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Sonntag, den 30. Dezember 1894. 21. Jahrgang

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Hierzu eine Beilage.

Letzte Rr. des 4. Quartals.

Deotkches Reich.

Berlin,'28. Dezember.

* Die Einberufung der beiden Häuser des Land­tags zum 15. Januar 1895 ist erfolgt; die amtliche Bekanntgebung steht unmittelbar bevor.

* Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe wird der ,Post' zufolge am Freitag, den 28. d. M, mit Familie von Podiebrad in Böhmen nach Berlin zurückkehren.

* lieber die säumigen Abgeordneten, welche durch ihre Abwesenheit den Abbruch der Verhandlungen über die Umsturzvorlage verschuldet haben, wird in der Kartellpresse, und namentlich von den Konser­vativen, noch immer ein großes Geschrei erhoben und eine gewaltige Entrüstung zur Schau getragen. Ein schuldbares Fortbleiben wird von uns gewiß niemals in Schutz genommen werden, ist vielmehr oft genug gerügt worden, aber merkwürdig ist es und sehr aus­fallend, daß in der Kartellpresse die Entrüstung ur­plötzlich so laut wird, wo es sich um eine Vorlage handelt, die grade die Beschränkung der freien Meinungsäußerung, also eine Verminderung der Volks­rechte will! Und nun kommt das Schönste. Aus dem stenographischen Bericht ergibt sich, daß gerade die Konservativen am meisten gefehlt haben. Es waren von den Konservativen noch fünf Mitglieder - weniger

fehlten 35; und auch die freikonservative Reichspartei hatte von 28 Mitgliedern nur 18 zur Stelle. Und warum fehlten die Herren ? Offiziell ist es zwar nicht bekannt, erzählt wird aber, es habe an dem fraglichen Tage eine große Jagd stattgefunden, und diese scheint auf sie eine größere Anziehungskraft ausgeübt zu haben, als die Umsturzvorlage. Wozu also der Lärm? Im Uebrigen ist für manchen Abgeordneten auch folgendes zu beachten. Es ist wahrlich nicht immer Bequemlich­keit und Pflichtversäumniß, wenn ein Abgeordneter fehlt. Wer zu Hause kein Geschäft und keinen Beruf, wohl aber viel Geld hat, kann ja leicht den ganzen Winter hindurch „pflichtgetreu" auf dem Posten sein und so neben der Pflichterfüllung auch noch die Berliner Vergnügungen auskosten. Aber gar viele Abgeordnete — besonders solche aus dem Centrum — bringen mit der Uebernahme eines Mandates ein schweres Opfer an Geld und Zeit. Es ist ihnen ein­fach unmöglich, monatelang ihr Geschäft zu versäumen und auf ihre Kosten in Berlin zu leben. Ja, warum übernehmen sie denn ein Mandat? Nun, wenn der brauchbaren Kandidaten mit reichlichen Geldmitteln so

viele wären, würde man ihrer vielleicht entrathen können und ihnen keine Opfer zumuthen. Es fehlt aber an solchen Kandidaten. Augenblicklich wird eifrig darüber debattirt, ob der Reichskanzler mit 54,000 Mark Gehalt jährlich auskommen könne. Es wird Aufbesserung für den Reichskanzler gefordert, nachdem er die 100,000 Mk. abgelehnt hat. Meint man aber, man dürfe von reichen Beamten keine Opfer verlangen, warum verlangt man sie dann von Landwirthen, Kaufleuten re., die durch das Vertrauen ihrer Mit­bürger in den Reichstag geschickt werden? DieDiäten- losigkeit der deutschen Reichstagsabgeordneten steht fast einzig da in den parlamentarischen Einrichtungen konstitutioneller Staaten.

* Der bisherige freikonservative Landtags-Abgeord- nete Kräh, dessen Mandat für den 10. schleswig-hol­steinischen Wahlkreis (Steinburg) durch seine Beförde­rung zum Oberlandesgerichts-Präsidenten in Celle er­loschen ist, hat mit Rücksicht auf seine Amtsgeschäfte eine Wiederwahl bestimmt abgelehnt.

* Die deutsche Ausfuhr nach deu Vereinigten Staaten hat feit Anfang vorigen Monats bedeutende Fortschritte gemacht. In Berlin hat sich die Ausfuhr im Ver­gleich zum Vorjahr fast um das Dreifache gehoben. In Gera hat der Export nach den Vereinigten Staaten seit Anfang dieses Monats in merkbarer Weise zuge- nommen, er hat sich im Vergleich zu derselben Zeit des Vorjahres fast verdoppelt. Ebenso werden aus Chemnitz, Elberfeld, Plauen und Glauchau erhebliche Zunahmen in den Versendungen nach den Vereinigten Staaten gemeldet.

