Donnerstag, den 6. Dezember 1894. 21. Jahrgang
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mit Unterhaltungs-HeUage „Sterne und Klumeu".___________________
K> Die Reichstagseröffnung vollzieht sich in diesem Jahre in feierlicheren Formen als sonst, weil sie mit der Einweihung des neuen Reichstagsgebäudes zusammenfällt. Trotzdem läßt sich kaum behaupten, daß in diesen Formen die Würde der Feier voll zum Ausdruck käme, denn die Abgeordneten selbst, für deren Verhandlungen doch das neue Haus bestimmt ist, spielen bei der Feier doch nur eine recht nebensächliche Rolle. Die Presse ist ausgeschlossen, ebenso bis auf wenige Auserwählte auch das Publikum. Das Ganze stellt sich vielmehr dar als ein Akt der Regierung, der sich möglichst unter Ausschluß der Oeffentlichkeit vollzieht. Das Volk kommt daber m jeder Hinsicht zu kurz, denn die Ausschließung der Presse und die nebensächliche Behandlung der Volksvertreter gehören auch in dieses Kapitel. Und leer ist die Jnschriftentafel über dem Hauptportal geblieben, die besagen sollte, daß das neue Haus „dem deutschen Volke" gehört, daß es ein Volkshaus ist.
Das sind keine guten Vorbedeutungen. Ob bewußte Absicht bei diesen Dingen vorwaltet oder nicht: sie kennzeichnen jedenfalls die Anschauungen, welche heute in den „leitenden" Kreisen weithin bestehen, und das Volk merkt sie wohl — und wird verstimmt. Die Berliner gehen kalt und theilnahmlos an dem stolzen Reichstagshause vorüber; wohin man hört und sieht — keine Spur von Begeisterung! Ist das Htzps schuld daran? Manchem gefällt es ja freilich nicht, aber die Meisten zollen ihm doch ihre volle Anerkennung. Rem, die Verstimmung hat tiefere Gründe. Es fehlt eben überall das Vertrauen in die Stetigkeit der politischen Entwicklung. Der Wind springt zu oft um, das poli- tische Wetter erscheint launisch, und Launenhaftigkeit ist zugleich ein Zeichen von Eigensinn und von Schwäche. So hat man den Eindruck, daß rein persönliche Neigungen und Abneigungen die Politik der „Regierung" beherrschen und leiten, und daß die Gleichberechtigung des Volkswillens immer mehr zurücktritt. In einem Verfassungsstaate aber ist das Volk mündig und kann nicht darauf verzichten, zunächst selbst sür sein Wohl zu sorgen; und dieses — die salus publica —. und nicht der Wille der Regierenden ist ja die suprema lex, das oberste Gesetz.
In einer solchen Zeit erwächst dem Reichstage eine besonders wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe. Er muß zeigen, daß wenigstens für ihn des Volkes Wohl das oberste Gesetz ist. Persönliche Einflüsse dürfen auf ihn keine Wirkung ausüben, er braucht durchaus keine Rücksichten zu nehmen, denn er steht der Regierung an Recht und Bedeutung vollkommen ebenbürtig gegenüber. Wenn der Reichstag sich stets bewußt bleibt, daß er die Vertretung des Volkes ist, und danach handelt, dann braucht er sich durch keine Drohung mit Reichstagsauflösung u. s. w. schrecken zu lassen; und wenn er unbeeinflußt und rem sachlich die Vorlagen der Regierung, mögen sie nun Umsturzvor-
Dolores.
Roman von Th. K.
(23. Fortsetzung.)
Bestürzt schaarten sich die Arbeiter dichter zusammen, um ihren Direktor, den sie trotz seiner Strenge achteten und liebten, zu Vertheidigen. Es drängten sich sogar Einige kühn mit den Worten vor: „Leben für Leben, Don Pablo! Es wird Ihnen in derselben Weise heimgezahlt, also hüten Sie sich!"
„Was wollt Ihr, Leute?" sagte Don Juan. „Wer von Euch nicht nach fünf Minuten auf feinem Posten ist, wird entlassen. Anstatt Don Marcial's ist Don Pablo Euer Chef, ihm habt Ihr zu gehorchen."
Viele der Arbeiter schlichen auf ihren Platz zurück. Die muthigen Sprecher ließen sich nicht einfchüchtern, sie zuckten gleichgiltig die Achseln. „Es schadet nichts", sagten sie so laut, daß die Herren es verstanden, „hier wird es doch bald abwärts gehen. Arbeit gibt es überall; unser Herrgott läßt die Sonne überall scheinen, und im ganzen Lande wächst Brod und Wein. Und sollte es einmal knapp hergehen, ziehen wir die Schärpe enger um den Magen."
