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Donnerstag, den 3. Januar.

1889

Alter

»

Di« .Fuldaer Bettung' erscheint tLalich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbcrnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. Sv Pf., mit der belletristischen Wochenbeilag« .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mark 70 Pfennig, auswärts 1 Mark 75 Pfennig.

Inserate: Die einspaltige Zeil« oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

W Deutschland im Jahre 1888.*)

11.

An diesen doppelten Thronwechsel in einem einzigen Jahre knüpfen sich hochwichtige Vorkomm­nisse, die leider nicht durchweg erfreulicher Natur find. Wenn auch noch nicht alles an'« Tageslicht gekommen ist, was verborgen vor dem großen Publikum sich abgespielt hat, so ist doch mehr als genügend der Beweis dafür geliefert worden, daß mächtige und einflußreiche Kreise ein lebhafte« Jntensss daran nahmen, den schwer erkrankten Kronprinzen Friedrich Wilhelm nicht zur Regier­ung gelangen zu lassen. Ja förmlichster Weise ist ihm nahe gelegt worden, auf die Krone zu ver­zichten, und noch beim Scheiden des Kaisers Wil­helm trug man fich mit dem Gedanken, daß auf Wilhelm I. unmittelbar Wilhelm II. folgen würde. So hoffte und wünschte man in gewissen Kreisen. Da« hatte seinen Grund weniger in der schweren Erkrankung de« Kronprinzen, die ihn der Stimme beraubte, al« vielmehr darin, daß er den festen Willen bekundete, nach wahrhaft liberalen und unbeugsam gerechten Grundsätzen die Regierung zu führen und die politischen Rechte de« Volke« im vollsten Sinne de« Worte« zur Geltung kom­men zu lassen. Seine Kundgebungen anläßlich sei­ner Thronbesteigung enthielten ein Regierungrpro- gramm, dessen Verwirklichung eine Aera des bür­gerlichen und sozialen und äußeren Frieden«, der politischen und kirchlichen Freiheit, eine Aera der staatlichen nnd gesellschaftlichen Wohlfahrt inAur- ficht stellte. Je mehr man in gewissen Kreisen darnach trachtet, die politischen Rechte des Vol­ke» zu einem bloßen Schattenbilde herabzudrücken und die parlamentarische Vertretung des Volke« zur unbedingt willfährigen Gefolgschaft eine« that- kräftigen Ministerpräsidenten zu machen, desto weni­ger konnten solche Anschauungen und Grundsätze eine« Thronerben Freude erwecken. Allein an dem festen Willen Kaiser Friedrich'« scheiterten die Ver­suche, ihn zur Thronentsagung zu bestimmen. So unangenehm e« auch sein mag, so kann stch doch Jemand, der wenigstens die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1888 registriren soll, der Pflicht nicht entziehen, auch der Vorkommnisse zu gedenken, die schwarze Punkte in der Deutschen Geschichte blei-

*) Nachdruck nicht gestattet.

3e|« im Zahl.

Roman von Gabriele d'Nrvor.

(55. Fortsetzung.)

„Und doch, Freunde," erwiderte Nelly, „blutet mir das Herz, daß ich mich auf immer von den Meinen trennen soll. Wenn Clary mich nicht mit Gewalt fottgeriffen hätte, würde ich geblieben sein. Armer Clary, fast hätte er meine Unent­schlossenheit mit dem Leben bezahlt!"

„O, es ist nicht» I" sagte der junge Mann; „ich bin den Konstablern eine Kugel mehr schuldig I"

Bald war die Gesellschaft bei der Hütte der Famflte Podgey angelangt, wo Nelly mit der größten Herzlichkeit empfangen wurde. Trotzdem klärte fich ihr Geficht nicht auf, ziemlich kühl nahm sie all' die Freundschaftsbeweise entgegen. Tomy überraschte das, und er fragte sich, ob er sich nicht geirrt habe, al» er glaubte, Nelly liebe ihn. War e» am Ende doch nur Mitgefühl gewesen, war er Liebe nannte?"

