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1889
Dienstag, den 15. Januar.
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Deutschland im Jahre 1888.*) v.
Entsprechend der Stellung, welche Preuße« im deutschen Reiche einnimmt, haben die großen Ereignisse de« Reiche« 1888 auch hier sich am meisten und einschneidendsten fühlbar gemacht. Der Wechsel auf dem Kaiserthrone war ja zugleich ein Wechsel auf dem preußischen Königsthrone, und das ist gerade in Preußen in der Regel wichtiger als in anderen Ländern. Eine förmliche Spekulation auf diesen Thronwechsel hat sich in Kreisen bemerkbar gemacht, welche mehr oder weniger Einfluß und Macht im öffentlichen Leben üben oder erstreben. Da die beiden Könige Friedrich III. und Wilhelm II. in politischer und religiöser Bezieh- ung sehr verschiedene Standpunkte vertraten, mußte e« um so mehr zu Tage treten. Al« Prinz von Preußen wurde der nachmalig; König Wilhelm II. förmlich umschwärmt von jener politischen und religiösen Richtung, die in Hofprediger Stöcker ihren lautesten Vertreter hat. Es wurden sehr scharfe Worte hinüber und herüber geschleudert, bis Bismarck's Eingreifen ein tiefere« Hineinziehen des Thronerben in den sehr unerquicklichen Streit verhinderte. Unter der kurzen Regierung Friedrich'» III. hatten die Vertreter des Liberalismus Oberwaffer, aber nicht die Bertr ter jenes Liberalis- muS, der in Wahrheit das Gsgentheil deff.n ist, was fein Name besagt. Freilich trat auch hier Fürst Bismarck hemmend und hindernd entgegen, so daß der König den besonderen Verhältnissen Rechnung tragend, darauf verzichtete, seinen Stand- punkt voll und ganz zur Geltung zu bringen. Die bekannte Angelegenheit mit den O.denrverleihungen ist ein sprechender Beweis dafür. Einen kräftigen Schlag führte der schwer erkrankte König kurz vor seinem Tode gleichwohl. Wie für den Reichstag, so wurde auch für den preußischen Landtag die Dauer der Legislaturperiode auf 5 Jahre ausgedehnt. Regierung und Kammermchrheit hatten Stellung genommen, der rasche Tod Wilhelm'» I. aber machte die königliche Sanktion zweifelhaft. Bismarck mußte das ganze Gewicht seiner Stellung in die Wagschale legen, bi» König Friedrich nach längerem Zögern sie gab. Ec that e» aber nur in der sehr energisch ausgesprochenen Ecwart-
•) Nachdruck nicht gestattet.
Zahn am Zahn.
Roman von Gabriele d'Arvor.
(65. Fortsetzung.)
„Tomy und Nelly hatten sich in Begleitung ihrer Brüder und einiger Freunde ein wenig wett in die Berge gewagt. Der jungen Frau erschien feit gestern die wilde Schönheit der sie umgebenden Natur doppelt reizend, und sie wollte noch einmal den Duft des liebeathmenden Frühlinggenießen, zum letzten Male in der Heimarh. Sie entwarf mit Tomy lachende Zukunftsprojekte; Liebe und Glück verklärten den Horizont des neuen Vaterlandes, da» sich ihnen nun bald öffnen sollte. In diesen Gedanken störte sie plötzlich da« Alarmsignal.
„Der Feind ist im Gebirge I" rief wie au» einem Munde die Gesellschaft. „Rasch zur Höhle, ehe wir überrascht werden!"
Clary, mit einigen Gefährten von der Jagd kommend, stnß zu ihnen, und zusammen suchten sie die Begegnung mit dem Feinde zu vermeiden.
