bracht, im Alkohol schwieg Gewissen und Erinnerung. Im Hospitale starben beide.
Marcial erwarb zum zweiten Male die Gruben von St. Toribio und wieder war der alte Gonsalo auf seinem Platze. Sie hatten viel zu thun, den Schaden zu überwinden, der unter Pablo's falscher Direktion entstanden; dann aber waren die Hoffnungen realisirt und Marcial's Erwartungen gekrönt. Im Kloster verrichtete er manches glühende Dankgebet; sein Glaube erkaltete nicht wieder.
Zukunft eines tüchtigen Beamten untergrabe, sowie eine große industrielle Gesellschaft, die viele Familien ernähre, als Betrüger hinstelle, während die Betrüger in den Reihen der Repräsentanten für Ordnung und Sicherheit zu finden seien. Was wird das Ausland zu solchen Schwindeleien sagen? Wo bleibt das Vertrauen? die Basis der Industrie?" Don Luis hatte nie schöner gesprochen. Marcial war frei. — Man beglückwünschte den Rechtsgelehrten, man hoffte ihn wieder zu gewinnen, aber wie eine Schnecke zog er sich in sein grünes Gehäuse zurück und sprach die Hoffnung aus, niemals wieder erscheinen zu müssen
Das ganze Städtchen nahm Antheil an der Freude im alten Palaste, Pablo ausgenommen. Er hatte seine Rolle ausgespielt; die Gesellschaft hatte ihn entlassen. Er war der Wuth und Rache der beiden Dörfer, die er in einen so kostspieligen Prozeß verwickelt hatte, verfallen. Was blieb ihm? — er war fast verarmt, was konnte er noch hoffen? Er sehnte sich, Don Juan zu finden. „Der wollte mich lehren zu vergessen, zu genießen. Noch habe ich Geld, und so lange bin ich ihm willkommen."
Die rächende Nemesis führte sie zusammen. Nach einigen Monaten tollen Jubelns war Alles durchge
Wangen und leuchtenden Augen sich dem frohen Spiel ihrer glücklichen Kindcrzeil Hingaben.
Der Besitzer des Schlosses, Freiherr von Höchstem, hatte, seiner Lieblingsneigung folgend, als flotter Kavallerie-Offizier seinem kaiserlichen Herrn die besten Jahre seines Lebens gewidmet. Die vielfachen größeren oder kleineren Sorgen des Erdenlebens waren ihm fremd geblieben, das Füllhorn des Glückes schien im vollen Maße über sein Haus und seine Familie ausgeschüttet und dennoch lagerte oft ein? Schatten weh- müthiger Trauer über seiner hohen Denkerstirn. — Sein größter Wunsch, einen Sohn und Erben als Nachfolger für seine bedeutenden Besitzungen aufwachsen zu sehen, war ihm nicht erfüllt.
Doch endlich! Das nächste frohe Familien-Ereig- niß war die Ankunft des lang ersehnten Erben! Der überglückliche Vater quittirte seinen Militärdienst und zog sich mit seiner zahlreichen Familie auf das Erbe seiner Väter zurück, wo er als einfacher Edelmann die Bewirthschaftung seines Gutes selbst übernahm.
Kein Wunder, daß der kleine Kurt der auserkorene Liebling der ganzen Familie wurde. Er war im Gegensatz zu seinen einfachen Schwestern ein hübsches Kind mit lachenden blauen Augen, das durch übergroße Zärtlichkeit und Sorgfalt von Mutter und Geschwistern verhätschelt und verwöhnt wurde.
