Samstag, den 5. Januar.
1889
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Erstes Blatt.
W Deutschland im Jahre 1888.*) in.
Eine Frage, deren Lösung mit der auswärtigen Macht und Stellung Deutschlands innig zusammenhängt, hat da» Jahr 1888 ungelöst seinen Nachfolgern übergeben: die Frage der Erweiterung der Flotte. Deutschland ist unstreitig die erste Militärmacht der Welt mit der stärksten und tüch» tigsten Armee. Soll es nun auch noch eine Seemacht erst en Range« werden, sodaß seine Flotte nicht blo» die Küsten zu schützen hätte, sondern auch so zahlreich und tüchtig wäre, mit jedem Gegner in offener Seeschlacht sich zu meffen? Da« ist eine hochwichtige Frage, an deren Lösung ganz Europa Interesse nimmt und nehmen muß. Wird fie mit „Ja" beantwortet, so haben wir zu gewärtigen, daß unter den Großmächten ein neuer Wettlauf beginnt, wie ihre Armeen, so auch ihre Flotten auf eine möglichst hohe Stufe der Macht und Leistungsfähigkeit zu bringen. Allem Anscheine nach schwebt diese Idee dem jungen Kaiser vor.
Mehr al« je sind die Blicke und Wünsche Europa'« auf den „dunklen Erdtheil" gerichtet, wo e« noch zu gewinnen und zu theilen gibt. Auch Deutschland war während de» Jahres 1888 sehr lebhaft interessirt. Gerade am Schluffe des Jahres stehen wir vor der wichtigen Frage, in welchem Umfange Deutschland sich geltend machen soll. Das ganze Unternehmen der deutsch-ostafrtkantschen Gesellschaft ist zerstört, wesentlich durch die Schuld der Beamten; da« Schicksal Emin Pascha'», eine« geborenen Deutschen, ist ungewiß; die Greuel de» Sklavenhandel» find himmelschreiend und mahnen da» civiliftrte Europa zum Einschreiten. Zu all' dem kommt, 'daß die kolonialpolitischen Jntereffen ständig im Auge behalten werden müssen. Die Lage Deutschlands in Europa, die gegenwärtigen Zeitverhältmsse überhaupt, wie auch die sehr kurze Geschichte Deutschland» aus diesem Gebiete mahnen zu großer Zurückhaltung und Vorficht. Diesen Charakter hatte bi» jetzt die deutsch-ostafrckanische Politik, und man kann nur dringend wünschen, daß sie ihn behält.
•) Nachdruck nicht gestattet.
Zeh» m Zahn.
Roman von Gabriele d'Arvor.
(57. Fortsetzung.)
Der junge Mann stand da vor dem Richter wie ein Angeklagter, unbeweglich, mit auf die Brust gesenktem Haupte und schmerzverzerrten Zügen. Mr. Welson, der sich von seinem Schrecken erholt, betrachtete ihn aufmerksam und krauete sich dabei am Kinn, wa» er gewöhnlich that, wenn er etwa» überlegte.
„Run, junger Mann," begann er wieder in süßlichem, etwa« ironisch klingendem Tone, „werden Sie uns denn nun den geheimnißvollen Schlüssel zeigen, der Ihnen erlaubt, mit UN» „von Macht zu Macht" zu unterhandeln?"
William warf dem Fragesteller einen Blick zu, der diesen erbleichen machte. Unruhig blickte der würdige Herr wieder nach dem Schellenzuge.
„Dieser Schlüssel," sagte William, „den Sie mit Hilfe Ihrer ganzen Polizei nttt finden werden, erschließt den geheimen Aufenthaltsort der wahren Schuldigen, der Mörder Lord Sulton's."
