JV8 282 Sonntag, den 9. Dezember 1804. 21. Jahrgang
MldimWZeitong
mit Nnterhaltungs-Heiiage „Sterne und KLumen".___________________
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Drittes
d Wunderdoktor Ast.
Von Hause aus war er Schäfer, und als er Wunderdoktor wurde, ist er nicht aus dem Fach gefallen; der Schäfer hat es mit vierbeinigen, der Wunderdoktor mit zweibeinigen Schafen zu thun. Geschoren wird hüben und drüben. Ein Narr macht viele; der Mensch ist ein Heerdenthier. Wenn nur erst ein Dutzend Leichtgläubige nach Radbruch zu „Vater Ast" laufen, so werden schnell Hundert daraus. Die Spitzeder der Medizin hat eine unheimliche Anziehungskraft.
Eine Menge von studirten und approbirten Aerzten fltzt die eine Sprechstunde hinter der anderen im öden Zimmer ab, wartet vergebens auf Patienten und Honorar und denkt über die Vergänglichkeit der Mitgift nach. An berufenen Aerzten haben wir einen lieber» fluß, wie an Getreide und Zuckerrüben; bei der Konkurrenz um Kassenarztstellen ergibt sich ein Preisdruck, der selbst Mäntelnäheritinen in Schrecken setzt. Ja, warum verstudiren die Leute ihr Geld, ihre Jugend und ihr Hirnschmalz? Sie hätten sich lieber hinter die Schafe hermachen und Kurpfuscher mit Pauken und Trompeten werden sollen. An Wunderdoktoren herrscht noch großer Mangel; Ast in Radbruch kann beim besten Willen nicht dmchkoimnen durch die Hunderte von Patienten, die täglich sein Haus belagern. Die Welt will betrogen sein; sie will nicht von Aerzten, sondern von Pfuschern und Schwindlern behandelt werden. Wozu haben wir dann sonst die Gewerbefreiheit, als daß die Dummen ihren Willen kriegen nnd von den Schlauen sich hochnehmen lassen können?
Ast, der Wunderdoktor von Radbruch, ist freilich auch schon bestraft worden, nämlich mit 150 Mark Geldstrafe, aber nicht etwa, weil er den Aerzten in's Handwerk gepfuscht hat, sondern weil er den Apothekern in's Gehege gekommen ist. Er hat Arzneimittel vertrieben, die nicht freigegeben sind. Das höchste Strafmaß für diesen Frevel gegen das 99prozeutige Privilegium sind besagte 150 Mk. Der große Ast hat aber zur selben Zeit, als man ihn so verdonnerte, 16,000 Mk. in der Reichsbankstelle von Lüneburg niedergelegt. Da sagt man noch, die Strafe folle abschreckend, sühnend und bessernd wirken! Das Gericht kann sich noch öfter das Vergnügen eines solchen Strafur- theils machen; der Wunderdoktor schreibt die Kleinigkeit unter „Allgemeine Geschäftsunkosten" oder anch auf das Reklame-Konto. Denn jede solche Gerichtsverhandlung, worin er auseinandersetzen kann, daß sein heilsames Familiengeheimniß 1130 Jahre alt sei, ist als Reklame zum gemeinen Werth von 500 bis 1000 Mark zu schätzen. Nebenbei wird das ehrwürdige Familien-Alter von 1130 Jahren den Neid derjenigen erwecken, die keine rechten „Geborenen" sind. Wenn ein Schäfer Ast schon von Karl dem Dicken wegen Fettsucht konsultirt wurde, so gehört diese Familie in den gothaischen Kalender. Die Vermögensentwickelung legt allerdings den Verdacht nahe, daß es in den vergangenen 1130 Jahren nicht so viele Schafsköpfe auf Menschenrümpfen gegeben hat, als in der höchst cioili- sirten Gegenwart; denn erst die Dummheit unserer Zeitgenossen hat das Haus Ast auf einen grünen Zweig kommen lassen.
