemacht haben, dann droht der Effen-Jndustrie de« übrigen Europa eine furchtbare Konkurrenz, um so furchtbarer, alber Seetransport ja so wenig kostet. Aber noch kostbarere Schätze tragen die norwegischen Höhen. Es find zunächst seine Waldungen, dann aber, höher hinauf, seine Matten. Da weiden im Sommer, gerade wie in den Alpen, an anderthalb Millionen Rinder, klein von Bau und meist ohne Hörner, aber von einem ganz erstaunlichen Milchreichthum. Nirgends habe ich eine so süße und fette Milch, eine so köstliche Butter gefunden, wie in Norwegen, und sein Käse besteht den Kampf mit dem der Schweiz und von Holland. Das Meierei-Wesen hat denn auch in Norwegen eine Entwickelung erfahren, wie kaum in einem zweiten Lande, und sind Butter und Käse nach den Fischen, dem Holz den Metallen und dem tresflichen — Bier die wichtigsten und fast einzigen Ausfuhrartikel des Landes. Neben den Rindern ernährt Norwegen an 2 Millionen Schaafe, an 400 000 Ziegen, an
Die Wahrheit über Ostafrika.
* Unter dieser Spitzmarke bringt das ,Berl. Tagebl.' von ihrem Spezialbcrichterstatter August Boschart d. d. Zanzibar 16. Dez. einen interessanten Artikel, dem wir folgende Stellen entnehmen. Der Berichterstatter schreibt:
Bevor ich diese Zeilen niederschreibe, habe ich allerorts die gewissenhaftesten und genauesten Erkundigungen eingezogen ; Sie können deshalb versichert sein, daß die nachstehenden Schilderungen ein unparteiisches und wahrheitsgetreues Bild der derzeitigen unerquicklichen Zustände im deutschen Schutzgebiete Ostafrikas liefern. Alle, Deutsche, Franzosen und Engländer, Geistliche und Weltliche, Offiziere, Beamten und Kaufleute, Weiße, Schwarze und Araber, Alle sind darüber einig, daß die bedauerlichen Ver- hältniffe, die sich hier entwickelt haben, dem Gebahren der deutsch-ostasrikanischen Gesellschaft in erster Linie zur Last fallen. Vollständige Unkenntniß der Sachlage, verfehlte Spekulationen, rücksichtslose Außerachtlaffung, der bestehenden Sitten und Gebräuche, bestialische Behandlung der eingeborenen — nicht .in vereinzelten Fällen, sondern sehr häufig — haben im Lande eine Erbitterung hervorgerufen, die sich nothwendiger Weise einmal Luft verschaffen mußte.....
So hat die Uebernahme des Zolles durch die Beamten der ostafrikanischen Gesellschaft im Verein mit der damit verbundenen vollkommen zwecklosen Flaggen» hiffung den willkommenen Anlaß gegeben, dem Mißmuth und der Rachsucht gegen die fremden Eindringlinge die Zügel schießen zu lassen. Wenn auch von den Beamten der Gesellschaft bei Ausführung der von Berlin gekommenen Befehle schonender hätte verfahren werden können, als es vielfach geschehen zu sein scheint, und dieselben aus diesem Grunde nicht von jeder Schuld freigesprochen werden können, so sällt doch die Hauptschuld auf die Leiter der Gesellschaft in Berlin zurück, denen absolut jedes Verständniß für die Verhältnisse hier zu Lande fehlt, die sich aber nichtsdestoweniger anmaßen, ein Land regieren zu können, in dem sie nicht die geringste Macht besitzen, Verordnungen zu erlaffen, welche sie unmöglich durchführen können, die zur Ausführung ihrer Anordnungen Leute entsenden, welche den Dingen ebenfalls nicht gewachsen sind und ihre Unfähigkeit durch Roheit zu verdecken suchen. Daß die Gährung eine tiefe und andauernde ist, daß geht aus der Thatsache hervor, daß die Bewegung von ihrer ursprünglichen Kraft noch nichts verloren hat, und ein Ende derselben gar nicht abzusehen ist. Der Gesellschaft ist es bisher nicht gelungen, auch nur einen Fuß breit Land zurückzugewinnen und selbst die beiden Küstenplätze Bagamoyo und Dar-es-Salam können nur durch die Hilfe deutscher Matrosen und unter dem Schutze der Kanonen unserer Kriegsschiffe gehalten werden, während die meisten Beamten der Gesellschaft nichtsthumd in Sansibar herumlungern und unbekümmert um die Be- scheerung, die sie mit anrichten halfen, ftöhlich Tag und Nacht weiter zechen. „ . „
Di« wenigen Küstenplätze, die so beschaffen waren, daß der Weihe sich dort Halbwegs wohnlich niederlaffeu konnte, find durch die Kriegsereigniffe zerstört, die Bevölkerung gänzlich verarmt, ohne daß es dabei gelungen wäre, die eigentlichen Anstifter der Unruhm zu bestrafen, da diese
-T- Norwegen, Land und Leute.
