Beilage Mr WnlSaer Zeitung.
298 Sonntag, den 30. Dezember 1894. 21. Jahrgang
[] Zum Jahreswechsel.
Gibt es denn überhaupt einen Jahreswechsel? Oder beruht die ganze Sylvester-Feier blos auf einer herkömmlichen Einbildung? Eines wechselt allerdings, nämlich die Jahreszahl oder wenigstens die letzte Ziffer dieser zur Zeit vierstelligen Zahl. Die Zahl 1894 liegt wirklich auf dem Todesbett; selbst der Schäfer Ast kann sie nicht mehr retten. Am Dienstag fangen wir an, 1895 zu schreiben. Das ist aber auch die ganze Neuerung. Nichts weiter „wechselt"; es bleibt Alles im alten Geleise.
Wir leiden übrigens nicht blos zu Sylvester an „Wechsel"-Einbildungen. Wenn es einmal einen neuen Minister oder gar gleich ein Vierteldutzend davon gibt, so wird gleich viel geredet und theilweise geschwärmt vom Wechsel des Kurses, von der neuen Aera u. s. w., gerade als ob ein funkelnagelneuer Band der Weltgeschichte aufgemacht werden sollte. Nach einer Weile sieht man dann ein, daß auch das allerneueste System mit demselben Wasser kocht und über denselben Leisten die'Stiefel macht, wie das alte. Der „Wechsel" betrifft Aeußerlichkeiten und Kleinigkeiten; der Kurs geht ein bischen im Zickzack, aber schließlich in derselben Durchschnitts-Richtung.
Es wird auf Erden gar nicht so schnell und so viel gewechselt, als die kurzsichtige und neueruugssüchtige Menschheit glaubt. Wir rechnen 30 Jahre auf eine Generation und nehmen also an, daß nach 30 Jahren die Menschheit in ihren leistungsfähigen Schichten erneuert sei. Am Ende des Jahrhunderts wird die Generation von 1870 abgelöst sein. Aber wird denn das Antlitz der Erde, die Denkweise der Menschen, die Entwicklung der Kultur ein neues Gesicht zeigen? Fühlen wir uns augenblicklich so ganz andersartig, wenn wir an 1864, die Zeit des schleswig-holsteinischen Krieges, zurückdenken? 30 Jahre lang kreisen die Berge der Weltgeschichte in Parlament und Presse, und schließlich sind nur ein paar Mäuschen, einige im Ver- hältniß zur Gesammtgeschichte kleine Veränderungen zur Welt gekommen. Die Menschheit selbst aber in ihren Tugenden und Lastern bleibt sich von Generation -zr^Generation so ziemlich gleich. Man könnte sagen: verzweifelt gleich; denn die Tugenden wollen nicht zunehmen und die Laster wollen nicht abnehmen.
Ein köstliches Gut hat uns der Himmel in der Willensfreiheit, der Fähigkeit der Selbstbestimmung gegeben. Wir können die größten Heldenthaten im Guten und Schönen verrichten; wir pflegen nur von diesem Können einen sehr bescheidenen Gebrauch zu machen. Der Durchschnittsmensch bleibt Jahr aus Jahr ein im lieben, alten, bequemen Schlendrian. Der Schlendrian kümmert sich nicht um den Wechsel der Kurse und der Jahreszahlen, er gedeiht in Schaltjahren so gut wie in gewöhnlichen, und wenn das eine Jahrhundert zu Ende ist, so schlendert er in der größten Gemüthsruhe in das neue hinein.
„Viel Glück zum neuen Jahr" — heißt der kecke Spruch, der seine Daseinsberechtigung gar nicht nachweisen kann. Weshalb soll denn der liebe Gott uns nach dem 1. Januar mehr Glück bescheeren, als vor her? Weil es uns beliebt, die Ziffer 4 in 5 zu verwandeln und unter großem Halloh zu behaupten, daß ein neues Jahr eingetreten sei? Vor dem Ewigen hat das sogen. Jahr nicht einmal so viel zu bedeuten, wie für uns der Schlag des Sekundenzeigers. Es fällt uns aber nicht ein, unsere Pläne bei jedem Sekundenschlag zu ändern. Wir ändern sie nur aus neuen Gründen. Der liebe Gott braucht seine Entschlüsse gar nicht zu ändern, weil sie von Ewigkeit her unter Berücksichtigung aller Gründe gefaßt worden sind. Aber zu diesen mitbestimmenden Einflüssen gehörte auch unsere Thätigkeit, der Gebrauch unserer Kräfte und Willensfreiheit, und wir können das Glück im künftigen Jahr nur insofern beeinflussen, als wir von unseren Fähigkeiten einen besseren Gebrauch machen, als bisher. Wer Glück im neuen Jahr haben will, der muß es sich schmieden. Mit Gottes Hilfe, aber auch mit Selbsthilfe voll Sinn und Kraft.
