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21. Jahrgang

Dienstag, den 25. Dezember 1894.

Des hohen Weihnachtsfeftes wegen er­scheint die nächste Nummer am Donnerstag.

□ Die EbristSlume.

Erzählung von C. Borges,

(8. Fortsetzung.)

„Sie können Fräulein Richter ruhig sagen, daß Sie das Zimmer weder betreten, noch mit der Kranken gesprochen haben," beruhigte er jeden Zweifel, „und Sie brauchen gar nicht zu sagen, daß ich hier ge­wesen bin."

Das tv’.lte. Die Dienerin führte ihren Begleiter durch mehrere Gänge und deutete auf eine kleine Thür. — Aber ach! sie war fest verriegelt; trotz übermensch­licher Anstrengung gelang es nicht, das Schloß zu sprengen. Endlich, nachdem er länger als eine Stunde mit aufgefundenen Werkzeugen gearbeitet hatte, erreichte er sein Ziel, die Thür sprang auf.

Kurt prallte entsetzt zurück; er war nicht vorbe­reitet auf den Anblick, der sich seinen Blicken bot. Der enge Raum, in den nur das kleine Fenster unzureichend Luft und Licht eindringen konnte, enthielt außer einem hölzernen Stuhl nur ein Bund Stroh, auf dem in einem dünnen, zerrisfenen Kleide die Unglückliche hockte, die er vor drei Monate in voller Gesundheit und Lebensfrische in Saratonka gesehen hatte.

Bei seinem Anblick stieß sie einen herzzerreißenden Schrei aus, dann starrte sie ihn mit ihren großen dunklen Augen verzweiflungsvoll an. Endlich schien sie

der Jetztzeit sind ja die einfachen natürlichen Folgen des Neuheidenthums, das heute wieder so mächtig ge­worden ist und der Wirksamkeit des Christenthums im staatlichen wie im gesellschastlichen Leben sich entgegen­stemmt. Der „Kampf gegen den Umsturz" muß also ein Kampf gegen das Neuheidenthum sem und unter dem Zeichen des Kreuzes geführt werden, wenn er mit dem Siege der Ordnung und Gesittung, die wir ja nur dem Christenthume verdanken, enden soll Das Christenthum selbst kann freilich nicht untergehen es wird so sicher in allen Zeiten fortbestehen, als Christus für alle Menschen aller Zeiten geboren und gestorben ist. Diese unerschütterliche Zuversicht läßt uns auch über die schwersten Stürme sicher hinwegkommery laßt uns fröhlich sein auch inmitten der Kämpfe der Gegen­wart, läßt uns dankbar gegen den allbarmherzigen Gott und mit freudigem Herzen einstimmen in den herrlichen Gesang der Kirche:

„Nun seid fröhlich, überselig, Christus ist geboren!"__

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Dezember.

* Der Kaiser hat bestimmt, daß das 1. West­fälische Husarenregiment Nr. 8 sortan den Namen Husarenregiment Kaiser Nikolaus II. von Rußland (1. Westfälisches) führen soll.

* Der russische General Swetschiu, der die Thron­besteigung des Zaren Nikolaus II. am hiesigen Hofe anzeigte, erhielt das Großkreuz des Roten Adler- Drb*n|)tm Sohne des Reichskanzlers, Prinzen Alex­ander zu Hohenlohe-Schillingsfürst Prinzen von Ratibor und Corvey, ist der Charakter als Legationsrath ver­liehen worden. Prinz Hohenlohe ist bekanntlich Mit­glied des Reichstages.

* Fürst Bismarck ist von Varzm bezw. von Station Hammermühle nach Friedrichsruhe abge­reist Eine Begrüßung fand unterwegs nicht statt, da der Zeitpunkt der Abreise geheim gehalten war.

* Die ,Köln. Volksztg." hatte gemeldet, die Sozial­demokraten wollten während der Weihnachtsserien überall Protestversammlungen gegen die Umsturzvorlage ab­halten. Der .Vorwärts" will aber von einem der­artigen Plane nichts wissen.

* Der „Sozialist", das hiesige Organ der Anarchisten, besteht doch weiter, trotz der Erklärung eines Staats­anwalts, es werde noch in dieser Woche eingehen. Es war nämlich gelungen, nach und nach sämtliche Redakteure des Blattes hinter Schloß und Riegel zu bringen. Trotzdem haben die Anarchisten einen neuen Redakteur für ihr Organ in der Person eines gewissen Adolf Rehmel in Rixdorf gefunden. Bald wird wohl auch dieser nach Plötzensee wandern. Wie man steht, kann man auch ohne „Umsturzvorlage"" die Anarchisten mit seiner Bürde das Vorwerk und hielt sich dort bis zur eintretenden Dämmerung verborgen.

