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JV1 994 Sonntag, den 23. Dezember 1894.

21. Jahrga;g

mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klumen"

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Zweites Blatt.

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1. Guartal 1895

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beträgt pro Quartal nur 1 Mk. 50 Pfg. excl. Be­stellgeld.

Die .Fuldaer Zeitung^ behandelt die neuesten Tagesfragen in allgemein verständlicher Weise. Die politischen Nachrichten sind kurz und übersichtlich zusammengestellt, den lokalen und provinziellen Vorkommnissen wird große Sorgfalt gewidmet, und auf ein spannendes, sittlich reines Feuilleton besonders Gewicht gelegt. Die

Mts Fuldaer Zeitung ■..

ist unter den in Fulda wöchentlich mehrmals erscheinenden Blät­tern das weitaus gelesenste und eignet sich deshalb auch ganz besonders als Jnsertionsorgan. Anzeigen sind von sicherer Wirksamkeit.

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Fulda, im Dezember 1894.

Redaktion und Verlag der .Fuldaer Zeitung.

□ Me KhrrltMunre.

Erzählung von C. Borges.

(7. Fortsetzung.)

Das dacht' ich mir! Kannst Du nm Vallys willen Deine Gefühle nicht beherrschen?!"

„Was geschieht weiter?" fragte Kurt ungedutdig.

Sind unsere werthen Gaste einmal hier, so muß einer von uns unwohl' sein. Mutter Dolores muß mit der Pflege des Patienten so sehr in Anspruch ge­nommen sem, daß sie weder den Weihnachtskuchen backen, noch das Festmahl Herrichten kann. — Ich alaube Martha Richter zu durchschauen. Es wird ihren Stolz befriedigen, sich eifrig unserer Häuslichkeit anzunehmen, ohne daran zu denken, daß Damen in unseren Augen alle Anziehung verlieren, wem, sie uns unverkennbar entgegenkommen. Michael muß außer­halb des Hauses beschäftigt werden, damit wir freie Hand haben." ,

„Soll ich den Patienten spielen?" fragte Kurt.

"Du würdest gewiß besser den Kranken, als den liebenswürdigen Wirth spielen", überlegte Saarfeld; außerdem fühlst Du Dich in Folge des anhaltenden Schnupfens auch in der That nicht wohl. Du müßtest alsdann gegen Mitternacht, oder später noch, wenn wir alle int tiefen Schlaf liegen, Dich nach Wald­brunnen aufmachen, wo Du am folgenden Morgen ankommst. Wie es Dir gelingt, in das Hans einzu­dringen, überlasse ich Dir. Wenn der Schwarze Trr den Eingang verweigert, mußt Du durch List oder Gewalt die Hindernisse bekämpfen und den Zutritt erzwingen. Beim Rücktritt nimmst Du Valeska au Dein Pferd, denn wenn wir Diana aus dem Stal, itehmeu, so werden wir vielleicht noch des Diebstahls bezichtigt."

„Das Pferd wird zu müde sein; es kann zweimal den "scharfen Ritt nicht aushalten."

„Du mußt bis zur anbrechenden Dunkelheit in

Waldbrunnen bleiben, bis dahin hat Hektor sich aus- geruht. Mutter Dolores muß bei Deiner Rückkehr Valeska unter ihren Schutz nehmen; Laura's Zimmer wird für sie hergerichtet, und wenn sie sich erholt hat, müssen wir sie nach Kalifornien geleiten und unter Herrn Lesters Schutz stellen. Was denkst Du nun von meinem Plan? Wird er auszuführen sein?" „Ausgezeichnet! Aber ich beneide Dich nicht als Wirth. Es wäre mir nicht möglich, den elenden Ge- chwistern ein freundliches Gesicht zu zeigen", ver- icherte Kurt.

Mutter Dolores rechtfertigte vollkommen das Ver­trauen, welches die beiden Freunde in sie gesetzt hatten. Sie war eine gulmüthige alte Frau, die unter ihrer äußern rauhen Schale ein edles Herz barg. Thrünen traten in ihre Augen, als Saarfeld die Gefahr der j jungen Dame schilderte.