Bevor man fich trennte, wollte Nelly fich zu­vor überzeugen, daß Clary'» Wunde ungefährlich sei. Mutter Jenny besaß eine heilkräftige Salbe, sie machte einen Verband zurecht und Nelly half ihr, de» Verletzten Schmerzen zu lindern. Da» matte Laternenlicht beschien da» einnehmende Ge­

ben werden und wenigsten» da niemals hätten vorkommen sollen, wo man für da» Königthnm von Gotte» Gnaden eifert.

Der skandalöse Streit der Aerzte, der nicht ein­mal vor dem sterbenden Kaiser fich zu verbergm wußte, kann weder der deutschen Wissenschaft zur Ehre gereichen, noch al» Beweis für die Aufrich­tigkeit der Kaisertreue gelten, mit roeldjet gewisse Kreise so gerne und so laut fich brüsten. Spätere Generationen werden e» unerklärlich finden, wie es möglich war, das ohne Scheu zu Tage zu för­dern, was mit diesem Aerztestreit zusammenhängt.

Und wa» dem Kaiser sowohl wie ganz beson­der« seiner edeln Gemahlin anläßlich einer delikaten Familien-Angelegenheit geboten wurde, ist geradezu unerhört in der Geschichte monarchischer Staaten. E» ist wahrlich nicht zu verwundern, wenn Viele fich die Frage vorlegten, wie denn jene Parteien die Stellung de« König» und Kaiser» fich denken, die ganz hervorragend de» nationalen Sinne» und der Kaisertreue fich rühmen. Fast schien e», al» sollte die unverantwortliche Mache dienstbeflissener Politiker zur Parole fich zuspitzen: Hie Kaiser! Hie Kanzler! Und wa» der Kaiserin mit unglaub­licher Ungenirtheit angethan wurde, übersteigt weit da» Maß dessen, wa» man für möglich hielt. Und doch sollte e» noch in Schatten gestellt werden durch da», was alsbald nach dem Tode de» edeln kaiserlichen Dulders vor unseren Augen fich ab­spielte. Die Veröffentlichung einzelner Abschnitte au« dem Tagebuche de« verewigten Kaiser« wur­den mit dem lebhaftesten Interesse und mit größ­ter Genugthuung aufgenommen, zog aber Vor­kommnisse nach fich, die Einen auf den Gedanken bringen konnten, daß stellenweise planmäßig dar­auf hingearbeitet werde, da» Andenken an Frie­drich III. zu verdunkeln und die Spuren seine» Geiste» zu verwischen.

Allein da» kann unmöglich gelingen.

Bezüglich derau»wärtigenPolitik Deutsch­land» hat uti» da» Jahr 1888 mehr al» eine in- tereffante Ueberraschung gebracht. E» war nach dieser Seite hin so recht ein Jahr der „Ent­hüllungen". Gleich zu Beginn desselben wurde die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung in Deutschland und ganz Europa in höchster Span­nung erhalten durch die Veröffentlichung gefälsch­ter Aktenstücke über die bulgarische Frage. Die-

ficht Clary'«; trotz de» Brennen» der Wunde fpielte ein glückliches Lächeln um seine Lippen, wenn er Nelly betrachtete. Tomy sah schweigend der Seme zu, ein bittere» Gefühl schlich sich in sein Herz ein. O'Warn war ihm in jeder Be­ziehung überlegen: Ansehen, Bildung, Herzens­güte, Tapferkeit, den Vorrang eine» alten Namen« — dagegen fühlte fich Tomy so klein, so unbe­deutend. Wenn Nelly den Abstand zwischen Beiden gewahrte! Wenn Tomy fie nur wieder gefunden hätte, um sie Clary, ihrem Retter, abMreten!

Da» waren die Ideen, die den armen Jungen quälten. Seine Niedergeschlagenheit wurde so groß, daß Nelly, al» Clary fort war und man stch Gute Nacht sagen wollte, e» bemerkte und, einen Augen­blick ihre gute Laune wiederfiadend, sagte:

„Jetzt, mein guter Tomy, scheinst Du erst Mit­leid tntt mir zu fühlen. Man könnte nicht un­glücklicher aussehen al« Du."

„Ich bin traurig. Nelly, denn Du scheinst mich wahrhaftig nicht mehr zu kennen," erwiderte er offenherzig.

„Nun, wenn meine Richter mir Zeit dazu lassen, erneuern wir die alte B kanntschaft," gab fie lächelnd zurück; ihm beide Hände reichend.