„Freund," sagt« Clary, „hört, die Signalhörner blasen, da« find diesmal kerne Konstadler, da« find Soldaten. Schlimme Geschichte I Tomy, eile mit Deiner Frau zur Höyie, rote Anderen werden hier dem Feinde oen Weg verlegen."
ung, daß die Freiheit der Wahl feiten« der Regierung gewährleistet werde. In einem Handschreiben dieses Inhaltes erblickte der Staats- Minister v. Puttkamer mit Recht den Ausdruck der Unzufriedenheit und nahm seinen Aoschied, al« der König dabei beharrte, daß er bi« jetzt der Wahl- freiheit nicht genügenden Schutz gewährt habe. Diesem entscheidenden Schritte gingen hochinteressante Debatten über ganz skandalöse Wahlbeemflufsungen voraus, die zu Gunsten einer Puttkamer'schen Wahl (Bruder des Ministers) getrieben worden waren. Auch hatte stch der Minister in früheren Debatten der ganzen Kammer gegenüber zu der unerhörten Auffassung verstiegen, die Volksvertretung habe nicht das Recht, an dem Verhalten königlicher Beamten Kritik zu üben und di; Abbestellung von Mißständen in dieser Beziehung zu verlangen. Puttkamer'« Fall wurde mit großer Freude begrüß", wenigstens überall da, wo man mit den Rechten des Volker, namentlich mit feinem Wahlrecht Ernst macht. Bismarck mochte es nicht für angem.ffen halten, feinen Kollegen Puttkamer um jeden Preis zu halten, da er wohl wissen mußte, daß der nationalliberale Thal der Kartell» genoffenfchaft nur höchst ungerne das Regiment Puttkamer ertrug. Die Frage der Nachfolge wurde unter König Wiihelm II. erledigt und zwar in der Weife, daß einfach im Ministerium selbst ein Avancement eintrat, ohne daß der Unterschied sachlich ein besonders großer war. Und am Schluffe des Jahres ist Puttkamer in seiner zurückgezogenen Stille mit einer Ordensauszeichnung bedacht worden, die stch wie eine Mißbilligung feiner Einlassung ausnimmt und bei den Emen die Hoffnung, bei den Anderen die Furcht erweckte, er möchte wieder in die Regierung berufen werden. Die eine wie die andere Auffaffung hat ihre Berechtigung. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß König Wilhelm II. in politischer und religiöser Beziehung auf dem Standpunkt steht, den man als konservativ zu bezeichnen gewohnt ist. Zwar hat er sich in der allerveutlichsten Weise für das Kartell ausgesprochen durch Wort und That. Sein Zeugniß über die Breslauer Wahlen wird unvergessen bleiben, und auch die Ernennung des Herrn von Bennigsen zum Oberprästdenten von Hannover ist ein sprechendes Anzeichen. Indessen ist diese Stellung doch nur in dem Sinne zu verstebm daß der
„Nein, Clary," errateerie die junge Frau, „Niemand soll sich für mich einer Gefahr ausntzen. Wir wollen alle zusammen fliehen, wenn es noch Zeit ist, andernfalls theile ich Euer Loos."
„Ha, wir haben schon andere Gefahren ges-hen," meinte ein Bandit. „Alle Wetter, die Herren von der Armee kennen un»; ich möchte schon aus Höflichkeit einige Kugeln mit ihnen wechseln; man verrostet ganz in der Unthätigkeit."
„Die Geschichte kann bö« werden," erwiderte Clary ernst. „Ein große» Unglück schwebt über un« ; dieser Tag wird da« Ende de» Stammes der O'Warn sehen".
Rede nicht so, mein Freund!" vers tzte Tomy. „Wir dürfen nicht die Hoffmng aufg.ben, noch einmal, rote schon so oft zu entrinnen."
Clary schüttelt traurig iStzelnd den Kopf.
