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21. Jahrgang

Sonntag, den 16. Dezember 1894.

9M 288

uld im M Zeitung

mit U«trrhalt»«g»-Keilage „Sterne und Klumrn". _________

r • I f-nna --»> — Bierteljsbrücher Abonuementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Rark 50 Pfennig.

@Tton”t 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zweites Blatt.

[] Are GHrrstMume.

Erzählung von C. Borges.

(2. Fortsetzung.)

„Morgen werben wir in Vancouver landen," sagte er deshalb seufzend, und blickte sinnend in das unend­liche Meer, welches der prächtige Dampfer pfeilschnell durchschnitt. „Es ist für mich eine unangenehme Reise gewesen: Du hast es so gut verstanden, meine Sorgen zu verscheuchen, daß ich Dich in Zukunft recht ver- misfen werde."

Kurt lächelte überlegen.

„Du wirst mich sobald noch nicht los," beharrte er; ",ich bin fest entschlossen, mit Dir nach Saratonka zu gehen, wo Du den Grund zu Deinem zukünftigen Glück legen willst, Du wirst doch hoffentlich so gast­frei sein, und mir für eine Nacht Obdach gewähren? Bedenke, Horst, würden Deine Eltern nicht eine große Freude haben, wenn ich ihnen bei meiner Rückkehr nach Europa eine ganz genaue Schilderung der Gegend und Deiner neuen Thäügkeit geben könnte?"

Doch Saarfeld wollte fo leicht nicht einwilligen; er hielt es für seine Pflicht, seinen verwöhnten Freund mit allen Schattenseiten der dortigen Verhältnisse ver­traut zu machen.

„Es wird Dir bei mir kein behagliches, bequemes Leben geboten werden," wandte er deshalb ein, „und an Luxus ist erst gar nicht zu denken. Der jetzige Besitzer, ein Engländer, Lester mit Namen, hatte dort vier Wochen seinen Bruder bei sich, der uns selbst erzählte, daß das Haus so schlecht und leicht gebaut sei, daß man nicht allein jedes Wort im Nebenzimmer gesprochen verstehen könne, sondern daß man auch bei heftigem Regen unter einem Regenschirm sitzen muß. Jedoch das Land soll sehr fruchtbar, die Luft erfrischend und gesund sein; deshalb entschlossen wir uns, die Besitzung anzukaufen."

„Warum verkauft Herr Lester sein Gut?"

„Sein ältester Sohn ist gestorben, da ist den Eltern die Gegend leid geworden, so erzählte man uns. Jedoch har er noch einen andern, triftigeren Grund. Er be­absichtigt, sich in Kalifornien anzukaufen, wo er für die Erziehung und Bildung seiner Kinder besser sorgen kann, als dort in der Einöde. Er hat versprochen, mit seiner Familie noch acht bis zehn Tage nach meiner Ankunft zu bleiben, um mir dadurch die Uebernahme zu erleichtern."

Na, dann mußt Du schon einwilligen, mrch em paar' Tage zu beherbergen, und wenn Du wirklich so eigensinnig bist und meine Dienste nicht annehmen willst, so ziehe ich mit Lester's nach Kalifornien."

Wirst Du denn wirklich ein einsames Leben und vielleicht höchst einfache Mahlzeiten ertragen können?"

Beides werde ich mit der größten philosophischen Ruhe hinnehmen! Ja, noch mehr, Du wirst erst ein­sehen lernen, wie unschätzbar meine Dienste sind. Weißt Du denn nicht mehr, daß ich auf dem Gymnasium, wenn wir des Abends zusammen in meiner Wohnung waren, immer der beste Koch war? Jetzt kann ich vielleicht meine Kunst bei Dir vervollkommnen; es ist mir das eine viel angenehmere Abwechselung, als Bälle, Theater und Konzerte zu besuchen, wozu ich in der Heimath gezwungen wurde."

Saarfelb lächelte, dann streckte er seinem Freunde die Hand entgegen. ,

„Schlag' ein, Kurt, Du gehst mit nach Saratonka, ich will mich nicht länger widersetzen. Aber ach, was wird Deine Mutter zu Deinem Vorhaben sagen?"

„Nickis — gar nichts," versicherte Kurt nnt ko­mischem Ernst. „Das Entsetzen über die Schilderung meines neuen Lebens wird sie vollständig sprachlos machen. Ja, sie wird so starr sein, daß nicht einmal der Gedanke an die lange Reihe der Ahnen ihr im Augenblick die Sprache wiedergeben wird."

„Wie gut, daß der Gedanke an meine Ahnen mich nicht' in meiner Arbeit beeinträchtigt," scherzte Horst.

„Und ich werde mich bemühen, den meinen in der neuen Welt Ehre zu machen. Um aber unserm stolzen Namen in den Augen meiner Eltern und der vorur- theilsvollen Welt keine Schande zu machen, will ich denselben von dieser Stunde an ablegen und als ein­facher Kurt Waldau meinen Fuß auf den neuen Erd-

theil setzen. Vergiß es also nicht, alter Freund, ich heiße einfach: „Kurt Waldau."

