>83 Dienstag, den 11. Dezember 1894. 21. Jahrgang
ZlildilerMZeitlinz
mit U»1echal1««gs-Heilage „Sterne »nd Kinmrn".___________________
Sch.
Hing und jetzt.
Einst brauste ich auf grünem Plan durch's Leben, Dem Lenzsturm gleich mit Jugendlust und -Drang, Ein ^taaen war's, ein kühn verweg'nes Streben, Ein Wagen das'den stolzen Füttich schwang.
Blind hoffend, frei zu meinem Stern W dringen. Vertraut' dem trunk'nen Flug ich mein Geschick, Und stürzend fiel ich mit gebroch nen Schwingen, Ein wunder Aar, auf nackten Fels zurück. —
Die Sonne grüßte scheidend meinen Gipfel, Von dem die letzten, gold'nen Strahlen sanken; Die Abendschatten tauchten in die Wipfel — Dumpfbrütend fann ich nüchterne Gedanken. -
Vereinsamt leb' ich fürder meine Stunden, Geschlichtet ist mein inneres Zerwürfmtz;
So hab' ich endlich selber mich gefunden, Bin selber mir nur einziges Bedürfmtz.
Aeußerungzumacheiygenügend, einem so tüchtigen Manne wie Du ein Engagement zu verhindern, Dich physisch und moralisch niederzudrücken, dann — dann stockte Dolores, „sei ich im Stande, ihm die Entlassung meines Mannes zu begründen und em Gewebe von Jntriguen aufzudecken. Ein öffentlicher Bericht sollte seinen Vertreter Don Juan dann nicht schonen. Donna Luisa hatte ich die Kopie geschickt und sie hat mir gesagt, ich habe recht gethan — und darauf den Brief
Dolores schwieg längst; Marcial schaute in ihre Augen, die so energisch blitzten.
„Weiber, Weiber, nichts geht über Euch und Eure List!" deklamirte er. . r
Wann wirst Du nach Paris abreffen?" fragte sie.
"Ende dieser Woche, sobald die betreffenden Herren dort" sind. Besorge bis dahin meine Sachen. Da ich vielleicht einige Zeit ausbleibe, vielleicht sofort Reisen unternehmen muß, bitte ich Dich, mit dem Kleinen zu den Eltern zu gehen; ich weiß Dich dort gut aufge-
Marcial war fort, um seine neue Stellung anzutreten; er war dep Repräsentant einer bedeutenden Gesellschaft. Er hatte den Auftrag, Spanien und Portugal zu ftudiren, Geschäfte aufzusuchen und anzubahnen Der traute Familienkreis hörte für ihn auf da er fast beständig auf Reisen sein mußte; aber statt dessen lag die Wett vor ihm mit all' ihren Fortschritten.
Dolores.
Roman von Th. K.
(27. Fortsetzung.)
Nun ja, ich habe durch Donna Luisa an Deinen Generaldirektor geschrieben und ihn höflichst ersucht, bei vorkommenden Nachfragen Dich empfehlen zu wollen, weil ich ihn für einen gerechten und noblen Mann hatte, der nicht seine persönlichen Enttäuschungen emem Unschuldigen werde entgelten lassen. Sollte ich mich jedoch in meiner Meinung über ihn irren und er fortfahren, anstatt eines warmen Wortes eme warnende
Herren an, daß die Konfesfion über das Vatter- । land geht, ein Grundsatz, den sie sonst so gern anderen ; Leuten zum Vorwurf machen. Thatsächlich ist es aber gar nicht wahr, daß Gustav Adolf in dem „idealen" Streben, dem Protestantismus zu helfen, nach Deutschland gekommen ist. Er wollte erobern für das großmachtsüchtige Schweden, was zu haben war: wenigstens die Vorherrschaft an der deutschen Ostseeküste, vielleicht auch die kaiserliche Oberherrlichkeit über ganz Deutschland. Als Eroberer mußte er natürlich den Kaiser und die mit ihm haltenden Fürsten als seine Gegner betrachten, während er von den protestantischen Fürsten, weil sie gegen den Kaiser rum Dbeil