1889
Freitag, den 11. Januar.
Jeiting
Muer
Die Sache steht nun u. E. einfach so: Das Reichsgericht war bei Prüfung der Frage, ob Staatsgeheimnisse oder Nachrichten vorlagen, deren Geheimhaltung für das Wohl de» deutschen Reichs erforderlich ist, auf das Gutachen, auf den Jrn- mediat-Beticht des obersten Leiter« unserer auswärtigen Angelegenheiten angewiesen und mußte auf dessen Autorität hin diese Frage bejahen. Laut Jmrnediat-Beticht (stehe oben) war Fürst Bismarck der irrigen Anstcht, das fei genügend, um aus Herrn Geffcken den § 92 anzuwenden. Das Reichsgericht belehrt ihn, daß das nicht genügt, daß vielmehr neben dem Vorsatz auch das Wissen, das Bewußtsein der Gefährlichkeit einer solchen Publikation vorhanden sein mut. Das Reichsgericht hat angenommen, daß diese« Bewußtsein bei Gi ficken nicht vorhanden war, folglich hat e« da» Verfahren gegen ihn ein-
□ Dr. Gestiken und die Kartell- preste.
E« ist ein geradezu lächerliche« Unterfangen, wenn die Katiellpreffe ihre eigene Niederlage in dem Feldzug gegen den „Landesverräther" Geffcken jetzt aus der Welt reden will durch den Einwand, da« Reichsgericht habe wirklich Herrn Geffcken al» Landesverräther überführt, jedoch seine Zurechnungsfähigkeit bezweifelt. Von „Zu- rechnungsfähigkeit" steht in dem Reichsgerichts» beschlufie absolut nicht»; letzterer hält sich viel- mehr genau an den Wortlaut de» § 92 de» St.- G.-B., und zwar stützt er sich gerade auf diejenigen fünf Worte desselben, welche Fürst Bismarck bei Citirung des § in seinem Jmmediatbericht ausgelassen hatte. Wir beweisen, war wir be- haupten. Man vergleiche:
gestellt. Uebrigen» betreten die guten Kartellblätter eine gefährliche «ahn, wenn sie Herrn Geffcken deßhalb für „unzurechnungsfähig", für halb verrückt erklären wollen, weil er nicht gewußt hat, sich nicht bewußt gewesen ist, daß da« Tagebuch Staatsgeheimmffe enthalte, deren Geheimhaltung für das Wohl de« Reiche« oder eine» Bundesstaate« erforderlich war. Wir erlauben uns die bescheidene Frage: Wie stand es denn mit der Zurechnungsfähigkeit aller jener „nationalen" Zeitungen — die .Kölnische Zeitung' und viele badische liberale Blätter find auch dabei gewesen —, welche dem Tagebuch bet seinem Erscheinen laut zugejubelt haben und den „Landes- verrath erst gewahr wurden, als der Immedtat- bericht fie darüber belehrte?
Der Wortlaut des Jm« mediat'Berichts:
Wenn das Tagebuch echt wäre, so würde auf seine Ber- öffentlichung meiner Ansicht nach der Art. 92 des Straf« gesetzb. Anwendung finden, welcher lautet:
„äßet vorsätzlich StaatS- Geheimniffe oder Nachrichten, deren Geheimhaltung für das Wohl des Deutschen Reiches erforderlich ist, öffentlich bekannt macht";
u. s. w.
Der authentische Wortlaut.
§ 92. Wer vorsätzlich
1. Staatsgeheimmffe oder Festungspläne, oder solch« Urkunden, Aktenstücke oder Nachrichten, von den en er weiß, daß ihre Geheimhaltung einer anderen Regierung gegenüber für das Wohl des Deutschen Reiches oder eines Bundesstaates erforderlich ist, dieser Regierung mittheilt oder öffentlich bekannt macht;
u. s. w.
3a|n in Zihi.
Roman von Gabriele d'Arvor.
(62. Fortsetzung.)