Auf das alte Jahr schimpfen, ist kein geschmackvoller Zeitvertreib. Wir beschimpfen uns dadurch eigentlich selbst; denn es liegt darin das Bekenntniß, daß wir die Prüfungen im alten Jahr schlecht bestanden haben. Das sogen. „Jahr" ist freilich geduldig; es stellt keinen Strafantrag wegen Beleidigung und läßt sogar die „erdichteten oder entstellten Thatsachen" mit tückischer Ruhe über sich ergehen. Die Menschen, die auf das alte Jahr schimpfen, bekommen aber doch ihre Strafe; sie täuschen nämlich sich selbst und haben den Schaden davon zu tragen. Es wäre besser, wenn sie zu Sylvester ihr eigenes Gewissen einmal gründlich erforschten und sich klar machten, welche hübsche Samm
lung von Dummheiten sie im verflossenen Jahr sich geleistet haben.
Die Selbsterkenntniß soll die Grundlage der Besserung sein. Ob nun die übliche Sylvesterfeier mit Bowle, Pfannkuchen und allerhand interessantem Zeitvertreib gerade geeignet ist, die Erkenntniß in Betreff der Vergangenheit und die Weisheit in Betreff der Zukunft zu fördern, will mir noch sehr zweifelhaft vorkommen. Es wäre gewiß besser, wenn jeder Mensch zu Sylvester eine Stunde oder wenigstens eine halbe in Einzelhaft ohne Gelegenheit zum Einschlafen zwangsweise zu einer Art Jahres-Gewissenserforschung und -Vorsatzfassung angehalten würde. Der Eine oder der Andere würde dabei doch vielleicht zu einem guten Entschlüsse von andauernder, thatsächlicher Wirkung gelangen.
Sehr häufig würde dieser Erfolg allerdings wohl nicht sein, denn wie viel schöne Gelegenheiten zur Besserung werden uns nicht geboten, ohne daß die Menschheit im Allgemeinen Besserung erkennen läßt? Advent und Weihnachten klopfen kräftig an unser Gewissen; die Fastenzeit mahnt dringend; zu Ostern zwingt das Kirchengebot in den Richterstuhl der Buße; zu Pfingsten soll das Werk der Heiligung vollendet werden. Und trotz alledem bleibt die Welt, auch der auserwähtte Theil derselben, in Sünden besangen.
Wenn keine Vervollkommnung zu bemerken ist, so muß man schon froh sein, daß kein Rückschritt, keine Verschlechterung stattfiudet. Auch die Behauptung des bisherigen Standpunktes ist unter Umständen schon des Schweißes werth. Also lassen wir uns nicht von dem rechten Mittelwege verdrängen: keine übermüthige Einbildung, als ob mit dem neuen Jahr auf einmal Alles besser und glücklicher werde — aber auch keine Verzweiflung, keine lähmende Gleichgiltigkeit angesichts der Schwierigkeiten, die jede Welt- und Jndividuen- verbesserung hier auf Erden findet. Der alte Schlendrian ist eine gewaltige Macht auf Erden; doch steht nirgends geschrieben, daß auch wir zu seinen Sklaven und Opfern gehören müßten. Wenn wir wollen, so können wir eine Ausnahme bilden von der Regel, daß im neuen Jahr Alles beim Alten bleibt.
Der Mensch gleicht auf seiner irdischen Pilgerfahrt einem reisenden Handwerksburschen, der sich langsam und mühselig von einem Platze zum andern weiter wurstelt. Der Mensch weiß nicht, was das kommende Jahr bringt, wie der sich durchfechtende Handwerksbursche nicht weiß, wie er in der nächsten Ortschaft zurecht kommen wird. Aber er geht mit frischem Muth los, immer vorwärts, immer die Augen offen, um alle Vortheile wahrzunehmen und allen Gefahren auszuweichen. Er wird durch Schaden klug und weiß bei jeder weiteren Station sich besser zurechtzusinden, als auf der vorigen. So müssen auch wir in jedem Jahr etwas zugelernt haben, was uns im künftigen Jahr zu Statten kommt. Der Mensch fällt nicht als Weisheitsmeister und Tugendheld vom Himmel herunter; er wird dumm und fehlerhaft geboren und muß zu- lernen bis an sein seliges Ende. Das Leben ist eine Schule, und jedes Jahr ist eine Klasse. Zu Neujahr werden die Schüler „versetzt". Wer im abgelaufenen Jahr nicht gut aufgepaßt hat, wird in der neuen Klaffe schlecht mitkommen.
Statt „viel Glück" sollten wir uns lieber viel Kraft zum neuen Jahr wünschen. Denn wir werden nicht mehr Glück haben, als wir uns zu schaffen verstehen.
vermischtes.