Hektor wieherte steudig, als sein Gebieter ihm den glänzenden Hals streichelte, und schien die doppelte Last gar nicht zu spüren. Es war letzt rabenschwarz Nacht. Kurt hatte leider nicht den, schürfen Ortssinn, her den Eingeborenen der Urwälder rraen ist, und da er, aus Furcht, die Geschwister auf dem Wege anzu­treffen, den ihm bekannten Weg nicht einschlagen wollte, ritt er geradezu in den Urwald, der sich weit zwischen Waldbrunnen und Saratonka erstreckte.

Er fühlte das Haupt seines Schützlings schwer auf seine Schulter fallen; Valeska mußte entweder vor Ermattung eingeschlafen, oder vor Erschöpfung ohn­mächtig geworden sein. Er wagte nicht, das Pferd an­zuhalten, — nur weiter, immer weiter, — bis er sein Ziel erreichte und die Unglückliche in Mutter Dolores' Obhut wußte.

„Meine Christblume!" stieß er plötzlich hervor. „Erst jetzt in dieser Stunde lerne ich die verborgensten Winkel meines Herzens kennen. Heute ist Weihnachts­tag; da hole ich mir meine Christblume inmitten der Dunkelheit. — Sonderbar,"' fuhr er in seinem Selbst­gespräch fort, „gerade heute vor zwölf Jahren wurden die beiden Kinder in diesem Walde gefunden — viel­leicht an derselben Stelle. — Vally's Leben schien nur Glück und Sonnenschein: sie war der verwöhnte Lieb-

den Erlöser warten müßte. Und wie furchtbar müßte eine solche Verzweiflung wirken gerade in einer Zeit, wie der gegenwärtigen, in welcher der Kampf um unser irdisches Dasein so überaus schwer und heftig geworden ist? Wenn die Millionen, die heute in Armuth und Elend dahinleben, auch keine Hoffnung hätten, im Jen­seits einen um so reicheren Lohn für die geduldig er­tragenen Mühsale des Erdenlebens zu empfangen, und wenn die Glücklicheren dieser Erde nicht gedemüthigt würden durch das Bewußtsein, daß all' ihr Reich- thum, all' ihre Macht ihnen keinen Vorrang gewährt an den Pforten des Paradieses, ja daß ihnReichthum und ihre Macht nur zum Verderben ihrer Seelen ge­reicht, wenn sie nicht den richtigen Gebrauch davon machen: wie unerträglich müßten dann erst die sozialen Gegensätze empfunden werden! Sehen wir doch heute schon, daß da, wo der Geist des Christenthums nicht mehr Hoch wie Niedrig beherrscht, die ungezügelte Leidenschaft den Bestand jeder Ordnung gefährdet und das Gespenst der Revolution heraufbeschwört. Man kann deshalb mit vollem Rechte behaupten, daß ohne die Menschwerdung Jesu Christi seit Jahrhunderten die Menschheit abwechselnd von der Anarchie, der vollsten Ordnungs- und Gesetzlosigkeit zerrissen und dann wieder von Gewaltherrschern in eiserne Bande geschlagen worden wäre.

In die Zeit einer solchen Zwingherrjchast fiel ja auch die Geburt des Heilandes, in eine Zeit der Aus­artung und ärgsten Verkommenheit aller gebildeten Völker. Der Wahnwitz der römischenWeltherrscher, das Schreckens­regiment einer rohen Solvateska, die zügelloseste Ueppig- keit der Reichen, die Entnervtheit, Verlnmptheit und Arbeitsscheu der Armen, eine ungeheuere Ausdehnung der Schande der Sklaverei: das sind Die nie zu ver­gessenden, warnenden Zeichen, unter denen die heid­nische Welt zu Grunde ging. Auf den Trümmern dieser Welt erhob sich dann ein glorreiches, christliches Zeitalter, das „finstere" Mittelalter, auf das neuheid­nischer Hochmuth gern, aber sehr mit Unrecht verächt­lich herabschaut; denn es hat Großes vollbracht und namentlich trotz aller Kriege, trotz aller inneren Kämpfe, wie sie nun einmal die nie ertöbtete Leidenschaft der Menschen jederzeit hervorgerufen hat, doch niemals eine solche Massenarmuth erzeugt, wie sie dem alten Heidenthum eigen war und wie sie auch heute wieder unter der Einwirkung eines neuen Heidenthnms er­wachsen ist. Selbst Alles am besten wissen wollen, selbst sein eigener Richter sein, nur sich selbst ge­nügen und nur für sich selbst arbeiten — dieser selbstgefällige und selbstsüchtige Geist ist eben der nen- heidnische Geist, der auf die Dauer jede staatliche und gesellschaftliche Ordnung zerstören muß.