„Ich habe nie Fräulein Richter leiden können", rief sie empört, „und habe immer gefürchtet, daß sie Unheil über Waldbrunnen bringen würde. — Sie haben aber einen guten Plan ersonnen, Herr Saarfeld, und ich will wohl die arme Vally pflegen, wenn sie hier ist."

Saarfeld übernahm die unangenehme Pflicht, den Geschwistern die freundlichste Einladung zum bevor­stehenden Weihnachtsseste zu schreiben. Er schilderte ihnen, daß es ein Akt der Barmherzigkeit wäre, wenn j sie für einige Tage nach Saratouka kämen, um ein ‘ prächtiges Reh verzehren zu helfen, was er erlegt habe ! Jeden Skrupel, bei dem alten Herrn bleiben zu ! müssen, beseitigte er in der Voraussicht, daß Fräu­lein Nobel gewiß gerne die Pflichten am Kranken­bette übernehmen werde; und schließlich gab er deut­lich zu verstehen, daß das einsame Leben in Sara- tonka unerträglich und auf die Dauer nicht auszu­halten sei.

Ein reitender Bote wurde mit diesem Briefe sofort nach Waldbrunnen abgesandt.

Martha Richter überlegte. — Sie liebte ihren Bruder, aber sie traute ihm nicht. Glückte ihr Plan, war Valeska seine Gattin, so war seine Zukunft ge­sichert, die ihrige aber durchaus nicht. Es war nicht unmöglich, daß die neue Herrin später einen gewissen Einfluß auf den Gatten ausüben konnte, und Marthas Dienste auf dem Gutshofe nicht mehr verlangt wurden. — Gelang es ihr aber, Herrin in Saratouka zu werden, so konnte sie ruhig der Zukunft in's Auge sehen. Daher entschloß sie sich, die Einladung anzu­nehmen. Wenn sie Valeska in ihrem elenden sorg­fältig einschloß, den Schlüssel in die Tasche steckte, sie genügend für zwei Tage mit Master und Brod ver­sah, so konnte sie ruhig das Weihnachtsfest im Kreise der „Freunde" fetern, — vielleicht wurde sogar der hartnäckige, starke Wille des jungen Mädchens endlich durch die lange Haft gebrochen.

Um Herrn Richter war sie nicht besorgt. Er lag bewußtlos, ohne seine Umgebung zu kennen; sie konnte ihn der Pflege der Dienerin überlassen. Leichten Herzens machte sie sich daher mit ihrem Bruder auf den Weg nach Saratouka.

IV. Kapitel.

Saarfeld hatte seine Gäste am Nachmittag des Weihnachtiestes empfangen, nachdem die drei Bewohner des Hauses am Morgen eine Hausandacht gefeiert hatten. Auf den Besuch der Kirche mußten sie ver­zichten, da nur alle vier Wochen ein Missionar für die zerstreut wohnenden Farmer Gottesdienst zu halten vermochte. Das Haus war zu Ehren der Gäste festlich geschmückt, sogar ein Weihnachtsbaum nach alter deutscher Sitte verbreitete einen hellen Lichterglanz und strahlte den Ankommenden entgegen. Jedoch mit sorgen­voller Miene berichtete der Hauswirth, daß sein guter Freund unwohl sei, und daß Mutter Dolores ihm einen starken Thee gebraut und angeordnet habe, das Bett zu hüten.

Dieser Umstand schien Fräulein Richter ganz er­wünscht. Im besten Falle konnte sie doch nur einen Gatten heirathen, und sie war vernünftig genug, Herrn Saarfeld vor seinem ärmeren Freund, dem Verwalter Waldau, den Vorzug zu geben; daher be­mühte sie sich, ihre Vortheile im besten Lichte zu zeigen.

Mutter Dolores spielte ihr dabei ausgezerchnet m die Hände. Sie bat, Anordnungen in Betrest des Abend-

brodes zu treffen, ließ leise Bemerkungen treffen, daß sie zur Führung des Haushaltes zu alt geworden sei, — der Gutshof entbehre der Herrin, und das Hans sei schließlich viel zu groß für zwei Junggesellen. Auch Saarfeld erfüllte vollkommen die lästige Rolle und zollte seinen Gästen alle erdenklichen Aufmerksamkeiten. Doch im heiteren Geplauder wollte nicht Laura's flehender Blick, ihr angsterfülltes, bleiches Antlitz von feiner Seele weichen, und vorwurfsvoll klangen ihm noch die ausgesprochenen Worte ins Ohr: „Warum ist für meine Schwester nicht besser gesorgt?"