mtffsffia vnorp« 11nfprftiihnna hoffte. Wäre der Kaffer protestantisch gewesen, w Wu* Schwedenkönig nichts desto weniger seme Macht und seinen Besitz zu bekämpsen gesucht haben Sehn: bezeichnend ist. es ja, daß das „katholische Frankreich mit dem Schwedenkönig z u s am men gut g Frankreich bekämpfte seine eigenen Protestanten, unterstützte aber die deutschen Protestanten, um Deutschland zu schwacheNweite^n Entschuldigung wird gesagt: damalch vor dreihundert Jahren, sei die nationale ^dee noch nicht so entwickelt gewesen; auf der kaiserlichen Seite . hätten auch ausländische Stellkräfte gekämpft Es ist richtig, daß man damals die nationalen Phrasen noch nicht so laut im großen Munde führte. Um so beschämender ist es aber auch für die Gustav - Adolph- Verehrer, daß die Besseren unter den damaligen protestantischen Fürsten, darunter auch der Kurfürst von Brandenburg, trotz seiner Verwandtschaft, von der Einmischung des angeblichen Glaubensheros m die deutschen Angelegenheiten nichts wissen wollten und nur nothgedrungeu sich dem.gefährlichen „Retter ihres Lübens auschlossen. Daß der Kaiser aus seinem nicht-deutschen Gebiete auch Truppen heranzog, kann doch den Einbruch eines unberufenen und ungerufenen Schwedenkönigs nicht rechtfertigeil, und im Uebrigen fällt es ja auch noch keinem Gesinnungsgenossen der damaligen Partei ein, die spanischen oder sonstigen Kriegsknechte, die vor 300 Jahren m Deutschland thätiq waren, mit einer deutsch - nationalen Feier zn beehren. Was dazumal geschehen ist, mögen die Vorfahren nach dem Maß ihres Wissens und Könnens verantworten. Wenn wir aber jetzt für emen dieser Leute eine Ehren - und Dankfeier veranstalten, dann übernehmen wir die Verantwortlichkeit für ihr Thun und Lassen, und dabei ist der Maßstab unserer jetzigen Grundsätze, Empfindungen und Sitten anzn- leaen Denn nur eine rückhaltlose Billigung und Begeisterung für den alten „Helden" kann die außerordentliche Ehrung durch eine Drechunderffahr-Feier er-
Das ist der Kern des Ärgernisses und die Wurzel unserer Entrüstung: das U r t h e i l über den ^sittlichen
Einweihung des Nationalpalastes und Gustav-Adolf-Feier.
Am 5. Dezember weihte das deutsche Volk stolz den Reichs pal ast ein, der eine Frucht der großen Siege, ein Denkmal der nationalen Wiedergeburt, ein Sinnbild deutscher Kraft sein soll. Am 9. Dezember feierte ein großer Theil desselben Volkes den schwedischen Eroberer, der seinen Fuß auf den Nacken Deutschlands gesetzt hat. Wie reimt sich das zusammen?
Es reimt sich nicht; aber wer einen boshaften Scherz machen will, kann doch den Beweis antreten, - daß die Gustav-Adolf-Feier e ch t d e u t s cy sei ober, wie der Kunstausdruck lautet: specifisch deutsch. Beweis leicht. In aller Welt findet man nirgends em anderes Land, wo man den sremden Eindringling, den Verwüster des heimischen Bodens, den Quäler der Vorfahren verehren, preisen und feiern mochte; so vwl Selbstverleugnung" findet man nur m Deutschland. Ueberall sonst krümmt sich wenigstens der natw- nale Wurm, wenn er getreten werd; aber in Deutjch- land gibt es Leute mit ganz eigenartigem Naüonal- qefühl ; sie bedanken sich noch nach dreihundert Zähren feierlich für den Schwedentrank, der ihren Vorfahren als bittere, aber nach ihrer Ansicht heilsame Medizin beigebracht worden ist. „.
