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Jahrgang

Mittwoch, den 19. Dezember 1894.

Regierung zusammenzustehen. DieWirkuugen dieses fehlerhaften Vorgehens der Regierung erstreckten sich sogar bis in die Reihen des alten „Kartells' im engeren Sinne dieses Wortes: die Nationallibe­ralen sahen sich, wenn sie sich nicht ganz und gar ihres liberalen Namens unwürdig machen wollten, ge- nöthigt, gegen die Regierung und gegen die Kartell­brüder von der Rechten zu stimmen. Es ist wirklich kaum zu begreifen, wie Fürst Hohenlohe, der doch tm politischen Leben kein Neuling ist, so schwere Fehler begehen konnte.

Wenn er nur jetzt wenigstens so verständig ist, der Abstimmung des Reichstags sich zu fügen und J)te Staatsanwälte anweisen zu lassen, daß sie dm „Fall Liebknecht" gänzlich unter den Tisch fallen lasten. Von den Gerichten muß man voraussetzen, daß sie eine Klage gegen Liebknecht schon wegen der parlamentarischen Un­verletzlichkeit abweisen, und wenn nicht, so bleibt es doch immer noch sehr ungewiß, ob sie in dem Versagen einer Huldigung vor dem Monarchen eme Majestats- beleidigung finden werden. Will sich Fürst Hohenlohe der Gefahr aussetzen, auch von den Gerichten abge- wiesen zu werden ? Oder ist ihm dies gleich und kommt es ihm nur darauf an, den Reichstag vor den Kopf zu stoßen und einen Konflikt, einen Verfassungs­streit vom Zaune zu brechen? Vorerst können wir dies von einem so alten und gereiften Manne noch nicht glauben. Es wird wobl mehr darum sich han­deln, ob er widerstandsfähig genug ist, wenn er von anderer Seite zu einem Konflikt ge­drängt wird. Und darum sagen wir: Abwarten — und auf der Hut sein!________________________

Laura schien nicht beruhigt, sie schluchzte bitterlich, und ihre Glieder zuckten convulsivisch

„Lachen Sie nicht über mich," stehte sie, „aber ich fürchte für meine Schwester."

„Wenn Sie uns genau sagen wollten, was Sie fürchten, so würden wir Ihnen vielleicht bessn helfen können," ermuchigte Saarfeld das bekümmerte Mädchen

Ich fürchte, daß meiner Schwester Unheil droht. Sie "haben sie noch nicht gesehen, .wissen daher auch noch nicht, wie schön, aber auch rote furchtlos sie ist. Es ist fast zur Gewißheit in mir geworden, daß sie, um dem Haß der Geschwister zu entgehen, einem schreck­lichen Schicksal anheimfallen wird. Waldbrunnen liegt fast noch mehr von jedem menschlichen Verkehr aus­geschlossen, wie hier unsere Einooe, uni» selbst unser schnellstes Pferd, Hector, kann bis dorthin den Weg kaum in vier Stunden zurücklegen Ms Tie im Noth- fall dort anlangen, könnte sie schon odt oder - - fest eingeschlossen werden, um eines langsamen, qual­vollen Todes dahin zu siechen."

Die Angst der jungen Dame wirkte ansteckend auf ihre Zuhörer. Saarfeld gab ihr den Rath, Herrn I Lester ihre Besorgniß mitzutheilen. Kurt schlug vor, | Valeska solle sofort mit nach Califormen reisen, aber I Laura schüttelte das Haupt.

Vally verläßt ihren Vater nicht," sagte sie, „und I ist selbst so furchtlos, daß sie nur über meine Ve-

x Eine Niederlage des neuesten Kurses.

Mit 168 gegen 58 Stimmen bei einer Stimm­enthaltung hat der Reichstag am Samstag die Er­mächtigung zur strafrechtlichen Verfolgung des Abg. Liebknecht wegen angeblicher Mafestats- beleidioung verweigert. Wenn man bedenkt, daß diese Minderheit die beiden „konservativen" Parteien um­faßte, so fällt ihre Geringfügigkeit in der Ahl beson­ders ins Auge; aber trotzdem sie nur em Viertel der abgegebenen Stimmen umfaßt, ist sie uns noajjmmer viel zu groß, denn der Angriff der Berliner Staats­anwaltschaft auf die Unverletzlichkeit der Volksver­tretung hätte füglich einer einmüthigen Zurück­weisung bedurft. Immerhin bleibt die Tyatsache bestehen, daß die Regierung, welche die volle Verantwortung für das Vorgehen der Staatsanwaltschaft übernommen hatte, sich eine empfindliche Niederlage znge- zoqen hat. , < •

