M 292
Freitag, den 21. Dezember 1894.
21. Jahrgang
uldaer
Zeitung
mit Unterhalt« irgs-Frilage .Ltrrne «nd Flumen ".
- — Vierteljährlicher Abonnementspr«!» ahne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswart» I Nart 50 Pfennig
®t*W t Hole"Äfflti8e^k^onbäeile ob« bmnSaum 15 Pf, Reklamen bie Petitzeile 25 Pf, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Dezember.
* Der Kaiser von Rußland hat dem deutschen und dem österreichischen Kaiser eine Aufmerksamkeit erwiesen, die den Franzosen vermuthlich neue Beklemmungen bereiten wird. Zar Nikolaus hat nämlich die Regimenter, deren Chefs Kaiser Wilhelm II. und Kaiser Franz Joseph sind, zu Garderegimentern erhoben.
* Vor Erweiterung des Begriffs der Majestätsbeleidigung warnt jetzt sogar die ,Nat.-Ztg/, indem sie schreibt: „Wenn der Monarch beständig persönlich derart hervortritt und eingreift, wie Kaiser Wilhelm II. es thut, so ist es unvermeidlich, daß die öffentliche und noch mehr die private Erörterung sich vielfach mit den Worten des Herrschers beschäftigt; jeder Versuch, den Begriff der Majestätsbeleidigung zu erweitern, erregt deshalb leicht die Besorgniß, cs sollten systematisch unter diesen Begriff auch Kundgebungen gebracht werden, welche, ohne beleidigend zu sein, selbstständige Gesinnungen ausdrücken."
* Wie die ,Köln. Volksztg/ erfährt, wollen die Sozialdemokraten die Weihnachtsferien des Reichstages dazu benutzen, um im ganzen Reich Protestversammlungen gegen die Umsturzvorlage zu veranstalten.
* Die ,Nat.-Lib. Korr/ hört, daß unter den Anregungen zur Aenderung der Geschäftsordnung des Reichstags sich auch eine solche befindet, säumige Abgeordnete. die ihre parlamentarischen Pflichten andauernd vernachlässigen, öffentlich vor dem Laude zu rügen. ,
* Beim Etat des Reichsverfichernngsamtes beantragt das Centrum eine Resolution, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, die Mittel der Versicherungsanstalten" in weiterem Umfange als bisher für das landwirthschaftliche Kreditbedürfniß und für die Erbauung von Arbeiterwohnungen zugänglich zu machen.
* Dem Reichstage rst em Gesetzentwurf über die privatrechtlichen Verhältnisse der Binnenschifffahrt zugegangen.
* In der Affaire des Ceremoiuenmeisters v. Kotze werden jetzt durch einen Hofberichterstatter einige Neuigkeiten bekannt. Hiernach dürfte die Angelegenheit nut dem in Aussicht stehenden Spruch des Militärgerichts noch nicht erledigt sein, sondern noch ein Nachspiel haben Herr v. Kotze dürfte noch einige Herren zur Rechenschaft ziehen, die ihm arg nutgespielt haben. Als er verhaftet war, soll ein bei einem Garde-Kavallene- Rcgiment stehender prinzlicher Major an einen Hofmarschall ein Delegramm gesandt haben, in dem brsrch eines Schimpfwortes bedient haben soll. Diese Mit- theilunq geschah durch die Militär-Telegraphre und ist somit in die Oeffentlichkeit" (?) gekommen.
[] We EbristSlume.
Erzählung von C. Borges.
(5. Fortsetzung.)
Um Valeska's geistige Vorzüge noch mehr hervor- ruheben, halte Frau Richter Sorge getragen, ihre bedeutenden musikalischen Talente auszubilden, die während ihres Aufenthaltes in Kalifornien nach Kräften gepflegt und vervollkommnet wurden. Der sorgliche Pflegevater hatte für seinen Liebling ein reizendes, achteckiges Musikzimmer Herrichten lassen; die Wände glänzten in Azur und Silber, und große Blumenvasen mit duftenden Gewächsen standen in jeder Nische. Zwischen den Spiegeln hingen kostbare Gemälde m breiten Goldrahmen, aber auch zahlreiche Skizzen ihrer eigenen Hand zierten das trauliche Gemach, und sogar die Staffelei hatte hier ihr Plätzchen gefunden. In einem eleganten Glasschrank prangten die Werke ihrer Lieblingsdichter in prachtvollen Einbänden, kurz, alle kaum erhofften und ausgesprochenen Wünsche fand sie hier herrlich erfüllt. ,
Herr Richter war em wohlhabender Mann, für seine Valeska war ihm kein Luxus zu theuer, aber der Anblick der vielen Juwelen und der kostspieligen Einrichtung ging wie ein scharfer Stachel durch Martha's neidisches Herz. — Sie hatte üonjben örtlichen Verhältnissen in der Umgegend von Saratonka sich nur eine mangelhafteVorstellung gemacht und gehofft, dort
bald an der Seite eines treuen Gatten ein eigenes Heim zu sinden, doch darin hatte sie sich bitter getäuscht^ — Herr Lester, der nächste Nachbar, war ein verheiratheter Mann, und sie mußte sich selbst gestehen, daß sie durch Valeska's Vorzüge in Schatten gestellt wurde. ,
Die Geschwister hatten oft überlegt, wie sich die Zukunft für sie vortheilhaft gestalten könnte.