Besagter Schäfer Ast fängt es auch — das muß ihm der Neid lassen — recht geschickt an. Welch' ein geniales Hilfsmittel der Diagnose ist z. B. das Nackenhaar? Es gibt andere Kurpfuscher beiderlei Geschlechts, die zur Diagnose einen sehr unappetitlichen, flüssigen Stoff verlangen. Diefe Pfuschersitte ist „rückständig", um ein Lieblingswort des grimmigen Bebel zu gebrauchen. Nackenhaare sind nicht besonders widerlich, lassen sich ungenirt und schnell entnehmen, brauchen nicht in zerbrechliche Flaschen geschleppt zu werden und können nicht so leicht verfälscht werden. Ich halte auch die Nackenhaare für viel praktischer, als z. B. die Stirnlocke, an der bekanntlich Graf Bethusy den Strom der Zeit fassen wollte. Denn ein großer Theil der männlichen Menschheit hat durchaus keine Stirnlocken mehr zu versenden, aber ein paar Nackenhaare, in die zur Noth sich die Visitenkarte der Krankheit verstecken ließe, hat in der Regel auch der abgetakeltste Bonvivant noch. Wie gesagt, diese haarige Pfuschmethode hat in ihrer Einfachheit etwas Großartiges. Es ist freilich für ein
ilebejisches Begriffsvermögen, das nicht in einer 1130- ährigen Familientradition gezüchtet ist, schwer zu fassen, mit welchem ABC auf den Nackenhaaren geschrieben steht, was für Krankheiten in den abgelegenen Provinzen des Körpers einquartirt sind. Aber das Unbegreifliche — das ist ja gerade das einzig Richtige; die Leute laufen ja deshalb nach Radbruch, weil sie von etwas Wunderbarem hören und etwas Gruselig-Geheimniß- volles hören wollen. Ast sieht natürlich nichts an den Haaren, als den üblichen Anhang von Pomade oder sonstigem Schmutz; aber doch ist diese Formalität sehr wichtig; sein ganzer Zauber wäre hin, wenn er dieses lächerliche Blinzeln durch die Lupe unterlassen wollte. Falls sich ein Konkurrent austhun will, möge er erwägen, ob er nicht die Lupe durch ein Mikroskop übertrumpfen kann. Auch etwas chemischer Hokuspokus, z. B. Auflösung eines Stücks Fingernagel in einer Säure, wäre den strebsamen Pfuschern zu empfehlen.
Die spaßhafte Geschichte hat nicht blos eine ernsthafte Moral, sondern gleich deren zwei. Die erste Lehre ist, daß die gegenwärtige unbeschränkte Kurpfusch- Freiheit ein bischen geändert werden muß Das heimliche Pfuschen läßt sich freilich nicht beseitigen; aber diefer öffentliche Skandal, bei dem die angelockte Menge sich zum großen Theil krank steht und drückt (sogar Todesfälle unter den Wartenden sind schon vorgekommen), könnte und müßte doch verhütet werden. Wer weiß, wie viel Nachahmung das gar zu erfolgreiche Unternehmen Ast's noch findet, wenn die jetzige Bauernfänger-Freiheit ungeschmälert fortbesteht!
Die zweite Moral heißt: Lieber Deutscher, lache doch nicht über die Wilden, die sich ihre Krankheiten durch den wahnsinnig ausstaffirten, heulenden und tanzenden Medizinmann vertreiben lassen. Geh' zu dem Medizinmann von Radbruch und lerne nationale Bescheidenheit.
Vermischtes.
* Ein einfaches Mittel, um festzustellen, ob Butter mit Margarine gemischt ist, besteht, der ,Hygi- einischen Korrespondenz' zufolge, in einem geringen Zusatz von schwefeliger Säure; färbt sich die Butter dabei nur hell- oder röthlich-gelb, so ist sie unverfälscht, tritt aber eine dunkelgelbe oder braune Färbung hervor, so ist die Butter margarinehaltig und der Verkäufer verfällt unter Umständen dem Strafgesetz über Nahrnngsmittelverfälschrmg. Da der Zusatz von Margarine zur Butter nachgerade professionsmäßig betrieben, diese aber trotzdem als Naturbutter ausgegeben wird, so sind an mehreren Orten die Polizeibehörden dazu übergegangen, den Margarineverkauf vom Butterverkauf zu trennen; so ist z. B. in der Pariser Zentralmarkthalle der Verkauf von Margarine und margarinehaltiger Butter auf einen bestimmten Platz beschränkt und zwar bet strenger Strafe.