Und das nicht nur in formaler, sondern auch in moralischer Hinsicht. Der Amrag der Staatsan­waltschaft bedeutete einen groben Eingriff in die ver­fassungsmäßigen Rechte des Reichstags, und die preußische Regierung sowohl tote der Reichskanzler schlossen sich diesem Vorgehen an, wenn sie es nicht gar veranlaßt haben; der Reichstag betäub H) also in der günstigen Lage eines Angegriffenen und hatte schon dadurch das moralische Uebergeivicht gegenüber der Regierung. Die ganze öffentliche Meinung - die „juristischen" Gutachten in offiziösen und einzelnen konservativen" Blättern zählen nicht mit — stellte sich mit einer sonst selten hervortretenden Entschieden­heit und Einmüthigkeit auf die Seite des Reichstags, ' und so mußte der gegen diesen geführte Schlag aus seine Urheber zurückfallen, wenn mchl etwa der Reichs­tag selbst sich preisgegeben hätte. Die große Mehrheit des Reichstages blieb aber fest, nur die Rechte zeigte sich nachgiebig aus Beweggründen, die man sm Volke sehr wohl erkennt, aber ganz gewiß nicht billigt. Das Volk weiß Königstreue Gottlob noch von jener Kriecherei zu unter cheiden, die unter der Maske der Ergebenheit

Fürst,n nur Zw-ck. . D>°

Konservativen" haben durch ihre Bereitwilligkei, einen Abgeordneten trotz seiner verfassungsmäßigen Unverletzlichkeit dem Büttel auszuliefern, wenigstens m den Augen desVolkes sich nur mit m die moralische Niederlage verstrickt, welche die Regierung sich geholt hat, eine Niederlage, die noch verstärkt ivurde durch ihre wahrhaft bemitleidenswerth schwache rednerische Vertretung gegenüber der glänzenden Vertheidigung der verfassungsmäßigen Rechte des Reichstags, insbe­sondere durch den Abg. Roeren vom Centrurm Es machte einen geradezu peinlichen Eindruck, als der greise Reichskanzler Fürst Hohenlohe schon nach dem zweiten Satze seiner Erwiderung auf die Rede Roeren's Lachen hören mußte. Dasselbe Schicksal

blühte, allerdings dem Polizeiminister v. Köller noch öfter Die rednerischen Leistungen dieses Herrn schei­nen fast, eme Fundgrube für die Sammler von Blüthen unfreiwilligen Humors werden zu sollen. Die Jungfernrede des preußischen Justizminlsters Schön­stedt konnte schon wegen des gereizten Tones, den dieser „neue Mann" anzuschlagen beliebte, keinen guten Eindruck machen. <

Alle drei Regierungsvertreter haspelten eme und dieselbe Gedankenfolge ab: Der Präsident v Levetzvro hat als er das Sitzenbleiben der Sozialdemokraten beim Hoch auf den Kaiser rügte, sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß er keine schärferen Mittel habe, um das" Betragen der Sozialdemokraten nach Gebühr zu ahnden; folglich - mußte der Staatsanwalt dem Reichstag zu Hilfe kommen, um dessen Wurde zu wahren! Schade, daß der Reichstag für diese zarte, übrigens gänzlich ungewohnte Aufmerksamkeit .ein Ver- ständniß zeigte und im Gegentheil der Meinung war, daß der Reichstag selbst völlig iw-Stunde sei, seine Würde zu wahren und, falls die Geschäfts- , ordnung jetzt nicht ausreichen sollte, durch eine Ver- - besserung derselben sein Hausrecht selbst wahrzu­nehmen' In diesem Sinne konnte übrigens auch das Centrum sehr wohl der Resolution, die eine Verbesse­rung der Geschäftsordnung empfahl, zustimmen, nach-

I dem Namens ihrer Urheber der Abg. v. Bennigsen er- I klärt hatte, dan die Resolution nicht erst durch das - Eingreifen des Staatsanwalts veranlaßt sei, sondern der oben erwähnten Bemerkung des Präsidenten ihre Entstehung verdanke. Uebrigens hat sich das Centrum ausdrücklich Vorbehalten, die Vorschläge, die demnächst betreffs der Geschäftsordnung zu erwarten sind, darauf

V hin zu prüfen, ob sie wirklich annehmbar oder nützlich sind oder ob sie verworfen werden müssen. Die stel-

I lungnahme des Centrums wurde durch diese Haltung völlig klar und unztoeideutig: es weist jeden Versuch, die Unverletzlichkeit der Volksvertretung anzutasten, ent­schieden zurück, ohne daß ihm nachgesagt werden kann, es verfolge dabei nur die Absicht, ungebührliches Be­tragen zu schützen. Es gibt ja Leute, welche immer gleich bei der Hand sind, von einem „Bundmß des Centrums mit der Sozialdemokratie zu sprechen, wobei ihnen selbst der fadenscheinigste Vorwand gut genug ist-

