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Samstag, den 29. Dezember 1894.

21. Jahrgang

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#% Wochenrückblick.

Das heilige Weihnachtsfest, die „stille Nacht, die heilige Nacht", hat auch den Lärm der politischen Kämpfe vorübergehend zum Schweigen gebracht. Wer möchte sich auch in den Tagen vor dem Feste und an den Feiertagen selbst um den Zank und Widerstreit menschlicher Meinungen und irdischer Wünsche kümmern? Die christliche Welt gibt sich ganz der hehren Fest- fteude hin und feiert in den sinnig geschmückten Kirchen das Andenken an das hohe Geheimniß der Mensch­werdung des Gottessohnes, und selbst Diejenigen, denen eine falsche, sich in den Mantel der „Wissenschaft" hüllende Profefsorenweisheit den beglückenden Glauben an dieses große Geheimniß geraubt hat, nehmen wenigstens äußerlich an dem Feste theil. Sie wollen ja immer noch als Christen gelten, obwohl ihr „Christen- thum" nicht besser ist, als der Unglaube jener „Elemente des Umsturzes", gegen die jetzt u. A. auch die Religion durch neue Strafbestimmungen „geschützt" werden soll. Man hat eingesehen, daß die Religion nicht entbehrt werden kann, wenn Staat und Gesellschaft Bestand haben sollen, nur fehlen leider noch die richtigen Folge­rungen aus dieser Erkenntniß: diese sollte dahin führen, daß die Fesfeln, welche der Religion, der Kirche vom Staate in einem unseligen „Kulturkämpfe" angelegt worden sind, endlich einmal gänzlich gelöst werden — dann wird die Religion den Staat besser schützen, als dieser umgekehrt die Religion jemals vor Beschimpf­ungen und Angriffen zu sichern vermag. Nun, viel­leicht ist die Zeit nicht fern, in der sich diese Er­kenntniß siegreich Geltung verschafft. Die Staatslenker haben seit der Kulturkämpferei der siebziger Jahre ja -schon manches lernen müssen, und es ist bezeichnend dafür, daß sie die Kirche, die sie einst mit allen Mitteln bekämpft hatten, jetzt zur Hilfe anzurufen sich gezwungen sehen gegen die Geister, die sie selbst gerufen. Gewiß hat auch diese Erfahrung dem hl. Vater vorgeschwebt, als er am Sonntag in seiner Weihnachtsansprache an die Kardinäle das Wiedererwachen des Glau­bens bei den Völkern feststellte. Die Nationen — so äußerte sich Papst Leo XIII. — seien infolge der Enttäufchungen und Unglücksfälle, welche sie erfuhren, sowie infolge der wachsenden Gefahren zu der Er­kenntniß gelangt, daß die bürgerlichen Tugenden und Gesetze, sowie strenge Maßnahmen allein nicht ausreichen, die Massen im Zaum zu halten; der Glaube müsse wieder das öffentliche und private Leben durchdringen. Das sind beherzigenswerthe Mahnungen für alle Völker und Regierenden. Möchte auch bei uns die Erkenntniß sich durchdringen, daß kein noch so strenges Gesetz ausreicht, dem „Umsturz" zu wehren, sondern daß der „Kampf gegen den Umsturz" nur dann wirksam geführt werden kann, wenn das ganze öffentliche und private Leben wieder

[] Are KHrrstMunre.

Erzählung von (£. Borges.

(10 Fortsetzung.)

Helene saß allein im Salon; ihre Finger hielten ein aufgeschlagenes Buch, doch ihr Blick schweifte träumend über die Seiten hinweg, und erschreckt blickte sie auf, als plötzlich Graf Erlau vor ihr stand.

Sie wußte, was er wollte, und mußte ihren ganzen nur geringen Muth zusammenfassen, um standhaft zu bleiben.

Graf Erlau war eine stattliche, stolze Erscheinung, und sein früh gebleichtes Haar, der schmerzliche Aus­druck in seinen schönen, aristokratischen Zügen erhöhten nur noch das Interesse für ihn in der gefellschaft- lichen Welt.

Er hatte ein romantisches Leben zurückgelegt, war in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen und durch den Tod mehrerer Venvandten zu seinem jetzigen Wohlstände gelangt.

Jedoch trotz seines Vermögens, trotz der fürstlichen Besitzung wollte der traurige Ausdruck, der von tiefsten Seelenleiden sprach, gar nicht aus seinem Antlitz schwinden.