Der Pastor machte eine Bewegung, die augenscheinlich Ueberraschung verritth. Mißtrauisch musterte er William. Er kam ihm der Gedanke, daß dieser vielleicht Gefchästsverdindungm mit den
Auch auf dem Gebiete der inneren Politik war das Jahr 1888 für Deutschland ein ausnehmend wichtige» und ereignißreiches. In erster Linie hat es die Stellung de» Reichskanzlers mehr al» einmal zum Gegenstands öffentlicher Erörterungen gemacht, um fie schließlich nicht bloß für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft in der Weise zu regeln, daß man mit Recht von der Kanzlerwürde des Hause» Bismarck sprechen darf. Sobald der nunmehrige Kaiser als Prinz Wilhelm bei dem hohen Alters feines Großvater« und der hoffnungslosen Erkrankung seine» Vaters mehr in den Vordergrund trat, hat er in der unzweideutigsten Weise ausgesprochen, daß er selber mit dem unbedingtesten Vertrauen und der größten Verehrung, zu dem Fürsten Bismarck empor- blicke. In jener Zeit war es wahrscheinlich, daß er unmittelbarer Nachfolger seines Großvater» auf dem Throne würde. "Die Thronbesteigung Friedlich'» III. war für die Bismarck'sche Stellung eine Gefahr, sobald der Kaiser bei guter Gesundheit und im Vollbesttze der Kraft gewesen wäre, um seinem Herrscher-Talente wie seinem Pflichteifer volle Rechnung tragen zu können. Wenn auch noch mehr al» ein Punkt in den Beziehungen Bismarck'» und de» Kronprinzen Friedrich Wilhelm der näheren Aufklärung bedarf, so steht doch so viel fest, daß Bismarck'» innere Politik am Kronprinzen einen Gegner hatte, und zwar von Anfang an. Bei der rauhen und schroffen Art, die Bismarck in solchen Dingen nicht bloß rivali- strenden Staatsmännern, sondern auch Mtgliedern regierender Häuser gegenüber an den Tag legt«, bedurfte es der ganzen Liebenswürdigkeit und Selbstbeherrschung de» Kronprinzen, um die poli- tische Meinungsverschiedenheit nicht zu einer bedenklichen persönlichen Gegnerschaft fich entwickeln zu lassen. Kaiser Friedrich war ein großer Held auf dem Schlachtfelde, vielleicht ein größerer noch im Dulden und in der Selbstbeherrschung. Die glänzendsten Proben davon hat er auf dem Throne abgelegt, al» Herrscher wie al« Gemahl und Vater. Sonst hätte wie Puttkamer so auch Bismarck den Abschied nehmen müssen. Die Frage der Ver- heirathung einer der Töchter de« Kaiser« drohte durch die Zügellostgkeit schrankenloser Bismarck- Verehrer in der Presse zur Frage fich zu entwickeln: Bismarck oder Kaiser? So gr» artiae
Schmugglern habe, aber er hütete stch, einen solchen Argwohn merken zu lassen. E« galt, zuerst den Schlüssel zu bekommen.
„Woher kennen Sie diese» Gcheimniß?"
„Darauf kommt e» wenig an; genug, ich kenne e» und darin liegt meine Macht, Reverenz. Wenn ich diese dem Lord anböte al« Ersatz für die Ihrige, glauben Sie, daß er mich adweisen würde?"
„O, Seine Herrlichkeit weiß meine Dienste zu schätzen' Jndeß werden Sie da« nicht thun; ich habe Sie in keiner Weise beleidigt; ich habe Ihre gerechten Klagen ruhig angehört und ich wünschte, ee läge nur an mir, Ihnen zu willfahren. Mein Wohlwollen ist ja allgemein bekannt."
„Ich muß fast glauben, daß Ew. Reverenz verkannt werden, denn Ihre Untergebenen fäll.n nicht immer ein so günstige« Urthell," erwiderte der junge Mann etwa» bissig.
Mr. Welson fühlte die Beleidigung, aber er ließ fich dadurch nicht au« der Fassung bringen.
„Junger Mann", fuhr er ermunternd fort, „Ihr Betragen ist loben«werth, Sie machen fich zum Gehilfen der Gerechtigkeit."