Vortrag des hochw. Herrn Dr. Fallt,e, apostol. Präfekt von Norwegen, gehalten im Kath. Kaufm. Verein „Harmonie" im Kath. Bürgerverein zu Trier.
(Fortsetzung.)
Wo aber die Flüsse ihren ungestörten Lauf behielten, da finden wir fruchtbare Aecker und fette Wiesen. Doch ist kaum mehr als ein halbe» Prozent der Oberfläche des Landes unter dem Pfluge. Produzirt werden hauptsächlich Korn, Hafer, Gerste, Kartoffeln und etwas Obst, aber von Allem bei weitem nicht genug zur Deckung des Bedarfes des Landes. Merkwürdig genug ist, daß Kartoffeln, Hafer und Gerste bi« zum 70. Grad nördlicher Breite zur Reife gelangen, Dank dem langen Sommer von über 2 Monaten, wo dort oben die Sonne ohne Unterbrechung über dem Horizonte fleht und ihre wärmenden Strahlen herabsendet, Dank auch dem belebenden Einfluß des Golfstromes, der die ganze nördliche Küste bespühlt und bewirkt, daß es selbst zu Hammerfest im Winter wärmer ist, als zu Christiania, und die norwegischen Häfen, selbst im Eismeere, fast nie zu- srieren, während die» regelmäßig mit den Häfen
gewöhnlich nichts zu verlieren haben und sich außerdem stets rechtzeitig dem Bereiche der Kanonen zu entziehen pflegen. Erscheint ihnen der Kampf aussichtslos, so gehen sie nach dem relativ gesunden Hochplateau zurück, um bei Gelegenheit wieder hervorzubrechen; unsere Leute aber haben Zeit genug, sich in den sumpfigen Küstengebieten und gistaushauchenden Dschungeln das Fieber zu holen. Daß ich hierin nicht zu schwarz sehe, dürften in der Zwischenzeit bereits die Marineberichte bestätigt haben ; bei meiner Ankunft hier hatte die „Leipzig" bereits 150 Fieberkranke gezählt.