erörtert sodann die Noth der Landwirthe, deren Anwachsen die trübsten Aussichten für die Zukunft erwecke. Auch die Industrie leide; ihr Export nach den Silberländern sei geschwunden. Durch Wiedereinberusung der internationalen Silber - Konferenz würde sich die Reichsregierung verdient machen. Abg. Rickert (freis. Verein.) sprach sich rücksichtlich der Finanz-Politik im Sinne der Abgg. Dr. Bachem und Richter aus, forderte eine bewegliche Reichs-Einkommensteuer, bestritt, daß die Vorschläge der Rechten der Landwirthschaft nützen könnten und wandte sich schließlich gegen den staatsanwalt- schafilichen Antrag wegen strafrechtlicher Verfolgung Lieb- knecht's wegen Majestätsbeleidigung als einen Angriff in die Rechte des Hauses. Staatssekretär Graf Posa- dowsky trat für die Landwirthschaft ein, deren Förderung eine Lebensfrage sei. Die Finanzreform solle mit dazu dienen, dem Bauernstände zu helfen. Der Etat sei vorsichtig veranschlagt, um unangenehmen Ueberraschungen zu entgehen. Abg. Frhr. v. Manteuffel (kons.) wies den von Richter gegen die Agrarier erhobenen Vorwurf der Demagogie zurück; die Opposition der Rechten sei sachlich gewesen. Infolge der Handelsverträge sei die Landwirthschaft niedergegangen und wenn die Regierung keine Vorschläge zur Abhilfe bringe, werde die Rechte selbst solche einbringen und sich dabei nicht auf den Antrag Kanitz beschränken. Redner wünschte anderweite Kontingentirung der Spiritussteuer, Förderung des Zuckerexports, Viehsperre, Aenderung der Staffeltarife, Wiedereinbringung des Schulgesetzes u. s. w. und erklärte die Bereitwilligkeit seiner Freunde, die Regierung in der Finanzreform zu unterstützen. Abg. Liebknecht (Soz.) bestritt, daß das Sitzenbleiben der Sozialdemokraten bei dem Hoch auf den Kaiser eine vorbedachte Demonstration gewesen und wandte sich dann in scharfer Weise gegen die Umsturzvorlage, wobei er den Inhalt der Thronrede als Heuchelei bezeichnete und dafür vom Präsidenten zur Ordnung gerufen wurde. Die Attentäter ständen meist im Dienste der Polizei, die durch solche Mittel ihre reaktionären Pläne fördere. Das neue Umsturzgesetz sei als Schacherobjekt mit Stumm vereinbart worden. Der Kapitalismus zerstöre den Staat, die Sozialdemokratie dagegen bekämpfe den Anarchismus von unten wie von oben. Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) erwidert Liebknecht, daß er die von diesem hier wieder vorgebrachte Behauptung s. Z. als Verleumdung zurückgewiesen habe. Weiterberathung morgen.
* Das Centrum des Reichstags hat sich konstituirt und den bisherigen Vorstand wiedergewählt; ebenso die konservative Partei.
* Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei I erklärt im ,Vorwärts', daß Bebel seine Ausführungen in dem Streit mit den Münchener Genossen gemacht habe, ohne sich mit dem Vorstände ins Benehmen zu setzen; zu einer Erregung der Münchener Genossen gegen den Parteivorstand sei also kein Grund vorhanden. Bebel selbst erklärt, er wolle die Differenzen nicht vertuschen, sondern nach Schluß des Reichstages Klarheit in der Frage schaffen. (Also das Kriegsbeil wird begraben: das ist unzweifelhaft die erste Folge der Umsturzvorlage.)
* Die freie wirthschaftliche Vereinigung des Reichstags hat eine Kommission von sieben Mitgliedern zur weiteren Berathung des Antrages Kanitz eingesetzt.
* Zur Regelung des Bolksschullehrer-Besoldungs- I wesens wird der .Schlesischen Zeitung' offiziös geschrieben: „Der Kultusminister hat gelegentlich seiner jüngsten Anwesenheit in Harburg einer Deputation des dortigen Lehrervereins gegenüber darauf hingewiesen, wie die jetzt herrschende wirthschaftliche Lage nur ein langsames Vorgehen in der Richtung der gesetzlichen Regelung des Volksschullehrer-Besoldungswesens ermögliche. Thatsächlich scheint man sich nicht nur im Hinblick auf die finanzielle Lage im Staate und im Reiche, sondern auch in der Erwägung, wie wenig günstig sich zur Zeit besonders die wirthschaft-
[] Me GHristblume.
Erzählung von C. Borges.
(Nachdruck verboten.)
