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JM 16. Samstag, den 19. Januar. 1889

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Zweites Blatt.

Norwegen, Land und Leute.

Vortrag des hochw. Herrn Dr. Fallize, apostol. Präfekt von Norwegen, gehalten im Kath. Kaufm. Verein „Harmonie" im Kath. Bürgerverein zu Trier.

So ehrenvoll auch die an mich ergangene Ein­ladung ist, einen Vortrag über Land und Leute in Norwegen zu halten, so setzte mich dieselbe denn doch etwas in Verlegenheit, da sie etwas unerwartet kam, und zwar in einem Augenblick, wo mir nur gar wenig statistisches Material zur Verfügung steht. Sie werden daher mit mir recht nachsichtig sein müffsn.

Ich denke mir, daß die meisten aus Ihnen sich wohl dieselbe Vorstellung von Norwegen machen werden, wie ich selbst vor noch wenigen Jahren. Hält man doch allgemein in physikalischer Bezieh­ung Norwegen für eine unwirthliche Stein- und Eiswüste und die Norweger selbst für Halbbarbaren, die an Bildung kaum die Bären übertreffen, mit denen die Phantasie die Wälder und Felsklüste Norwegens bevölkert. Das aber ist ein ganz ge­waltiger Jcrthum. Im Gegentheil, kaum ein Land darf sich mit den Naturschönheiten Norwegens meffen, und seine Bevölkerung steht keinem andern Volke nach in Allem, was man Civilisation nennt.

Ich kann nur tief bedauern, daß ich nicht Dichter genug bin, um Ihnen Norwegens physi­kalische Beschaffenheit nach Gebühr vor die Augen zu führen. Was zunächst die Aus­dehnung des Landes betrifft, so durchläuft diese auf der Karte so unansehnliche Halbinsel von Nord-Osten nach Süd-Westen nicht weniger als 13 Breitegrade und umfaßt ein Areal von über 318000 Quadratkilometer, d. h. mehr als ganz Italien und annähernd fo viel als das Königreich Preußen. Sein Küstenumfang allein beträgt in gerader Linie gemessen, wenigstens 2500 Kilometer ; die ganze Entwickelung der Küste aber übersteigt jedenfalls 7000 Kilometer. Dieses Gebiet bildet nun ein gewaltiges, allerdings vielfach zerklüftetes und durchbrochenes Hochland, dessen Küsten von Inseln, Inselchen und Klippen umsäumt sind. Die Bodengestaltung ist eine so eigenthümliche, daß man sich nur schwer ein getreues Bild davon machen kann.

Stellen Sie sich vor, der am rechten Rheinufsr gelegene Theil Deutschlands senke sich um viele Hunderte Fuß und verwandele sich in ein weites Meer, aus dem nur noch die höchsten Bergrücken und Gipfel hervorfchauten, die einen kahl und öoe, die andern mit Tannenwaldungen überdeckt, die andern wieder steil und zackig bis zu den Regionen des ewigen Schnees aufragend, fast alle aber von Fischerdörfern und zerstreut liegenden Fffcherhütten belebt: dann haben Sie annähernd das Bild de» norwegischen Jnselheeres, des „Skjaergaard." — Denken Sie sich weiter, dasselbe Meer dringe die Mosel und ihre Nebenflüsse herauf bis Stadtkyll an der Kyll, bis Sterk an der Mosel, Saarburg an ber Saar, Ettelbrück an der Sauer, Vianden an der Our u. s. w. und fülle die Thäler aus bis an die halbe Höhe der Thalwände, bald eng von senkrecht aussteigenden Bergen und Felsen zusammengezwängt, bald meilenbreit sich in den weiten Thalebenen ausbreitend: da hätten Sie einen kleinen norwegischen Fjord. Rethen Sie dann Hunderte von diesen sich viele, viele Meilen weit in’» Gebirge hineindrängenden und sich bi» in'» Unendliche verzweigende Fjorde nebeneinander, und Sie haben die norwegische Küste. Herrlichere» al» diese Fjorde und da» sich an sie anschließende Labyrinth von Inseln und Meer-Engen vermag selbst die kühnste Phantasie nicht hervorzuzaubern.