„Ihr Vater sagte mir, daß ich Sie hier finden würde, mein Fräulein," begann er mit seiner klang­vollen, musikalischen Stimme, „und ich bitte nur, daß Sie günstig meine Bitte beurtheilen. — Ich stehe allein in der Welt. Zwar ist von mir nichts weiter übrig

von dem Glauben an den menschgewordenen Sohn Gottes durchdrungen wird. Leider scheint es, daß die preußische Regierung sich noch nicht entschließen kann, in dieser Richtung den ersten, großen Schritt zu thun, nämlich durch die Vorlage eines christ­lichen Schulgesetzes. Es werden allerlei Vor­lagen genannt, die den voraussichtlich wieder Mitte Januar sich versammelnden preußischen Land­tag beschäftigen sollen — ein Schulgesetz be­findet sich nicht darunter. Und doch wird die Re­gierung auf die Dauer dem Verlangen nach einem christlichen Schulgesetze nicht ausweichen können, mag es auch noch so beschämend sein, den mit der Zurück­ziehung des Zedlitz'schen Entwurfes gemachten schweren Fehler einzugestehen. Man wird ihr diesen Fehler nicht mehr vorhalten, wenn sie ihn wieder gut macht. Fürst Hohenlohe hat sich in seiner Programm-Rede im Reichstage gegen die Folgerungen verwahrt, welche aus seiner kulturkämpferischen Vergangenheit hergeleitet worden waren und er hat durchblicken lassen, daß nicht nur die Zeiten, sondern auch er selbst sich geändert habe: wohlan denn! So beweise er diese seine Worte durch die Thal!

Aus Oesterreich - Ungarn kommt endlich einmal wieder eine erfreuliche Nachricht. Kaiser Franz Joseph, der sich nach Pest begeben hat,ertheilte dem Kultur­kämpfer-Ministerium Wekerle - Szilaggi - Hiero- nymi den längst verdienten Abschied. Es ist dies immerhin ein Erfolg des christlichen Gedankens, wenn auch ein voller, entscheidender Sieg noch erst errungen werden muß. Die nächste Aufgabe der katholischen Ungarn ist die Sprengung der liberalen Herrschaft im Unterhause, dann wird es auch mit den liberalen Ministerien zu Ende sein.

In Rußland scheinen für die Katholiken und die Nicht-„Orthodoxen" überhaupt jetzt doch etwas bessere Tage anzubrechen. NikolausII. hat dieKatholiken, welche wegen Widerstandes bei dem von den Kosaken angerichteten Blutbade bei Schließung der katholischen Kirche in Krosche zu schweren Strafen vernrtheilt worden waren, begnadigt und den Gouverneur von Kowno, General v. Klingenberg, der die Greuel- thaten der Kosaken veranlaßte, seines Amtes ent­setzt.

In Frankreich hat nun wirklich der Hochverraths- Prozeß gegen den jüdischen Kapitän Dreyfus mit der Verurtheilung zur höchsten zulässigen Strafe, Degradation und lebenslängliche Verbannung in eine Verbrecher-Kolonie, geendet. Dennoch sind die Fran­zosen nicht zufrieden; sie schreien: „Tod den Ver- räthern!" Da auf politische Verbrechen, zu denen auch der Landesverrath gezählt wird, die Todesstrafe in Frankreich abgeschafft ist, so erhob sich sofort der Ruf nach einer Aenderung der Gesetze, wodurch die Spione mit dem Tode bedroht würden. Die Regie­geblieben, als ein Schiffbruch meines früheren Selbst und dieses einzige, die Trümmer meiner früheren Kraft und Gesundheit ist Alles, was ich Ihnen anbieten kann. Aber ich vertraue Ihnen, ich schätze Sie hoch, und wenn Sie einwilligen, meine Gattin zu werden, so will ich, so viel in meinen schwachen Kräften steht, thun, um Sie glücklich zu machen."

„Also kurz gesagt, Sie bieten mir alles an, nur — keine Liebe," versetzte Helene bebend.

Graf Erlau erbleichte, er blickte mit unendlicher Wehmuth auf das junge Mädchen.

„Ich will ganz offen reden," flüsterte er kaum hörbar, „ich glaube zu ahnen, daß — so jung Sie auch sind — Sie doch bereits erfahren hätten, was es heißt: geliebt — gelitten und verloren zu haben! Ich dachte, Fräulein Helene, daß, da wir beide das schwärmerische Gefühl, was Menschen Liebe nennen, überwunden haben, wir ein gemeinschaftliches, ruhiges Leben, auf gegenseitige Hochachtung gegründet, beginnen könnten. Die Zeit würde diese Gefühle stärken und noch in Liebe verwandeln."

Helene schüttelte ihr Haupt.