* Wie muß man eine Petroleumlampe auslösche» ? Gewiß bat schon jeder der geehrten Leser nach Auslöschung einer Petroleumlampe mit dem Qualme und deut mehr oder weniger recht unangenehmen Geruch deiselben Bekanntschaft gemacht. Doch ist dieser Geruch nur dort zu spüren, wo man eine Lampe von oben oder von der Seite auslöscht. Diejeuigen, welche ihre Lampe soweit herunterschrauben, daß dieselbe allmählich von selbst verlischt, werden ihr Geruchsorgan nicht beleidigen. Während die erste Art und Weise des Auslöschens auch manchmal noch zu einer Explosion führen kann, ist die letzte Art vollständig gefahrlos und somit allein anzuwenden. In dem Maße, wie wir die Dochtfläche von dem oberen Rande des Brenners entfernen, wird die Temperatur des Dochtes und des in denselben verdampfenden Petroleums erniedrigt. Die Folge davon ist, daß die Menge der gebildeten Dämpfe abnimmt und die Flamme allmählich kleiner wird. Dieser Vorgang führt wieder zu einer Abnahme der Temperatur der oberen Brenner und Dochttheile und einer damit Hand in Hand gehenden Abnahme der Bildung von Petroleumdämpfen. Das Verlöschen der Flamme geschieht in dem Augenblicke. in welchen, die Dämpfe nicht mehr ausreichen, d,e Flamme zu erhalten. Eine Explosion ist vollständig ausgeschlossen, wenn die Lampe sauber gehalten wiro. Wird die Flamme ausgeblasen, so steigen erhitzte Petroleumdämpfe auf, welche die allmählich ersterbende Flamme selbst verzehrt.
♦ Das Reinige» der großen Teppiche. Bei den großen und schweren Zimmerteppichen ist das Reinigen für die Dienstboten ost recht hart, besonders wenn die Belage ausgenommen und im Hofe gesäubert werden müssen. Bei der lang andauernden Kälte schaffte ich mir — schreibt eine Mitarbeitei in des praktischen Wochenblattes ,Für's Haus' — eine Teppich-Kehr- Maschine an (10 Mk.), womit die Teppiche im Zimmer von Staub und Allem, was daran haftet, tadellos gefäubert werden, ohne daß im Zimmer der geringste Staub entsteht, da aller Schmutz sich im Innern der Maschine sammelt. Nach dem Ge
brauche wird dieselbe geöffnet und vom Schmutze entleert. Besonders für die kostbaren persischen Teppiche halte ich cs für sehr vortheilhaft, dieselbe mittels Maschine zu reinigen, da ihre Schwere immerhin mehrere Personen zur Handhabung erfordert.
* Papenburg, 6. Dez. In dem Orte Tunxtorf richtete ein großes Feuer bedeutenden Schaden an. Zwei Anwefen wurden gänzlich eingeäschert. In dem einen gingen 22 werth- volle ostfriesische Kühe und 4 Pferde im Wertste von 5000 Mk. und 8 Schweine zu Grunde, neben dem sämmtlichen Mobiliar und den landwirthschaftlichen Maschinen. Ferner verbrannten circa 6000 Mark in Werthpapieren und mehrere hundert Mark in Silber. Letzteres fand man am anderen Morgen zu einem Klumpen zusammengefchmolzen. Der ganze Schaden beläuft sich auf eine viertel Million Mark.
* Ein Berliner Medium aus Reisen. Schier unglaublich klingt ein Vorgang, der , egenwärtig die Einwohner des an- muihigen Stäbchens Harzburg und Umgegend in die größte Aufregung versetzt und eine wahre Völkerwanderung nach dem dortigen Burgberge hervorgezaubert hat. Ein Medium aus unserem lieben Sprecathen, welches vor einigen Tagen mit feinem „Unternehmer", einem Herrn Heckner, im dortigen Hotel Benecke abgeftiegen ist, hat der Bismarcksäule gegenüber, beim dritten Baume rechts, eine Stelle bezeichnet, wo sich — tief vergraben — eine eiserne Kiste mit einem großen Schatze, sowie wahrscheinlich auch die Kaiserkrone Heinrich IV., Scepter und Reichsapfel befinden sollen. Das Medium ist an Ort und stelle gewesen und will die eiserne Schatzkiste — man spricht von tausend Millionen Thalern!!!! — wirklich im Geiste schon gesehen haben; sie trägt die Jahreszahl 12., die anderen Zahlen sollen unleserlich fein! — Thaifache ist nun, daß seit einigen Tagen mit Erlaubniß des Herzog!. Ministeriums be-w. der Forstverwaltnng an der betreffenden Stelle unter Aufsicht des Oberförsters von Forstarbeitern Nachgrabungen stattfinden, und daß das Erdreich schon ein Loch von 3 Metern Tiefe auf- zuweiscu hat. Der Burgberg felbst aber ist seit Ankunst des Mediums von Neugierigen umlagert. O, du erleuchtetes ncun- zchntcs Iah,hundert! . _ ,,
* I» einem der Berliner Vororte setzt em yerr, welcher in Wörishofen beim Pfarrer Kneipp Kurgast gewesen, seine Kur fort I» den letzten Tagen hatte man oft Gelegenheit, diesen Herrn, augethan mit Monocle, Kniehose, schwarzem Gehrock und Cylinder. barfuß die Straßen des Ortes durchmessen zu sehen. Als er kürzlich in vollem Regen im „Kostüm" spazieren ging, kam ein kleiner Junge ebenfalls barfuß auf ihn zu und fragte treuherzig: „Onkel, Du hast wohl auch feene Schuhe?
