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ittwoch, den 2. Januar

188'

Während Europa einmüthtg, selbst da» durch deutsche Waffen tief -^edemüthigte Frankreich nicht ausgenommen, in seinem Vater den Fürsten bei Frieden» erblickte und verehrte, wollte man da und dort bei ihm einen für;bie Erhaltung be» Frieben» bedenklichen Drang nach Kriegsruhm finden. Seine Reffen «ach St. Petersburg, Wien und Rom haben die bezüglichen Besorgniffe fr ziemlich schwinden gemacht. Mit Recht hat man ich \ ihnen eine Bestätigung der friedlichen Betheuerun­gen gefunden, die er bei seiner Thronbesteigung Deutschland und Europa gegeben hat. Seit 1881 ; vermählt, erfreut er stch schon jetzt einer stattlichen Reihe blühender Söhne, strotzend von Gesundheit und Kraft. Seine Reden wie sein Auftreten liefern den Beweis dafür, daß er seinen Großvater Wilhelm I. zum Vorbild sich erwählt hat.

L Deutschland im Jahre 1888.*)

i.

Das Jahr 1888 war für da» neue deutsche Reich ein ungemein ereignißvoller. Es hat drei Kaiser an uns vorüberziehen lassen: zwei in die Todtengrust hinabsteigend und einen den Thron seiner Väter erbend. Am 9. März, Vormittag- halb 9 Uhr, hat Kaiser Wilhelm I. die Augen geschlossen. Noch am 3. März erfreute er sich eine» ganz guten Befinden». In der Nacht auf den 4. hatte er einen leichten Anfall eine« alten Blasen­leiden»; am 4. März brachte er die meiste Zeit im Bette zu, konnte indessen den Bericht über die Beisetzung seine» Enkel» de» Prinzen Ludwig von Baden entgegennehmen. Am 5. hütete er ununter­brochen da» Bett, doch gaben sich die Aerzte der besten Hoffnung hin. Am 6. nahm er keine Vor­träge entgegen, er litt an Unterleibsbeschwerden und Appetitlosigkeit, wa» eine starke Abnahme der Kräfte zur Folge hatte. Während de» 7. März schwebte man zwischen Hrffnung und Furcht. Während er etwa» ruhen und auch Nahrung zu sich nehmen konnte, nahm der Herzschlag merklich ab. Am 8. März hatten sich der Großherzog und die Großherzogin von Baden, die Kron­prinzessin und Prinz Wilhelm, der seinen schwer erkrankten Vater in San Remo besucht hatte, um das Krankenlager be» Kaisers versammelt, bet mit der Großherzogin wie auch mit bem Prinzen Wilhelm sprach Nnch immer blieb -in Schimmer von Hoffnung, bis er Abends nach 5 Uhr in eine längere tiefe Ohnmacht verfiel, fo baß sich das Gerücht verbreitete, er fei gestorben unb bas »Frankfurter Journal' bie Todeskunde feinen Lesern mittheilte. Er erwachte freilich wieder unb nahm auch etwas Nahrung zu sich, allein nur auf einige Stunben ließ bei Tod sich aufhalten. Mit dem Scheiden des 91jährigen Kaisers Wilhelm I. hat ein bedeutungsvoller Abschnitt deutscher Geschichte und Weltgeschichte überhaupt seinen Abschluß ge­funden. Die ganze Welt, soweit fie auch nur einigermaßen der CivUrsation zugänglich ist, hat darum auch den lebhaftesten Antheil an diesem Ereigniß genommen. Und in Dmtschland selbst war die Theilnahme und Trauer die allgemeinste und denkbar größte, obwohl man bei der Last der Jahre, bie ben greifen Kaiser drückte, nicht ganz unvorbereitet sein konnte.

*) Nachdruck nicht gestattet.

„Es ist nicht ber Mühe werth, Nelly," beruhigte Clary, „ängstigt Euch nicht, ich fühle e» kaum."

Die Verletzung war in Wirklichkeit ohne Be- ' deutung, aber Clary verlor viel Blut, unb bie Anstrengung hatte ihn ebenfalls erschöpft; man verbanb bie Schulter, ein wenig Ruhe brachte ihn roieber auf bie Beine.

