21. Jahrgang
Freitag, den 7. Dezember 1894.
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mit Unterhaltungs-Krilage „Sterne und Älumeu".
werden.
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Überweisungen vom Reich empfingen, ist das Reich gegenwärtig qenölhiqt, zur Deckung seiner eigenen Bedürfnisse erheblich" Zuschüsse von den Einzelstaaten zu fordern. Diesem druckenden Uebelstande vermögen die Mehreinnahmen aus den Reichs- Stempelsteuern nur zum Theil abzuhelfen. Es ist deshalb die Erschließung weiterer Steuerquellen unerläßlich. Demgemäß wird Ihnen von neuem ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, welcher die anderweite Besteuerung des Tabaks in Aussicht nimmt. Nicht minder halten die verbündeten Regierungen fest an der Forderung einer organischen Auseinandersetzung des Reichs und der Emzel- staaten, um die Finanzwirthschaft des Reichs selbstständig zu machen und die Einzelstaaten wenigstens für längere Zett vor schwankenden und steigenden Anforderungen zu fchutzen. Behufs baldiger Durchführung jener durch die föderative Gestaltung Deutschlands gebotenen und zur Aufrechterhaltung finanzieller Ordnung unerläßlichen Reform haben sich die verbündeten Regierungen indessen entschlossen, auf die im Vorjahre zu Gunsten der Einzelstaaten geforderten Mehrüberweisungen zu verzichten, ^ch gebe Mich der sicheren Erwartung hin, daß nunmehr aus dieser neu gewonnenen Grundlage eine volle Einigung mit ^zhnen er- ä'elt In den letzten Jahren hat zu Meiner lebhaften Befriedigung die Zuversicht in die Erhaltung des europäischen Friedens neue Kräftigung erfahren. Getreu dem Geiste unserer Bündnisse, pflegen wir mit allen Mächten gute und freundliche Beziehungen.
Zwei uns benachbarte Reiche sind im Laufe der letzten Monate von erschütternden Ereignissen heimgesucht worden. Deutschland hat sich ausrichtig der allseitigen Theilnahme an- qeschlossen, welche von neuem Zeugniß ablegt von einer Solidarität menschlicher Gefühle und friedlicher Wunsche. In dem Heimgegangenen Kaiser Alexander III. von Rußlar d betrauere Ich einen Freund und bewährten Mitarbeiter an den Werken des Friedens. „ , , .
Geehrte Herren! Indem Ich Sie nunmehr ersuche, in ^hre Arbeiten einzulreten, gebe Ich der Hoffnung Ausdruck, daß diefe zum Heil des Vaterlandes gereichen werden. Sie mögen Zeugmtz ablegen dasür, daß von der Einmüthigke t, mit welcher die deutschen Stämme vor nun bald fünfundzwanzig Jahren für die Gründung des Reichs eintraten, ihre Vertreter auch bei dem weiteren Ausbau unserer vaterländischen Einrichtungen geleitet
Dolores.
Roman von Th. K.
(24. Fortsetzung.)
13. Kapitel.
Zählt man die Zeit im Jahre, Drin freudvoll war ein Herz, Sind's wen'ge Stunden nur. Die anderen trugen Schmerz!
Zählt man die Zeit im Jahre, Drin blau der Himmel blieb, Sind's wen'ge Tage nur. Die anderen waren trüb'.
D'rum, da der Himmel selbst So oft in Thränen steht, Klag' nimmer, Menschenherz, Daß Dir's nicht besser geht.
Kerner.
Selten bringt der Morgen die Fortsetzung des vorhergehenden Abends. Ost weicht mit dem Dunkel der Druck, der unsere Gefühle gefangen hielt; oft kommt das grelle Tageslicht und der Verstand grübelt kalt und fcharf, analysirt und anatomirt, daß von dem schönen Traume, vom warmen Gefühle des gestrigen Abends nichts bleibt, als ein ironischer Zweifel.