In einer herrlichen Gegend, in unmittelbarer Nähe einer bedeutenden norddeutschen Seestadt, stand das burgähnliche, romantisch gelegene Schloß der alten ahnen stolzen Familie derer vcn Hochstein. Hohe, uralte Platanen, die hellgrün zwischen den dunklen Tannen hervor lugten, bargen in dem weitläufigen Parke zahllose lauschige Plätzchen, die zur Ruhe und zum Träumen einluden. In den wvhlgepstegten Gängen des Gebüsches und in den Anlagen tummelte sich eine muntere Kinddrschaar — sechs kleinere Mädchen im Alter von 10 bis 2 Jahren, — die mit Hochrothen
i lichen Verhältnisse auf dem Lande darstellen, dahin entschlossen zu haben, für die noch nicht feststehende, jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach zu erwartende Regelung der Besoldungsverhältnisse, die im Uebrigen in den letzten Jahren^durchschnittlich besser geworden sind, eine günstigere Zeit in Aussicht zu nehmen. Speziell im Bauernstände der östlichen Provinzen herrscht vielfach Noth. Unter diesen Umständen könnte es eher zu weiterer Verbitterung als zur Beruhigung der Bevölkerung beitragen, wenn gerade jetzt die Besoldungs- Verhältnisse der Lehrer so generell aufgebessert würden, wie in dem betreffenden Gesetzentwurf in Aussicht ge- uommen sein soll. Dem Eingreifen der Unterrichtsverwaltung da, wo wirklich unerträgliche Zustände vorhanden find, wird damit selbstverständlich keine Schranken gezogen."
* In dem Wucherprozeß gegen Treuherz u. Gen. beantragte heute der Staatsanwalt gegen Treuherz 3 Jahre Gefängniß, 5000 M. Geldstrafe und 3 Jahre Ehrverlust, gegen Spieger 2 Jahre Gefängniß, 3000 M. Geldstrafe und 2 Jahre Ehrverlust, gegen Bruck l'/z Jahr Gefängniß, 1000 M. Geldstrafe und 2 Jahre Ehrverlust, gegen Winter und Aufrichtig je 1 Monat Gefängniß.
* 17 türkische Offiziere treten am 1. Januar 1895 in die preußische Armee ein; 13 werden aktiven Dienst thun, 4 werden sich im Militärverwaltungsdienst und in der Intendantur ausbilden.
* Die Elsaß-Lothringer haben den Antrag auf Einführung allgemeiner und direkter Wahlen mit gehet mer Abstimmung zum Landesausschusse von Elsaß- Lothringen eingebracht.
Ausland.
* Brüssel, 11. Dez. Der Herzog von Orleans, der gestern hier eingetroffen ist, wird nach mehrtägiger Berathung der Vorsitzenden der royalistischen Ausschüsse | einen Aufruf erlassen, worin er Ansprüche auf die I Krone Frankreichs erhebt. Die Sozialisten wollen in I der heutigen Kammersitzung wegen der Anwesenheit des Herzogs interpelliren.
* Paris, 10. Dez. Die Herren Freimaurer haben das Malheur gehabt, einen Prozeß zu gewinnen. Die .Croix du Jura' hatte eine Liste der Freimaurer veröffentlicht, was diesen lichtscheuen Herren nicht paßte, deßhalb Klage gegen die Zeitung. Das Gericht hat mm das Blatt zu ein paar hundert Franken Strafe verurtheilt, aber mit welcher Begründung! Jemanden Freimaurer zu heißen, sei allerdings eine Beleidigung und dazu angethan, den Betreffenden in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, u. s. w. Die Herren Logenbrüder sind außer sich vor Aerger über den — gewonnenen Prozeß!
* Paris, 12. Dez. Der Präsident der Teputirten- Kammer, Bürdeau, ist heute Früh 8 Uhr gestorben.
* Aus Petersburg wird gemeldet, daß der bisherige Botschafter in Berlin, Graf Schuwalow, voraussichtlich an Stelle Gurko's zum Generalgouverneur von Polen ernannt werden wird. Ter Botschafterposten in Berlin soll dem früheren Justizminister Grafen Pahlen zugedacht sein.
* Warschau, 11. Dez. Die städtischen Polizisten streiken, weil ein Theil derselben wegen Unregelmäßigkeiten entlassen wurde. Die Uebrigen wollten sich dies zu Nutzen machen und fingen an zu plündern, wurden jedoch von 80 Gendarmen, welche den Polizeidienst übernahmen, verhaftet.