Nelly, so beherzt sie gewöhnlich war, empfanb doch eine gewisse Furcht, al» sie sich hier in dunk­ler Nacht in dem Hohlwege befand, mitten unter f Männern, deren Aeußere» wenig Vertrauen ein» flößte. Jndeß bie Gegenwart Clary'« beruhigte sie. Beim Austrttte au« bet Schlucht bot stch ihren Augen ein prachtvolle« Schauspiel bar. Sie hatte nie ein größere« Gewässer gesehen, unb ber schweigsam daliegende See, dessen Spiegel da» 1 Bild de» glänzenden Monde» so klar zurückwarf, ' ring« um fie die hohen Bergspitzen mit ihren malerischen Auszackungen, zu ihren Füßen tiefer Schatten, hier und da kleine Feuer, welche die Nähe menschlicher Wohnunger. verriet h.n — da« i Alles erschien ihr so neu und fast feierlich, baß i

fie trotz ihrer Trauer in stille Bewunderung ver- ]

sank. Der Irländer neigt sehr zur Poesie und erwärmt sich leicht für da« Schöne und Erhabene. '

„Und Ihr, Clary, wollt Ihr in ben Händen ber Polizei bleiben? Ich gehe nicht ohne Euch," versetzte Nelly.

„Ich werde nachkommen."

„Wartet ein wenig," sagte einer ber Banditen, „wir wollen den Eifer ber, Konstabler etwas dämpfen. Achtung, Kameraben, unb gut gezielt! Legt an! — Feuer!"

Eine Salve aus vier Gewehrläufen bornierte auf bie Konstabler nieber, bie auf eine so scharfe Antwort nicht gefaßt waren. Die Flüchtlinge be­nutzten bie entstandene Verwirrung zu schleuniger Flucht. Einige Kugeln pfiffen hinter ihnen her, aber chne Jemanden zu treffen.

Die Konstabler, bie nicht wissen konnten, wie stark bie Zahl ihrer Gegner war, wagten sich nicht weiter. Mit zwei Verwunbeten, al« wenig erfreu­liche« Resultat ihrer Expebitton, traten sie ben Rückweg an.

Die Geächteten waren in ber Schlucht angekom­men unb bamit gerettet.

„Halt!" sagte ber Eine, „jetzt dürfen wir uns ein wenig Ruhe gönnen."

„Unb nach Clary'» Verwundung sehen," fügte da« junge Mäochen bei."

Al» er hochbetagt bie Augen schloß, weilte sein einziger Sohn, der Erbe seine» Throne», ber Genosse seiner Großthaten im Kriege, ber Mit­begründer be» bentschen Reiches unb ber glanz­vollen Macht seine» Haufe«, fern von ber Heimath. Den Keim be« Todes im Herzen, kämpfte er im milderen Klima be« Südens mit wahrem Helben- muthe gegen eine Krankheit, an ber bie Kunst ber berühmtesten Aerzte zu Schanben würbe. Seit Monaten hatte er in San Remo geweilt; fein Befinben war im höchsten Grade besorgnißerregend, unb nur weil er zwischen Thronentsagung unb Heimkehr zu wählen hatte, trat er mit Gefähr­dung seine« Lebens die Heimfahrt an. Die innigste Thellnahme und tiefste Verehrung gab stch auf jedem Schritt der wetten Reise kund. Wie hätte e« auch a.'der« sein können? Der erste Erbe be« neuen Kaiserthrone« war einer ber edelsten Männer, ber sofort Jebermann anzog und fesselte; ein Fürst, in welchem Deutschland den Schirmer der Freiheit unb Gerechtigkeit unb Europa ben Hort be« Frie­den« erblickte; ein Feldherr, den der höchste Kriegs­ruhm umstrc hlte. Unb nun diese« tragische Geschick! Noch nicht 57 Jahre alt, die Brust von den besten und tristen Absichten für bas Wohl seine« Volke« erfüll' , ber größten Thaten be« Kriege« und be« F^eben« fähig, ergriff er ba« Scepter mit klarem^ Bewußtsein, bem sicheren Tod in« Auge scharend, der mit Riesenschritten auf ihn zuiflte. Am/15. J-ngi, Vorm. ,11 Uhr 12 Minuten yaüchte er feine Seele