Dolores erwachte. Mit besonderer Sorgfalt machte sie ihre Morgen - Toilette und zog die Löckchen noch koketter unter dem zierlichen Morgenhäubchen in die
Ter Reichstag
ist heute Mittag 12 Uhr nach voraufgegangenem Gottesdienst in der St. Hedwigskirche und im interimistischen Dom im Rittersaale des Königl. Schlosses durch den Kaiser mit folgender
Thronrede
eröffnet worden:
Geehrte Herren! . .
Im Namen Meiner hohen Verbündeten heiße Ich Sie beim Beginn Ihrer verfassungsmäßigen Thätigkeit willkommen.
Sie werden Ihre Arbeit in die neue Stätte verlegen, welche durch zehnjähriges ernstes Schaffen als ein Denkmal vaterländischen Fleißes ihrer Vollendung entgegengeführt rst.
Möge Gottes Segen auf dem Haufe ruhen, möge die Größe und Wohlfahrt des Reiches das Ziel sein, welches alle zur Arbeit in seinen Räumen Berufenen in selbstverleugnender Treue anstreben! , , .
Diesen Wunsch empfinde Ich besonders lebhaft tm Hinblick auf die wirthschaftlichen und sozialpolitischen Aufgaben, welche unter Ihrer Mitwirkung zur Lösung zu bringen sein werden.
Getreu den Ueberlieferungen derVorsahren betrachten Meme hohen Verbündeten und Ich es als die vornehmste Aufgabe des Staates, die schwächeren Klassen der Gesellschaft zu fchutzen und ihnen zu einer höheren wirthschaftlichen und sittlichen Entwickelung zu verhelfen. Die Pflicht, dieses Ziel mit allen Kräften anzustreben, wird um so zwingender, je ernster und schwieriger der Kamps um das Dasein für einzelne Gruppen der Natron sich gestaltet hat. Von der Ueberzeugung getragen, daß es der Staatsgewalt obliegt, gegenüber den streitenden Interessen der verschiedenen Elemente das Gesammt-Jnteresse des Gemeinwesens und die Grundsätze der ausgleichenden Gerechtigkeit zur Geltung zu bringen, werden die verbündeten Regierungen fortfahren m dem Bestreben, durch Milderung der wirthschaftlichen und sozialen Gegensätze das Gefühl der Zufriedenheit und der Zusammengehörigkeit im Volke zu erhalten und zu fördern.
Soll aber dieses Bestreben, bei welchem Ich Ihre rückhaltlose Unterstützung erhoffe, in seinem Erfolge gesichert werden, so erscheint es geboten, dem verderblichen Gebühren Derjenigen wirksamer als bisher entgegenzutreteu, welche die Staatsgewalt in der Erfüllung ihrer Pflicht zu stören verfuchen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die bestehende Gesetzgebung nicht die erforderlichen Handhaben hierzu bietet. Die verbündeten Regierungen erachten deshalb eine Ergänzung unseres gemeimn Rechtes für geboten. Es wird Ihnen unverzüglich ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, welcher vornehmlich durch Erweiterung der geltenden Strafvorfchriften den Schutz der Staatsordnung verstärken will. Ich hege die Zuversicht, daß Sie für diese ernste Aufgabe Ihre thatkräftige Mitwirkung gewähren werden.
Die seit Einsührung der Reichs-Justizgesetze gesammelten Erfahrungen haben Mängel der Strafprozeßordnung und der mit ihr im Zusammenhang siebenden Thcile des Gerichtsverfassungsgesetzes ergeben. Behufs ihrer Beseitigung wird ^zhnen ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, in dessen Rahmen zugleich die Entschädigung unschuldig Vcrurtheilter ihre Regelung finden soll.
Die Untersuchung der Börsenverhältniffe durch die dazu eingesetzte Kommission hat gezeigt, daß die bestehenden Einrichtungen nicht ausreichen, um die Gefahren abzuwenden, denen der Volkswohlstand durch mißbräuchliche Benutzung der börsenmaßigen Formen des Handelsverkehrs ausgesetzt ist. Em Gesetzenlwurf, der den auf diesem Gebiete hervorgetretenen Schäden abzuhelfen bestimmt ist, wird vorbereitet und Ihnen, wie Ich hoffe, noch in dieser Tagung vorgelegt werden können.
