I
I i i
M 288
Sonntag, den 16. Dezember 1894. 21. Jahrgang
uldaerW Zeitung
Drittes Blatt.
17
20
16
11
20
21
51
45
85
100
104
30
32
1900
10
74
Brode,
Liter Milch,
Portionen Suppe,
Pfund Karioffeln,
„ Hülsenfrüchte, bestehend aus Erbsen, Reis, Linsen und Bohnen,
Centner Briquetls,
Körbe Holz,
Stück Torf,
daß Nikolaus II. wie sein Vater die französische Freundschaft zu pflegen gewillt sei, glauben die Engländer zu ihren eigenen Gunsten deuten zu dürfen. Und um allen diesen „triftigen" Gründen die Krone aufzusetzen, verweisen sie darauf, daß in der Thronrede des deutschen Kaisers kein Wort von seinem Verhältniß zu dem ungen Zaren gestanden hat! Sie vergessen ganz, daß sie einfachste politische Klugheit ebenso wie die Würde Deutschlands eine hoffnungsvolle Beziehung auf den jungen Zaren in der deutschen Thronrede verbieten mußte. Jedes freundliche Wort wäre nur zu leicht als eine Umschmeichelung des jungen Herrschers mißdeutet worden. Die Engländer freilich scheinen dafür kein Verständniß mehr zu besitzen; sie schweifwedeln etzt vor dem Selbstherrscher aller Reußen mit den Franzosen um die Wette.
Die Konkurrenz besteht aber nur zwischen England und Frankreich, und nur Frankreich hätte Grund, sich wegen eines englisch-russischen Einverständnisses beunruhigt zu fühlen. Deutschland will den Frieden, und dieser kann nur gewinnen, wenn sich England und Rußland vertragen und dadurch manchen Zündstoff aus der Welt schaffen. Wir zweifeln aber sehr daran, daß die Freundschaft wirklich so dick wird, wie die Engländer zu hoffen scheinen. Jedenfalls müßten diese die Kosten tragen — oder kann Jemand im Ernste glauben, daß Rußland den Engländern zuliebe auch nur das Geringste von seinen weitausschauenden Plänen in Asien aufzugeben bereit wäre? Nikolaus II. ist doch nun einmal Russe und kein Engländer!
* Dem Aechenschaftsöerichte des Glisaöetsien- Wereins zu Weimar für das Jahr 1893 94, welcher dieser Tage dem bischöflichen Kommissar übersandt wurde, entnehmen wir folgende erfreuliche Data:
dem'Berein möglich, 21 Familien in 181 Fallen zu unterstützen. Die Gaben bestanden aus Folgendem:
Pfund Fleisch, Ma k 36 Pfg. Baarunterstützungen.
Ferner für Kranke:
13 Flaschen Wein,
5 Pfund Fleisch,
6 „ Kakao,
11 „ Zucker.
Doch es würde zu weit führen, wollten wir die Personen und Gaben einzeln aufführen; wir begnügen uns daher mit dem Gesagten und stellen Dem, der nähere Einsicht zu nehmen wün'cht, unser Ausgabe-Buch gern zur Verfügung. Die Gesammt-Ausgaben des Vereins während des letzten Jahres beziffern sich auf 360 Mark 35 Pfg., denen eine Einnahme von 508 Mk. 93 Pfg. qeqenübersteht. Demnach verbleibt ein gegenwärtiger Baarbestand von 148 Mk. 58 Pfg. . .
Zum Schluffe möchten nur noch tm Namen der Armen und Unterstützten den edlen Gebern für ihre so zahlreichen Spenden herzlichst danken und ihnen ein inniges „Vergelt's Gott!" zurufen. Möchten sie auch ferner nicht ermüden, mitzuhelfen, dre große Noth zu lindern, die immer weitere Voikskreise zu ergreifen droht Das edle Beispiel der Schutzpatronin des Vereins, nach der er sich den Namen gegeben hat, leuchte uns voran; möchten daher auch Diejenigen, die dem Vereine ihren Verstand geliehen haben, eingedenk sein des schönen Spruches, daß G.ben seliger sei als Nehmen und Almosengeben nicht arm macht.
mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Kinmen"
„ Pulswärmer,
__ Frauen- und Mädchenkleider, 9 diverse Beinkleider, 4 Mäntel, 24 Paar neue und 20 Paar getragene Strümpfe, 10 Anzüge für Männer und Knaben, 2 Müsse, 13 Kragen und Kapuzen,
Bei Abschluß der Bereinskasse im Vorjahre ergab sich laut Rechenschaftsbericht ein Kassenbestand von 197 M. 87 Pf und wurde diesem im Lause des Jahres, theils von den Kassirerinnen, theils von den Wohlthätern selbst, an Beiträgen 311 M. 6 Pf. zugeführt so daß bis heute im Ganzen die Summe von 508 M. gg Pf verfügbar wurde. Diese Gelder praktisch und zweckmäßig zu verwenden und au die Hilfsbedürftigen zu vertheilen, war die Aufgabe der Vorsteherin sowie derjenigen Mitglieder, dre von Zeit zu Zeit mit ihr zur Berathung zusammentraten, um die fernere Thätlgkeit des Vereins zu besprechen und die wirklichen Hilfsbedürftigen aus denen herauszusuchen, die sich oft in großer Anzahl um Unterstützung an den Verein wandten. Um den strahlenden Schimmer des Weihnachtsbaumes auch tn die ärmeren Familien dringen zu lassen, versammelte der Berem eine große Anzahl Knaben und Mädchen im Tivolisaale, um ihnen und zum Theil auch ihren Angehörigen eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Die Festlichkeit wurde ähnlich wie im Vorjahr durch Weihnachtsspiele, Deklamation und Gesang vor emem zahlreich erschienenen Publikum eingeleitet und durch die Christ- bescheerung, welche in Folge der vielen Geschenke sehr reichhaltig war, geschlossen. Es kamen bei dieser schönen und erhabenen Feier zur Vertheilung:
zum Theil neue und getragene Frauen-u. MadchenMen, Hüte und Mützen für Knaben und Mädchen, Paar Handschuhe,
„ Schuhe,
Vermischtes.
* Die Zahl der besteuerten Hunde in Berlin belief sich im Jahre 11-93/94 auf 23,473, ist also gegen das Vorjahr wo sie noch 25 689 betrug, um 2166 zurückgegangen. Trotzdem hat die Hundesteuer 494,789 M. ergeben und den Voranschlag um 23 122 M. überschritten, weil die seit 1. Okt. 1892 von 9 aus 20 Mk jährlich erhöhte Hundesteuer im Jahre 1893/91 zum ersten Mal zur Erhebung kam. Außerdem waren 4604 Frel- hunde vorhanden, darunter u. a. 2511 Ziehhunde, 1786 Ketten- °bCr ^Mustk'in Kilogrammen. Die physische Arbeit der Klavier- spieler ist nun auch Gegenstand wissenschaftlicher Berechnung geworden. Das gehauchteste Pianissimo erfordert für jede Taste euren Druck von 110 Gramm, das stärkste Fortissimo einen solchen von 3 Kilogrammen. In Chopins berühmt m Trauermarsch grebt cs Takte die in 1'/- Minuten einen Kraftaufwand von 384 Kilogramm erfordern, und künftig wird man auch bei ästheti- schen Thees sagen können: „Ich habe dre Stärke von 387o Kilogramm ausgehalten; ich habe genug!"
* Schweigsamkeit. Einem Arzt rn alter Zeit war es sehr zuwider wenn seine Kranken ihm mit einem Wortschwalle ihr Leiden beschrieben. Eine Dame, die dies wußte, kam einmal zu ihm und zeigte ihm schweigend den verletzten Finger. Er verband ihn, ohne ein Wort zu sprechen. Sie legte das Honorar auf den Tisch und ging still fort. Nach einigen Tagen kam sie wieder und hielt ihm schweigend den Finger hm Er besah ihn und fragte dann: „Besser?" Sie erwiderte: Besser! Endlich kam sie und zeigte ihm schweigend den geheilten Finger Er fragte : „Heil?" Sie erwiderte: „H rl!" Darauf erwiderte der Arzt entzückt: „Auf mein Wort, Madame, Sie sind die vernünftigste Frau, die mir bis jetzt vorgekommen ist.
* Auch ein Beruf. Herr: „Mir scheint, Ihr Sohn besucht alle Semester eine andere Universität?" - Brauereidirektor: Das bringt das Geschäft 'mal so mit sich!" - Herr: „Was studirt er denn?" — Brauereidirektor: „Stuturen? Gar nichts. Er führt nur unser Bier ein!"