Endlich war das Ziel der Reise erreicht. Reges Leben herrschte im Hafen und auf der Rhede von Vancouver, als der stattliche Dampfer nach langer Fahrt landete. Noch keuchte und ächzte die Maschine, noch knarrten die Räder, welche die schweren Anker in die Tiefe bohrten — doch jetzt erscholl em kurzes Befehlswort des Kapitäns von der Kommandobrücke herab, und schnell lag das Schiff festgeankert an der amerikanischen Küste.

Arm in Arm betraten die beiden Freunde das Festland, und jetzt erst merkten sie, welche Hindernisse noch zu überwinden waren, bis sie Saratonka er­reichten. Es war vom Hafen bis dorthin mindestens eine Entfernung von drei Tagereisen in das Innere des öden, wüsten Landes, und an geebnete Wege oder an eine regelmäßige Verbindung von einer Ortschaft bis zur anderen war nicht zu denken. Doch Kurt verlor den Muth nicht so leicht. Durch heiteres Ge­plauder und Scherz suchte er die mühsamsten Fuß­touren oder das unerträgliche Fahren auf hohen zwei- räderigen Karren zu erleichtern und am dritten Tage langten die Reisenden wirklich glücklich, aber bis zum Tode ermattet in Saratonka an, wo Herr Lester mit einem bequemen Wagen ihrer wartete.

Ein Blick in das durchfurchte, wettergebräunte Antlitz sprach deutlicher von den Mühen und Strapazen des dortigen Lebens, als Worte es vermocht hätten. Herr Lester stand kaum in der Mitte der Vierziger; vor etwa 12 Jahren hatte er als ein rüstiger, kräftiger Mann das neue Unternehmen in der Wüstenei m voller Thatkraft begonnen, und seiner Hände Fleiß verdankte er den jetzigen Wohlstand der blühenden Besitzung. Doch zwölf Jahre angestrengter Arbeit waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Die hohe, kräftige Gestalt war jetzt leicht gebeugt, zahl­reiche Silberfäden durchzogen das üppige Haar und das Auge fchaute nicht mehr so energisch tn die Zu­kunft. Das einförmige Landleben, wo er thatsächlich an den engen Verkehr des Familienkreises und der ziemlich bedeutenden Anzahl von Knechten und Mägden angewiesen war, hatten den srüher so redseligen Mann wortkarg und einsilbig gemacht, der alles Interesse an der Außenwelt verloren zu haben schien.

„Freut mich, daß Sie gekommen sind!" rief er Saarfeld entgegen und schüttelte kräftig die dargereichte Rechte, „und es ist gut, daß Sie sich einen Gefährten mitgebracht haben, der Ihre Einsamkeit theilt; denn wie ich höre, sindSie noch unverheirathet; ist es so?"

„Ja, an Heirath denke ich noch lange nicht, ebenso wie hier mein Verwalter, Herr Waldau. Wenn uns das Leben zusagt und unsere Mühe lohnend ist, so werden meine Eltern und Geschwister bald nachkommen."

Sie dürfen die Arbeit nicht scheuen, ebenso wenig Ihr "Verwalter," lächelte Lester und reichte auch Kurt die Hand. „Wenn Sie hier einige Jahre fleißig gearbeitet haben, können Sie leicht ein hinreichendes Sümmchen ersparen, um sich auch hier anzukaufen, ermunterte er ihn. m rr,

O, wenn Kurt's Eltern diesen Vorschlag gehört hätten, so würde der Schreck über die Zumuthung sie vollständig gelähmt haben; doch Lester schien auch keine Antwort zu erwarten, er hatte bereits die Zügel m die Hand genommen und winkte den Beiden, einzusteigen.

Nach mehr als zweistündiger Fahrt langten sie auf dem Gutshofe an. Die Dämmerung, war bereits em- gebrochen, aber die Luft war noch immer warm und mild, so daß Frau Lester mit ihren vier Kindern im Freien der Rückkehr ihres Gatten harrte.

„Ist das Abendessen fertig?" fragte der Hausherr, als die erste Begrüßung vorüber war, „ich verfpüre einen gewaltigen Appetit und nnfere jungen Freunde nicht minder. Doch wo ist Laura?" fügte er besorgt hinzu, sich in dem kleinen Kreise umschauend.

„Vally kam herüber," erklärte die Mutter, „da wollten die beiden noch einen Spazierritt machen, sie werden gleich hier sein."

Hätten die vier Kleinen während der Abendmahl­zeit nicht munter gelacht und geplaudert, so wäre das Mahl gewiß schweigend und einsilbig eingenommen worden; doch die Kinder hatten dem Vater so viel zu erzählen, daß dieser bald ungeduldig fragte, warum Laura immer noch nicht hier sei, um die Kleinen in Ordnung zu halten.