* Warschau, 8. Dez. Ueber das Ende von Gur ko s Gewaltherrschaft schreibt man der ,Schles. Vlksztg.': Die letzten Tage der Herrschaft Gurko's endeten mit einer eklatanten Niederlage im Kampfe gegen die katholische Geistlichkeit und mit einem demüthigenden Telegramm, welches Gurko aus Petersburg vom Minister des Innern, Durnowo, erhalten hat. Das besagte Telegramm lautet: „Dem General-Adjutanten Gurko. Auf Befehl des Kaisers bitte ich Sie, sich
। in die Angelegenheiten der katholischen Geistlichkeit nicht einzumischen und derselben keinerlei Befehle zu geben. Tunowo." Tie glückliche Wendung kam also: Tos Manifest von der Thronbesteigung wurde in unseren Kuchen russisch und polnisch vorgelesen, auch der Homagialeid wurde russitch oder polnisch abgenommen. Als aber die Bevölkerung sich gegen die Einführung der russifchen Sprache in der Kirche zu widerfetzen und den Geistlichen, Bischöfen und ganz besonders dem allzu nachgiebigen Erzbiichof von Warschau, Popiel, Opposition zu machen begann, entstand eine große Verwirrung, und es kam zu verschiedenen traurigen Austritten in den Kirchen selbst, aus welchen noch den Bestimmungen des Konkordats die russische Spiache ausgeschlossen ist. Gurko benutzte die Verwirrung und versuchte durch brutalen Terrorismus auf die Geistlichen einzuwirken und erließ an die Gouverneure den Befehl, sie sollten dafür sorgen, daß das Manifest von dem Uebertritt der Kaiserin zum orthodoxen Glauben von den Kanzeln russisch vorgelesen würde. In Sochaczew betrat in Folge dessen hinter dem Ortspfarrer Sienuicki der dortige Kreisbauptmann die Kanzel (!), um das Lesen des Manifestes in russischer Sprache zu erwirken. Der Propst sagte halblaut zu ihm: „Verlassen Sie die Kanzel, sonst werde ich dem Volke die Weisung geben, Sie aus der Kirche hinauszuführen." In der Parochie Makulice im Kreise Lowicz zog der Kreishauptmann den Propst gewaltsam von der Kanzel herab, als er das Manifest polnisch zu verlesen begann. In der Kreisstadt Grojec, Gouvernement Warschau, schleppten Gendarmen den dortigen Pfarrer aus der Kirche, wie er im Röchet und mit Stola die Kanzel betreten wollte, nachdem er erklärt hatte, das Manifest polnisch lesen zu wollen. — Von alledem wußte Gurko; alle diese Gewattthaten geschahen nicht nur mit seiner Konnivenz, sondern dirett auf seine ausdrückliche Weisung. Endlich beschlossen die sämmtlichen Bischöfe, Popiel nicht ausgeschlossen, eine Bitte an den Minister nach Petersburg um Schutz gegen die Gewattthaten Gurkos's und gegen die Skandalszenen in den Kirchen abzusendeu. Dieser Schritt der Bischöfe hatte Erfolg, und die Folge davon ist das oben erwähnte Telegramm. Endlich ist uns Gerechtigkeit widerfahren, Gurko, dieser fanatische Feind der katholischen Kirche, ist gedemüthigt. Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Gurko's Vater Katholik war; da aber seine Mutter der orthodoxen Kirche an- gehörte, mußte er, den strengen russischen Gesetzen entsprechend, der Religion der Mutter folgen.
* Die türkischen Greuelthaten in Armenien, welche, wie gemeldet, die diplomatische Intervention Englands und der Vereinigten Staaten von Nordamerika veranlaßt haben, bilden sortgesetzt den Gegenstand eingehender Kommentare in der in- und ausländischen Presse. Nach einer Konstantinopler Zuschrift der ,Pol. Korr.' geben die jüngsten in der türkischen Hauptstadt aus dem Vilajet Bitlis eingetroffenen Konsularberichte Übereinstimmend die Schuld an den blutigen Vorgängen dem Generalgouverneur von Bitlis, Tab sin - Pascha, der durch seine übertriebene und unrichtige Trahtmeldung nach Konstantinopel, daß die ganze armenische Bevölkerung seines Vilajets sich im offenen Ausstande gegen die Behörden befinde, zu dem an den Kommandanten des 4. Korps Marschall Mehemed Zeki Pascha erlassenen Befehl, den Aufstand mit aller Energie und Strenge niederzuwerfen, Anlaß gegeben hat. Auch letzterer könne von der Schuld, un- nöthiger Weise eine übertriebene Energie entwickelt zu haben, nicht sreigesprochen werden. Seine Deco- rirung mit den Insignien des Jmtiazordens werde daher in den diplomatischen Kreisen Konstantinopels vielfach fommentirt. Tie Entlassung des Hauptschuldigen, des Geueralgouverneurs von Bitlis, werde mit Sicherheit erwartet. Die Absetzung des Gouverneurs wäre nur eine schwache Sühne für die an bie