Man rede doch den Franzosen mal gut zu, sie möchten Blüchers Geburtstag seiern, denn Blücher habe doch durch seinen Siegesmarsch nach Pans sich als ein Wohlthäter Frankreichs erwiesen, indem er die Tyrannei Napoleons gebrochen und dem ewigen, zerrüttenden Kriegstreiben ein Ende gemacht habe. -Lie Franzosen würden auf eine solche Zumuthung wenn nicht mit Schlimmerem, so doch mit emem sehr scharfen Gelächter antworten. „Dieser Ausländer wurden sie sagen, „ist mit seinen Truppen m unser Land eingefallen und hat gegen unsere Vorfahren gekämpft. Nieder mit dem Feinde des Vaterlandes. Was er eigentlich bezweckt und erreicht hat, ^st uns ganz gleichgültig; er hat die Ehre und die Selbstständigkeit unserer Nation angetastet, und dieser Schaden und diese Schande kann durch nichts . ausgewogen toCr®a6ei war Blücher wirklich ein Wohlthäter für Frankreich; er war kein Angreiser, kein eigennütziger Eroberer, kein Gönner von Gewaltthaten; ein wirklicher Feldherr des Friedens. _ Gustav Adolf aber drängte sich angreiseud in Deutschland em, gmg aus Eroberungen aus und führte den Krieg nicht als „Gottesmann", sondern als rücksichtsloser Kraftmensch
Savage $ die Bewunderer der Schweden-Kultur mit Schwedentrank rc. — ja, dieses Werkzeug des Himmels hat den Protestantismus m Deutschland vor dem Untergange gerettet! — Wenn das genügt zur Entschuldigung dieser Feier, so erkennen ja die
oder politischen Werth Gustav Adolphs lassen wir jedem ganz ungeschmälert, mag es so schmeichelhaft ausfallen, wie es will; aber die öffentliche Feier wäre besser unterblieben, da kein dringender Anlaß vorlag, diese mindestens zweifelhafte Persönlichkeit nach dreihundert Jahren noch als Nationalhelden in den Vordergrund zu schieben. Wir bla- miren uns damit ja nur vor dem einsichtigen Auslande, das nicht zu begreifen vermag, warum sich Deutfchland jetzt für diesen Feind seiner Macht, seines Friedens und seines Wohlstandes begeistert. Wir rufen das Andenken wach an das traurigste Kapitel unserer Geschichte, an den dreißigjährigen Krieg, dessen entsetzliche Wirkungen alle Parteien aner-
Am Mittwoch wird der vtuuu^. , und am Sonntag feiert man die Erniedrigung ör deutschen Nation. — Das neue Reichshaus soll vor allem die Einigung Deutschlands versinnbildem Deutschland war wirklich einig, so lange 1870/71 der Krieg währte. Als die Friedensarbeit wieder losgmg, da ging auch der innere Kampf los; als Nachfolger des dreißigjährigen Krieges that sich em siebeiijahrlger Kulturkampf auf. Der halbe Frieden, mit dem dieser Streit beigelegt wiirde, gefällt nun manchen ^"Mstizen nicht; man ergreift jede Gelegenheit, semen Groll gegen die Katholiken' anszulassen und ihnen etwas Unangenehmes zu fehen oder zu hören zu geben. Nun gut, wir müssen mit Fassung erdulden, was wir nicht andern können Aber wir sind der festen Zuversicht, daß eme vierhundertjährige Gedenkfeier für Gustav Adolph nicht mehr stattfinden wird, ^a, wir hosten sogar, daß man dann für den Verein, der unserem st. Bo- nifatiuswerk entspricht, einen bessere Namm gefunden haben wird. — Dem „Evangelischen Bimd durste der Schwedentrank dieses „Festes" wohl nicht ganz gut bekommen. Allzu scharf macht schartig.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Dezember.
* Das preußische Staatsministerium hielt gestern unter dem Vorsitze des Fürsten Hohenlohe eine Sitzung ab welche länger als vier Stunden dauerte und heute fortgesetzt wurde. Die Staatssekretäre des Relchsschatz- amts imd des Justizamts nahmen daran thell, wahrend Staatssekretär von Bötticher wegen Krankheit daran t^l*U®(?™$entium hat auch seine bekannten sozial-
Mitgliedern der konservativen, der Reichs- und national- liberalen Partei, sowie auch des Centrums im Reichstage eingebracht worden. Der Gegenstand be- schästigte schon mehrere frühere Sessionen.__
Eii^ReizUolores^wa^e^ sehnsüchtig auf die Briefe ihres Mannes zu warten. Und daun seine lebendigen Schilderungen, seine interessanten Reisebericht. Qu lesen von der Sehnsucht zu ihr! Der alte energische Geist und Lebensmuth waren wieder bei ihm aufbewacht. Dolores war darüber so erfreut, daß sie ihr i Verlangen nach ihm überwand, selbst als wahrend seiner Abwesenheit die Familie einen Zuwachs durch ein kleines Mädchen erhielt. Seme treue Sorge, seine zärtlichen Bitten sich zu schonen und glücklich zu sem, entschädigten sie für die Entfernung, doch zahlte sie die Tage, bis sie ihm seine goldlockige Mercedes.m d e Arme legen konnte. Die Großeltern wurden wieder jung mit den Kindern, und statt Don Fernandos herrschte sem kleiner Enkel im Hause, der Stolz und ^^Dolor^s Rüstete sich, heute zum ersten Male wieder nach San Toribio zu gehen und wußte die Besorgniß der Mutter, der Weg sei noch zu anstrengend für sie, j meb£toÖSjte sie im schwellenden Moose unter schattigen Bäumen, lauschte mit halbgeschlossenen Augen dem Konzerte der gefiederten Sanger und ließ die Erinnerungen der Vergangenheit auf sich emwlrken. Hier Ze Rr.» Mann zmrst gejeta feinen »arten «elanfit und auch das erste groie Lech 'tsahren. S e war derartig in ihren Träumereien versunken, daß sie I fast erwartend auf den Eingang blickte, als müße er