* Der erste Patient. A.: „Wer ist denn der Herr dort, der so selbstbewußt einhergeht?" — B.: „Das ist der lunge Thierarzt der sich vor zwei Monaten hier niedergelassen hat. Gestern ist er zu einem kranken Kanarienvogel gerufen worden, und nun hat er den Größenwahn."
* Falsche Deutung. Höhere Tochter (auf dem Lande einer Viehheerde begegnend): „Weshalb schaut mich denn der Ochs da so wüthend an?" Viehmagd: „Das macht Ihr rother Sonnen- chirm Fräulein!" Höhere Tochter (verlegen erröthend): „Nun ja, er'ist wohl nicht mehr so ganz modern, aber woher kann denn der Ochs das wissen?" _______________
Literarisches.
8 Als einen lieben guten Bekannten begrüßen wir den Kneipp - Kalcknder, dessen 5. Jahrgang soeben im Verlage der I o s K ö s e l' scheu Buchhandlung (Preis 50 P g.) erschienen i . Interessant und originell wie der weltbekannte, Pfarrer selbst, sind auch seine Bücher, und dies gilt auch von seinem Kalende r, der Heuer seinen 5. Rundgang antritt und gewiß von den Tausenden und Abertausenden der Anhänger und Freunde des menschenfreundlichen Prälaten ebenso freundlich aufgenommen wird wie feine Vorgänger, um fo mehr, als sich dann eine am ziehende ausführliche Schilderung der von Kneipp in diesem Frühjahre unternommenen Romreise und eine auihenttiche Dar- stelluna seiner Audienz bei dem hl. Vater und seiner Heilthatig- keit^der ewigen Stadt befindet. Daneben enthalt der Kalender wie alljährlich eine Reihe anderer fehr lesens- und beachtens- werther Aufsätze über die Kneipp'sche Wasser-, und Naturheil- Methode, deren Aufzählung hier jedoch zu wett fuhren würde. Wir können den Kneipp - Kalender, der sich auch äußerlich tn hübschem Gewände präsentirk, nur aus's Beste empfehlen.
(!) Englische Zukunftsmusik.
In Albion hat das A und O der politischen Weisheit von jeher darin bestanden, sich durch andere Völker die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, ohne selbst aber als Entgelt größere Verbindlichkeiten zu übernehmen. Andere auseinander zu Hetzen, um dann im Trüben zu fischen und beim Friedensschluß von der Beute nicht das schlechteste Stück sür sich zu erjagen, das hat John Bull stets meisterlich verstanden. So ging es nach der Niederwerfung Napoleon's L, so auch im Berliner Frieden, der den russisch-türkischen Krieg abschloß. Inzwischen aber haben sich die Verhältnisse in Europa stark verändert. Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien haben sich zum Dreibund vereinigt, Rußland und Frankreich enger aneinandergeschlossen, und so sah England sich vereinsamt und außer Staude, aus der Verworrenheit der festländischen Verhältnisse für sich Gewinn zu schlagen. Der europäische Friede war, wenn auch unter schweren Opfern, einerseits durch den friedlichen Zweck des Dreibundes, andererseits durch den Abscheu Alexander s III. vor einem europäischen Kriege gesichert, Englands Maklerdienste waren nirgendwo von Nöthen. England seinerseits sah sich, infolge des Gegensatzes seiner Interessen zu denjenigen Frankreichs und Rußlands, gezwungen, eine Anlehnung an den Dreibund zu suchen ; dieser jedoch verhielt sich, da er auch ohne England auskommen konnte, ziemlich kühl und war jedenfalls nicht zu bewegen, die englischen Bestrebungen irgendwie thatkräftig zu unterstützen.
