Einzelbild herunterladen
 

21. Jahrgang

Mittwoch, den 12. Dezember 1894.

uldatrWZcitiuiß

mit Unterhaltmrgs-Krilaor „Sterne «ud Klumen".

bestehen, neben soliden Geschäften die betrügerische Ausplünderung des Publikums (der „Dummen") be­trieben wird, vor der Börse macht er Halt. Kl Steuersachen hat es ja gerade so gegangen. Alles fast, was der arme Mann verbraucht, ist mit Zöllen und Steuern belegt, aber wie lange hat es gedauert, bis man die Börsengeschäfte mit einer kleinen Steuer be­legte! Man ließ sich von dem Geschrei der Borsen- leute einschüchtern, während man sonst wenig darum gibt, wenn weite Kreise der Bevölkerung klagen: wir können keine Steuern mehr tragen. Im Volke würde man cs nicht verstehen, wie man den Umsturz be­kämpfen, dabei aber die schlimmsten wirthschaftlichen Auswüchse an der Börse, die eine starke Förderung der Umsturzbestrebungen bedeuten, unangetastet lassen könnte.

Dolores.

Roman von Th. K.

(28. Fortsetzung.)

Unentschlossen beriechen die Leute, was zu thun sei; die Seunorita mußte wirr im Kopfe sein. Als Retter in der Roth erschien Don Pablo. Zu ihm traten sie, den Vorfall mit der Schlange und dem tollen Hunde erzählend. Spöttisch streifte sein Blick die todtblasse Frau, die wie sinnlos zusamniengekauert vor sich hinstierte. , .

„Ich selbst werde die Sennorüa auf meinem Pferde nach Hause bringen; habt weiter keine Unruhe um sie. Hört" es läutet, laßt Euch in Euerer Andacht nicht stören; ich bleibe bei ihr, bisssie sich wohl genug fühlt, reiten zu können," sagte er freundlich.

Die Leute wollten fort; jetzt sah Dolores, wer ste fortschickte. Krampfhaft griff sie nach dem Nächststehen­den, ihn mit Gewalt sesthaltend.

„O laßt mich nicht allein, ich bitte Euch! Nicht allein mit diesem Manne, vor dem ich floh — er ist mein Feind. Erbarmt Euch!" .

Die Männer glaubten, die Rede einer Irrsinnigen zu hören und begannen sich auf einen Wink Pablo's zu entfernen. Dolores raffte sich auf, aber es war wieder ein vergeblicher Versuch; sie war wie gelähmt.

* Die Reform der Börse

Hat die Thronrede zwar augekündigt, doch ist kaum daran zu denken, daß sich der Reichstag schon m dieser Session damit beschäftigen wird. Der Entwurf ist dem preußischen Staatsministerium noch gar nicht mal vor­gelegt worden, ein Zeichen, daß es mit der Erledigung des Gegenstandes keine übergroße Eile hat. Der Um­stand, daß auch die ,Nordd. Allg. Ztg.' bemüht ist, keine übergroßen Hoffnungen auskommen zu lassen, dürfte als Bestätigung der Angaben verschiedener Blätter anzusehen sein, wonach beim Reichskanzler, beim preußischen Ministerium und den Bundesregier- nngen Bedenken gegen den Entwurf obwalten sollen. Der Reichskanzler soll erst das vorliegende Material einer sorgsamen Prüfung unterziehen wollen. Man denke iiur, welch einen Haufen Material allein die Börsenuntersuchungskommifsion veröffentlicht hat! Wenn der Reichskanzler das neben seinen sonstigen Arbeiten recht „sorgsam prüfen" will, braucht er mindestens em Jahr. Im Staatsministerium sollen Bedenken ausge­taucht sein, ob die bereits in das Handelsregister ein­getragenen Firmen zu einer nochmaligen Eintragung । in das Börsenregister genöthigt werden könnten. Der Justizminister soll dem Registrirungszwang auch für die Fondsbörse nicht freundlich gegenüberstehen, und der Finanzminister soll jetzt die Bedenken stärker be­tonen, die er vordem um der Einigkeit willen mehr zurückgehalten hatte. Die Regierungen von Bayern, Baden, den Hansastädten und einigen norddeutschen Staaten sollen sich gegen die Grundsätze der geplanten Reform ausgesprochen haben. Daß die Börse und ihre Freunde bei solchen Nachrichten erleichtert aufathmen, läßt sich denken. „An der Spitze der Regierung macht sich vor allem das Bestreben geltend," sagen die .Ber­liner Neuesten Nachrichten', die „berechtigten Ansprüche einer grundsätzlichen Resorm des Börsenverkehrs scharf von den ab irato versuchten Ereignissen zu scheiden, welche in ihren Folgen lähmend auf Handel und In­dustrie wirken müssen. Man muß gestehen, die Börse hat Glück. Sobald ihr ernstlich der Versuch einer Reform droht, schreit sie und läßt schreien: Handel und Industrie werden ruinirt sein, wenn die von un­wissenden und voreingenommenen Leuten gemachten Vorschläge angenommen werden. Und immer wieder gelingt es, die Regierung ängstlich zu machen, daß sie beschließt, nochmals zu „prüfen", d. h. die Sache zu verschleppen. Die Mehrheit der Börsenunter­suchungskommission war nicht börsenfeindlich und aus­reichend sachverständig. Und nun hätte die Regierung sogar Bedenken gegen die Beschlüsse dieser Kommission, denen sogar Mitglieder der Börse zugestimmt haben! Da fragt denn doch der unbetheiligte Zuschauer: Regiert denn wirklich Geld die Welt? Sonst scheut der Staat vor keinem Eingreifen in alle mög­lichen Dinge zurück; in die Angelegenheiten von Fa­milie, Schule, Kirche, Handel und Gewerbe mischt er sich ein; nur dort, wo die schlimmsten Mißbräuche