Dort unten der pfeilschnelle Dampfer, der den Verkehr auf diesen flüssigen, von Gott selbst ge­bauten Fahrstraßen vermittelt; neben ihm die schwer mit Holz und Fischen, den Schätzen Nor­wegens, belasteten Segelschiffs; dazwischen die ungezählten Fischerboote, deren Form noch an die alten Vickingerbooie erinnert, und ein Schwarm von Kähnen, die im Nordlande an Eleganz und Schnelligkeit mit den venetianischen Gondeln wett­eifern. Hier steigen die Felswände von Granit in schauerlicher Pracht senkrecht aus den Fluthen empor; ein polternder Gießbach stürzt schäumend aus schwindeliger Höhe in» Meer hernieder oder löst sich im Falle von Fels zu Fels in eine Wolke von Wasserstaub auf; dort befpühlen die Wellen lachende Fluren und Obstgärten, üppige Wiesen und dichte Waldungen; hier spiegeln sich in den Wassern behäbige Gehöfte und reizende Fischerdörfer, dort drängt sich an das Meer eme reiche Handels­stadt, an der täglich Hunderte von Schiff m landen, um die Schätze des Ozeans und des Eismeeres, der Nährmutter des Landes, zu bergen. Hinter diesen Fluren und Gehöften und Dörfern und Stäoten bauen sich dann die Thalwände in wunder­barer Manchfaltigkeit auf. Wälder von Tannen und Birken, mächtig wie unsere Eichen, bekleiden dieselben. Da und dort blitzt es auf in dem grünen Gewände: es ist ein Gießbach, der von den glühenden und glitzernden Gletschern droben in gewaltigen Sätzen über Felsen und Kanten herniederbraust und schon au» weiter Ferne seinen Weg durch einen Nebelstreifen und durch das Getöse seiner Wasser bezeichnet. Hoch droben aber, Tausende von Fuß über dem Meeresspiegel, ragen in phantastischen Formen und Nadeln und Graten und Hörnern mächtige Berge wie stolze Ritterburgen. Ewiger Schnee umhüllt ihre Flanken, und das Gletscher-Eis drängt sich durch ihre Klüfte und stürzt oft mtt donnerndem Krachen herab in den Fjord, der dann aufkocht, als siedeten feine Fluthen. Kein Wunder, daß alljährlich viele Tausende von Touristen aus allen Ländern nach Norwegen ziehen, um diese Herrlich­keiten zu schauen. Der Tourist kann es kaum begreifen, wie sein Dampfer den Weg durch all’ diese Jcrsale findet. Ec könnte es auch nicht, wäre der norwegische Schiffer nicht der erste Seemann der Welt. Jeden Augenblick geht es herum um eine Insel, um eine Klippe, um eine Felsenecke; jede Wendung eröffnet aber auch eine neue Aus­sicht, bald durch ein Mserauge hinaus auf die offene See, bald weit hinein in zehn unabsehbare Thäler mit flüssigem Boden, felsigen Wänden und schneeigen, sich mit den Wolken vermählenden Bergrücken. Fährt man auf unfern bequemen Dampfern, wie ich das alljährlich auf meinen Vtsitationsreisen thue, wochenlang durch all' diese erstaunliche Pracht hindurch, dann erfaßt einen fast der Schwindel, weil es der Herrlichkeit gar zu viel wird. Wer den Hardanger« und den Sog­nefjord gesehen; wer da droben in Helgoland die Jungfrau und den durchbrochenen Torghattm, am Polarkreis die aus dem Meere hsrvorwachsenden Lovunden« und Threnen-Jnseln, den über die Fluthen de» Eismeere» gleichsam dahinjagenden Hestmand geschaut; wer von Bödö über den stür­mischen Weflfjord nach den wie eine himmelhohe, schrecklich zerklüftete und gespaltene Felsenmauer aufsteigenden Loffoten-Jnseln gefahren und dort vor dem vom Golfstrom im Kampfe mit Fluth und Sturm gezeugten Malström gezagt hat; wer im Glanze der Mitternachtssonne da» Panorama von Kastnaeshavn, die Oase von Tromsö, de» Pari» des Norden», die wunderbare Großartigkeit des Lyugefjord angcstaunt; wer endlich von der fchwindlichen Höhe des Nordkap herab sein Auge