* Pfarrer Kneipp Über das Korsett. Pfarrer Kneipp hat in Passau kürzlich folgende Strafrede gegen das Kor- fett losgelassen: „. . . Kommen wir zum Schnüren, lieber die schlimmen Folgen kann man ein Buch schreiben. Mütter und Väter sollen sich darum annehmen, aber sie sind blind dagegen. Wie geht man mit dem Körper in dieser Richtung um! Was der Schöpfer gebildet, die Mode ändert es gewaltsam. Es ist gerade, als ob Viele einem Windhund gleichsehen wollten. In einem Falle mußte eine Kameradin der anderen helfen beim Schnüren — am Abend fiel sie nach der ersten Tanztour um und war tobt. Kurz darauf passirte in der Nähe derselbe Fall. Was die eine Gans thut, macht die andere nach, wenn sich gleich zuletzt keine mehr bücken und nicht mehr arbeiten kann. Und das ist die heutige Mode, die Urheberin der meisten Krankheiten der Frauen. Zahlreiche Sektionen zeigen an dem verkrüppelten Körper die Folgen des Schnürens, ©in Beispiel ist mir selbst pafsirt. Schickt mir da ein guter Freund, auch Priester, die Nachricht, daß feine Richie todtkrank zu mir kommen werde und bittet mich, ich möge doch sehen, daß ich sie wieder heimbringe, da ihr doch nicht zu helfen sei. Das Fräulein kam richtig an, wurde gut empfangen und war schon einige Tage da, als ich bemerkte, daß sie geschnürt sei trotz ihrer Krankheit. Ich hielt es ihr vor: sie leugnete es — vergebens. Da schickte ich ihr ein paar Klosterfrauen als Wärterinnen, die das Schnüren bald abschafften. Die Wärterinnen sahen auf dem Körper Falten und rothe Linien, und doch wollte sie nur leicht geschnürt fein. Da soll der Mensch dann gesund bleiben! Das war auch noch eine Lehrerin! Ich las ihr eine Viertelstunde lang ein Kapitel vor.
von dem sie sich ganz gewiß fein Wort ausgeschrieben hat, sie mußte hören, ob sie wollte ober nicht. Den Panzer weg — uni) 6 Wochen daraus war sie gefunb. Was soll bas werben? Hei- rathet eine solche, ist bas Elenb noch größer. Einer Mutter machte ich Vorwürfe, daß die Tochter geschnürt sei, sie leugnete, freilich, die war ja selbst geschnürt. Bleibt eben Alles beim Alten, weil die Matter blind ist und der Vater nicht gut sieht."
* Ist Bier und Wein schädlich für die Kinder? Ganz unzweifelhaft ist der Alkohol in jeder Gestalt, auch als leichtes Bier oder leichter Wein, ein Gift für das Kind. Er schädigt es schon deshalb, weil er ihm den Geschmack an der Milch, dem wichtigsten Kindernahrungsmittel, verdirbt und so seine Ernähr, mtg herunterbringt. Durch häufigen Genuß geistiger Getränke wird das Kind gewaltsam zum späteren Trinker erzogen und ihm dadurch die Gesundheit früher ober später gestört, das Leben verkürzt. Schon dem Säuglinge ist das Bier schädlich, welches die Amme genießt; seine Ernährung bessert sich nicht selten erst bann, wenn bie Amme bem Biergenuß entsagt. Steifere Kinder verlieren durch geistige Getränke die geistige Frische neben der körperlichen; sie werden srühreis, lernen ungenügend werden blutarm. Ihr Charakter wird nicht selten verdorben; früher sanstmüthig und lenksam, werden sie durch den Alkohol zornig, aufgeregt, unlenffam. Alkohol-Entziehung bessert sie. Hartnäckige Blagen- und Darmkatarrhe, nervöse Störungen leichterer Art bis zu nächtlichem Aufschrecken und Aufschreien, Veitstanz und Krämpfe werden allein oser wesentlich durch Entziehung von Bier und Wein geheilt. Fortgesetzte Alkoholeinsuhr ist eins der schädlichsten Dinge bei einem gesunden Kinde.
* Neues Strohhutmaterial. In dem kleinen Orte Luton im Bodfordshire, dem Hauptsitz englischer Strohhutfabrikanten, herrscht große Aufregung in der Erwartung, daß die Lokalindustrie in Folge eines neueutdeckten Materials einen großen Aufschwung nehmen wird. Dasselbe besteht ans einer Mischung von Jett 'und Stroh, soivie auch von Jett und Baumwolle. Zum ersten Male in dec Geschichte dieser Industrie, ruft der ,Daily Telegraph' bereits triumphirend aus, werden Deutschland und die Schweiz hintenan stehen müssen. Nun, nun! Wir müssen die Hüte erst einmal sehen. Wenn dieselben ihrerseits nur nicht durch die Erfindung eines Amerikaners wieder in den Hintergrund gedrängt werden, der nicht nur Hüte, sondern auch alle möglichen anderen Kleidungsstücke, Kragen, Halsbinden, Handschuhe und selbst ganze Anzüge ans einer Aluminium-Mischung unfertigen will.
