JV 10.
Samstag, den 12. Januar.
1889
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Der Prozeß Geffcken und der Fall Morier
hängen auf» Engste zusammen. Al» die.Kölnische Zeitung' den englischen Gesandten Morier beschuldigte, er habe dem Marschall Bazatne 1870 die erste Nachricht über den Normarsch der deutschen Heere über die Mosel vermittelt, da bezog sich die .Kölnische Zeitung' ausdrücklich auf den Prozeß Geffcken; während deflelben. sagte sie. sei e» nothwenbig geworden, Ermittelungen über die Beziehungen Morier» zu inneren deutschen Ver- hältniffen anzustellen. Und in anzüglichster Weise theilte die .Kölnische Zeitung' mit, daß Morier in hohem Grade sich der Gunst und des Vertrauens des Kaisers Friedrich und seiner Gemahlin erfreut habe. Dadurch sollte natürlich der Eindruck erweckt werden, daß der Kronprinz in der Wahl seiner Bertrauenspersonen sehr wenig vorsichtig gewesen sei. Man erinnere sich dabei, daß in dem Imme diat bericht des Reichskanzlers dem Kronprinzen zum Vorwurf gemacht war, daß der Kanzler mit ihm aus Furcht vor Indiskretionen an fremde Höfe über intimere politische Angelegenheiten nicht habe verhandeln dürfen. Nachdem in dieser Weise durch jenen Artikel der .Köln. Ztg.' der Kronprinz und Morier in gleicher Weise korn- promittirt wurden, wird alsdann der Fall Morier mit dem Geffckenprozeß durch die Bezugnahme auf die dabei nothwendig gewordenen Ermittelungen ausdrücklich in Verbindung gebracht. Morier's Beziehungen zu der innerdeutschen Politik sollte», klargestellt werden. Und in der Fortsetzung dieser Treibens sagt das Blatt, der Jmmediatbericht habe seinen Zweck trotz des negativen Ausganges des Prozeffes Geffcken erreicht; nicht allein der unmittelbare Urheber sei ermittelt, sondern es seien auch die Hintermänner festgestellt worden, welche durch ihr Jntriguenspiel den Reichskanzler zu stürzen drohten und in deren Jnterefle die Veröffentlichung erfolgt ist, wenn auch deren Vor- wissen um dieselbe nicht hat nachgewiesen werden können.
Da haben wir also die Bescheerung!
Nach der .Kölnischen Zeitung' sollte der Prozeß Geffcken zur Enthüllung einer Verschwörung der heimischen Opposition mit Ausländem zum Sturze de» Reichskanzlers unter Kaiser Friedrich führen, einer Verschwörung, von deren Existenz der Reichs-
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Roman von Gabriele d'Arvor.
(63. Fortsetzung.)
19.
Verrath und Sacrilegium.
Während die Hochzeit Nelly'» und Tomy'» Freude und Lust im Gebirge verbreitete, zog sich ein unheilschwangere» Gewitter über den Köpfen der Geächteten zusammen. Der Verrath verfolgte seinen schwarzen Plan. Sei e». daß die Kundschafter nicht auf der Hut waren, sei e», daß die Behörde durch frühere Erfahmngen gewitzigt worden — genug, die Vorbereitungen zu der militärischen Expe- dttion de» Landlords wurden so geheim gehalten, daß Niemand im Grbirge eine Ahnung von der drohenden Gefahr hatte.
Lord Sutton, der kein sonderliches Vertrauen in seine Konstabler setzte, hatte vom Gouvernemmt zwei Kompagnien reguläre Soldaten erbeten; diese kamen am Morgen nach der Hochzett Nelly'» an und erhielten Befehl, ohne Verzug da» Gebirge abzusuchen.