* Der grobe Wilhelm. Vor Kurzem ist m Jena der Wirth der „Wilhelmshöhe", Wilhelm Kramer, gestorben. Unter dem Namen „der grobe Wilhelm" war er als Original bekannt. Seme altdeutfche Bierstube", wie er sie selbst genannt, glich eher einer Räucherkammer als einer Gaststube. Kreide zum Verewigen lag stets zu Jedermanns Gebrauch bereit. Das Zimmer war tapeziert; doch hatte Wilhelm, „damit die Kerle das schöne Muster nicht immer so vollschmieren konnten," die Tapete verkehrt, nut der gemusterten Seite an die Wand kleben lassen. Das Aurcdc- wort „Sie" gab es in seinem Sprachschatze nicht. Der Groß- Herzog von Sachsen-Weimar, der einmal dahin geführt wurde, um die schöne Aussicht über Jena und das Saalthal zu genießen, beklagte sich über den beschwerlichen Aufstieg bis zur „Wilhelms- Höhe". Wilhelm entgegnete ihm mit der gleichgiltigsten Miene von der Welt: „Ja, wärst Du doch unten geblieben."
* Eine ergiebige Jagd. Aus Wien berichtet das ,Wiener Tagebl.': Die erste Jagd im Groß-Wiener Gemeindegebiete hat vor Kurzem auf der Simmeringer Haide stattgefunden. Wohl an 200 Schützen nahmen an der Gemeindejagd theil. Das Jagd- ergebniß war: -
Abgegebene Schüsse...... 2000
Geschossene Hasen....... 20
Todle Hunde ........ 2
Ein schwerverwundeter Jagdleiter.
Angeschoffene Treiber ...... 2
Waidmannsheill
Literarisches.
§ Die wahre Andacht zur fei. Jungfrau Maria von fei. L M Griguon von Montfort, bearbeitet vom Karmelitenpater Jos Maria v. hlst. Sakrament. 2. Aufl., 250 S., 8° mit Stahl- stich. Preis M. 2.50. Freiburg (Schweiz) Universitäts-Buchhandlung. Mit besonderer Genugthuung kündigen wir die zweite Auflage obigen Buches an; es ist erfreulich, daß in unferer materiellen Zeit doch noch solche aseetische Erscheinungen Käufer und Verbreitung finden. Wir empfehlen das Werk nicht nur der Hochw. Seelforgsgeistlichkeit (für Maricnprcdigten ist das Buch eine Schatzgrube von neuen Thematen), sondern allen frommen Seelen als vorzügliche geistliche Lesung, um so mehr, als das Buch wirklich etwas neues ist, neue Ideen bringt und für die der katholischen Christenheit so theuren Andacht zur sei. Jungfrau neue. Wege weist. — Unbekannt war die Art und Weise der Verehrung Mariens vom sel. Griguon allerdings nicht in früheren Jahrhunderten; Selige und Geistcslehrcr haben sie vor dem fei. Grignon geübt und empfohlen, er hat sie nur tn ein System gebracht, das, wie die wunderbaren Erfolge seiner M ssioneu zeigen, von großem prakt scken Werth ist. „Ein asce- tisch hochwichtiges Werk" wird die erste Auflage des Buches von P. Lehmkuhl in den ,Laacher Stimmen' genannt, wobei er am Sckluß bemerkt: Daß die getreue llebung dieser Andacht ein wirksames Mittel fei, nicht nur feine Seele zu retten sondern auch zu großer Vollkommenheit zu gelangen, ist so selbst- verständlich, daß es ein bedächtiger Leser nicht in Zweifel ziehen kann. Alfo nimm und lies!
§ Anläßlich der protcstantifcherseits stattfindenden Gedenkfeier Gustav Adolphs erachten wir es für nützlich, unsere katholischen Leser auf das bedeutsame Werk des Konvertiten und großen Historikers Onno Klopp: „Der 30jährige Krieg bis znm Tode Gustav Adolphs" (Paderborn, Schöningh) aufmerksam zu machen. Dem Verfasser war es gelungen, durch frucht-