Sobald die Meffe beendet war, begab ftch die Famllie Podgey zu dem Pfarrer, mit der Bitte, die Ehe Tomy'» und Nelly'» einzusegnen. Diese einfache und erhebende Ceremonie unter so eigen- thümlichen Umständen bewegte alle Anwesende tief. Der Priester, nachdem er über die Lage der Brautleute in allen ihren Einzelheiten Kenntniß genommen, stellte ihnen die gegenseitigen Pflichten in eindringlichen Worten vor Augen. Nachdem er dann den Bund gesegnet, sagte er: „So beginnt denn muthig Hand in Hand ein neue» Leben, der Herr segnet Euch durch seinen Diener; bl bet Ihm und Eurem Schwure treu; nur so kann Eure Liebe eine dauerhafte werden. Unterstützet Euch gegenseitig in allen Schwierigkeiten de» Leben«. Da« Unglück hat früh Eure Seelen betroffen, aber auch Eure Kraft gestählt; ein weiterer Horizont, erhellt vom Lichte der Hoffnung, öffnet fich vor Euch in jenem fernen Lande, wohin Ihr Unabhängigkeit und Glück suchen gehet. Kinder Gotte«, vergkffet nicht da» Versprechen Sure» Taufbunde», übet Frömmigkeit und alle jene christlichen Tugenden, welche die Grundlage wahren Frieden» bilden
den Kriegervereinen zurückzuweisen. Abg. Zeitz (nat.-lib.) wie» dem Abg. Singer gegenüber ans die Bestrebungen der Sozialdemokraten hin, ihre Agitation in die Kriegervereine zu tragen; sozialdemokratische Tendenzen gehörten aber nicht in die Kriegervereine. Nachdem noch Abg. Träger im Sinne Rickert'» gesprochen, wurde die Giltigkeit»-- erklärung der Götz'schen Wahl ausgesprochen.
♦ Die Agitation für Verbefferung der Wohnungsverhältnisse der Arbeiter und für Hebung der hauswirthschaftlichen Ausbildung der Mädchen au» den unbemittelten Klaffen, die durch die hervorragendsten Blätter aller Parteien unterstützt wird, beginnt Früchte zu tragen; schon hört man au» diesem oder jenem Orte von der Aufnahme praktischer Arbeiten auf diesen Gebieten und dürste demnächst auf dem letzterwähnten eine allgemeine Bewegung eintreten. Die Kaiserin Augusta, welche dem deutschen Verein für Armenpflege und Wohlthätigkeit, sowie dem Vaterländischen Frauenverein den ersten Anstoß gab, fich mit der Frage de» HauShaltung«- unterricht» zu befaffen, widmet dem letzteren fortwährend ihr Jntereffe und hat diese» wieder vor wenigen Tagen bewiesen, indem fie der Haushalts- unterrichts-Kommisston des deutschen Vereins für Armenpflege 100 hübsch gebundene Exemplare der Schrift „DaShäuslicheGlück", „vollständiger Haushaltungs-Unterricht für Arbeiterfrauen" zu geeigneter Verbreitung schenkte. Auch die Unterricht- Verwaltungen der meisten deutschen Staaten, an welche sich die genannte Kommisston mit bet Sitte um Unterstützung be« HauShaltungrunterricht» wandte, haben fich in entgegenkommender Weise geäußert.
• Trier» 8. Jan. Zur Frage be« Pfarreinkommen« erhält bie ,Tr. LdSztg.' neuer« binge roiebet einige Zuschriften, welche da» Verhalten der Regierung in einem recht eigenthüm« lichen Lichte erscheinen kaffen. Die erste dieser Zuschristm lautet: „Zur Gehaltsfrage der im Sommer neu angestellten Pfarrer kann ich Ihnen jetzt noch folgende Mittheilung machen: In einem abschriftlich mit zugegangenen Schriftstück der Kgl. Regierung zu Koblenz heißt es nämlich: „Da Pfarrer N. N. erst am 1. Juli d. I., also nach dem 1. April d. I., dort eingefühlt worden ist, so hat derselbe gemäß Absatz 2 de« Mnisterial- die Zukunft voller Geheimniffe, und wie Unrecht hat der Mensch, wenn er gegen die Vorsehung murrt, welchen Weg fie ihn auch führen mag. Wer hätte mir an jenem Tage, al» ich Dir ein letzte» Adieu sagte, al» ich gehetzt und verzweifelt entfloh, wer hätte mir da vorausgesagt, daß jene» Unglück ein Mittel sein würde, Dich mir nahe zu bringen» und mich zum Glücklichsten der Sterblichen zu machen. Nelly, sage mir, bedauerst Du nicht» mehr von dem, wa» wir verloren?"