Vermischtes.

* Die Bezeichnung „Fuchs," welche ältere Studenten den jüngeren im ersten Jahre ihres Aufenthalts auf Universitäten geben, wodurch sie in früheren Zeilen oft Gelegenheiten zu Raufereien und anderem Unheil herbe,führten, soll sich auf die Furchtsamkeit und Schüchternheit des Threres beziehm, dessen Namen man auf den jungen Studenten übertrug. Tag diefe akademische Benennung sehr alt, erhellt aus dem „fatndjen Gesetz - der im 5. Jahrhundert veranstalteten Sammlung von Rechts- aewohnheiten des deutschen Volksstammes der Salier, der ältesten Sammlung deutscher Gesetze, — wo es heißt : „Si qms alteium vulpeculam clamaverit 120 denartis culpabilo mdicetur. Wenu Jemand einen Füchslein schimpft, wird er mit Erlegung von 120 Denaren als Strafe angesehen.

* Das größte Dorf Schlesiens ist bekanntlich nach dem Erqebniß der letzten allgemeinen Volkszählung Zaborze. Das- selbe ist noch in beständigem schnellen Wachsthum begrchen und zählt nach der letzten Personenstands-Aufnahme insgesammt 21,288 Seelen, das sind gegen das Vorjahr lOot mehr.

„Sie wünschte mit der Schwester allein zu fein," entschuldigte Frau Lester das junge Mädchen, „Du weißt, da wir in der nächsten Woche hier sortziehen, wie sie schon jetzt die Trennung schmerzlich genug fühlen."

Die beiden Freunde sahen betroffen auf; sie wußten nicht, daß Herr Lester eine erwachsene Tochter hatte; doch ehe sie danach fragen konnten, wurde die Thür geöffnet, und ein junges Mädchen, von kaum achtzehn Jahren, in tadellosem Reitanzuge, trat ein. Sie war eine Blondine von seltener Schönheit. Das feine Ge­sichtchen war von dem langen Ritt leicht geröthet, das volle lockige Haar hatte sich gelöst und siel in schweren Flechten auf die Schultern herab, die lachenden blauen Augen strahlten im Hellen Glanz, als die Kleinen von ihren Sitzen aufsprangen und sie stürmisch an den Tisch und in ihre Mitte zogen. Sie machte den Eindruck einer vornehmen, deutschen Aristokratin, nicht den einer geborenen Amerikanerin. Jedoch, welche Stellung sw auch in der Familie einnahm, sie war augenscheinlich der auserkorene Liebling. Frau Lester's sorgenvolles, trübes Antlitz erhellte sich bei ihrem Anblick, selbst über des Haushern Züge glitt ein Lächeln tote flüchtiger Sonnenschein. ~.

„Warum hast Du Deine Schwester nicht mit hereingebracht?" fragte er.

Sie wollte nicht, Vater. In emer halben Stunde geht" der Mond auf, und sie reite gern im Mond­schein."

Frau Lester schüttelte ihr Haupt.

„Valeska ist nicht stark; sie hat sich heute schon zu viel zugemuihet, und jetzt noch einen Ritt von mindestens vier Stunden zu machen, geht über ihre Kräfte", mahnte sie.

Laura sah bestürzt auf, doch bald erhellten sich ihre Rüge.

Vally reitet so gern, und Diana ist ein so treues Thier, das jeden Schritt und Tritt im Walde kennt," beruhigte sie.

Laura und Frau Lester brachten die Klemen zur Ruhe, die drei Männer blieben allein.

Ich werde mich freuen, wenn wir hier fort sind, begann Herr Lester, „meine Frau zählt die Tage bis zu unserer Abreise; aber für unsere Laura wird ine Trennung schwer werden."

„Ist Sie Ihre Tochter?" fragte Saarfeld, der ganz überrascht über die feinen, graziösen Bewegungen des jungen Mädchens war.

„Gott bewahre! Mein guter Knabe, der vor sechs Monaten starb, war mein ältestes Kind, und er war noch nicht zwölf Jahre alt. Laura gehört aber ganz zu uns obgleich sie gar nicht mit uns verwandt ist.

„Vielleicht das Kind eines Freundes?" wandte Kurt ein, der wohl merkte, daß der alte Mann gern erzählen wollte.

„Nein, das ist's auch nicht, aber ich will Ihnen die Geschichte erzählen; denn wenn Sie sich hier nieder- lassen werden Sie mit Valeska zusammentreffen, und es ist' besser, Sie hören die Geschichte von mir, als von Fremden. Sie ist sonderbar genug und kommt häufiger in Romanen, als in Wirklichkeit vor."

Die Geschichte der beiden Schwestern war wirklich kurz, traurig, aber romantisch und erweckte das größte Interesse der beiden Freunde und den Wunsch, die beiden Damen näher kennen zu lernen.

(Fortfetzung folgt.)