* Die Denkschriften über die Schutzgebiete, mit Änsiüchme voll D)gv, sowie mc-Derttfchrift 'über die Verwendung des Afrika-Fonds sind dem Reichstage jetzt zugegangen. Die Denkschrift über Südwestafrika umfaßt namentlich drei Berichte von Dr. Hindorf, Dr. Karl Dove und Dr. Sander über die wirthschaftliche Lage dieses Schutzgebietes. Alle drei Berichte kommen zu dem Schlusie, daß das Land zur Besiedelung mit Weißen als Ackerbauern und besonders Viehzüchter geeignet sei. Nach Dr. Dove ist für Ansiedler in Südwestafrika aber ein Besitz von mindestens 14,000 Mark wünschenswerth.

* Die ,Haml>. Nachr.' schreiben: Wie von wohl­unterrichteter Seite verlautet, dürfte das Auftreten des deutschen Gesandten in Marokko von Erfolg gekrönt sein. Tchon bald nach dem Eintreffen des Grafen Tattenbach in Fez hatte sich die marokkanische Behörde zweier an der Ermordung des Deutschen Neu­mann betheiligtcr, übelbeleumundeter Individuen be­mächtigt, die nunmehr ihrer Bestrafung harren. In Fez ist dem diesseitigen Vertreter alle wünscheuswerthe Genugthuung zugesagt, doch wird es wohlgethan sein, den Kreuzer „Irene" nicht zu früh von Tanger abzu- berufen, wo sein Erscheinen sehr wohlthätig gewirkt hat

und von der gesammten europäischen Kolonie mit hoher Freude begrüßt wurde.

* Zum Bau einer katholischen Kirche in Köpenick, für welchen schon seit Jahren gesammelt wird, sind als Weihnachtsgabe von einem ungenannten Geber 10,000 Mark gespendet worden.

Ruslan-.

* Pest, 28. Dez. Das ,Amtsblatt' theilt mit: Der Kaiser hat mittelst Entschließung vom 23. Dezember die Demission des ungarischenGesammt-Kabiuets mit dem Ausdrucke des Dankes für die bisher geleisteten Dienste angenommen und die Weiterführung der Ge­schäfte durch das bisherige Kabinet bis zu seiner weiteren Entschließung angeordnet.

* Amsterdam, 27. Dez. Nach einer Depesche aus Batavia vorn heutigen Tage hat der General- gouöerneur von Indien die Expedition nach Lombok für beendet erklärt. Der Radja Silang von Tamjaug hat sich der holländischen Regierung ergeben.

* Rom, 27. Dez. Der heilige Vater hat in seiner Weihnachtsansprache an die Kardinäle das Wieder­erwachen des Glaubens bei den Völkern betont. Die Nationen seien in Folge der Enttäuschungen und Unglücksfälle, welche sie erfuhren, sowie in Folge der wachsenden Gefahren zu der Erkenntniß gelangt, daß die bürgerlichen Tugenden und Gesetze, sowie strenge Maßnahmen allein nicht ausreichen, die Massen im Zaum zu halten. Es erscheine deshalb von größter Wichtigkeit, daß Alle zusammenwirken, damit der Glaube das öffentliche und das Privatleben durchdringe, der Name Gottes in'den gesetzgebenden Versammlungen, in den Vereinen und Familien mit Ehrfurcht genannt werde und die Regierenden die Religion in den Heeren und der Bevölkerung fördern. — Der Papst empfing gestern den Kommandanten und 9 Offiziere des ameri­kanischen Kriegsschiffes „Detroit", welche ihm die zur Chicagoer Ausstellung gesandten Kolumbus-Schriftstücke wieder überbrachten. Der Papst sprach in warmen Worten feine Sympathie für die Union aus und lobte deren raschen Fortschritt unter den civilisirten Nationen, besonders glücklich sei er aber darüber, daß die Ber­einigten Staaten in Religiosität voranschreiten. In einigen Wochen werde er eine Encyklika an den Episkopat der Unionstaaten richten, in welcher er den­selben sein Wohlwollen bezeugen werde. Nach der Audienz folgten der Kommandant und die Offiziere einer Einladung zu einem offiziellen Diner im nord­amerikanischen Kollegium, an welchem auch der ameri­kanische Botschafter, der amerikanische Konsul und die Mitglieder der Botschaft theilnahmen.

* St. Petersburg, 27. Dez. Der Kaiser und die ■ Kaiserin werden am 5. Januar aus Krasnoje Selow hierher zurückkeyren. — Die Abreise der Kaiseriu-

[] Die KHristblunre.

Erzählung von C. Borges.

(11. Fortsetzung.)

Helene drückte ihm die Hand, sie verstand seinen Zustand und seine Seelenstimmung.