„Denkst Du nach Greenish zurückzukehren?" „Ja, so bald al« möglich. Sei mir deßhalb

selben hatten den Zweck verfolgt, den Kaiser von Rußland zu überzeugen, daß die deutsche Politik unehrlich und feindselig gegen Rußland handelte, um so eine möglichst große Spannung zwischen Berlin und St. Petersburg herbeizuführen und namentlich den russischen Kaiser selbst gegen Bis­marck aufzühetzen. Ende des vorausgegangenen Jahres war es Letzterem gelungen, das Jntriguen- spiel aufzudecken, den russischen Kaiser zu über­zeugen, daß er da» Opfer gewissenloser Fälschung geworden sei, und ihn vollständig zu beruhigen. Gerade der Umstand, daß Alexander III. die Ver­öffentlichung der in Frage stehenden Schriftstücke gestattete, war ein Beweis, daß er sich hatte über­zeugen lassen. Uebrigen» hat stch auch während de» Jahre» 1888 eine nicht unbedenkliche Hetze der russischen Presse gegen Deutschland mehrmals wiederholt. Fürst Bismarck speziell wurde in maß­loser Leidenschaft geradezu al» „Erbfeind de» Frieden»" bezeichnet.

Ungleich mehr noch kam Deutschland und ganz Europa in Erregung durch die Veröffentlichung der Bündnißverträge zwischen Deutschland und Oesterreich und durch da» Bekanntwerden der Hauptbestimmungen jener Verträge, welche Italien mit Deutschland und Österreich abgeschlossen hat. Unter'm 7. Oktober 1879 haben sich Deutschland und Oesterreich verpflichtet, sich gegenseitig „mit der gesammten Kriegsmacht beizu­stehen," wenn da» eine oder andere der beiden Reiche von Rußland angegriffen wird. In diesem Falle wäre „der Friede nur gemeinsam und über­einstimmend zu schließen." Gegenüber dem An­griffe einer anderen Macht auf eine» der so ver­bündeten Reiche muß da» andere „mindesten« eine wohlwollende neutrale Haltung" gegen den Ver­bündeten beobachten. Sollte aber Rußland den Angreifer irgendwie unterstützen,so hatso- fort die Unterstützung mit der gesammten Heere»- macht einzutreten, die Kriegführung, wie auch der Friedensschluß wird gemeinsam bettieben. Dieses Bündniß sollte geheim gehalten und nur dann dem Kaiser von Rußland vertraulich mitgethrllt wer­den,, wenn derselbe Miene machen sollte, den Frie­den zu brechen. Diese Veröffentlichung konnte naturgemäß nur bestärken in der Hoffnung auf Erhaltung de» Frieden«, wie fie umgekehrt geradezu ein kalter Wasserstrahl auf die erhitzten Köpfe in

nicht böse, Tomy, wir bleiben voch immer Freunde." Und fie sagte ihm Gute Nacht mit einem so charmanten Lächeln, daß er halb beruhigt war, obwohl die letzten Worte ihn immer im Unklaren ließen, welcher Art ihre Gefühle für ihn seien.

Susy zog Nelly mit fich fort in ihr Kämmer­chen, wo die kleine Ketty bereit« schlief. Es war ein ärmlicher Raum, da« Bett bestand nur au» einer hohen Sage Heu und einer Decke, die Tomy von der Küste mitgebracht. Jndeß Nelly bemerkte da« kaum, sie war müde, und mit siebzehn Jahren schläft man auch süß auf dem ärmlichsten Lager. Die meisten Irländer find ohnehin an kein andere« gewöhnt. Nach einem kurzen, innigen Gebete war Alle» still in der Hütte.

17.

Von Macht zu Macht.

William Pody erfuhr sehr bald, daß gegen seine Braut ein Verhafttbefehl erlassen worden, ebenso, daß fie geflüchtet. In aller Eile kam er in Greenish an. Er sand den Vater Buckly arg aufgebracht über seine Tochter, ihre Unklugheit verwünsch, nd und fich verschwörend, fie niemals mehr in sein Hau» auszunehmen. William gab fich alle Mühe, den Aufgebrachten zu beruhigen.

„Nelly hat fich wohl durch ihr gute« Herz hin-