Dasselbe gilt von einem Gesetzesvorschlag, der dem Handelsund Gewerbestand gegen den Wettbewerb, welcher unlautere Mittel nicht verschmäht, Schutz gewähren und damit auf die Festigung des Vertrauens in Handel und Wandel hinwiAen foll.
Das finanzielle Verhältniß der Einzelstaalen zum Reich hat sich in einem für die ersteren bedenklichen Umfange verschoben. Während die Einzelstaaten ein Jahrzehnt lang bedeutende Mehr
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Dezember.
* Beim Rundgang durch den Reichstag sprach sich der Kaiser sehr anerkennend über das Gebäude aus und ernannte Wallot zum Geheimen Bauratst
* Bei der letzten im alten Reichstagsgebaude ab- aehaltenen Sitzung des Reichstages sind anwesend am Bundesrathstische: Fürst Hohenlohe, Boetticher, Miquel, Thielen, Berlepsch. Der srühere Präsident v. Levetzow eröffnet die Sitzung und ernennt provisorische Schriftführer, die geschäftliche Mittheilungen machen. Eingegangen sind der Etat und Rechnungsvorlagen. Es folgt der Namensaufruf. Anwesend sind 333 Mitglieder, das Haus ist also beschlußfähig. Morgen
Nur kurze Zeit gebrauchte er, seine Bücher und Schriften zu ordnen und sein Entlassungs-Gesuch formell einzureichen. Unwillkürlich griff er nach seinem Kopfe, ob es noch richtig darin sei und wieder suchten seine Blicke die glänzenden Anerkennungs - Schreiben, die er vor sieb liegen hatte. „Blauer Dunst!" murmelte er. Verächtlich schloß er die Schriftstücke wieder ein; eines Tages konnte er dieselben vielleicht nothig haben. , „
Mich drückt die Nothwendigkeit, meine Stellung niederzuleqen ; Niemand soll es merken, wie schwer nur dies wird. Es hat ja Keiner mein Interesse und meine Opfer für dieses Schmerzenskind gekannt."
Er schellte und befahl dem eintretenden Diener, das Briefpacket zu Don Juan zu tragen nnd auf Antwort $U Mancherlei Pläne für die Zukunft durchkreuzten seinen Kopf. Erhoffte, bald eine andere Stelle zu bekommen, waren ihm doch so viele angeboten, als er dieses Engagement annahm. Vorläufig wollte er in seinem Hause nichts ändern, obschon er wußte, darein Theil des Dienstpersonals zu entbehren war. «em Stolz lehnte sich auf gegen die Einschränkung; zudem reichte sein Vermögen noch für einige Jahre aus und bis dahin mußte sich etwas Anderes gefunden haben.
Anders dachte Dolores. Auch sie plante mit bem Kleinen im Arme, dessen Geplauder sie mit zärtlichen
verständige Sparsamkeit walten läßt. Von allen Regierungsvorlagen find bis jetzt nur die den Etat pro 1895/96 und die Abrechnung für frühere Jahrgänge betreffenden an den Reichstag gelangt nnd sollen morgen vertheilt werden. Es zeigt sich dadurch, wie wenig man bis jetzt mit den Vorarbeiten fertig ist, und daß die Einberufung ebenfo gut Zeit bis zum Januar f. I- gehabt hätte. * *
Die Schlußsteinlegung* für das neue Reichstags- Gebäude vollzog sich von 1 Uhr ab programmgemäß in dem Kuppelraum der großen Wandelhalle. _ In diesem Raume fanden außer dem Kaiser, der Kaiserin und den übrigen fürstlichen Personen nur noch die zur Vollziehung der Hammerschläge geladenen Personen (Fürst Bismarck fehlte natürlich', die Bundesraths- Mitqlieder und die Abgeordneten Platz, letztere gegenüber dem Kaiser. Alle übrigen geladenen Personen stellten sich seitwärts in den Wanvelhallen auf. Aus den Tribünen waren Zuschauer in beschränkter Zahl, darunter einige ausländische Diplomaten, sowie einige Vertreter der Presse (es scheint hierin in zwölfter Stunde noch Manches nachgeholt worden zu sein) zugelassen. Nach Eintreffen des Kaiserpaares verlas der Reichskanzler eine lange Urkunde, die darauf nebst einigen anderen Gegenständen in den Schlußstein versenkt wurde. Der bayerische Bevollmächtigte Graf Lerchenfeld überreichte dem Kaiser unter einer Ansprache die Kelle mit dem Mörtel, der Kaiser warf diesen in die Vertiefung für den Schlußstein, der dann von den Meistern des Maurer- und Steinmetzgewerkes versetzt wurde. Der Reichstags-Präsident v. Levetzow übergab sodann dem Kaiser den Hammer mit einer Ansprache, der Kaiser vollzog die 3 Hammerschläge mit dem Spruche: „Pro gloria et patria.“ Darauf folgten programmgemäß die übrigen Hammerschläge, während ein Bläserchor einen Choral spielte. Mit einem Hoch des Präsidenten v. Levetzow auf den Kaiser und unter den Klängen der „Nationalhymne" schloß die Feier. — Das neue Reichstags-Gebäude war natürlich von Neugierigen umlagert.