Der Handel an der Küste ist natürlich ganz ins Stocken gerathen, und die durch Beschießung und Plünderung — letztere war trotz der Anwesenheit der europäischen Kriegsschiffe und selbst durch die Landungstruppen nicht zu verhindern — um all' ihr Hab und Gut gebrachten Einwohner sind nicht im Stande, sich aus ihrer Lethargie aufzuraffen. Wie Allah will!! Wenn aus den rauchenden Trümmerhaufen sich neues Leben entwickeln soll, wenn neue, blühende Städte entstehen sollen, mit einer den Weißen freundlich gesinnten Bevölkerung, wenn Handel und Wandel neuen Aufschwung nehmen sollen, dann wird sich die Regierung wohl oder übel dazu entschließen müssen, zur enbgittigen Annexion zu schreiten und die Mittel zum Wiederaufbau zu gewähren. Nur mit starker Hand und reichen Mitteln kann hier geholfen werden; es hat bis jetzt an Energie und Ausdauer gefehlt: statt an einem den thatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Programm unerschütterlich festzuhalten, hat man sich mit Projektemacherei befaßt, ist von einem Ding auf das andere übergesprungen und hat dabei nirgends etwas erreicht. Es wäre gar nicht so schwer, das Richtige zu finden: man braucht nur das Bestehende zu erhalten, bezw. das begonnene Werk weiterzusühren. Klar und deutlich hat der König der Belgier den Weg vorgezeichnet, der zum Herzen Afrikas führt — die Freihaltung der großen Karavanensttaßen nach dem Revier der großen Seen. Die deutsch-ostasrikauische Gesellschaft hat unter ihrer „erfolgreichen Anleitung" gefunden, daß es Bequemer und leichter sei, an der Küste umherzubummeln, und hat den wich- tigsten Theil ihrer Aufgabe „zuverlässigen Arabern" überlassen ....
Es kann sich lediglich darum handeln, ob rott die ganze Geschichte aufgeben sollen, um das Terrain anderen Nationen zu Überlassen, die für Erwerbung und Erhal- tung ihrer Kolonien mehr Geschick, mehr Energie, mehr Opferwilligkeit an den Tag legen, oder ob das Reich die Geschicke der neuen Kolonie mit fester Hand leiten soll. Will Deutschland sich zu letzterem entschließen, so kann nur die Frage aufgeworfen werden, ob die Opfer, welche die Nation sich auferlegt, durch die Brauchbarkeit der Kolonie ausgewogen werden.
Die Beantwortung dieser Frage hängt von dem Umstände ab, wie weit man diese kolonialen Erwerbungen in Ostafrika auszudehnen beabsichtigt. Das jetzige deutsche Schutzgebiet mit Einschluß der deutschen Interessensphäre kann als Kolonistrungsgebiet nicht betrachtet werden; denn eine Akklimatisirung des Europäers erscheint ausgeschloffen. Wenn es auch einzelnen Individuen gelungen ist, bei verständiger Lebensweise und Beobachtung aller hygienischen Vorsichtsmaßregeln längere Zett in leidlich gutem Zustande hier zu existiren, so ist es doch auch für diese ein Bedürfniß, zu Herstellung ihrer Gesundheit resp. zur der wert südlicher gelegenen Ostsee geschieht. Sie werden staunen, wenn ich Ihnen sage, welches in verschiedenen Städten Norwegens die Durchschnitts- Temperatur im Januar ist: Christiania hat —5, Bergen -s- 1/2, Christianssund + 1, Tromsö —4, Alten —7, Bodö —4 Grad Celsius! Im Innern de« Landes allerdings steigt die Kälte sehr rasch, besonders auf den Bergen, und ist da eine Kälte von 30 bis 40 Grad nicht so selten. Und doch ist dort die Kälte weniger empfindlich als an der Küste, weil hier im Winter so starke Winde herrschen.
Verlassen wir nun die Thäler und steigen wir auf die Höhen, dann betreten wir wieder eine ganz neue Welt. Die Gebirge liegen da so gewaltig, so unförmlich, daß es scheint, als hätten fie noch keine Veränderung erfahren, seit die Erdoberfläche erstarrte. Auch ist Norwegen da« gelobte Land der Geologen, indem überall da» Urgestein unmütelbar zu Tage tritt. Gold bergen diese Bergkoloffe zwar nicht, und leider auch fast keine Steinkohle, so daß der Bedars au« Eagland im- portirt werden muß, aber dafür einiges Silber und ungeheuere Lager von Eisen, dem besten von Europa, Kupfer, Nickel und Kobalt. Wenn nach
1889
Ieilüntz.
fulbner
Montag, den 21. Januar.
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