„Es ist am besten, Du heirathest Valeska", schlug Martba vor, „und dann darf Deine Gattin kein träges, nutzloses Leben führen, wie sie es bisher gethan hat. Ich möchte gern erleben, sie arbeiten zu sehen; denn jetzt bildet sie sich ein, keinen Finger rühren zu brauchen. Oh! verlasse Dich darauf, Michael, wrr werden sie schon zahm machen, wenn der Onkel tobt und sie Deine Gattin ist", und ein grimmiges Lachen begleitete ihre Worte.
Der Angeredete sah düster vor sich hin. In den ersten Jahren hatte er Vally gehaßt, aber ihre seltene Schönheit und ihr unnahbarer Stolz hatten ihm Achtung eingeflößt. Er stand zwar nicht im freundschaftlichen Verkehr mit ihr, im Gegentheil, sie standen sich äußerst schroff einander gegenüber; aber dennoch liebte er sie, wiewohl seine Liebe selbstsüchtig und gering war. Er wollte die Besitzung seines Onkels erben und schon deshalb eine Verbindung mit Valeska eingehen. Als seine Gattin wollte er sie ebenso reichlich mit Luxus überschütten, wie sie es gewohnt
war; sie sollte zu ihm ausschauen wie zu einem Wohl- thäter, aber er wollte sie nicht von seiner Schwester tyrannisiren lassen.
Doch von diesen Gefühlen durfte Mentha nichts ahnen. Er gab gern zu, daß es ein guter Plan war, Vally zu heirathen, aber besser sei es noch, den Onkel zu bestimmen, das Testament zu seinen Gunsten zu ändern, oder wenigstens das gemachte zu zerstören, welches zu Gunsten seines Pflegekindes verfaßt war.
Du siehst es, es ist so am Besten," schloß er seine lange Rede, „Vally ist nicht mit ihm verwandt, also wenn er stirbt, erbt sie nicht einen rothen Heller."
Dann würden wir auch nicht viel bekommen," klagte Martha.» „Du vergißt, daß wir nicht die einzigen Erben sind; in Deutschland lebt wenigstens noch ein halbes Dutzend, das gleiches Anrecht erheben würde; da würde unser Antheil nur sehr gering werden."
Als an jenem Morgen Valeska mit ihrem Begleiter von Lester's Abschied genommen und nach Wald- brunnen zurückgekehrt war, schloß sich das junge Mädchen zuerst in ihr Zimmer ein, um in der Stille ihre heitere, gleichmäßige Ruhe wiederzufinden die der Trennungsschmerz ihr geraubt hatte. Michael betrat das Wohnzimmer, wo seine Schwester sich gewöhnlich aufhielt. zz., . L
Es ist gut, daß Lester's endlich fort find," begann sie heiter, als der Bruder eintrat, „sie haben viel dazu beigetragen, Vally zu verwöhnen. Wir
* Heber die Ergebnisse der Rekruteuprüfungen im Deutschen Reich enthält das neue Vierteljahrsheft zur Statistik des Deutschen Reichs Nachweise für das Ersatzjahr 1893/94. Danach hatten von den 253,177 Rekruten, welche in die Armee und Marine eingestellt wurden, 250,835 Schulbildung in deutscher Sprache, 1725 Schulbildung nur in fremder Sprache und 617 waren ohne Schulbildung, d. h. solche, welche in keiner Sprache genügend lesen oder ihren Vor- und Familiennamen nicht leserlich schreiben konnten.
* Leipzig, 18. Dez. Die Revision des Staatsanwalts in der Prozeßsache Leist ist nunmehr beim Reichsgericht eingegangen. Der Termin der Verhandlung ist noch unbekannt, doch dürfte derselbe Mitte Januar stattfinden.
Ausland.
* Wie», 18. Dez. Gestern fand auf der Landstraße eine Versammlung von 1500 Arbeitslosen statt, die dann unter den Rufen „Brod und Arbeit" einige Gassen durchzogen, bis sie von der Polizei zerstreut wurden. Vier Verhaftungen wurden tiorgenommen.
* Brüssel, 17. Dez. Gestern fand in Löwen die feierliche Enthüllung des Denkmals zu Ehren des Paters Damien statt, welcher unter den Aussätzigen der Insel Molo kai gestorben ist. Die Minister, der Erzbischof von Mecheln, die Lokalbehörden und Tefegirte aller katboliscben Gesellschaften wohnten der Feier bei; auch lief während der Feier ein Glückwunsch - Telegramm des Papstes ein. . . . .