„Nein," prob stirte William. „ich kümmere mich wenig um die Gerechtigkeitspflege der Engländer; wenn e» hier Gerechtigkeit gäbe, so würden die
Momente die Geschichte de« Ministerium« Bismarck auch bieten mag, so hat fie doch auch ihre dunkeln Punkte. Zu den dunkelsten gehört da«, wa« an die VerlobungS-Affaire dieser kaiserlichen Prin- zesstn in der sogenannten „nationalen" Presse fich knüpfte. Dem deutschen Patrioten, dem es unter allen Umständen Ernst ist mit dem, was er dem Kaiser und seinem Hause schuldet, eröffnete sich ein wahrer Abgrund. Fast schien es, al» sollten die Damen der kaiserlichen Famllie, in erster Linie die Kaiserin selbst, bei gewissen Leuten nicht einmal der Rücksicht werth sein, die man sonst im Leben jeder Frau schuldig zu sein glaubt. Und ee schien, daß bei gewissen Leuten, die am meisten mit ihrem Patriotismus und ihrer Kaisertreue prunken, beide» eigentlich nur in einem Bismarck- Kultus besteht, der sich zu den bedenklichsten Schritten, selbst gegen Kaiser hinreißen lassen kann. Die Vorgänge in Dresden und Leipzig wie auch eine Reihe von Leistungen in der Presse, die sich al» eminent „national" bezeichnet, lassen fürchten, daß mancher „kaisertreue Patriot" gar Nichts dagegen gehabt hätte, wenn ein Plebiscit darüber entschieden haben würde, ob Bismarck oder der Kaiser Herr sein soll im deutschen Reiche. Allem Anscheine nach hat der Kaiser keinen Augenblick daran gedacht, BiSmarck au» seinem Amte scheiden zu lassen; im Gegentheile wurde glaubhaft versichert, daß er ihm eine StandeSerhöhung zugedacht hatte. Gerade da» ist ein schlagender Beweis für den hochherzigen Sinn des verewigten Kaisers Friedrich. Um so mehr bleibt es stets zu beklagen, daß Bismarck selbst in seinem der Oeffent- lichkeit übergebenen Vortrage an Kaiser Wilhelm II. anläßlich der Veröffentlichung einzelner Partien der Tagebücher nicht einige Sätze über den Kronprinzen Friedrich Wilhelm unterdrückt hat. Selbst ganz ausgesprochene Bismarck-Schwärmer sprachen öffentlich ihr Bedauern darüber aus, daß da» monarchische Prinzip einen bedenklichen Stoß erhalten habe. Gegenwärtig gibt es wohl Niemanden mehr im deutschen Reiche, der ein völliges Scheiden Bismarck'« au» seiner Stellung für möglich hält, so lange nicht der Tod selber eine Aenderung herbeifühi;!. Noch mehr: Jedermann sieht es al- vollendete Thatsache an, daß BlSmarck Sohn auf Bismarck Vater al» Reichskanzler folgt. Nur in diesem Sinne war es zu verstehen, wenn von
Unschuldigen in Ruhe gelassen werden und man fände die Schuldigen, ohne zu niederträchtiger Angeberei Zuflucht zu nehmen."
„Die Justiz bedarf manchmal der Hllfe, junger Freund; die Namen der Schuldigen anzugeben, ist eine lodwürdige That, die den Segen Gottes und die Billigung aller redlichen Leute verdient. Seien Sie überzeugt, daß Se. Herrlichkeit Ihre Dienste gut zu belohnen wissen wird."
„Ich habe gesagt, daß wir von Macht zu Macht mit einander verhandeln wollen; ich stelle meine Bedingungen, ohne deren Erfüllung ich kein Wort weiter spreche."
„O, o, junger Mann, nur nicht so hochmüthig l" „Theüen Sie diese« mein Anerbieten dem Lord mit; ich erwarte seine Antwort."
„Wie lauten Ihre Bedingungen?"
„Se. Herrlichkeit stellt mir eine von seiner Hand unterschriebene Erklärung au», daß die Unschuld Nelly Buckly'» klar bewiesen ist, und daß weder sie, noch Jemand au« ihrer Famllie für da» Ge- schehene verantwortlich gemacht werden soll. Sobald ich da» Schriftstück in der Hand habe — nicht eher! — gebe ich die Namen der Schuldigen an und zeige ihren Schlupfwinkel, den die Polizei nicht kennt und der mir per Zufall bekannt geworden ist. Nelly befindet sich unter den Ban-