„Ich achte Sie sehr hoch, Graf Erlau," gestand sie aufrichtig, „und ich fühle mich erhoben und freudig beglückt, wenn Sie in Gesellschaft mich auszeichueten, und ich wie zu einem Freunde zu Ihnen emporschauen durfte; aber — heirathen kann ich Sie nicht. Ich glaube noch fest an Liebe, und wenn ich ihn nicht heirathen kann, nach dem jede Faser meines Herzens

rung hat sich beeilt, diesem Verlangen nachzukommen. In der Kammer führte der Fall Dreyfus schon einen der landesüblichen Skandale herbei, die mit einerDuell- forderung des sozialistischen Deputirten und Professors Jaures an den Arbeitsminister Barthon endete. Die deutsche Botschaft in Paris hat übrigens noch­mals energisch die Verdächtigung zurückgewiesen, daß sie Beziehungen zu Dreyfus unterhalten habe.

China will nun endlich ernstlich Frieden haben. Es hat sich dazu herbeigelasfen, einen offiziellen Ge­sandten nach I a p an zu schicken, um über die Friedens- Bedingungen zu unterhandeln. Japan scheint aber ziemlich hohe Forderungen stellen zu wollen und des­halb dürfte doch noch viel Zeit vergehen, bis die strei- tenden Parteien sich einigen werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Dezember.

* Der Kaiser hat dem in Warschau stehenden russi­schen Leibgarde reg im ent Köni g Friedrich HL, dessen Chef er ist, folgendes Glückwunschschreiben ge­sandt: „Meinem Regiment spreche Ich von Herzen Meinen Glückwunsch aus zu der Erhebung in die Privilegien der alten Garde. Ich hoffe, daß es dieses neuen Gnadenbeweises Sr. Majestät sich stets würdig erweisen wird."

* Das Bild, welches im Auftrage des Kaisers der Flügeladjutant Graf Moltke der jungen Königin der Niederlande im Haag überreichte, ist ein Jugend­porträt Wilhelms von Dränten, dessen Original sich in der Gallerie zu Kassel befindet.

* Die ,Berl. Pol. Nachr? schreiben: Das preußische Ministerium für Handel und Gewerbe beabsichtigt, die Wirkungen der im Jahre 1891 abgeschlossenen Handels­verträge, also hauptsächlich der Verträge mit Oesterreich- Ungarn, Italien, Belgien und der Schweiz übersichtlich zusammenzustellen. Es ist bereits für die Jahre 1892 und 1893 die Ein- und Ausfuhrstatistik über den aus­wärtigen Handel des deutschen Zollgebietes in syste­matischer Anordnung nach den Herkunfts- und Be­stimmungsländern veröffentlicht worden, für das Jahr 1894 steht der vorläufige Abschluß nach dem im Jan. k. I. erscheinenden Dezemberhefte der vom kaiferlichen Statistischen Amte herausgegebenen monatlichen Nach­weise über den auswärtigen Handel nahe bevor. Das preußische Handelsministerinm hat, um genau über die einzelnen Gewerbszweige nnterrichtet zu werden, an die wirthschafrlichen Vereinigungen die Anfforde- rung gerichtet, ihm Darstellungen der Wirkungen des Handelsvertrags mit Gliedernng des Waarenverkehrs nach den einzelnen Vertragsstaaten einzureichen.

* Der im Reichstage eingebrachte Antrag auf Kün­digung desMeistbegünstigungs-Vertrages mitArgen- tinien ist den ,B. P. N/ zufolge in erster Reihe zu sich sehnt, so werde ich als alte Jungfer sterben müssen."

Der Graf trat erschrocken zurück.

„Ihre Mutter sagte mir, Ihr Herz sei ja noch frei," stammelte er verwirrt.

„Ich bin noch vollkommen frei, aber dennoch--"

„Ich verstehe," unterbrach er sie schnell. „Das Gerücht ist auch vor etwa sechs Jahren zu meinen Ohren gedrungen; aber ich schenkte ihm keinen Glau­ben. Ich hörte, der Held dieser Vermuthung sei nach China ausgewandert."

„Ja — um vielleicht nie wiederzukehren. Aber sollte er die Heimath wieder aufsuchen, und sei es auch nach 20 Jahren, und ich lebe dann noch, soll er mich seiner wartend finden."

„Ist das Ihr Begriff von „Liebe"?"

„Ja, Graf Erlau. — Wir Beide führen ein ein­sames Leben, Sie sowohl wie ich. Sie haben keine nahen Verwandte und ich stehe auch allein, selbst im Elternhause. Könnten wir unter diesen Verhältnissen nicht Freundschaft schließen?"

Der Graf erfaßte die kleine zitternde Hand und führte sie tiefbewegt an seine Lippen.

„TreueFreundschaft," versicherte er feierlich, „treu und fest bis an meines Lebens Ende. Verzeihen Sie mir, daß ich mehr verlangte und gewähren Sie mir die Erfüllung einer Bitte."

„Von Herzen gern, wenn es in meinen Kräften steht."