Mitternacht war längst vorüber. Leise hatte Saar­feld den treuen Hektor gesattelt und führte ihn jetzt in den Hof, wo Kurt in einen langen Mantel gehüllt, seiner harrte.

„Glaube mir, wenn ich am folgenden Tage nicht bald nach Sonnenaufgang wieder hier bin, so ist es dort drüber nicht richtig, und Du mußt selbst kommen und nachforschen", sagte Kurt tief bewegt, feinem Freunde znrn Abschied die Hand reichend.

„Das wolle Gott verhüten", versetzte Saarfeld feierlich, „ich weiß, wie geschickt Du in suchen Aus­führungen bist; — sei vorsichtig — um Laura's willen." .

„Ich werde sie hierher bringen, oder — mit ihr sterben", versicherte Kurt und verschwand in der Dunkelheit.

*

Das Herrenhaus in Waldbrunnen war ein statt­liches, stolzes Gebäude, das von den Wirthschaftsgebäu- den eine beträchtliche Strecke entfernt lag und von einem großen Garten umgeben wurde. Ein großes eisernes Gitterthor führte nach dem Haupteingang, jedoch war derselbe selten geöffnet, denn der Doktor und die wenigen Besucher benutzten ein kleines Seitenpförtchen, welches direkt nach der Gesindestube führte.

Kurt hatte feinen ermüdeten Hektor im Vorwerk, unter der Obhut des Verwalters Horst gelafseu.

Zu Fuß begab er sich nach dem Gntshos, einen Plan nach dem anderen ersinnend und verwerfend, und stand plötzlich gerade der fchwarzen Dienerin gegenüber.

Zu seiner nicht geringen Ueberraschung eilte sie auf ihn zu und erzählte ihm in fliegender Eile, daß der Zustand des alten Herrn sich verschlimmert und sie schon einen Boten nach Saratouka abgesandt habe, um die Geschwister holen zu lassen.

Kurt erschrack. Wenn Martha und der Bruder zurückkehrten, ehe Valeska in Sicherheit war, wagte er nicht an die Folgen zu denken.

„Ich muß sofort Fräulein Nobel sprechen," begann er ernst, „ihre Schwester hat mir einen Auftrag für sie gegeben!"

Die Dienerin war sichtlich bestürzt.

„Ah," sagte sie zitternd, „weiß Fräulein Laura denn noch nicht, was sich hier zugetragen hat? O, es ist zu traurig!"

„Valeska ist doch nicht tobt?"

Die Schwarze bedeckte ihr Antlitz mit den Händen, und schluchzend erzählte sie, daß das arme Fräulein schon seit längerer Zeit wahnsinnig sei, daß sie sich fürchte, zu ihr zu gehen, und daß Fräulein Richter dächte, es fei besser, sie wäre tobt. -

„Unsinn! sie ist nicht wahnsinnig!" erklärte Kurt entschieden. „Ich glaube es nicht."

„Es ist aber wahr, es ist die volle Wahrheit," bestätigte das Mädchen. „Seit mehreren Tagen wage ich nicht mich ihrer Thür zu nähern, sie schreit und tobt ganz fürchterlich. O, es ist entsetzlich, mit einer Wahnsinnigen in einem Hause zu sein!"

Kurt perlor den Muth nicht.

„Ich fürchte mich nickt," sagte er ganz entschieden, „und ich bin fest entschlossen, dieses Hans nicht eher zu verlassen, als bis ich sie gesehen habe. Wollen Sie mir ihr Zimmer zeigen, oder muß ich es mir selbst suchen?" .

„Ich will Ihnen die Thür zeigen, aber — hmem- gehen kann ich nicht; Fräulein Richter hat es mir auch streng verboten," gestand das Mädchen.

Er ließ ein Geldstück in ihre Hand gleiten.

(Fortsetzung folgt.) _______

Ter Postdampser witzerland" der „Retz Dior Stute in Antwerpen ist laut Telegramm am 19. Dezember wohlbehalten in Philadelphia angekommen.