„Sie dürfen sich nicht der Verzweiflung preisgeben," tröstete sie, „es ist kein Unrecht so groß, daß es nicht gesühnt werden könnte. Allerdings ist es Ihre Pflicht, das bisher Verfäumte nachzuholen; Sie müssen Ihre Kinder aufsuchen und ihre Verzeihung erbitten."

Der Graf schüttelte fein Haupt. „Es ist zu spät," äußerle er traurig. „Ich hatte eine längere Unter­redung mit Dr. Hilten und seine Mittheilung über­raschte mich traurig. Er sagte mir offen, daß mir nur eine kurze Spanne Zeit vergönnt sei und ich daran denken müsse, mein Haus zu bestellen. Zu einer neuen beschwerlichen Reise bin ich nicht mehr im Stande."

„Ich hatte mir noch im Herbste die Zukunft so rosig ausgemalt," fuhr der Graf sinnend fort, „und hatte gehofft, wir könnten beide nach Amerika reifen, um meine Kinder zu suchen und so nach Kräften gut zu machen, was ich so schwer gefehlt und verbrochen habe. Ach, es war nur ein Traum! Ich kannte Ihr großmüthiges Herz, Sie würden mir ganz gewiß ge­holfen haben. "

„So weit in meinen Kräften steht, werde ich das auch jetzt gern thun," entgegnete sie ernst; „aber Ihre e‘r''”f(ieit entbindet Sie nicht von der Pflicht, Alles

aufzuwenden, um Ihre Kinder aufzufinden. Wenn Ihre Kinder fetzen, was Sie gelitten haben und wie Sie Ihren schweren Fehltritt auch bereuen, werden sie Ihnen verzeihen."

„Es ist zu spät," stöhnte er halb gebrochen; ich fühle es, meine Tage sind gezählt, ich kann mich nicht mehr selbst auf die Suche begeben; aber mein Anwalt soll sofort Auftrag erhalten, um alle möglichen Schritte zur Auffindung zu thun. Vielleicht kann Ihr Bruder ihm dabei helfen. Vielleicht hat er von — Findlingen gehört."

„Ich verstehe Sie und werde es meinem Bruder schreiben."

Bald darauf verließ Graf Erlau das Schloß. Ernst, fast feierlich nahm er von Helene Abschied; er ahnte, daß er sie nicht wiedersehen werde.

Seine Ahnung sollte nur zu bald erfüllt werden. Schon nach wenigen Tagen erhielt Freiherr von Hoch­stein von Dr. Oswald, dem Anwalt des Grafen, die Nachricht, daß sein Client am Herzschlage plötzlich ver­storben und daß für Helene ein Legat von 30,000 Mark bestimmt sei. Helene sagte nichts, ihre Augen füllten sich mit Thränen

7. Kapitel.

Weiter und immer weiter trabte das muthige Pferd in den dichten Urwald von Saratonka in jener finstern Weihnachtsnacht. Kurt hatte die Richtung verloren, denn aus Furcht, die Geschwister auf dem Wege zu treffen, war er waldeinwärts geritten und stand jetzt

rathlos in einem Dickicht, das selbst der treue Hektor nicht durchdringen konnte.

Fast bereute er diesen Entschluß. Es war zweifel­los hier diese trostlose Wildniß gefährlicher, als das gefürchtete Zusammentreffen, und anstatt sich Saratonka zu nähern, schien er weiter davon entfernt zu sein. — Die kleine Laterne, die er aus Vorsicht mitgebracht hatte, gewährte ihm nur geringe Dienste, denn sie be­leuchtete nur ungenügend die allernächsten Gegenstände, die ihm ganz fremd erschienen. — Sollte er »arten bis zum Anbruch des nächsten Tages? Er wagte eS nicht; der schneidende kalte Wind, die bittere Kälte der Dezembernacht ipürben seinem Schützling todtbringend sein.

Plötzlich erwachte Valeska ans ihrem schweren Schlummer; ihr blasses, eingefallenes Gesicht blickte beim trüben Schein des Lichtes fast gespenstisch ihren Begleiter an, dann stammelte sie unruhig:

„Herr Waldau, sind wir in Sicherheit?"

Kurt zögerte.

„Sagen Sie mir die Wahrheit," fuhr die Geäng­stigte flehend fort, „halten Sie mich nicht für undank­bar; ich weiß, was Sie gethan haben, mich aus den Händen meiner Feinde zu befreien, und wenn jetzt noch Michael uns einholen und mich wieder gefangen neh­men würde, so weiß ich ja doch, daß es gewiß Ihre Schuld nicht ist."

„Sie sind vor Michael sicher," entgegnete Kurt be­wegt, „aber ich fürchte, ich habe Sie nur aus Wald-