schweifen ließ über das nördliche Eismeer und seine von Sturm und Wetter zerrissenen und zernagten Frlshörner: der kann nur in stummer Andacht den Herrn preisen, der so überwältigend Schönes geschaffen. Im Winter allerdings, wenn während 2J/2 Monaten in den arktischen Regionen die Sonne nicht mehr aufgeht, wenn Finsterniß herrscht über Meer und Land, wenn heftige» Schnee­gestöber auch noch den schwachen Schein der Sterne und de» Nordlichte» verdunkelt, wenn dichter, eisi­ger Nebel da» Schiff einhüllt, wenn die Polar­stürme die Wogen peitschen und reißende Ströme da» im Dunkeln sich durch diese» Jnsellabyrinth hindurchtastende Schiff jeden Augenblick an die Felsen zu schleudern drohen, dann hört die Poesie auf und beschränkt sich unsere Bewunderung auf den Muth und die Gewandtheit der Schiffer, die uns auf dieser gefahrvollen Bahn dem sicheren Hafen zusteuern.

Aber dringen wir weiter hinein in’» Land. Stellen Sie sich vor, mächtige Granitwälle schnit­ten von Zeit zu Zeit die Thäler, der Sauer, der Kyll, der Saar u. s. w. ab und bildeten so durch da» Land eine ganze Reihe von langgestreckten Seen, die ihre vom Gebirge herabströmenden Was­ser über rauschende, oft Hunderte von Fuß hohe Wasserfälle zu Thale führten: dann haben Sie ein ungefähres Bild des Innern von Norwegen. Diese Seen, von denen manche über 50 Kilometer oder 10 Stunden lang sind, sind Legion, und sie be­decken annähernd den siebenten Theil des Lande». Merkwürdiger Weise reicht der Grund vieler dieser Seen Hunderte von Metern tiefer hinab al» der Meeresspiegel, wie dmn auch die Fjorde in der Regel viel tiefer werden, je weiter sie in’» Land hineindringen, während sie am Eingang oft so seicht sind, daß die Schaffe Mühe haben, au» dem Meere hineinzukommen. Diese Seen bilden eigentlich die Fortsetzung der Fjorde, von denen sie durch ge­waltige Umwälzungen in der Na'ur abgeschnitten worden. Auch find deren Ufer genau so gestaltet wie die der Fjorde, und herrscht auf ihren Fluthen dasselbe rege Leben. Die Ströme führen aus dem Gebirge herab die dort gefällten und mit dem Zeichen ihrer Besitzer versehenen Baumstämme; drunten am See werden sie zu Flößen zusammen­gefügt ; an einigen aufgerichteten Stämmen werden die Segel befestigt, und so setzen die Bäume ihre Fahrt fort bis zur Abführungsrinne des Sees, wo sie wieder einzeln der Strömung überlassen werden. Sind die Wasserfälle gar zu hoch, so daß die Bäume vom Fall zerschmettert würden, dann wer­den sie in hölzernen Wafferrinnen an den Fällen vorbeigeleitet. Am folgenden See wird das Floß wieder hergestellt u. s. f., bis endlich der Meeres­spiegel erreicht ist. Die untersten Wasserfälle werden dann meist zum Getriebe von Sägemühlen ausgenutzt, welche das Holz zu seiner weiten Reise in die weite Welt Herrichten.' Da Norwegen auch jetzt, nachdem man m seinen Wäldern furchtbar gehaust hat, noch über 60,000 Quadratkilometer Tannen- und Birkenwald hat — die Eiche und Buche kommen nur selten, und zwar nur im Süden vor — so können Sie sich denken, wie lebendig es auf allen dieser Gewässern hergeht, auch abgesehen vom gewöhnlichen Lokalverkehr, der fast ganz durch Dampfer und Boote vermit- telt wird. (Forts. folat.)l

Vermischtes.

* Nicht selten hört man die Frage aufwerfen: „Was ist der Unterschied zwischen absoluter und relativer Majo­rität?" — Bei absoluter Majorität, die zum Beispiel bei den Reichstags- und Landtagswahlen zur Anwendung kommt, muß der Gewählte mindestens eine Stimme mehr haben, als alle anderen Kandidaten zusammen. Z. B.: ■ e8 werden bei der Wahl eines Vorstandes 20 Stimmen abgegeben, so muß der Gewählte 11 Stimmen auf sich