„Tomy, ich liebe Dich, ich »erbe Dir folgen, wohin Du mich immer führen willst. Aber sei mit nicht böse, wenn ich e» bedauere, heute, an diesem schönen Tage, nicht meine Familie um mich zu haben, bie ich wohl nie mehr sehen werbe I"
Denke ba« boch nicht, meine Liebe," erwiderte tröstend Tomy, in einigen Jahren werden wir reich sein und dann find Deine Eltern vielleicht bereit, zu une zu kommen."
Nelly lächelte und Beide gaben fich diesen schönen Träumen hin. Der Himmel wat so rein, bie Lust so milb, bet flackernde Schein bet Freudenfeuer tanjte so lustig auf bet weiten See-Oberfläche, bazu bie laute Freude bet Umgebung — da« Alle» drängte schmerzliche Empfindungen zurück.
Byron finnbilbete ba« Leben: ein Penbel, bet fich stet« zwischen einem Lächeln unb einer Thräne
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Januar.
* Die nähere Bekanntgabe bet 24 verdachtsälligen Punkte in bet Veröffentlichung Geffcken« steht nach ben ,Hamb. Nacht.' unmittelbar bevor. Nach derselben Quelle soll bie freisinnige Fraktion ein Interpellation wegen be» Fall» Geffcken vorbereiten. Letztere» ist wohl lebiglich Kombination.
* Fürst Bismarck ist heute Abenb 51/« Uhr hier eingetroffen.
* Der Reichstag beschäftigte fich heute mit Wahlprüfungen. Das Mandat des Sbgeorbn. v. Webell-Piesborf, bes früheren Reichstagr-Prästben- ten, würbe als durch feine Ernennung zum Minister de» König!. Hause» nicht für erloschen erklärt, da da» Amt eine» Hausminister» kein Staatsamt ist. Eine längere Debatte tief die Wahl des Abg. Dr. Götz (nat.-lib., 13. Sachsen) hervor, deren Giltigkeit bie Kommisston beantragte. Sozialdemokraten und Freifinnige beantragten Beanstandung und weitere Erhebungen. Singer (Soz.) beklagte fich über eine förmliche Sozialisten-Hetze, die in dem Wahlkreise 13. Sachsen betrieben worden sei, sowie über Gnmischung der Kriegervereine in die politische Agitation. In gleichem Sinne sprach Rickert (frs.). Der sächstsche Bundes-Be- vollmächttgte Graf Hohenthal und der sächstsche Militär-Bevollmächtigte Graf Schlieben suchten die Angriffe der Vorredner gegen die sächstsche Regierung wegen Duldung von politischer Agitation in und uns dort oben eine Glückseligkeit ohne Ende sichern.
Die Neuvermählten hörten thränenseuchten Auge» den Zuspruch de» ehrwürdigen Greise» an und gelobten fich im Innersten ihrer aufrichtigen Seelen, niemals die Versprechen des heutigen gesegneten Tages zu brechen.
Ihre Rückkehr in die Berge wurde zu einem wahren Feste; die Bewohner der Hütten eilten herbei mit Kränzen und selbst die Schmuggler hatten dem jungen Ehepaare einen würdigen Empfang bereitet. Flintenschüsse knallten überall und wiederhallten von Fel« zu Fel« al« Zeichen der Freude; der Saal, wo Mwönlich Rath abgehalten wurde, war für da» Festmahl hergetichtet, zu dem man alle Bewohner eingeladen. Wlldpret von allen Sorten, Fische, Milchspeisen, feine Kuchen von Hafermehl, Kartoffeln, Roggenbrot», dazu Ale und Whiskey gaben ein Mahl ab, wie keiner der Theil- nehmer e» je mftgemacht. Spiel und Tanz wechselten ab und am Abend erstrahtten die Berge im malerischen Glanze angezündeter Freudenfeuer. Die Geächteten vergaßen auf einen Tag ihre kantige Lage und ergötzten fich, ohne Sorge über das, was der folgende Tag bringen könnte.
Tomy konnte kam» an fein Glück glauben.
„Nelly, theure» Weib," sagte er, „wie ist doch
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