jahres rechtzeitig festgestellt wird. Solches ist nament­licherforderlich mit Rücksicht auf die neue Organisation der Eisenbahn-Verwaltung, welche vom ersten April 1895 ab in Kraft treten soll.

* München, 7. Dez. Mit dem verstorbenen Pfarrer von St. Peter und päpstlichen Hausprälat Dr. Anton Westermayer, ist einer der wenigen noch lebenden Veteranen der einstigen bayerisch-patriotischen Partei zu Grabe gegangen. Als Pfarrer von St. Peter ent­faltete er nach jeder Richtung hin: auf der Kanzel, als Schriftsteller in Homiletik und Polemik — wie als Politiker eine ebenso lebhafte als wirkungsvolle Thätigkeit. Bekannt sind seine noch heute lesens- werthen „Bauernpredigten, die auch manche «tavt- leute brauchen können." Er war Redakteur der Wochen­schriften ,Der Katholik' und ,Der Prediger' und ver­trat während vier Legislaturperioden den zweiten Münchener Wahlkreis im Reichstage. In Wort und Schrift trat er für den katholischen Glauben und für die katholisch- Kirche auf allen Punkten ein, wo p angefeindet und gefährdet erschienen. Er ging gegen den Deutschkatholizismus auf's schärfste vor und sah seine Bemühungen auch von Erfolg gesegnet, beson­ders auch in der Schul- und Altkatholikenfrage. Dem liberalen System, unter welchen Benennungen es immer auftreten mochte, war er gründlich abhold und äußerte das einmal auch am Schluß einer Predigt mit den berühmten Worten: „Den Fortschritt soll der Teufel holen/ Amen." Als ihm dies später einmal im Reichstage vorgeworfen wurde, meinte er scherz­haft, der Wunsch gehe vielleicht nicht in Erfüllung, weil der Fortschritt selbst dem Teufel zu schlecht sei. Seit 1885 hat er sich allmählich von der Politik zurück­gezogen. Seine bekanntesten Schriften sind: Die katholische Kirche und ihr Proselytismus (1843); Luther und der Cölibat (1843); Das Papstthum m den ersten 500 Jahren (1867 bis 1870); die alt­katholische Verirrung (1872); Zwei moderne Jünger auf dem Weg nach Emans (1877); Luthers Werke 1883 oder der heutige Protestantismus (1883). Wester- mayers weitere Wirkfamkeit spielte sich aus dem heißen Boden religiöser und politischer Kontroversen ab, aber immer galt sein Kampf nur der Sache, nie der Person. Deshalb haben ihm schon zu Lebzeiten auch die Gegner ihre Achtung nicht versagt. R. L P

* München, 10. Dez. Gegen eine hiesige Zeitung sind vier Anklagen auf groben Unfug wegen Be­sprechung der Fuchsmühler Vorgänge erhoben. Aehnlich ergeht es fast allen hiesigen Tageszeitungen.

Ausland.

* Wien, 8. Dez. Im Abgeordnetenhaus brachten die Antisemiten eine Interpellation ein, wegen Duldung geheimer Freimaurerlogen in Oesterreich und der Mitgliedschaft zahlreicher österreichischer Staatsbürger, meistens Juden, bei den ungarischen Freimaurerlogen. Die Regierung wird aufgefordert, dieser Gesetzübertretung ein Ende zu machen.

einer Ohnmacht nahe war. „Bösewicht!" rief sie, „lieber den Tod als Entehrung!"

Wieder versuchte sie, aus seiner Nähe zu kommen.

Da hörte sie in der Ferne Pferdegetrappel; der Schall kam bergaufwärts.

„Marcial!" fchrie sie plötzlich.

Der Reiter hörte den Ruf kaum. Abermals rief sie laut: „Marcial! Marcial! Komme zu mir!"