Regierung war, unb so sehr sein körperliche« Marlyrium mit ber schrecklichen Gewißheit eine« ganz nahen Tode» ihn hemmte, mit kräftiger Hand die Zügel der Regierung zu führen, so hat er doch unaustilgbare Spuren in der inneren Geschichte Preußen» und Deutschland» zurückgelassen und wie im Herzen de» Volke», so auch in der Ge­schichte ein unvergeßliche» Andenken der Verehrung und Dankbarkeit sich gesichert. Mit un» haben Fürsten und Völker Europa» durch seinen frühen Tod einen unersetzlichen Verlust erlitten. Sein ältester Sohn folgte ihm al» Wilhelm II. auf dem Throne nach. Schon im November 1887 hatte fein Großvater Wilhelm I. für gewisse Fälle ihn zur Stellvertretung berufen, da fein Vater schwer erkrankt im Süden war. Noch nicht 30 Jahre alt, im Rufe eine« hochbegabten unb energischen Prinzen stehend, hat er al« dritter Kaiser unb al« neunter König von Preußen ben Thron bestiegen.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Januar.

* Für ben 15. Januar k.J. ist bie Einberuf­ung be« preußischen Landtag« in Aussicht ge­nommen. Die Blätter beschäftigen sich aus diesem Anlaß bereit« mit den Angaben, welche bie erste Session be« neuen auf fünf Jahre gewählten Ab georimetenhause« in Anspruch nehmen dürften. Die .Krenzztg.' ist der Ansicht, daß „vorläufig nicht» Besondere» in Aurstcht stehe", während die.Post' von Vorlagen spricht, welche sie „als ges-lMk^is-l'- Aufgaden von Gewicht" bezeichnet. Dann zähl' letztere» Blatt eine Anzahl solcher zu erwartende Vorlagen auf, hinzufügend, daß vom Kultusmini­sterium nichts Derartiges zu erwarten fei. „Wir begreifen es", bemerkt eine Zentrumskorrespondenz, „wenn da» Organ ber freikonservativen unverbes­serlichen Kulturpauker sich baburch eher erleichtert al» beschwert fühlt, baß weitere Reformen auf kirchen-politischem Gebiete nicht zu erwar­ten finb, wir begreifen aber unb suhlen noch mehr ben berechtigten Unmuth ber Katholiken, bereit Hoffnung auf eine abschließenbe Revision bet Maigesetze abermals eine Enttäuschung erfährt." In ber letzten Session ist beinahe nichts nach biefer Richtung hin geschehen. Angekünbigt war zwar eine Vorlage über die endliche Ver­wendung der mehr als 16 Millionen Mark be­tragenden „einbehaltenen Leistungen des Staates für bie katholische Kirche." Die Vorlage blr^f’ aber aus, obwohl es bas Einfachste gewesen wär >

3e|» in Zahn.

Roman von Gabriele d'Arvor.

(54. Fortsetzung.)

„Ihr seib oerwunbet, Clary?" fragte Nelly mit Entsetzen.

„6s ist nichts," erwiberte er.

Er konnte das Mädchen aber nicht länger gal­ten, er fitzte sie nieder und schickte einen gellenden Pfiff in bas Weite.

Die Konstabler antworteten mit stürmischem Hurrah unb beeilten ihre Schritte. Glücklicherweise aber strauchelten sie auf dem unbekannten Wege mrd wälzten sich unter Fluchen auf dem Boden. Em Pfiff, bann noch einer, antwortete auf Clary's Nothstgnal. Zwei Banbiten, bis an bie Zähne beweffnet, erschienen, halb gefolgt von ben beiden Anderen.

„Stas geht schief, Kamerad," sagten fie zu Clary. „Wir haben bie Schüsse gehört unb find herbeigelaufen. Sollen mir den Konstablern Ein« au«wischen? Wir stehen ohnehin noch in ihrer Schuld."

»Ich bin verwundet," sagte Clary, auf da» Mädchen zeigend. „Nehmet fie und flühet schleunigst."

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