Daß die Regierung auch in parteitakti scher Hinsicht mit ihrem Angriffe auf die parlamentari che Unverletzlichkeit einen groben politischen Fehler begangen hat, ist klar... Ihr Streben geht ja, rote Jedermann weiß, auf em „Kartell der staats­erhaltenden Parteien" hm gegen die staarssemd- liche Sozialdemokratie. Nun aber hat sie die „staats­erhaltenden" Parteien, die bis dahin sämmtlich m der Verurtheilung des Verhaltens der Sozialdemokraten einig waren, durch ihr Vorgehen auseinander ge = I sprengt und alle „bürgerlichen" Parteien Mit Aus­nahme der Rechten gezwungen, zur Abwehr mchl mehr gegen die So zialdemokr atie, sondern gegen die

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Dezember

* Die heutige Sitzung des Reichstags fand einen vorzeitigen Abschluß. Auf der Tagesordnung stand die erste Lesung der Umsturzvorlage. Der -Staats- Sekretär des Reichsjustizamts N i e b e r d i u g begründete dieselbe in nahezu 1 k stündiger Rede. Nachdem er geendet, beantragte der Sozialdemokrat S in ger Ver­tagung und bezweifelte gleichzeitig die Beschlußfähigkeit des Hauses. Abg. Freiherr v. Manteuffel (kons.) widersprach dem Vertagungsantrage. Der Antrag wäre auch sicher gefallen, wenn das Haus beschluß­fähig gewesen wäre. Die Auszählung ergab aber nur die Anwesenheit von 159 Abgeordneten. Und da die Sozialdemokraten erklärten, in jeder Sitzung vor Weih­nachten ebenso zu verfahren, so blieb dem Präsidenten v. Levetzow nichts anderes übrig, als die Weih­nachtsserien eintreten zu lassen. Er setzte die nächste Sitzung auf den 8. Januar k. I. an mit bem Aus­drucke des Bedauerns, in der Ausübung seiner Amts- vsticht, die Arbeiten des Hauses zu fördern durch den Vertagungsantrag und die Beschlußunfähigkeit des Hauses behindert zu sein und Mit dem Wunsche auf forgniß spottet." Hierauf verabschiedete sich die junge Dame. Als die beiden Freunde allein waren, sahen sie sich betroffen an, dann sagte Kurt ernst:

Das ist eine fatale Geschichte, das Gesicht des jungen Richter hat mir gleich schlecht gefallen; er war in meinen Augen ein erbärmlicher Schurke!

Saarfeld nickte.

.Der alte Herr soll sehr reich sein, so erzählte mtr Lester; jedenfalls hatte sich Neffe und Nichte schon auf die Erbschaft gefreut und sind deshalb erzürnt auf die Pflegetochter. Wenn wir nur helfen könnten! An gutem Willen soll's gewiß nicht fehlen."

„Wir müssen scharf beobachten, was m Wald­brunnen vocheht," sagte Kurt ernst. „Es darf nicht gesagt werden, daß eine junge Dame freund- und fchutz- los gewesen ist, wenn deutsche Männer m der Nahe

lieber, alter Freund, ich bin ebenso gerne bereit, die junge Dame unter meinen Schutz zu nehmen, wie Du," wandte Saarfeld em, „aber scharf beob­achten, was auf einer mehrere Meilen wett entfernten *e'^DurchauÄ^nicht, gurt; im G-g-utß-st. ich sahst inniges Mitleid mit ihr. nur weiß ich nicht, inwiefern wir ihr helfen können. Ich wünschte, daß eme meiner

FuldaerWZkttiilig

mit Anterhaltuugs-Keilage »Ztrrne und Klume» .__

[] Die Ahristblume.

Erzählung von C. Borges.

(4. Fortsetzung.)

„Wie lange ist Fräulein Richter schon in Wald- fmtnncn,u rourf ^urt ein.

etwa seit einem Jahr. Frau Richter war vor ihrem Ende lange krank, Vally war kaum sechzehn Jahre alt, da glaubte ihr Pflegevater, die Sorge und die Vileae um die Kranke würde meiner Schwester zu v!el werden, und er gab dm Bitten Michaels nach, und ließ auch Marcha Richter kon.rnen. Aber so herzens­gut Vally auch ist, hat sie doch ein reizbares, heftiges Temperament, und das hat sie den beiden, die ihr wenig sympathisch sind, oft genug gezeigt. - So lauge Herr Richter lebt, fürchte ich nichts, aber nach fernem Ableben werden die Geschwister das arme Kind tyrannl- fireir — Wollen Sie dafür sorgen, daß sie später sicher nach Calisornien geleitet wird? Mein Vater ist so gut; er wird Vally aufnehmen, wie er mich auf- 9enDI^enn|a weiter nichts ist?" rief Saarfeld sichtlich erleichtert, „das Versprechen gebe ich Ihnen gern! — Sagen Sie Ihrer Schwester, daß sie sofort einen Boten ru uns sendet, wenn irgend etwas m Waldbrnnnm nicht in Ordnung ist. Wir werden daun sorgen, daß sie sicher nach Calisornien reisen kann."