Marcial — er war es wirklich — sprang vom Pferde ab und war an ihrer Seite. Jubelnd lag sie in seinen Armen. Vergessen war die eben durchlebte grausige Stunde. ,, ,

Du bist krank, Dolores?" rref er erschreckt, „blaß wie "eine Lilie, Deine Lippen sind trocken, Deine Augen glänzen fieberhaft, was ist Dir?"

„Erzähle mir von Deinem Prozeß, Du bist ver- urtheilt!" stammelte sie mühsam.

.Wer hat Dir davon gesagt?" brauste er heftig auf. „Habe ich nicht Befehl gegeben. Dir die Sache zu verheimlichen, Dich zu schonen? Ich bm gekommen, selbst Dir die Mittheilung zu machen. Ich habe appel- lirt! Beunruhige Dich nicht!" .

Erschreckt hielt er inne, denn er fühlte, rote sie sich schwerer auf ihn legte. Sie hörte nicht mehr seine verzweiflungsvvlle Bitte, sie fühlte nichts von seinen Bemühungen um sie. Er suchte ihren Puls und fand

Deutsches Reich,

Berlin, 10. Dezember.

* Der Reichskanzler übermittelte dem Präsidenten des Reichstages den Antrag des Ersten Staats­anwalts des Berliner Landgerichtes, worin die Ge­nehmigung des Reichstages zur Strafverfolgung der sozialdemokratischen Abgeordneten nachgesucht wirb, die in der Sitzung vom 6. Dezember bei dem Kaiserhoch sitzen blieben. Die Anklage wird auf Majestäts- beleidigung lauten.

/ * Der Centrums-Antrag auf Aufhebung des ganzen Jesuiten-Gesetzes ist auch in diesem Jahre wieder nicht nur sofort eingebracht worden, sondern es ist auch wieder, wie im vorigen Jahre, dem Eifer des Herrn Oberjustizrath Rintelen gelungen, dem Anträge den ersten Platz unter allen Initiativ - Anträgen der Parteien zu sichern. Wenn irgend einer dieser An­träge, dann kommt also gewiß der Jesuiten-Antrag zur Berathung. Und diese Berathung hat in diesem Jahre eine noch gesteigerte Bedeutung, da nun einmal schon die Mehrheit des Reichstages sich für die Aushebung dieses gehässigen, schädlichen und die Ehre der Katho­liken tief kränkenden Ausnahme-Gesetzes ausgesprochen hat und da diesmal auch die Regierungen sich schwerlich von der Debatte ganz fern halten können. Denn die Mehrheit des Hauses, in erster Lane das Centrum, wird natürlich nach den Gründen fragen, weshalb die Regierungen diesem Beschlüsse des Reichs­tages nicht haben zustimmen wollen und aus der

j Minderheit des Hauses heraus werden gewiß alte fana­tische Kulturkämpfer wissen wollen, weshalb die Re-

| gierungen, entgegen deren eigenem Beschlüsse vom Jahre 1872, die Redemptoristen und Väter vom hl. Geiste als nicht mit den Jesuiten „verwandt" erklärt und jene damit wieder inDeutschland zugelassen haben.

* Die Einberufung des preußischen Landtags wird möglicher Weise einige Tage vor dem letzten bisher üblichen Termin, vielleicht schon am 8. Januar statt­finden, um, wie den ,B. N. N.' geschrieben wird, es zu ermöglichen, daß der Etat vor Beginn des Etats-

„Lauf, Kind," sagte Don Pablo mit der rührend­sten Sanftmuth zu einem in der Nähe stehenden Mäd­chen, „die Senuorita ist sehr schwach, hier hast Du Geld, bringe Bisquits und Wein von den Verkäufern bei dem Kloster." Er reichte ihr Geld.

„Wie gut Sie find, Don Pablo! Es ist wahr, Sennorita, Sie müssen etwas zu sich nehmen. In 5 Minuten bin ich zurück und bleibe bei Ihnen," tröstete sie gutmüthig."

„Vergiß nicht mein Pferd oder irgend ein anderes zu bringen," rief ihr Pablo nach.

Sie waren allein. Flucht war nicht möglich, zchr Auge blickte auf die nahe Klippe, als suche sie dort Rettung.

Pablo verstand sie. „Ja, ich werbe Dich dorthin tragen," flüsterte er ihr heiß zu, sich zu ihren Füßen werfend. „Wie doch die Liebe und der Haß sich ver­stehen! Dort soll unsere Verbindung sein. In einem Kusse wird Dein Angstschrei ersticken. Deinen letzten Seufzer sollst Du an meinem Herzen aushauchen."

Er faßte ihre eiskalte Hand, sie mit Küssen be­deckend. Dolores, allmählich aus ihrer Erstarrung sich erholend, griff nach ihrem Schirm und gab ihm einen Schlag daß er aufschrie uud taumelte. Sie hatte so

I heftig eine Schläfe und sein Auge getroffen, daß Pablo