„Ich danke Euch, meine Kinder," sagte Marcial zu den Männern, die sich fest hinter seinem Rücken als Schutzmauer postirt hatten. „Geht ruhig wieder an Eure Arbeit und zeigt den Herren, wie pünktlich und
läge oder Tabaksteuer heißen, Prüft und dann findet, daß sie dem Wohle des Volkes Widerstreiten und darum unannehmbar sind, so darf er überzeugt fein, daß das Volk ihm bei Neuwahlen Recht geben wird.
* Dem Senatspräsidenten beim Reichsgericht Dr. Drechsler ist der Charakter als Wirklicher Geheimer Rath mit dem Titel Excellenz verliehen worden.
* Für die Ausweisung der russisch-jüdischen Ge- treidehändler aus den östlichen Provinzen tritt auch die Kreuzztg.' ein. Eine Verletzung des Handelsvertrages liege darin nicht, denn es handele sich nicht um einen vorübergehenden Aufenthalt russischer Geschäftsreisenden in Deutschland, sondern um dauernde Niederlassung von Ausländern, und in Betreff dieser seien beide Staaten nur an ihre eigene Gesetzgebung gebunden. Ist es wahr, daß diese Händler uns mit Getreide überschwemmen, das sie den bei ihnen verschuldeten russischen Produzenten zu einem Spottpreise abgenöthigt haben, so wäre ihre Ausweisung mindestens zehnmal besser begründet, als vor 8 Jahren die Vertreibung von Tausender armer polnischer Arbeiter, die Fürst Bismarck anordnete.
* Die ,Germania' berichtet: Soeben geht uns die Trauerkunde zu, daß Pater Pottgcisser 8. J., der weithin bei der älteren Generation der Katholiken in Deutschland bekannte und hochverehrte Volksmissionar aus dem Jesuitenorden, am 2. Dez. zu Buffalo (Staat New-Iork) im Canisius-Kolleg der Gesellschaft Jesu im Herrn entschlafen ist. Am 10. März 1813 in Koblenz geboren, stand er im 82. Lebensjahre und im 64. Jahre seines Ordenslebens. Mit Pater Pottgeisser scheidet der l e tz t e jener drei berühmtesten Missionsprediger der deutschen Ordensprovmz aus dem Leben, die nach den Stürmen des Jahres 1848 in Preußen, Bayern, Baden usw. die so überaus segensreichen Volksmissionen hielten, von denen wahrhaft eine Erneuerung des katholischen Lebens und eine unverkennbare Besserung der Sitten ausging. Nur dem Pater Roh (geb. in der Schweiz) war es gegeben, wenige Wochen vor der Exilirung durch das Jesuitengesetz in jenem Lande bestattet zu werden, das in 22jähriger apostolischer Wirksamkeit seine zweite Heimath geworden war. Pater Haßlacher war wie Pottgeisser ein Sohn der Stadt Koblenz, in der auch Joseph von Görres, Klemens Brentano und der ebenfalls katholische Schöpfer der Physiologie als Wisfen- schaft Johannes Müller, der Lehrer von Virchow, du Bois-Raymond usw. das Licht der Welt erblickten. Haßlacher aber mußte wegen des Jesuitengesetzes auf fremder Erde sterben, in Paris, als Seelsorger der dortigen katholischen Deutschen, und Pater Pott- geisser, der dritte dieser großen Volksmissionare, ist jetzt in Nordamerika dahingeschieden.
* Der sozial - demokratische Reichstagsabgeordnete Stadthagen wurde heute früh 7 Uhr im Bette liegend von zwei Kriminalbeamten verhaftet und nach Plötzensee gebracht, wo er schon vor 8 Tagen eine viermonatliche Gefängnißstrafe wegen Beleidigung antreten sollte. m .
* Aus Sachsen, 3. Dez. Die sächsische Regierung hat den Landeskulturrath für das Königreich der alte Mann hatte Mühe, gleichen Schritt zu halten, aber die Sorge um Marcial, welcher förmlich rannte, um allein zu sein, trieb ihn vorwärts.
Die imponirende kalte Ruhe, die Geduld, mit der er die Beschuldigung ertragen, sie war dahin, sobald kein fremder Blick ihn traf, dahin wie seine Träume von der glänzenden Zukunft. In dem Maße, wie die Gedanken wirrer und toller im Kopfe jagten, beflügelten sich auch seine Schritte, ohne zu wissen, wohin er wolle und ging. Müde und abgespannt brach er unter einem Baume zusammen. .
„Was kann mir das Leben noch breten? Der stolze Marcial hat seinen Abschied nehmen müssen! Hochmuth kommt vor dem Fall! Wie wird man die Achseln zucken über meine zweifelhafte Ehrlichkeit! All' meine Arbeit, mein Streben ist dahin. Dem Ehrgeiz habe ich selbst die Wünsche und Liebe meines Weibes ost geopfert, O, hätte die Kugel ihr Ziel erreicht, der Tod wäre süß im Verhältniß zu dieser Enttäuschung. Warum weiter leben? Ein kühner Entschluß — und Alles ist überstanden. Vorwärts, Marcial! wirf das Leben von Dir! Ein ehrlicher Mann hat keinen Platz auf der großen Welt." Wer sprach so zu ihm? Er sah verstört um sich und erkannte das Plätzchen, wo er zum ersten Male seine Frau gesehen hatte.