William Pody marschirte mtt den Vorderstm und diente al» Wegweiser. Man hoffte zuversicht
kanzler fest überzeugt war. Die Veröffentlichung de» Tagebuchs Kaiser Friedrichs erschien seinem einmal erwachten Mißtrauen als eine zu Gunsten jener intemationalen Verschwörung gelegte Mine; er behauptete in seinem Jmmediatbericht ja ganz offen, die Veröffentlichung sei erfolgt „im Interesse des Umsturzes und des inneren Unfriedens", und er faßt jetzt, da er eine sichere Spur zu haben glaubt, mit fester Hand zu. um die landesver- rätherischen Zettelungen mit einem Schlage an das Licht zu bringen. Der Prozeß Geffcken war nur das erwünschte Mittel zu einem anderen Zwecke, er sollte die Verbindungen zwischen der inländischen Opposition und auswärtigen Mächten aufdecken. Darum war es, wie die .Kölnische Zeitung' aus- plauderte, „aus Anlaß des Geffcken'fchen Prozesse» nothwendig geworden, Ermittelungen über die Beziehungen Morier's zu inneren deutschen Verhältnissen anzustellen". Da Morier die Freundschaft Kaiser Friedrichs und seiner Gemahlin genossen hatte, konnte bei den Beziehungen zu inneren deutschen Verhältnissen, die erst ermittelt werden sollten, nur an Personen gedacht werden, jdie sich gleichfalls des Vertrauens des kaiserlichen Paares erfreut hatten und von denen ja auch Einige, so z. B.Herr v. Roggenbach, von strafprozessualischen Maßregeln anläßlich des Geffcken • Prozesse» nicht verschont blieben. Da haben wir den klaren unbestreitbaren Zusammenhang zwischen dem Falle Gefscken und der Sache Morier. Darnach wird man auch begreifen, warum die Voruntersuchung gegen den doch durchaus geständigen Geffcken so lange dauerte, man wird sich nicht wundern dürfen, wenn die .Franks. Zeitung' erzählt, es habe im Prozeß Geffcken gegolten, über manche Vorgänge und Beziehungen aus der Lebenszeit des verstorbenen Kaisers Aufklärung zu erlangen, und es habe sich die Untersuchung u. A. auch sogar mit der Frage befaßt, wie das Regierungs-Programm Friedrich'» in San Remo entstanden ist.
Doch es hat Alles nichts genutzt. Das Reichsgericht hat die Erhebung der Anklage abgelehnt, und im Fall Morier steckt die .Kölnische Zeitung' bis über die Ohren drinnen. Wie schon rnttge- theilt, hat die .Kölnische Zeitung' zwei Briefe des Majors v. Deines veröffentlicht, worin dieser bezeugt, daß Marschall Bazaine zu Deiner im Jahre 1886 gesagt: „Die erste Nachricht von dem Links-
lich, die Banditen zu überraschen. Der Landlord hatte strengen Befehl gegeben, möglichst viel Gefangene zu machen und nur im äußersten Noth- falle zu töbten. Es lag ihm vor Allem daran, den Hauptmann Gaspard lebend in seine Gewalt zu bringen.
D»e Gebirgler, nicht ahnend, war ihnen bevorstand, hatten sich zerstreut; die Einen waren auf der Jagd, die Anderen gingen ihrer gewohnten Beschäftigung nach. Langsam und in aller Stille näherten sich die Truppen, hier und da ein Stück Wild aufscheuchend. Einige zwanzig Mann, kom- mandirt von einem Lieutenant und geführt von William Pody, marschirten als Avantgarde, der Rest folgte in einiger Entfernung.
„Ich glaube gar, wir haben er mtt Briganten zu thun, die nur in Ihrer Einbildung existiren," sagte der Offizier, gelangweitt, daß sich immer kein menschliche» Wesen zeigen wollte.
„Ihre Verbrechen find indeß Thatsachen," erwiderte William Pody.
„Zum Henker, wo logiren fie denn? man sieht ja nicht die Spur einer menschlichen Wohnung."
