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21. Jahrgang

Dolores.

Roman von Th. S- (25. Fortsetzung.)

„Ich erkenne Deine Tüchtigkeit, aber jetzt wird ausgeruht."

Ihr Helles Jauchzen begrüßte das hellere Bild, welches sich ihnen bot. Hier oben in der herrlichen Gotteswelt drückte die Last der schmerzlichen Er­fahrungen weniger, obschon Marcial seiner Gattm die Einzelheiten der letzten Vorfälle jetzt mittheilte.

„Glück auf! Gott verläßt die Seinen nicht!" sagte Dolores. .

Vergnügt traten Beide den Heimweg an. Gonfato erwartete sie zu Hause; herzlich empfingen sie den alten Freund, der zufrieden in ihre lebhaften Gesichter blickte.

„Ich komme, Don Marcial, mir einen Rath von Ihnen zn erbitten."

„Von mir?" Es lag fast Hohn in seiner Stimme. „Sie müssen ja wissen, wie viel derselbe werth ist: Es ist der Rath eines Thoren. Hätte ich den Ihrigen befolgt, so ginge es mir wohl."

„Die besten Menschen sind am leichtesten zu täuschen, Don Marcial. Wir wollen hoffen, daß wir später in einer anderen Stelle fleißig zusammen schaffen. Sie werden mich rufen, wenn Sie einen Obersteiger nöthig

mit lluterljaltungs-ticilngr „Sterne und glumfit“

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Kaiser mit Gefolge begann unter der Führung Bot- ticher's einen Rundgang durch das Gebäude. Bot- chafter wie Gesandte hallen von einer der hoch über ,en Säulen unter der Kuppel errichteten Tribüne aus dem Akte beigewohnt.

Die Schlnßsteinlegung im neuen Reichstagsgebäude.

Berlin, 5. Dezember 1894.

Zur Feier der Einlegung des Schlußsteins im Reichstagsgebäude versammelten sich, wie bereits kurz nntgetheilt wurde, von 12 Uhr ab im Kuppelbau der Wandelhalle die Mitglieder des Reichstages, des Bundes­raths, die Minister, auch die inaktive Generalität, dre hohen Reichs- und Staatsbeamten. Der Raum bot in etwas vergrößertem Maßstabe etwa dasselbe Bild, wie es bei den Eröffnungen der Session im Werßen Saale des Schlosses bekannt ist. Dem Eingang gegen­über war eine roth bedeckte Estrade von 2 Stufen er­richtet, über den sich ein purpurner Baldachin aus- breitete; rothe Sesfel standen für den Kaiser und seine Begleitung. Rechts und links von diesem Thron stellten sich die Generalität, die Minister und die von den Abgeordneten die Uniform trugen, auf. Erschienen war auch der alte Reichstagspräsident Simson, die früheren Minister Friedberg, Lucius, Eulenburg, Schelling. Es herrschte ein buntes Gewimmel silber­und goldgestickter Militär- und Civil-Uniformen; da­von stach die nicht gerade große Zahl der Abgeord­neten in dunklen Gesellschastsanzügen ab, die die andere Hälfte der Rundung rechts und links von dem Eingänge einnahm. Es waren sämmtliche Parteien mit Ausnahme der Sozialdemokraten vertreten. Um 1 Uhr verkündete ein brausendes Hnrrahrusen von draußen den Kaiser und die Kaiserin, die, von einer Schwadron Gardekürassire eskortirt, vorfuhren. Als der Kaiser, die Kaiserin führend, mit der Prinzessin Leopold, zwei Prinzessinnen von Hohenzollern, den beiden Söhnen des Prinzen Albrecht und dem Prinzen Alexander die Halle betrat, ertönten von oben herab Trompetenfanfaren. Die Herrschaften bestiegen die Thronstufen, nahmen aber nicht Platz. Die Damen trugen fämmtlich noch Trauer. Der Kaiser trug die Uniform der Garde-Kürassire und den Adlerhelm tn der Hand. Sofort trat der Reichskanzler Fürst Hohenlohe vor und verlas mit heller, durch­dringender Stimme die Urkunde:

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden, deutscher Kaiser, König von Preußen, thun kund und fügen zu wissen, daß wir beschlossen haben, im Namen der Fürsten und freien Städte des Reiches und in Gemeinschast mit den verfassungsmäßigen Vertretern des deutschen Volkes den Schlußstein zu dem Hause zu legen, m welchem die gesetzgebenden Körperschaften fortan ihrer Arbeit walten sollen. Der erhabene Gründer des Reiches, Kaiser Wil­helm I., welcher am 9. Juni 1884 den Grundstein zu diesem Bau legte, hat die Vollendung des Werkes nicht mehr schauen dürfen, und auch sein ruhmgekrönter Sohn, Kaiser Friedrich, ist nach Gottes Rathschluß vor uns abgerusen. Wie wir das Ge- dächtniß dieser unserer Vorfahren in der Kaiserwürde dankerfüllten Herzens segnen, so wird, dessen sind wir gswiß, ihr Andenken für alle geilen im deutschen Volke fortleben. Zehn Jahre mühe­voller Arbeit sind über die Errichtung des Baues dahingegangen. Zur Ebre des geeinten Vaterlandes erhebt er sich, fest gefugt durch deutsche Hände, ein Zeugniß deutschen Fleißes und deutscher Kraft. So soll er nunmehr seiner Bestimmung übergeben werden. In seinen Räumen walte der Geist der Gottesfurcht, der Vater­

landsliebe, der Eintracht. Dieser Geist erfülle die Männer, welche berufen find, hier des Reiches Wohlfahrt zu fördern. Es bleibe der Bau ein Denkmal der großen Zeit, in welcher als Preis des schwer errungenen Sieges das Reich zu neuer Herr­lichkeit entstanden ist, eine Mahnung den künftigen Geschlechtern zu unverbrüchlicher Treue in der Pflege dessen, was die Väter mit ihrem Blute erkämpft haben. Das walte Gott. — Gegen­wärtige Urkunde haben wir in zwei Ausfertigungen nut unserer allerhöchsteigenhändigen Unterschrift vollzogen und mit unserem größeren kaiserlichen Jnsiegel versehen lassen. Wrr befehlen, von diefen Ausfertigungen die eine in den Schlußstein des Hauses riiederzulegen, die andere in unserem Archiv auszubewahren. Ge­geben in unserer Haupt- und Residenzstadt Berlin am 5. Dezember des Jahres Eintausend achthundert und vier und neunzig, gez. Wilhelm, gegengez. Fürst zu Hohenlohe.

Der bayrische Gesandte, Graf Lerchenfeld, überreichte dem Kaiser mit folgender, ziemlich leise gesprochenen Anrede die Kelle:

Am 9. Tage des Juni 1884 hat Euerer Kaiser! Majestät erhabener Ojroßvater und der Reichsbegründer auch den Grund­stein zu diesemHause gelegt, in dessen Räumen die Vertreter der Bundesregierungen und die Vertreter des deutschen Volkes künf­tig tagen werden. Unter Allerhöchst Seinem Schutze und Aller­höchst Seiner Fürsorge, unter dem Schutze und der Fürsorge Seiner Majestät des Kaisers Friedrich und Euerer Kaisers. Majestät haben kunstfertige Hände aus allen Theileu des Reiches den Bau gefügt, der ein Wahrzeichen fein soll von des Deutschen Reiches Einheit. Heute steht der Bau vollendet bis auf den letzten Stein, den Euere Kaisers. Majestät mit eigener Hand befestigen wollen als Besiegelung des ganzen Werkes. Möge Weisheit und Maß, Krast und Einigkeit in diesen Räumen wohnen. Mit diesem Wunsche bitte ich Euere Kaiser!. Majestät, Namens des Bundes- rathes aus meinen Händen die Kelle eutgegenzunehmen.

Daraus sprach der Reichstags-Präsident v. L ev etz o w bei der Ueberreichung des Hammers an den Kaiser:

Mit demselben Hammer, welchen unserem Kaiser Wilhelm I. hochgesegneten Andenkens vor länger als 10 Jahren zur Grund- teinlegüng Namens des Reichstages ich darbringen durfte, wollen Euere Kaiferl. und Königl. Majestät heute einen großartigen Bau abfchließen, den unter Allerhöchster Obhut, unter lebendiger Theil- nahme des ganzen Vaterlandes viele Hunderte deutscher Künstler und Handwerker mit Liebe und Fleiß ersonnen und ausgesührt haben. Seine Grundmauern find fest, feine Hallen weit, feine Zinnen hoch, und fest in Treue, weit in Voraussicht, hoch in Gedanken, sei immer das, was je und je in diesem Hause möge beiatheu und beschlossen werden! Einer großen Zeit, die das uns brachte, was die Geschlechter erträumt und ersehnt haben, entstammen Plan und Mittel, und nur auf gute, gesegnete fried­liche Zeiten, auf ein starkes Reich, ein kraftvoll und gerechtes Regiment, ein treues, freies, wehrhaftes, zufriedenes Volk, ver­treten durch patriotifche, weife und maßvolle Männer, blicke tn Jahrhunderten des Reiches neues Rathhaus, ein rechtes Sinn­bild deutscher Einigkeit! Das walte Gott in Gnaden! Dtes Werkzeug vom Reichstag ehrfurchtsvoll überreicht, geruhen Euere Kaiser!, und König!. Majestät huldvoll entgegen zu nehmen, um damit zur Weihe des Baues den letzten Hammerschlag zu führen.

Der Kaiser schlug mit dem Hammer dreimal dröh­nend auf den Stein und rief laut: „Pro gloria et patria.“ Dann folgte die Kaiserin und in schnell sich abwickeln­der Defilirkur wurden nun die Hammerschläge von den Prinzen, den Prinzessinnen, dem General-Feldmar­schall Blumenthal, dem Reichskanzler, den Generälen und dem Bundesrath vollzogen unter den Klängen eines Chorales. Der ganze Akt dauerte kaum eine halbe Stunde. Nach deni letzten Hammerschlage brachte v. Levetzow ein Hoch auf den Kaiser aus. Mit diesem Rufe und der Nationalhymne schloß die Feier. Der haben, und ich werde dem Rufe folgen, obschon ich ein alter Mann bin."

Der Winter war da mit Schnee und Frost, und eine trübe Stimmung war bei Marcial eingekehrt. Einsam saß er in seinem Bureau und starrte auf die abschlägigen Antworten, die auf feine Gesuche kamen. Arbeit war fein Lebenselement, und nun zum Nichts­thun verurtheilt zu sein! Er schrieb literarische Ab­handlungen, betrachtete sie aber als überflüssiges Zeit- todtschlagen. Früher hatte er die Gesellschaft gesucht, jetzt mied er sie, und die Freunde wurden mit jedem Tage rarer. Er wurde muthlos und kam sich vor, wie von Gott und den Menschen verlassen. Die Fliege an der Wand ärgerte ihn, und unter dieser gereizten Stimmung litt seine ganze Umgebung, am meisten Dolores. Marcial wollte nicht, daß sie arbeite wie die Dienstmädchen; er durfte nicht sehen, wie sie erhitzt vom Plätten und Kochen war. Er empfand das alles als einen Vorwurf für sich selbst, auch wenn sie traurig und einsilbig umherging. Um ihn aufzurichten, mußte sie heiter erscheinen und die Thränen zurückdrängen, die so verrätherisch aus dem schweren Herzen sich in die Augen stehlen wollten. „Umsonst ist all' mein Ringen!" stöhnte Marcial. „Wieder eine schöne Hoff­nung dahin!"

Dolores stand hinter ihm. „Nichts ist umsonst, [ was wir thun und leiden," sagte sie zuversichtlich.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Dezember.

* Die Ansprache des Kaisers bei der Marine- Rekruten - Vereidigung, welche am Montag in Kiel stattfand, hatte folgenden Wortlaut:

Der Eid ist heftig und heilig ist die Statte, da ihr ihn schwört. Das zeigt dcrAttar und das Kruzifix; 's bedeutet daß wir Deutschen Christen sind, daß wir allezeit erst Gott die Ehre geben bei jedem Geschäfte, das mir treiben zumal bei dem höch­sten, bei der Ausbildung zumSchutze des Vaterlandes. Ihr tragt des Kaisers Rock, ihr seid dadurch den anderen Mevfcktu vor- gezogen und gleichgestellt den Kameraden der Armee und Marnie; ihr nehmt eine besondere Stelle ein und nehmt Pflichten auf Euch. Bon Manchem werdet Ihr um den Rock, den Ihr tragt, beneidet, haltet ihn in Ehren und beschmutzt ihn nicht, und das könnt Ihr am besten, wenn Ihr an Euren Eid denkt, ^hr zu­mal Ihr Seeleute, die Ihr so ost die Gelegenheit habt, dre Allmacht Gottes bei den verschiedensten Gelegenheiten auf dem Wasfer kennen zu lernen. Worin liegt des Geheimmß, daß wer ost in geringerer Anzahl dem Gegner überlegen find? In der Disziplin. Was ist die Disziplin? Das eii hettliche Zusammen- wirken, der einheitliche Gehorsam. Daß uuseie alten Boisahren schon darauf hielten, beweist das eine Beispiel: Wie sie ernst gegen die Römer in den Siri, g zogen, fliegen fte über dre Berge und 'allen sich.plötzlich den gewaltigen Heeresmasfen gegenüber. Ta wußten sie, was für ein fchwerer Augenblick ihnen bevoistai.d. Sie gabeuGott dieEhre, indem sie zuerst beteten und dann mit Ketten zusammengeschlossen Mann an Mann steh au, den Femd warfen und ihn besiegten! Nun, die wnklrchen Ketten brauchen wir nicht mehr; wir haben eine kräftige Religion und den Eid. Bleibt dem treu und denkt daran, möget Ihr im xsnlar.be oder Auslande ft in! Haltet Euere Fahne hoch, die hier schwarz-werß- rolh vor Euch steht und denkt an Eueren Eid, denkt an Eueren 1"

* Die heutige Sitzung des Reichstages wird durch Levetzow mit einer Ansprache eröffnet. Er preist das neue Haus als ein Monument des Reiches und feiert den genialen Baumeister und dessen Gehilfen, und schließt mit einem Hoch auf den Kaiser. Als dabei die anwesenden 6 Sozialdemokraten sitzen bleiben, entsteht ein großer Lärm. Rufe: Pfui! Hinaus! Frech! Unerhört! Nur allmählich beruhigt sich das Haus, v. Levetzow, v. Buol und Bürlin werden durch Akklamation zu Präsidenten gewählt. Sie nehmen dankend an. Die Wahl der Schrift­führer erfolgt durch Zettel. Singer schlägt den Sozialdemokraten Fischer vor. Nach Beendigung des Wahlaktes wird die Feststellung des Resultates dem Bureau des Hauses überlassen und die Sitzung niimnt ihren Fortgang. Der Präsident spricht sein Be­dauern aus über die Haltung der Sozialdemokraten bei dem Hoch auf den Kaiser, da sie die Gefühle des Hauses beleidige und der Sitte deutscher Männer nicht entspreche. Er bedauere, daß er kein Mittel habe, em derartiges Verfahren gebührend zn rügen. (Lebhaftes Bravo). Singer protestirt: Die Sozialdemokraten

Was hast Du von Deinem Beten?" sagte Mar­cial "halb spöttisch, halb ungednldig wie früher.

„Ja", erwiderte sie ernst, „die Erhörung bleibt doppelte Zeit aus, da Du mir nicht mehr helfen willst darum bitten; und bis Du das nicht lernst und nur durch Dich selbst eine Aenderung des Geschicks er­wartest, werden wir keine Hilfe in der Roth finden. Sieh' Marcial, jetzt begleitest Du mich nicht mehr in die Kirche, und hast doch so viele Zeit."

„Mit religiösen Geschichten laß mich m Ruhe; ich kann nicht beten und habe die Kirche dazu nicht nöthig."

Sein Grollen gegen den Himmel und die Welt klang durch feine' Worte. Dolores schwieg betrübt. Daß Marcial sich vom Gottesdienste fernhielt, machte ihr Kummer. Er sah wohl, wie weh er ihr that.

Wäre ich treuer und fester im Glauben, ich wurde weniger leiden; aber habe Geduld, bat er herzlicher.

Ich habe eine Neuigkeit!" mit diesen Worten trat der "Diener ein. „Pedro, der Krüppel, ist von der Klippe gefallen und liegt halbtodt dort."

Warum bringt mau ihn nicht tn ferne Wohnung?

®r flucht und will nicht dorthin, da muffe er allein sterben und verderben. Es will ihn auch Niemand anfassen, denn der hat sich dem Teufel oftmals ver- fchriebeu."

Dolores fchaute bittend ihren Mann an.

Marcial hatte sich erhoben und — sie verstand

Samstag^en 8. Dezember 1894.

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