„Niemand kann seinem Laote entgehen," erwiderte Clary. „In vergangener Nacht ist mir der Schutzgeist de.- O'Warn erschienen; er durcheilte oas Thal, fein G sicht war traurig, Thränen entrannen feinen Augen, di; gegen die G asfchaft au«g streckte Hand wehrte unsichtbaren Feinden; er wie» mich aus den Himmel uno ich fühlte im H.rzen einen stechenden Schmerz, rote von einer Wunde. Am Tage vor der Ermordung der Landlord» hat mir dec Genius meiner Familie
nationalliberale Theil des Kartells stet» der untergeordnete und willig folgende ist und daß die Parteien nicht auf die R gierung einwirken, sondern sich ihr zur Verfügung stellen. Das ist ja auch ganz und gar Bismarck's Standpunkt. Er hat noch nie ein Hehl daraus gemacht, daß er die Unterstützung für feine Vorschläge und Pläne von jeder Partei annimmt, die sich bereit zeigt, ihm dieselbe zu gewähren. Diesen Standpunkt einer höchst bescheidenen Roll; wollen die Nationalliberalen freilich nicht verstehen. S.e können es gar nicht verbergen, daß ihr erstes und wichtigste« Interesse auf Antheilnahme an der H rrfchaft gerichtet ist, und das erklärt cs denn auch, daß sie stch soweit vergessen konnten, in der Ernennung ihre« ange- sehendsten Führers zum Oberpräsidenten eine besondere Empfehlung gegenüber dem Volke zu erblicken und ste so ausbeuten zu wollen.
Deutsches Reich
Berlin, 14. Januar.
• Die Eröffnung de« preußischen Landtage» fand heute Mntag 12 Uhr im Weißen Saale de» kgl. Schlosse» mit dem üblichen feierlichen G - pränge durch den Kaiser statt. Der vorhergehende Gottesdienst für die katholischen Aogeoroneten in der Hedwigskicche war von den Avgeordn-ten de» Centrums und der polnischen Fcakrion stark besucht; der Gottesdienst für die p rotestantischen Abgeordneten wurde in der Schloßkapelle abgehalten. Der Kaiser trug Garde-du-Corpe-Uniform; bei seinem Eintritt in den S rat brachte der Präsident des Herrenhauses, Herzog v. RatiVoc, ein Hoch aus. Das Mmistermm war vollständig vertreten mit Ausnahme de« Reichskanzler«; der stelloertre- tenbe Minister-Präsident v. Bötticher überreichte dem Kaiser die Thronrede, welche dieser verlas. Sie lautet:
Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtages!
Nachdem bereits bei Meinem Regierungsantritt der Landtag der Monarchie um Meinen Thron versammelt gewesen ist, begrüße Ich Sie heute bei dem B-ginn einer neuen Legislaturperiode. Sie können Ihre Arbeiten um so freudiger aufnehmen, als die Beziehungen des Reichs zu allen auswärtigen Staaten freundliche sind und Ich bei Meinen Besuchen befreundeter Herrscher die Ueber- zeugung gewonnen habe, daß wir uns der Hoffnung auf fernere Erhaltung des Friedens mit Vertrauen hingeben dürfen.
die Gefahr ang kündigt; es lag nicht in meiner Macht, sie abzura nden. Jetzt kommt die Sühne. Wie Gott will, ich habe heute früh meine Rechnung mit dem Leben abgeschlossen, ich bin bereit."
„Aber Ihr seid ja ohne Schuld," sagte Nelly; „Ihr habt ja Alle« gethan, um da» Verbrechen zu verhindern. Gehen wir rascher, ich höre Schritte," fugte sie hinzu.
Die Flüchtigen beeilten sich; unglücklicherweise schnitten nie Soldaten ihnen den Weg ab. Plötzlich, bd einer Biegung de» Weges stießen sie zuiammen.
„Ah, da haben wir ja Briganten in Fleisch unö Bein," rief der Offizier, sich mit seinen Leuten ihnen entgegen werfend.
Flucht war unmöglich.
„Ergebt Euch!" fordert der Offizier auf.
„Niemals!"
Die Gebirgler waren meist beroaffnet und wußten, daß ihnen der Galgen sicher war; sie zogen deshalb vor, ihr Leden so theuer als möglich zu verkaufen. T >my stellte sich vor feine Frau, um sie gegen di; Kugeln zu schütz m.
William Povy kalte sie sofort erkannt. Toll vor Wuth und Rachdegier, sprang er auf sie zu.