Man spricht jetzt so viel von dem „Kampfe gegen den Umsturz", ja man glaubt sogar, durch ein paar Strasparagraphen sich gegen die Mächte des Umsturzes schützen zu könuen. Aber wie eitel sind solche Hoffnungen! Die umstürzlerischen Bestrebungen

ihn zu erkennen, und eine flammende Rothe färbte momentan ihre bleichen, abgehärmten Wangen.

„Ah,"" murmelte sie endlich unverständlich, „Sw sind gekommen, um mich zu retten? Hat sich der Herr im Himmel meines Elendes erbarmt und mein Gebet erhört?"

„Sie sollen mit mir nach Saratonka gehen, dann benachrichtigen wir Ihre Schwester, und geleiten Sie sicher nach Californien," tröstete er.

Die Unglückliche schauderte.

„Wissen Sie, daß ich wahnsinnig bin?" stieß sie unheimlich hervor. „Martha sagt's mir täglich, — ich soll diesen Aufenthalt mit dem Jrrenhause vertauschen oder — ihren Bruder heirathen."

„Martha irrt sich," beruhigte Kurt. „Und nun, Valeska, vertrauen Sie sich meiner Obhm an; jetzt halten wir uns noch verborgen, aber sobald die Dunkel­heit einbricht, reiten wir davon und sind in wenigen Stunden in Saratonka. Sie sind früher-so oft dort geroefen, und Mutter Dolores wird gewiß für Sie sorgen."

Widerstandslos ließ sie sich aus dem engen Raum hinausgeleiten; er mußte sie fast tragen, denn ihre Kräfte waren erschöpft, ihre Füße erlahmt. In der Halle fand er einen warmen Pelzmantel, Martha s Eigenthum, er nahm ihn und umhüllte forglich damit die fröstelnde, zitternde Gestalt. Glücklich erreichte er

Weihnachtsfteude. ^5

Itun schweige aller Erdenklang, Z» Nun feiert, rings ihr ANtagswerke! Und horche, Welt, dem Lobgesang Auf Gottes Huld und Gottes Stärke!

Seht strahlen ihr der Weifen Stern?

Hört ihr der Engel Lied erklingen, Die von des höchsten Himmelsherrn Unsäglicher Erbarmung singen?

Die frohe Botschaft thun sie kund Bon seines Sohnes Erdenreise, Und ihm zur Ehre hebt ihr Mund Nun mächtig an die Hymnenweise.

Im armen Stall das schwache Kind Seht vor ihm Könige knie'n im Staube! Seit Adam war die Menschheit blind, Erkenntniß bringt ihr jetzt der Glaube.

Im Glauben — welche Seligkeit!

Mein Herz erfüllt ein süßes Hoffen, Der strenge Richter, er verzeiht, Dem Büßer steht der Himmel offen!

Das ist der Tag, dies ist die Nacht, Da du, o Menschheit, darfst frohlocken! Ihr Kirchen, prangt in frommer Pracht, Ertönt gewaltig, all' ihr Glocken!

Zum Dankesopfer walle hin Zahllos, du treue Christenmenge, Und stimme ein mit frohem Sinn Der Mette süße Festgesänge!

Dann strahlt dir auch in schwerer Zeit Der Hoffnung Stern — das Heil ist nah'! DeN^Kinde weihe Lust und Leid, Ihm singe heut' ein Gloria!_______________E. Kl.

Fröhliche Weihnachten!

Ja, Weihnachten ist ein fröhliches Fest, und wer feinem Nächsten nicht bloß mit dem Munde, sondern recht von Herzen fröhliche Weihnachten wünscht, der kann selbst nicht anders als fröhlich sein, denn Weih­nachten ist in Wahrheit ein Fest der Freude für die Menschheit: Der hohen, dankerfüllten Freude über die unermeßliche Liebe des allbarmherzigen Gottes, der seinen eingeborenen Sohn uns sandte und Mensch werden ließ, um uns den Schlüssel zum himmli­schen Paradiese, der durch Adams Fall uns verloren ging, wiederzubringen.

Was wäre aus der Menschheit geworden ohne die Menschwerdung des Gottessohnes? Erinnern wir uns der Sehnsucht der Propheten des alten Bundes, der schmerzvollen, aber auch trostreichen Sehnsucht, mit ber das auserwählte Volk immer nur den Blick auf die Zukunft gerichtet hielt, die den verheißenen Messias bringen sollte, dann steigt in uns die Frage auf, ob die Menschheit nicht längst in ihrer großen Mehrheit der Verzweiflung mit allen ihren entsetzlichen Folgen anheimgefalleil wäre, wenn sie auch heute noch auf

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