Dolores hatte den ganzen Tag in der größten Auflegung zugebracht. Sie sah das Leid, welches wie
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Dezember.
* Das Centrum wird den Jesuitenantrag sofort im Reichstag einbringen. Außerdem wird das Centrum den Reichstag interpelliren, warum der Bundesrath den Gesetzentwurf betreffend Aufhebung des Jesuitenantrages abgelehnt habe.
* Von der Tabaksteuervorlage berichtet die ,Post noch, daß der Zoll auf ausländischen Tabak darin, wie im vorigen Entwurf, auf 40 Mark für 100 Kilog. angesetzt ist.
* Der Ausschuß des Bundes der Landwirthe hielt heute im Abgeordnetenhause eine Sitzung ab. Der Vorstand wurde beauftragt, weitere Schritte behufs Erlangung einer Audienz bei dem Kaiser einzuleiten. Der Antrag Kanitz wurde gestern in einer Vorbesprechung an eine Kommission verwiesen. Heute wurde zunächst die Stellungnahme des Bundes zu dem Kampfe gegen die Umsturzparteien und für Religion, Sitte und Ordnung erörtert. — Es wäre interesfant, darüber etwas Näheres zu erfahren.
* Auch die ,H. A. Z.' meldet jetzt, daß der „Wunsch" bestehe, mit Beginn des nächsten Etatsjahres die Einbeziehung der Post- und Telegraphenbeamten in das Dienstalterszulagen-Shstcm herbeizuführen. — Dieser rasche Sinneswechsel des Herrn v. Stephan ist einiger- niaßen auffallend; im vorigen Winter blieb er steif und fest dabei, daß die Einführung von Dienstalterszulagen nur ein Nachtheil für seine Beamten sein würde.
* I. Trojan, Chefredakteur des „Kladderadatsch", erkennt in einer Zuschrift an die ,N. A. Z.' an, daß das sogn. Witzblatt sich mit der Behauptung, Frhr. v. Marschall habe sich in dem Prozesse Kleser (,Westd. Allg. Ztg.' in Köln) mit Bezug auf das mel- befprochene Schreiben des Kammergerichtsraths Wichert „inkorrekt ausgedrückt", „geirrt" habe und den Vorwurf mit Bedauern zurücknehme. — Die ,N. A. Z.' hat nämlich am Samstag durch wörtlichen Abdruck jenes Schreibens bewiesen, daß Herr Wichert in der That entgegen der Behauptung des Redakteurs Polstoff — am Schlüsse des Briefes die Ueberzeugung ausgesprochen hat, daß seine Vorstellungen bei dem Kladderadatsch' nicht ohne Wirkung sein würden. Hrn. Trojan blieb nun kaum etwas anderes übrig ,als Abbitte zu leisten, was übrigens auch die Pflicht des Herrn Polstorff wäre. Vielleicht wird dieser Herr nun Seitens des Herrn Trojan als Sündenbock in die Wüste gejagt — was entschieden für den Kladderadatsch' kein Nachtheil wäre.
gehorsam Ihr meinen Befehlen stets nachgekommen seid." . r
Ohne Erwiderung traten die Leute zuruck. Diesen unbewachten Augenblick benutzte Pablo, um abzufeuern, ehe es Jemand verhindern konnte. Nur die kalte Besonnenheit Gonsalo's, der mit ganzer Kraft Marcial zu Boden zog, hatte fein Leben gerettet, lieber ihn her sauste die Kugel ins Weite. Wie gelähmt standen sich die vier Männer gegenüber. Niemand wagte das dumpfe Schweigen zu unterbrechen, fürchtend das Wort auszusprechen, was so nahe lag.
Don Juan suchte zuerst das bange Gefühl abzu- fchütteln, indem er ein Lächeln forcirte.
„Ei, Don Pablo, wie unvorsichtig Sie mit dem gefährlichen Spielzeug umgehen! Geben Sie mir dasselbe! Sie sind aufgeregt, und da könnte aus Scherz Ernst werden."
Der frivole Ton, mit dem er das sagte, verletzte den alten Obersteiger.
„Es hat nichts mehr zu sagen, Don Juan," erwiderte Pablo trocken. „Seien Sie unbesorgt, die erste Hitze ist vorüber . . . ." Er wollte weiter sprechen, wurde aber durch Marcial unterbrochen.
„Was wir zusammen noch zu ordnen haben, kann schriftlich abgemacht werden."
Mit einer stolzen Bewegung drehte er Beiden den Rücken. In einiger Entfernung folgte ihm Gonsalo;