„Geduld, Herr Lieutenant; wenn Sie glauben, zu einer Parade hierher zu kommen, so irren Sie sich."
abmarsch der Deutschen über die Mosel habe ich durch ein Telegramm de» englischen Gesandten in Darmstadt erhalten. ... Ich wußte nicht» von Ihren Bewegungen, bi» Herr Morier mich wissen ließ, die Deutschen ständen bei Mar» la Tour; da» war nicht genau, denn e» waren nur einige Reiter. Ich habe diese» Telegramm über London am 16. Morgens erhalten." In seiner Erklärung vom 12. November 1888 giebt Herr v. Deine» die Aeußerung Bazaine» in folgender Form wieder: „er habe am 15. oder 16. August die erste Nachricht von dem Uebergang de» deutschen Heere» über die Mosel erhalten". Dar Gedächtniß de» Marschalls Bazaine ist in dieser Sache sehr schwach gewesen. Der erste Mosel-Uebergang der Deutschen, die Besetzung von Pont-L-Mouffon, war schon am 13. August offiziell durch eine deutsche Depesche verkündigt. Der deutsche Mosel-Uebergang südlich von Metz erfolgte am 15. August Abends, wo die Schlacht bei Mars-la-Tour begann. Und das soll Morier am 16. August Bazaine verrathen haben, nachdem dieser schon eine blutige Schlacht mtt den über die Mosel gegangenen Deutschen geschlagen hatte I Damm versuchte es die.Kölnische Zeitung' mtt einer „Correktur", indem fie an Stelle des 15. oder 16. August, von denen in den Deines'schen Berichten die Rede ist, den 13. oder 14. August setzte. Hier handelt es sich doch wohl um eine Fälschung „im gewöhnlichen Sinne de« Wortes".
Morier hat sich denn auch kräftig zu wehren verstanden. Im Juli 1888 kam Herrn Morier zu Ohren, daß Graf Herbert Bismarck sich mehreren Personen gegenüber geäußert habe, der englische Diplomat habe nach Bazaine« Aussage im Jahre 1870 Bewegungen der deutschen Heere an den französischen Heerführer verrathen. Morier fragte sofort bei Bazaine an, ob er dergleichen gesagt habe und Bazaine antwortete nach kurzer Zeit, er habe nie mit Jemanden eine Unterhaltung geführt, in welcher er Morier in der angegebenen Weise beschuldigt habe, er stelle auf's Entschiedendste jede ihm zugeschriebene derartige Aussage in Abrede und könne auch erklären, daß er Morier vor dem Kriege von 1870 und während desselben gar nicht gekannt habe. Diese beiden Aktenstücke sandte Morier bei der ersten Kenntniß, die er von der Verdächtigung der .Köln. Ztg.' erhielt, an den Grafen Bismarck mit dem Ersuchen, „dieser möge als Gentlemann und Ehrenmann durch die.Nordd.
„Um so besser, wenn wir Arbeit bekommen. Aber was ist denn das? Ich höre Geräusch!"
Die Soldaten lauschten. Tritte wurden vor ihnen hörbar und hinter einem Felsen trat eine Gestalt hervor: der Einsiedler. Beim Anblicke dieses ehrwürdigen Mannes, dessen hohe Gestalt und langer weißex Bart Respekt einflößten, hielten die Soldaten unwillkürlich an.
„Wer seid Ihr?" fragte der Offizier.
„Lassen Sie ihn; es ist ein frommer Einsiedler, der hier fern von der Wett in Ruhe und Gebet seine Tage beschließen will. Wir wollen ihn nicht stören; er hat keinen Antheil an den Verbrechen der Briganten," sagte William Pody.
Beim Klange dieser Stimme erhob der Greis das Haupt und sein durchbohrender Blick richtete sich fest auf das Gesicht des jungen Manne«, der sich vergebens zu verstecken suchte.
„William Pody, wozu bist Du hierher gekommen?" fragte er vorwurfsvoll. „Wie Judas führst Du Jene, die Deine Brüder gefangen nehmen sollen. Da« Blut des Verräthers rollt in Deinen Adem, der Fluch des Himmels lastet auf Dir, und doch" — fitzte er mtt einem schmerzlichen Blick nach Oben hinzu — „ich hatte verziehen! O Gott, schirme die Unschuldigen, mache die Anschläge der