* Berhänguifrvolle Vergeßlichkeit. Pester Blätter melden den ganz außerordentlichen Fall, daß im Bester kaufmännischen Spitale einem jungen Manne, Namens Alexander Deutschmann, von den Aerzten eine vierzehn Zentimeter lange Schieberpince aus dem Leibe herausgeschnitten wurde. Dieses medizinische Instrument soll vor zwei Jahren gelegentlich einer an ihm von einem Wiener Professor vorgenommenen Operation in der Bauchhöhle des Patienten vergessen worden sein!! Damals wäre dem jungen Manne die Bauchhöhle ausgeschnitten worden, allein dieselbe muhte rasch wieder vernäht werden, so daß der operirende Professor das Instrument vergaß. Erst in letzter Zeit fühlte der Patient heftige Schmerzen, die von den Spitzen der Schieberpince herrührten, so daß er sich zu einer neuen Operation entschloß, die nun in Pell vorgenommen wurde.
* Dichter sind keine Wetterpropheten. Ein auch vom ,Leipz. Tagebl.' kritiklos abgedrucktes Gedicht an den Fürsten Bismarck, das ein Herr Haajs in der Münch. Allg. Ztg.' veröffentlichte, beginnt:
„Nun spinnt der Ra uh frost im verstummten Wald Und Wintersonnenwende ward's so bald.
Bon Eiskry st allen glitzert Baum und Flur, Im weißen Todtenschmuck liegt die Natur.
Still ruht sie im gefror’nen Nebelhauch, Nur eine Amsel flattert auf vom Strauch.
Und durch die winterliche Einsamkeit
Da schreitet Einer in der Dämmerzeit.
Der ist so ernst, so stumm, so ungesellt,
So weißbereift, wie rings um ihn die Welt! —
So schritt einst Odin durch den Frost dahin,
Der liebt es auch, im Schnee zu Wald zu ziehn."
Das kommt davon, wenn man Wochen zuvor „Weihnachtsgrüße" dichtet und nicht bedenkt, daß Weihnachten auch einmal Ostermorgen sein kann! . . .
Literarisches.
Bon der illastrirten Monatsschrift „Stadt Gottes" liegen uns die drei ersten Hefte des neuen Jahrganges vor und über» raschen uns durch die Fülle gediegenen Lesestoffes und künstlerisch schöner Bilder, welche für den sehr geringen Preis (25 Pfennig das Heft) geboten wird. Eine spannende größere Erzählung, „Engel und Dämonen", von der berühmten Erzählerin Melati von Java, beschreibende, geschichtliche und zeitgeschichtliche Artikel (besonders ein sachkundiger Artikel über die kriegführenden Mächte in Ostasien, der um Mitte September schon den Verlauf des Krieges richtig vorausfagte), ergreifende und fesselnde Schilderungen aus den Missionen des Stehler Hauses in China und Westafrika (des. über eine Christenverfolgung in Südschan- tang und die jämmerliche Götzenverehrung in Togo), Lebensbeschreibungen von heiligmäßigen Personen, von Kirchenfürsten, hervorragenden Katholiken und Männern des Tages, literarische Studien, ein Festbericht über den Besuch des Kaisers und des päpstlichen Nuntius im Missionshanse der Stehler Genossenschaft bei» Wien, Artikel über die Feste der Kinderwelt im Monat Dezember, Religiöses, Schilderung einer Reise nach Südamerika, — das alles bildet einen mannigfaltigen, unterhaltenden, vielfältig belehrenden und erbauenden Lesestoff, der noch durch (meist religiöse'» Gedichte, allerlei interessante und merkwürdige Mittheilungen und gemeinnützige Rathschlcige und Erheiterndes ergänzt und durch den herrlichen Bilderschmuck, der sich auf dem vorzüglichen, sein weißen Papier vortrefflich ausnimmt, aufs beste belebt wird.
Die Zeitschrift, oelche in der Missionsdruckerei zu Stehl, postlag. Kaldenkirchen (Rhld.) für 3 Mk. jährlichen Bezugspreis direkt versandt wird, ist um so wärmer zu empfehlen, weil ihr Ertrag dem Missionswerke dient, an welchem auch die Abonnenten Antheil gewinnen. Zugleich könnten wir uns kaum ein billigeres und schöneres, monatlich sich erneuerndes Geschenk denken, als den laufenden Jahrgang dieser Zeitschrift.