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Mehr noch als der Wortlaut der Thronrede zeigte die Betonung des betreffenden Passus, daß man an maßgebender Stelle nunmehr geneigt scheint, den Schwerpunkt auf soziale Reformen und nicht auf Unterdrückungsmaßregeln zu legen. Entspricht die Vorlage, welche dem Reichstage bis heute noch nicht zugegan- qen ist diesem Gedanken, so wird sich darüber wohl eine Verständigung erzielen lassen. Bestimmt in Aussicht gestellt wurden die Gesetze über die Reform des Börsenwesens und die Abänderung der Justizgefetze (Einführung der Berufung in Strafsachen und Entschädigung der unschuldig V e r u r t h e i lt e n). Die betreffenden Stellen der Rede wurden mit lebhaftem Beifall begrüßt, die Wiederankündigung der Tabakfabrikatsteuer dagegen fand auf keiner Seite Sympathieen. Immerhin verzichtet das Programm der verbündeten Regierungen nunmehr ausdrücklich auf alle Steuern, welche den 40 Millionen- Uoberschuß für die Einzelstaalen geben follten (Quittung, Frachtbrief, Weinsteuer) und verlangt nur die Herstellung des Gleichgewichts im Reichshaushalt. Dieses wird sich indessen auch ohne jede neue Steuer erzielen lassen, wenn der Reichstag fest bleibt und eine Stirn Sie ordnete den Frühstückstisch ganz so, wie ihr Mann ihn besonders liebte, mit dem frischen Backwerk und der Sahne, und wartete jetzt auf sein Erscheinen. Sie dachte, er würde das Thema von gestern wieder aufnehmen. Sie wollte ihm so Vieles sagen, ihn auf muntern, und freute sich auf seine Zustimmung. Punkt 8 Uhr trat Marcial in's Zimmer, aber nicht wie sie gehofft hatte. Seine Augen weilten weder auf seiner niedlichen Frau, noch schenkte er einen Blick dem einladenden Kaffeetisch. Flüchtig grüßte er und zerstreut nahm er die Tasse, um sie rasch auszutrinken. Freundlich schob ihm Dolores Cigarren hin, bot ihm Feuer, er vergaß zu danken und hüllte sich in eine Rauchwolke. Nach einer Weile stand er hastig auf und wäre, ohne nur ein Wort an seine Fran zu richten, hinausgegangen, hätte ihn nicht ihr bittender Blick für einige Minuten festgehalten.
Sei nicht böse, Dolores, daß ich heute so wortkarg" bin." Er streichelte sanft die rosigen Wangen.
Ich kann die Hilfe noch nicht gebrauchen, die ich in Deinen Mienen lese; ich muß allein sein, um mir meine Sage erst klar zu machen, was die ganze Nacht mir nicht geglückt ist. Ich habe kein so gutes Gewissen, wie mein Frauchen, deren Glück ich so leichtsinnig auf das Spiel gefetzt. Nicht durch eine bewußte böse Thal, aber durch meine Vertrauensseligkeit habe ich mir meinen Sturz zugezogen."