* Paris, 18. Dez. Dre Regierung bejchlov, die Entscheidung über bie Oeffentlichkeit des Verfahrens in dem Prozeß gegen Dreyfus dem Vorsitzenden des Kriegsgerichts, Oberst Maurel, zu überlassen. Zum Prozesse zeigt sich ein ungeheurer Andrang.
* Paris, 18. Dez. Der dieser Tage verstorbene Kammerpräsident Bürde au, welcher auf Staatskosten begraben wurde, war Freimaurer und starb ohne kirchlichen Beistand. Sein Begrälmiß war deshalb ein rein eiviles". In seiner Jugend war Burdeau von Scbul'brüdern unterrichtet worden. Als Minister wollte er die Schüler kircklicher Schulen und Gnossenschaften von den staatlichen Hochschulen und Aemtern aus- sckließen. — Ein anderes Mitglied der Loge, und eines der ersten Häupter derselben, der Senator Jean M a e e, ist ebenfalls in diesen Togen gestorben. Durch seine Schulbücher suchte er selbst den kleinsten Kindern die Lehren der Gottlosigkeit einzuimpfen — Auf die neue russische Anleihe wurden in Paris 12 Milliarden Franks gezeichnet, die Anleihe wurde also dort 30 Mal gedeckt: in ganz Frankreich wurde die Anleihe 60 Mal gedeckt. Die Repartitionsquote beträgt 1,75 Prozent. In Berlin wurde die Anleihe 10 Mal gezeichnet, die Repartitiousguote beträgt 1,5 Proz. In London wurden 25 Millionen Pfund
Sterling gezeichnet, worauf die Zeichnung bei dem kolossalen Andrange geschloffen wurde. In Petersburg wurde die Anleihe 3’/s Mal gedeckt; die Repartitionsquote beträgt zwischen 1,2 und 1,75 Proz.
* Rom, 16. Dezbr. Das Amtsblatt veröffentlicht das Dekret, durch welches die parlamentarische Session vertagt wird. In dem von dem Ministerprüsideuten Crispi dem König deswegen erstatteten Bericht heißt es: Vor wenigen Tagen erst wurden in der Thronrede die Aufgaben der neuen Session festgesetzt. Jedermann glaubte , eine Periode fruchtbarer Friedensthätigkeit müsse anbrechen. Plötzlich wurden die Hoffnungen der Regierung und diejenigen des Landes getäuscht. Die Regierung hatte um lebhafte Betheiligung bei der Lösung ' der inneren politischen Fragen ersucht, aber man wendete alle Mittel an, um die Diskussion darüber zu unterdrücken. Wie wenn Italien noch nicht genug erduldet hätte, suchte man begierig einen Skandal zu erregen, und an der Spitze einer sonderbaren Koalition fand sich eine Handvoll Verschwörer, welche die staatlichen Institutionen bekämpfen, und derjenigen, welche dieselben unterstützen, mißachtend jede Toleranz, als ob ihr einziges Ziel die Unordnung sei. Auf diese Weise wurde die parlamentarische Arbeit unterbrochen und die Reinheit des Urtheils getrübt, selbst die Autorität des Kammerpräsidenten nicht geachtet. Deshalb hat der Ministerrath einstimmig beschlossen, daß ich Ew. Majestät die Vertagung der parlamentarischen Session vorschlage, damit sich die Kammer gegen Angriffe und Ueberraschungen schütze und die Zeit gewinne, die für die Weisheit ihrer Entschließungen nöthige Ruhe wiederzufinden. -- Die der Opposition angehörenden Deputirten hielten heute Nachmittag in einem der Säle des Kammergebäudes eine Privatversammlung ab unter dem Vorsitze di Rudinis, dem Briu, Cavallotti und Zanardelli zur Seite standen. Tie Versammlung beschloß, die Genannten zu beauftragen, gegen die Vertagung der Session einen Protest abzufassen. An der Versamm-
i hmg nahmen ungefähr 150 Depilürte Theil.
* Rom, 18. Dez. Exminister Giolitti ist nach Berlin gereift, nm bei seiner dort mit dem Ingenieur Chiaraviglia verheiratheten Tochter Weihnachten zu verbringen. Man sagt, er habe sich für den Fall der Kammerauflösung in Sicherheit bringen wollem — Der Direktor des vatikanischen Observatoriums, Pater i Deuza, der nach einer Audienz beim hl. Vater von ! einem Schlaganfall betroffen wurde, ist gestorben
* Petersburg, 18. Dez. Durch kaiserlichen Ukas : sind sämmtliche Verwaltungschefs Rußlands angemieien i worden, die Versetzungen von Beamten aus konfessio- ' nellen ober nationalen Gründen künftighin zu unter» | lassen. (Eine vortreffliche Maßregel!)
; * Sofia, 18. Dez. Die liberalen Münster Rados-
; lawow und Peschew theilten dem Fürsten mit, sie ' könnten nicht mehr im Kabinet Stoilow bleiben, well