Dieser Zustand gefährdete Englands Machtstellung von Tag zu Tag mehr. Es holte sich diplomatische Niederlagen in Persien, wo der russische Einfluß den englischen verdrängte, in Siam, wo es vor Frankreich zurückweichen mußte, in Marokko, wo die englischen Gesandtschaften nichts auszurichten vermochten, tu Ost- asien und an der portugiesischen Delagoabai tn -Dud- aftika, wo beide Male durch Deutschlands Haltung aus der englischen Einmischung nichts wurde. Dazu kam, daß der jüngste Afrikavertrag zwischen England und dem Kongostaat wiederum infolge des deutschen Widerspruchs' in den wichtigsten Punkten rückgängig gemacht werden mußte, so daß gerade England dabei um die Frucht des Vertrages, die Verbindung zwt chen seinen süd- und mittelafrikanischen Kolonien, zwischen dem Kap und Uganda geprellt wurde
Es ist kein Wunder, daß sich aus diesen Vorgängen namentlich gegen Deutschland eine starke Mißstimmung der Engländer entwickelte. Zunächst suchten die englischen Zeitungen Deutschland dadurch einzu- schüchtern, daß sie den Fortbestand des Dreibundes als gefährdet hinstellten und sich in dunklen Prophezeiungen ergingen, Deutschland werde demnächst unter allen Mächten gänzlich vereinsamt dastehen. Es zeigte sich bald daß die Londoner Blätter hiermit tut Emver- ständniß mit dem britischen Auswärtigen Amte vor- qingen. Lord Rosebery, der auch als Ministerpräsident noch die auswärtigen Angelegenheiten so gut wie allein leitet, sprach in einer vielbemerkten Rede zuerst das zuversichtliche Wort von dem herzlichen Einvernehmen Englands mit Rußland. wurde daun bekannt, daß sich diese Versicherung hauptsächlich auf das Gelingen eines freilich nm vorläufigen Abkommens über das englische und russische Etnfluß- qebiet auf dem Hochland von Pamir, an Indiens Nordgrenze, stützte. Inzwischen hat nun Nikolaus . den russischen Thron bestiegen, und dieser junge Fürst wird, wenigstens jenseits des Kanals, als ent warmer Freund der Engländer betrachtet. Worauf begründet sich diese Auffassung? . .
Zunächst weisen die Engländer auf bas» innige Verhältniß hin, das zwifchen dem Zaren und seinem Oheim dem Prinzen von Wales, und dessen Sohn, dem Herzog von York, bestehe. Dann wird viel von der „englischen" Gemahlin des Zaren erhofft; die Herren Briten sind nämlich so frei, die vormaitge Prinzessin Alix von Hessen als eine englische Prinzessin zu bezeichnen, weil ihre Mutter eine Tochter der Königin von England war. Drittens wird ohne jeden ersichtlichen Grund behauptet, daß die Erziehung Nikolaus II. eine „englische" gewesen sei. Auch die Nervosität der Franzosen, welche nicht ganz sicher sind,
5 neue Kuabeuauzüge,
9 Schürzen, 8 Halstücher, 10 Kravatteu,
6 Paar neue Schuhe uud einige Meter Kattun.
Außer dieser, den Werthbetrag der vorjährigen um 100 Mk. übersteigenden Befcheerung wurden dicKinder noch mit allerhand kleineren Gefchenken bedacht und konnte man es ihren freudigen Gesichtern ableseu, daß dieser Abend ein wirklicher Wechnachts- abend sür sie geworden war. Ferner wurde im Laufe des Jahres eine arme kranke Frau monatelang unterstützt und bis zu ihrem Tode war sie stets voller Dankbarkeit für ihre Wohlthäter erfüllt. Ihre Rede war sttts: „Ich kann für dieselben weiter nichts thun, als für sie beten." Einem armen katholischen Soldaten, welcher seit Monaten im hiesigen Krankenhause lag und auch da gestorben ist, voll Sehnsucht nach seiner Heimath, dem fernen Eyaß, hat der Verein nach Kräften beigestanden. Für ein armes polnisches Dienstmädchen, welches hier gestorben u-ar und, weil mittellos, nach Jena geschafft werden sollte, wurde vom Verein die Hälfte der Begräbnißkosten gezahlt. An arme Schulkinder wurden tm Laufe des Winters 85 Portionen Suppe in der hiesigen Suppen- anftalt auf Kosten des Vereins verabreicht. Für die Bekleidung von 2 Erstkommunikanten wurden wieder je 10 Maik bewilligt. Ferner wurden für atme Schulkinde: Schreibutensilien und für 4 Mädchen zur Erlernung des Weißnähens 10 Meter Leiuewand bezahlt, außeidem wurden mehrere Schulkinder im Laufe des Jahres mit neuem Schuhweik bedacht. Dem Gesuch eines mittellosen Handwerkers um Bewilligung eines Darlehens in der Höhe von 9 Mark zur Selbstbeschaffung von Werkzeug wurde Folge gegeben außerdem wurden verschiedenen Bedürftigen Beitrage zur Zahlung der Miethe und Umzugskosten gewährt. Es war
(Srf*»;«# tnnfirfi Smit, „nd Äeiertaae ausaenommen — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. ®rtoe'nt WenM®Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.